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Ein Nachruf von Elke Schlegel*

7. August 2019/es – Am 25. Juli 2019 erlag Rosel Werl einer unbesiegbaren Krankheit. Gekämpft hat sie bis zum bitteren Ende. Das Leben ist vergänglich, doch die Liebe, Achtung und Erinnerung bleiben für immer.

Am 31. März 1951 wird sie in Thüringen in Altersbach geboren. Sie wächst bei Pflegeeltern auf. Erlernt den Beruf einer staatlich geprüften Sekretärin. Im Urlaub in Ungarn 78 lernt sie ihre große Liebe kennen. Er jedoch kommt aus Baden-Württemberg in der damaligen Bundesrepublik, ist also ein Staatsfeind der DDR. Nach dem Tod der Pflegemutter stellt sie ab 1981 Ausreiseanträge.

Heimliche Treffen mit ihrem Freund werden von der Stasi abgehört und bei einer Durchsuchung ihrer Wohnung wird ihr Tagebuch gefunden. Die intimen Notizen reichen aus um Rosel Werl 1982 zu 2 Jahren und 3 Monaten wegen landesverräterischer Nachrichten-übermittlung nach § 99 des StGB zu verurteilen. Im August 83 wird sie freigekauft und kommt über das Lager Giessen nach Weil, in die Stadt in der ihr Freund lebt. Die Beiden heiraten 1984 und 1985 wird ihr Sohn geboren.

Seit 1987 war sie Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) und 1990 tritt sie in den Frauenkreis ehemaliger Hoheneckerinnen ein. Ab 2004 ist sie Mitglied im DDR- Museum Pforzheim, einem Lernort für Demokratie.

In dem Buch „Der dunkle Ort“ wurde sie als eine der 25 Frauenschicksale aus dem DDR-Frauenzuchthaus von Dirk von Nayhaus und Maggie Riepl porträtiert. Es war ein dunkler Ort, das Frauenzuchthaus Hoheneck und in dem Buch werden 25 Biografien gegen das Vergessen eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte erzählt.

Seit 2004 arbeitete sie außerdem im Stiftungsbeirat der Stiftung sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft mit, damit Hoheneck eine würdevolle Gedenkstätte wird. Hoheneck wurde für sie zu einer Lebensaufgabe. Gemeinsam mit Vereinsmitgliedern der VOS, Benno Prieß und Heinz Lorenz als ehemalige Häftlinge von Sachsenhausen, Bautzen und Waldheim, mit Maria Stein und Margot Jann, ehemalige Hoheneckerinnen, suchte Rosel nach den Namen der Toten von 1950 bis 1954.

In den Unterlagen des Krematoriums wurden Listen und auf dem Dachboden von Hoheneck Urnen gefunden. 136 unschuldig zu Tode gekommene Männer, Frauen und Kinder, die anonym 1957 verscharrt worden waren, bekamen am 28. Februar 2019 am Ehrengrab im Urnenhain 18 eine Namenstafel.

Rosel in ihrer Rede am Grabstein: „Mir geht es darum, dass die hier bestatteten Toten unvergessen bleiben, uns nachfolgenden Generationen Mahnung sind, dass sich solches Unrecht niemals wiederholt. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, der Jugend an diesen Schicksalen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie vor Augen zu halten.“

Mit dem Tod von Rosel Werl verlieren wir eine aufrechte Kameradin, die seit ihrer Übersiedlung in den Westen bis fast zuletzt als kompetente Zeitzeugin, die den Unrechtsstaat DDR leibhaftig erlebte, an zahlreichen Schuleinrichtungen unterwegs war.

Um das Vermächtnis von Rosel und den vielen schon von uns gegangenen Frauen zu erfüllen, liegt es nun in unserer Hand, auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses einen Ort des würdigen Gedenkens und erinnernder Wegweisung für zukünftige Generationen zu errichten. Ehemalige Hoheneckerinnen haben gemeinsam schon ein verbindliches Logo entworfen. Für dieses Logo war es für Rosel noch nicht zu spät, aber zur Eröffnung der Gedenkstätte Frauenzuchthaus Hoheneck wird sie nun nicht dabei sein.

Eine Stimme, die vertraut war, schweigt. Ein Mensch, der immer da war, ist nicht mehr. Was bleibt, sind dankbare Erinnerungen, die niemand nehmen kann. Du fehlst.

* Die Autorin (*1958) war von 1983-1984 selbst Insassin im Frauenzuchthaus Hoheneck

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.454).

Pressemitteilung

Potsdam/Berlin, 7.Januar 2016/ts – Die Ausstellung „Der Dunkle Ort – Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Portraits ehemaliger politischer Häftlinge“ wird für zwei Monate im Landtag von Brandenburg gezeigt (12.01. – 29.02.2016, Mo.- Freitags, 8:00 – 18:00 Uhr, an den Wochenenden und Feiertags geschlossen).

Die Präsidentin des Landtages, Frau Britta Stark (SPD), wird die von der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin konzipierte Ausstellung am

12. Januar 2016, 18:00 Uhr

im Foyer des Landtages in Anwesenheit zahlreicher Zeitzeugen aus Hoheneck und weiterer Gäste eröffnen (Zugang/Eintritt frei). Sebastian Lindner, der seine Promotionsarbeit über Hoheneck geschrieben hat, wird das Einführungsreferat halten. In einem folgenden moderierten Zeitzeugengespräch werden Annerose Matz-Donath* (93) und Eva Aust* über ihre Erlebnisse im größten Frauenzuchthaus der DDR berichten. Detlef Jablonski, einst ehemaliger politischer Häftling, sorgt für die musikalische Umrahmung (Gitarre).

Sie sind herzlich eingeladen, die Veranstaltung medial zu begleiten (Vorankündigung/ Bericht). Sollten Sie die Gelegenheit nutzen wollen, vor Ort anwesende Zeitzeuginnen zu interviewen, wenden Sie sich bitte mit ihren Wünschen an uns (siehe unten).

Die Ausstellung wurde nach dem gleichnamigen Buch „DER DUNKLE ORT“ (bebra-verlag Berlin) von Dirk von Nayhauss (Fotos) und Maggie Riepl (Text) gestaltet.

*Annerose Matz-Donath (*1923 Leipzig) wurde 1948 als stv. Chefredakteurin der Landeszeitung (LDZ) in Halle durch den NKWD verhaftet und wenig später von einem SMT (Sowjetischen Militär-Tribunal) zu 25 Jahren Zwangsarbeit wegen „Spionage“ verurteilt. Ihr Leidensweg führte sie durch diverse Haftanstalten, so den „Roten Ochsen“ (Halle), das einstige NS-KZ Sachsenhausen, das „Gelbe Elend“ in Bautzen und Hoheneck. Erst 1960 wurde Matz-Donath begnadigt, 1993 durch die russische Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert. Bis zu ihrer haftfolgebedingten vorzeitigen Verrentung 1986 war die studierte Journalistin in leitender Funktion bei der Deutschen Welle tätig.

*Eva Aust (*1941 Bad Elster/Sachsen). 1972 zieht sie mit ihrem Mann Peter von Dresden nach Berlin, um ein „Loch“ in der Mauer zu finden. Sie wollten mit dem Sohn aus erster Ehe im Westen leben. 1974 wird das Ehepaar, von einer Reise in die UdSSR kommend, auf dem Flughafen Schönefeld verhaftet. 1975 Verurteilung wegen „staatsfeindlicher Verbindungen in Tateinheit mit ungesetzlichem Grenzübertritt im schweren Fall“ zu drei Jahren Haft, Verlegung ins Frauenzuchthaus Hoheneck. 1977 Entlassung, aber nicht in dene rsehten Westen, sondern in die DDR. Erst im März 1982 darf die Familie ausreisen.

Rückfragen richten Sie bitte an:

Tatjana Sterneberg, Berlin, Tel.: 030/30207778 (AB) – tatjana.sterneberg@gmail.com oder redaktion.hoheneck@gmail.com

V.i.S.d.P.: Initiative Hohenecker Frauen, c/o Tatjana Sterneberg, Berlin (1.030)

Titel HB 2014Nr.048 – Einigkeit und Recht und Freiheit15. 12. 2015

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Weihnachten 2015: Anlass zum Innehalten

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 15.12.2015 – Vor siebzig Jahren sah sich das gebeutelte, vom Krieg verwundete Deutsche Reich zusätzlich der Belastung durch Millionen von Flüchtlingen ausgesetzt, die vornehmlich aus den von der Roten Armee besetzten Teilen des Reiches in die sogen. Westzonen (Amerikanische, Britische und Französische Zone) strömten. Auch die sowjetisch besetzte Zone und spätere DDR mußte die Aufnahme von Milionen Flüchtlingen verkraften. Der knappe Wohnraum in den zerstörten Städten wurde so noch knapper, die Versorgung mit notwendigen Grundnahrungsmitteln noch prekärer.

Ich erinnere mich noch gut an die Feindseligkeiten, die den Flüchtlingen begegnete: Die „Asozialen aus den Nissenhütten“ war noch eine glimpfliche Bezeichnung. Dabei kamen diese Menschen aus dem (bislang) „eigenen Land“, gehörten dem selben Kulturkreis an. Das hinderte die „Ureinwohner“ vor Ort nicht, diesen Flüchtlingen die Schuld an der Misere, an dem verlorenen Krieg förmlich in die Schuhe zu schieben. Hatten diese nicht am Lautesten „Heil“ gebrüllt, am Eifrigsten hinter Hitler gestanden?

Natürlich gab es – Gott sei Dank! – auch andere Gruppen in dieser zerrissenen Gesellschaft. So sammelten die Kirchen und andere humanitär ausgerichtete Gruppen eifrig Kleidung, Lebensmittel und Dinge des alltäglichen Gebrauchs, um die größte Not zu lindern. Und nicht alle Mieter tobten gegen die Zwangseinweisung obdachloser Flüchtlinge.

Heute, im Jahr 2015, kommen diese Bilder wieder aus der Tiefe der Erinnerung. Und während in den Medien und der Öffentlichkeit um eine Million Flüchtlinge debattiert wird – damals strömten mehrere Millionen in ein vom späteren Wirtschaftswunder noch weit entferntes Land – wird die Frage nach einer Vergleichbarkeit dieser erneuten Völkerwanderung mit der Situation vor siebzig und sechzig Jahren gestellt.

Ich meine, dass ein Vergleich aus kultureller Sicht nicht statthaft ist. Hier sollten wir uns der Realität stellen und die durchaus bestehenden Gefahren für eine homogene Gesellschaft ernsthaft diskutieren. Nur so können wir wirkliche Lösungen erarbeiten und finden. Alles andere wäre und ist Schaumschlägerei, vertieft die Risse in unserer Gesellschaft und diffamiert Menschen als Extremisten, die lediglich ihre ernsten Besorgnisse artikulieren, im wahrsten Sinn des Wortes Angst um ihr Land, um eine friedliche Zukunft haben.

Etwas anderes ist die gebotene menschliche Pflicht zur Nächstenliebe, auch diese ein wesentlicher Teil unserer christlichen Kultur. Gerade zu Weihnachten ein Anlass, innezuhalten, sich unabhängig von sonstigen durchaus berechtigten Bedenken dieser freiwilligen Pflicht zur Liebe am Nächsten zu erinnern. Jedenfalls wird man(n)/frau unglaubwürdig, wenn angebliche oder tatsächliche Besorgnis in Hass auf Menschen umschlägt, die offensichtlich vor Krieg und Terror, Gefahr für Leib und Leben, fliehen.

Ebenso unglaubwürdig werden jene Menschen, die berechtigte (oder unberechtigte) Sorgen aus vordergründig politischen Gründen auf eine Stufe mit Extremismus, Rassismus oder gar Neo-Nazismus stellen. Beides ist Rufmord und Diffamierung und hat mit einem menschlichen Miteinander nichts zu tun. Dabei stehen auch die Medien in der Kritik. Oder hat man schon einmal etwas über „Rechts-Autonome“ lesen oder gar hören können? Gerade dies geschah vor wenigen Tagen wieder im Zusammenhang mit schlimmsten Ausschreitungen, bei denen über 70 Polizisten verletzt worden sein sollen. Es waren nicht „Rechts-Extreme“ sondern laut Medien-Berichten „Links-Autonome“, die dieses Fiasko unter der Vorgabe, gegen „Neo-Nazis“ demonstrieren zu wollen, angerichtet haben.

Wer unter dem Motto agiert: „Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein!“ stellt sich auf eine Stufe mit jenen, die er/sie, angeblich politisch lauter, bekämpft. Andererseits: Wer Brandanschläge gegen Flüchtlingsheime unternimmt oder gar nur verbal unterstützt, wer seinen Hass auf wehrlose und hilflose Menschen projiziert, muss sich nicht wundern, wenn seine „Besorgnisse“ auf Widerspruch oder gar Widerstand stoßen.

Weihnachten wäre ein Anlass, über die eigene Befindlichkeit nachzudenken, vielleicht gar Flüchtlinge demonstrativ zu beschenken oder zum Weihnachtsessen einzuladen. Bei dieser Gelegenheit könnten gegenseitige Ängste ausgetauscht und diskutiert, das Verständnis für diese Sorgen sogar gegenseitig geweckt werden. Auch eine Gesprächskultur gehört zu unserem kulturellen Erbe. Wir sollten dieses Erbe nicht leichtfertig aufs Spiel setzen und damit den Extremisten auf beiden Seiten den Brandsatz liefern, die diese für ihre abartigen und menschenunwürdigen Spielchen (miss-)brauchen.

In diesem Sinn wünscht die Redaktion Hoheneck allen Freunden und Lesern besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch in ein (hoffentlich) gutes Jahr 2016.

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UOKG: Dachverband startet durch und holpert

Berlin, 15.12.2015/cw – Der Dachverband der Opferverbände der zweiten deutschen Diktatur (UOKG) hat nach dem Desaster um den Rücktritt ihres langjährigen Vorsitzenden Rainer W. im April d.J. wieder Tritt gefasst. Auf dem um einen Monat vorgezogenen Herbst-Treffen wählten die Delegierten der Mitgliedsverbände Dieter Dombrowski (CDU) zum Nachfolger des zuletzt wenig glücklich agierenden Predigers aus Neustadt, der nicht über seine Verdienste um die UOKG sondern letztlich über seine obskuren religiösen Thesen gestolpert war. Mit Dombrowski rückt an die Verbandsspitze ein absoluter Polit-Profi, der es über den Landesvorsitz der Jungen Union (Berlin) bis zum derzeitigen Vizepräsidenten des Landtages in Brandenburg geschafft hat und dem die Fehler seines Vorgängers kaum unterlaufen dürften.

Überdies verfügt Dombrowski über eigene Erfahrungen als einstiger politischer Häftling und ist langjähriger und erfolgreicher Vorsitzender des Menschenrechtszentrums in Cottbus, das seinen Sitz in der ehemaligen DDR-Strafanstalt hat. In einem Interview mit dem UOKG-Organ „Stacheldraht“ (Nr.9/2015) betont der neue Vorsitzende denn auch seine Bereitschaft zum Brückenbau zwischen unterschiedlichen Meinungen und wirbt um Verständnis für „Ausuferungen“ durch schwer traumatisierte Menschen. Der hoffnungsfrohe Neustart geriet allerdings schon auf der Wahlversammlung ins Holpern, als der bis dato amtierende UOKG-Vorsitzende gegen Auflagen einer rechtskräftigen Unterlassung verstieß (Landgericht Berlin) und erneut gegen einen ehemals politisch Verfolgten und wegen seiner Kritik an den Äußerungen von Rainer W. unliebsam gewordenen Vorsitzenden eines historischen Vereins polemisierte. Das allerdings geschah vor der Wahl Dombrowskis…

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Hoheneck-Ausstellung im Landtag von Brandenburg

Berlin/Potsdam, 15.12.2015/cw – Die Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck: 25 Portraits ehemaliger politischer Häftlinge“, eine Wanderausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, ist ab 12. Januar 2016, 18:00 Uhr, für drei Monate im Foyer des Landtages in Brandenburg zu sehen. Eröffnet wird die Ausstellung über den „dunklen Ort“ durch die Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD). Ein Vortrag des Historikers Sebastian Lindner über die Haftanstalt und ein Zeitzeugengespräch mit der ehemaligen SMT-Verurteilten Annerose Matz-Donath (93) und der DDR-Verurteilten Eva Aust runden das interessante Eröffnungsprogramm ab. für den musikalischen Teil wurde der Barde Detlef Jablonski verpflichtet.

Zahlreiche ehemalige Hoheneckerinnen werden zur Eröffnung erwartet, unter diesen besonders auch Frauen, die für ein der Ausstellung vorausgehendes Buch (DER DUNKLE ORT, bebra-Verlag, 19,95 €) eigens von Dirk von Nayhauss (Fotos) und Maggie Riepl (Text) portraitiert worden waren. Tatjana Sterneberg (63), ehemalige Hoheneckerin und Mitarbeiterin der Redaktion Hoheneck, ist glücklich über den Erfolg ihrer langjährigen Bemühungen. Seit 2012 hatte sie sich für die Präsentation dieser eindrüklichen Schau auch in Potsdam eingesetzt.

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Betroffene: Demo gegen Rentenbetrug im April 2016

Berlin, 15.12.2015/cw – Zu einer Demonstration gegen den „Rentenbetrug“ an einstigen aus der DDR geflüchteten Menschen hat jetzt der Bürgerrechtler Wolfgang Graetz aufgerufen. Die Demonstration soll am 13. April 2016 stattfinden und über sechs Kilometer vom Sitz der Deutschen Rentenversicherung in der Ruhrstr.2 vor das Bundeskanzleramt, Willy-Brandt-Str.1 in Berlin führen, Beginn 14:00 Uhr.

Die IEDF (Interessengemeinschaft ehemaliger DDR-Flüchtlinge) hat sich vollinhaltlich dem Aufruf angeschlossen. Neben anderen Organisationen unterstützt auch die Vereinigung 17. Juni 1953 den Aufruf. Weitere Meldungen sind erbeten an Wolfgang Graetz, renten-dmo@gmx.de , damit dieser als Organisator eine Übersicht über mögliche Beteiligungen erhält. Graetz verweist darauf, dass eine Teilnahme „klar und deutlich“, d.h. verbindlich sein sollte. Da brauche es kein „wenn und aber“. Auch soll es bei dieser Demonstration ausschließlich um die Rentenproblematik gehen. Andere Themen wären „für das Anliegen kontraproduktiv,“ so Graetz in seinem Aufruf.

Leid und Unheil nach 25 Jahren vergessen?

Leid und Unheil nach 25 Jahren vergessen?

Der Bundestag hatte ohne seinerzeitige große Beachtung in der Öffentlichkeit das bis dahin geltende Rentenrecht abgeändert, wonach Deutsche, die vor dem Ende der DDR aus dieser geflüchtet waren, bei den Rentenleistungen mit Arbeitnehmern in der (alten) Bundesrepublik gleichgestellt worden waren (FRG – Fremdrentengesetz). Für deren Arbeitsleistungen in der DDR wurden der Rentenberechnung Beiträge zugrunde gelegt, als seien diese in der Bundesrepublik gezahlt worden. Damit unterstrich der Gesetzgeber seinen jahrzehntelang gepflegten Anspruch auf die staatliche Einheit beider Teile Deutschlands. Bei der „klammheimlich“ (Ottmar Schreiner, SPD) durchgeführten Änderung wurden nicht nur die ehem. DDR-Bürger nach 1990, sondern auch die einstigen Flüchtlinge als DDR-Rentner mit verminderten Leistungsanspüchen eingestuft.

Zu nächtlicher Stunde war es am 21.01.2012 im Deutschen Bundestag zu einem Schlagabtausch zwischen der damaligen SPD-Opposition und den Regierungsparteien CDU/CSU und FDP gekommen, wir berichteten (28.01.2012 http://www.17juni1953.de ). Der zwischenzeitlich verstorbene Sozialpolitiker Ottmar Schreiner (SPD) konnte sich nicht mit seiner Forderung durchsetzen, die klammheimlich durchgeführte Rentenänderung („Rentenbetrug“) wieder zu korrigieren. Allerdings versprachen SPD-Politiker den bei der Debatte anwesenden Vertrtetern zahlreicher Opferverbände, darunter IEDF und Vereinigung 17. Juni, im Falle einer Regierungsbeteiligung der SPD diesen Betrug zu heilen und das Gesetz entsprechnd wieder zu ändern. Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni drückte in den nächtlichen Gesprächen nach der Bundestagsdebatte seine Skepsis gegenüber dieser Zusage aus. Zu oft seien die DDR-Diktatur-Opfer mit derartigen Versprechungen getröstet worden. Dabei habe sich die jeweilige Opposition immer wieder auf die jeweilige Regierung bezogen, gegen die man „gegenwärtig machtlos“ sei. Die SPD-Vertreter widersprachen dieser Skepsis vehement: Man könne sich auf die Zusagen der SPD verlassen.
Drei Jahre später, wir befinden uns seit 2013 in einer Großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD, steht die Umsetzung der einstigen Zusage immer noch aus. Und der Kämpfer Ottmar Schreiner ist tot.

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Willy Schreiber:
Ein DDR-Opfer soll seine letzte Ruhe finden

Markt Schwaben/Halle/Berlin, 15.12.2015/cw – Die Stasi hatte ihn seinerzeit bis nach Süd-Amerika verfolgt, Stasi-General Schwanitz hatte gar die Liquidation unterschrieben. Aber der kleine mutige Mann, einst Schausteller in der DDR und Betreiber einer Eis-Diele, überlebte.
Nach der Wiedervereinigung veröffentlichte er seine Biografie „IM VISIER“, schilderte seinen zermürbenden Kampf mit dem Stasi-Moloch, seine Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat und seine Überlebensstrategie. In der Neuauflage (TvR Medienverlag, 2000, ISBN 978-3-940431-14-1, Vorwort Norbert Blüm) ließ Schreiber in der 2. Auflage (2009) neben anderen ein brisantes Dokument abdrucken. Aus diesem ging hervor, daß der ehemalige Ministerpräsident der frei gewählten DDR-Übergangsregierung und seinerzeitige Scheidungsanwalt seiner Frau, Lothar de Maiziére, der Stasi die Fluchtabsichten des Willy Schreiber übermittelt hatte (S. 279/280). Für den gefeierten Lothar hatte diese Veröffentlichung bislang keine negativen Folgen, obwohl sich Schreiber bis zu seinem Tod im Sommer d.J. nach Aussage seiner Freunde Hoffnung darauf machte, von Lothar de Maiziére zumindest eine Entschuldigung für dessen Verrat zu erhalten.

Der gebürtige Hallenser hatte immer wieder den Wunsch geäußert, im Grab seiner ersten Frau in Halle beigesetzt zu werden, allerdings so gut wie keine Vorsorge für diesen Fall getroffen. Als Optimist erhoffte er sich wohl noch eine längere Lebenszeit mit möglichst vielen seiner bereits zahlreich absolvierten und gut besuchten Lesungen, um dann „irgendwann“ seine Vorsorge treffen zu können. Der Krebs machte alle diese Hoffnungen zur Makulatur. Eine notwendig gewordene Operation überlebte Schreiber nur um wenige Tage.

Nun steht seine Urne seither in einem Münchner Krematorium. Laut Aussagen des eingesetzten Nachlassverwalters fehlen rechnerisch knappe 2.000 Euro, um Willy Schreiber seinen letzten Wunsch erfüllen, ihn in Halle beisetzen zu können. Anderenfalls, so der Verwalter, müsse Schreiber anonym in München beigesetzt werden. Die Vereinigung 17. Juni, will „diesen schrecklichen Ausblick für einen Kameraden“ verhindern und zumindest den Versuch unternehmen, mit einem Spendenaufruf den letzten Wunsch des DDR-Opfers erfüllen zu können. Daher bittet der Verein „um viele kleine oder auch großzügige Spenden“ auf das Konto „Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., IBAN DE27 7009 1600 0000 6329 02, Verwendungszweck : Beisetzung Willy Schreiber“. Sollte der Spendeneingang wider Erwarten die anfallenden Überführungs-und Beisetzungskosten übersteigen, so wird die übersteigende Summe für ähnliche Fälle separiert, fließt also nicht in den normalen Vereinshaushalt ein. Das garantiert der Verein. „Auf Wunsch werden bei Beträgen über 100 Euro auch Spendenquittungen übersandt, die steuerlich absetzbar sind, weil wir als gemeinnützig anerkannt sind,“ heißt es dazu in dem Spendenaufruf durch den Vorstand.

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Hagen Koch:
Der Grenzstrichzieher vom Checkpoint ist tot

Berlin, 15.12.2015/cw – Hagen Koch,  bekannt als Maler des berühmten „Weißen Strichs“ am Grenzübergang Checkpoint Charlie (im DDR-Sprachgebrauch „GÜSt. Zimmerstraße“), der dort die Trennung zwischen Ost und West markierte, ist tot. Er starb Ende letzten Monats vermutlich an den Folgen eines vor Jahren erlittenen Schlaganfalls. Über die näheren Umstände seines Todes ist ebensowenig bekannt wie über Form und Zeitpunkt seiner Beisetzung. Wir werden in unserer nächsten Ausgabe auf das Leben und Wirken von Hagen Koch eingehen, der sich besonders um die Rettung vieler Mauer-Segmente aber auch zahlreicher DDR-Dokumente um den Mauerbau verdient gemacht hat.

Seine Familie hat um Stillschweigen um seinen Tod gebeten. Wir haben uns mehrere Wochen daran gehalten. Da Hagen Koch zweifellos eine Person der Zeitgeschichte ist, konnten wir unsere Information nicht länger zurückhalten. Das sind wir unserem Auftrag und auch Hagen Koch schuldig.

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder.
Impressum: Der „Hohenecker Bote“ ist einzig der demokratischen Auseinandersetzung und den Anliegen der Verfolgten beider Diktaturen verpflichtet, parteipolitisch und vereinsrechtlich unabhängig und erscheint in der Mitte eines jeden Monats. Beiträge dürfen b.a.W. kostenlos unter Zurverfügungstellung von Nachweisen (Belegen) insbesondere von gemeinnützigen Vereinen der Verfolgten- und Opferszene beider Diktaturen in Deutschland genutzt oder weiterverbreitet werden. Fotos dürfen grundsätzlich nur unter ausdrücklicher Zustimmung bzw. zu den Bedingungen der Redaktion genutzt werden. Redaktion: Carl-Wolfgang Holzapfel (cw) – verantwortlich; redaktion.hoheneck@gmail.com ; Kaiserdamm 9, D-14057 Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953; Fax: 030-30207786 (derzeit außer Betrieb). Anzeigen auf Anfrage.

Titel HB 2014Nr.046Einigkeit und Recht und Freiheit15. 10. 2015

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UOKG:                                                                                            Verfolgte, schart Euch zusammen, ehe Ihr einzeln zerbrecht

Berlin, 15.10.2015/cw – 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und 26 Jahre nach dem Fall der Mauer steht der Dachverband der Verfolgten- und Opferverbände UOKG vor einer Zäsur. Am 17. und 18. Oktober wählt er im einstigen Zentrum des DDR-Unterdrückungsapparates vorzeitig einen neuen Vorstand. Bisher ist als einziger Kandidat für den Vorsitz der Brandenburger CDU-Politiker Dieter Dombrowski bekannt. Über weitere Vorstands-Kandidaten sind selbst die Verbandsmitglieder bislang nicht informiert. Der seit 2007 amtierende Vorsitzende Rainer Wagner hatte im April seinen Rücktritt erklärt und damit die Wahlen notwendig gemacht.

Wer aber glaubt, der Dachverband sei erst durch den Rücktritt des umstrittenen evangelikalen Predigers in die Krise gestürzt, verkürzt die seit Jahren angestauten Probleme in unzulässiger Weise. Wagner war es gelungen, den Kreis der Mitgliederverbände im Dachverband stetig zu erhöhen. Kritiker warfen der UOKG allerdings vor, die Erhöhung numerischer Masse „ohne Inhalt“ der qualitativen Gewinnung arbeitsfähiger Vereine vorzuziehen. So bestehen viele der aktuell ausgewiesenen über 30 Mitgliedsverbände häufig nur aus wenigen Mitgliedern, die teilweise noch nicht einmal die Möglichkeit hätten, sich als rechtsfähiger Verein eintragen zu lassen (Minimum sieben Mitglieder). Mit der einer Monstranz ähnlich vor sich her getragenen Mitgliedschaft des Bundes der Vertriebenen wies der Wagner-Vorstand zwar darauf hin, daß die Mitglieder der UOKG immerhin über 2 Millionen Menschen umfassen. Der BdV ließ dagegen schon vor längerer Zeit eine Nachfrage nach seiner Mitgliedschaft in der UOKG unbeantwortet. Nachweislich gehört der Frauenbund im BdV als Verein dem Dachverband an, dessen Vereinsmitglieder aber überschaubar sein sollen.

Kostspielige Diffamierung: Sogen. Abschlußerklärung der UOKG vom 24.08.2015

Kostspielige Diffamierung: Abschlußerklärung der UOKG vom 24.09.2015

Im Jahr 2007 und 2008 hingegen hatte die UOKG wichtige Verbände durch Austritt verloren, unter diesen die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), das Bautzen-Komitee und die Vereinigung 17. Juni 1953. Im Zuge der parallelen Wahl von Wagner zum Auch-Vorsitzenden der VOS war zwar der älteste Verband aus Opfern des Kommunismus wieder der UOKG beigetreten, allerdings in einer Zeit und einem Zustand, der nur ein bedauernswertes Spiegelbild einstiger Effizienz abgibt und damit eher eine Belastung als eine echte Bereicherung für die nach wie vor notwendige Arbeit eines Dachverbandes ist.

Die Geburtswehen dieses Dachverbandes im Jahre 1992 waren ohnehin schmerzhaft. Das ursprüngliche Ziel der seinerzeitigen Bundesregierung, über das Innenministerium die Gründung eines Dachverbandes der DDR-Verfolgten und Opfer anzustreben, um statt einer unübersichtlichen Zahl von Vereinen einen kompetenten Gesprächspartner zu haben, scheiterte  an der Vielfältigkeit der angesprochenen Vereine und Organisationen. Im Gefolge gründete sich ein Gegenverband, der Zentralrat von Opfern Kommunistischer Gewaltherrschaft. Erst 2004 gelang es unter gemeinsamen Anstrengungen und damals auf beiden Seiten vorhandener Kompromissbereitschaft, den Zentralrat mit seinen Mitgliedsverbänden in die UOKG einzubinden. Unter der Führung des heute 90 jährigen ehemaligen Workutaners und eloquenten Journalisten Horst Schüler gelang der UOKG eine überzeugende und verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings zeigte sich schnell, dass mit dem erfolgreichen Zusammenschluss auch die Konflikte in den Verband getragen worden waren. Weggefährten aus dieser Zeit erinnern sich an die verstörenden und zerstörenden, vor allem aber zeitraubenden Debatten, die durch zersetzende Vorwürfe gegen Personen und Mitgliedsverbände eine nach vorn orientierte Arbeit nahezu unmöglich machten. Diese Auseinandersetzungen gipfelten in dem mehr oder weniger erzwungenen Rücktritt Schülers 2006 in Salzgitter, der viele Anwesende eher an den Ablauf eines Putsches als an eine geordnete Stabübergabe an den Nachfolger erinnerte.

Vor der Entlastung unangenehme Fragen an den alten Vorstand vom VOK-Deutschland e.V.

Vor der Entlastung unangenehme Fragen an den alten Vorstand vom VOK-Deutschland e.V. (Ausschnitt).

Dass infolge dieser Auseinandersetzungen die bereits erwähnten Traditionsvereine die UOKG verließen, war nicht Rainer Wagner anzulasten, der sich bis zuletzt redlich mühte, diese Zäsur zu verhindern. Danach allerdings begann ein den grundsätzlichen Zusammenhalt gefährdender Schlingerkurs des deklarierten Christen. Wagner, unter dessen Ägide eine beachtliche Organisationsstruktur mit zeitweilig 25 Mitarbeitern aufgebaut wurde, verlief sich offensichtlich in politisch wohl gewohnte, für den Verband nicht gerade förderliche Taktiererei: Er umwarb einerseits die ausgetretenen Verbände in vielen persönlichen Gesprächen und stellte diverse Zusagen in den Raum. Lesenswert die Protokolle aus dieser Zeit, in denen Wagner über die „andauernde Zusendung der Protokolle an die ausgetretenen Mitglieder“, deren „weitere Antrags- und Teilnahmeberechtigung zu und an den Verbändetreffen“ referierte. Andererseits beauftragte der selbe Wagner Funktionäre der UOKG, Verbindungen zu Kritikern dieser Verbände aufzunehmen, um den einen oder anderen unliebsamen Vorstand ablösen zu können.

Dieses für einen im Hauptberuf tätigen Prediger ungewöhnliche Doppelspiel, das letztlich in einer jüngst gerichtlich untersagten Diffamierung ehemaliger politischer Häftlinge durch einen vom Vorstand zur Abstimmung gestellten „Beschluss“ kulminierte, mußte schlussendlich scheitern. Neben den nun aufzubringenden vermeidbaren Gerichts- und Anwaltskosten aus diesem Verfahren – der Vorstand hat inzwischen eine Abschlusserklärung abgegeben, in der er das ergangene Urteil anerkannte – muß der neue, in wenigen Tagen zu wählende Vorstand die UOKG neu aufstellen, mit den Mitgliedsverbänden neue Arbeits- und Umgangsformen für den internen wie den öffentlichen Auftrag erarbeiten. Muss sich die UOKG gar neu erfinden?

Bundesbeauftragter für die Diktatur-Opfer

Die Vereinigung 17.Juni in Berlin, einer der ausgetretenen Vereine, verneint das: „Die UOKG braucht sich nicht neu erfinden, aber sie sollte sich neu definieren nach dem Motto: Verfolgte, schart Euch zusammen, ehe ihr einzeln zerbrecht. Nach Meinung des zweitältesten Verbandes in der Szene (1953) sollte der Dachverband die „Querelen der letzten Jahrzehnte“ hinter sich lassen und sich den nach wie vor offenen Aufgaben widmen: Um die nicht zufriedenstellende Rehabilitierung von Verfolgten und Opfern der zweiten Diktatur, den Skandal der DDR-Renten-Umwandlung zu Lasten einstiger DDR-Bürger, die Schaffung eines Bundesbeauftragten zur Betreuung und Rechtsvertretung von Diktatur-Opfern, die Beweislastumkehr bei Geltendmachung gesundheitlicher Schäden, um nur die wichtigsten Vorhaben zu erwähnen. Der Vorstandssprecher: „Wir brauchen nicht den 28. Jahrestag der UOKG-Gründung abzuwarten, wie weiland den Fall der Mauer.“ Jedes weitere Jahr des Zuwartens wäre sträflich verschenkt, würde immer mehr Menschen ohne Anerkennung ihrer Leiden sterben lassen und spätestens dann die UOKG überflüssig machen.

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Einstige DDR-Grenzer üben sich ungehindert in der Traditionspflege

Berlin, 15.10.2015/cw – Während regelmäßig an die Morde an der Berliner Mauer und der Teilungsgrenze in Deutschland und Europa erinnert wird (siehe zuletzt DIE WELT, 8.10.2015: http://www.welt.de/geschichte/article147382401/Guenter-Litfin-das-erste-Opfer-des-Schiessbefehls.html) , üben sich die Täter von einst nach wie vor und augenscheinlich vom Gesetzgeber unbehelligt in Traditionspflege.

So ruft die Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V. (GRH) zum Jubiläumstreffen der „Grenztruppen der DDR“ auf. Am 24.Oktober wollen  die einstigen Mauerschützen zu ihrem „ 30. Grenzertreffen“ in der „Landkostarena“ Goethestraße, 15741 Bestensee, zusammenkommen. Das Treffen wird organisiert von der Arbeitsgruppe Grenze, Franz-Mehring-Platz 1 in 10243 Berlin in der vorgen. Gesellschaft. Deren Leiter, Günter L., war in einem Mauermord-Prozess 1998 wegen „Totschlags in zwei Fällen“ verurteilt worden. Der Prozess erregte damals aber auch Aufsehen, weil Günter Bazyli, seinerzeit Oberst der Grenztruppen, schonungslos seine Mitschuld an den Mauermorden eingeräumt hatte. Bazyli war dafür von Mitangeklagten und früheren Untergebenen als „Verräter“ gebrandmarkt worden. „Er hat seine Ehre verkauft, weil er nicht den Mut hatte zu sagen: Mein Kommandeur ist kein Mörder“, hieß es verächtlich nach der Urteilsverkündung über Bazyli. Der aber hielt die offenen Anfeindungen durch. Einem früheren Offizierskollegen, der Bazyli wegen seiner Haltung beschimpfte, hielt er entgegen: „Auch du wirst dort ankommen, wo ich jetzt bin.“

Von der Öffentlichkeit übersehen, von Zeitzeugen am 50.Todestag geehrt: Maueropfer Paul Schultz - unvergessen. Foto: Lyrag

Von Zeitzeugen am 50.Todestag geehrt: Maueropfer Paul Schultz – unvergessen. – Foto: Lyrag

Das war wohl zu optimistisch, denn die Mehrzahl der einstigen „Kameraden“ organisiert sich nach wie vor in Traditionsvereinen, hält unerschütterlich an der Richtigkeit der einstigen Mord-Befehle ihrer obersten Führung fest. So schreibt denn auch Günter L., seinerzeit Stabschef und Oberst im Grenzkommando (1989) in seiner Einladung: „Wir freuen uns auf Deine Teilnahme, weitere Freunde und Interessenten sind herzlich willkommen.“ Und: „Wir schlagen einen Blick ins INTERNET unter http://www.ddr-grenztruppen.de vor. Mit kameradschaftlichen Grüßen, gez. Günter L.“

Schmerzliche Retraumatisierung ehemaliger Verfolgter

Zum 25 Jahrstag der Wiedervereinigung stand allerdings der Jubel im Vordergrund. Mit den kalten Realitäten, wie der ungehinderten Traditionspflege ehemaliger DDR-Kader und der damit einhergehenden schmerzlichen Retraumatisierung ehemaliger Verfolgter oder Angehörigen von Mordopfern an der Mauer ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der zweiten Diktatur mochte sich offensichtlich kein Politiker auseinandersetzen.

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ARD-Hauptstadtstudio:
Hohenecker Frauen waren auch Lastenträger der Einheit

Berlin, 13.10.2015/cw – Im Foyer des ARD-Hauptstadtstudios fanden sich am vergangenen Dienstag erfreulich viele Gäste zur Eröffnung der Ausstellung „Das Frauengefängnis Hoheneck: 25 Portraits ehemaliger politischer Häftlinge“ ein. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin geförderte Ausstellung mit hervorragenden Portrait-Fotos des Fotografen Dirk von Nayhauß ist seit 2012 im gesamten Bundesgebiet unterwegs und wird jetzt aus Anlass des 25. Jahrestages der Wiedervereinigung in Berlin an diesem prominenten Ort unweit des Reichstages gezeigt. Tatjana Sterneberg, ehemalige Hoheneckerin, hat die sehenswerte Dokumentation (Texte von Maggie Riepl) an das ARD-Hauptstadtstudio  vermittelt. Die Ausstellung basiert auf dem Buch DER DUNKLE ORT (bebra-Verlag Berlin, 19,90 Euro).

Plakat ARD-Hauptstadtstudio_2Auch zahlreiche portraitierte Frauen waren neben anderen ehemaligen Hoheneckerinnen der Einladung gefolgt, um den Gästen für Anfragen und Gespräche zur Verfügung zu stehen. Wolfgang Holzapfel, Redaktion Hohenecker Bote, hielt die Einführung, nachdem Eva Marock von der ARD-Abteilung Kommunikation die Gäste herzlich begrüßt hatte. Detlef Jablonski, selbst ehemaliger politischer Gefangener und heutiger Barde, sang zu Beginn zu seiner Gitarre das Lied von „Anna und Giovanni„, einer dem Schiksal Sternebergs nachempfunden Liebesgeschichte zu Zeiten der Mauer.

Er wolle bewußt die Besucher nicht mit Ausführungen zur Historie dieser furchtbaren DDR-Einrichtung im Erzgebirge malträtieren, führte der freie Journalist zu Beginn aus. Sicherlich ließen sich mit derlei Historien auch gut vorgegebene Zeiten überbrücken, allerdings kämen dann die betroffenen Personen, Sinn dieser Ausstellung, zu kurz. Die Hohenecker Frauen seien mit den weiteren über 200.000 politischen Gefangenen der zweiten Diktatur die eigentlichen Lastenträger der deutschen Einheit gewesen. Ihnen solle dieser Abend gewidmet sein.

Auf 25 Tafeln eindrucksvolle Biografien ehem. Hoheneckerinnen - Foto: LyrAg

Auf 25 Tafeln eindrucksvolle Biografien ehem. Hoheneckerinnen –
Foto: LyrAg

Der Referent erinnerte dann seine erste Begegnung mit dem Thema Hoheneck, das ihm bereits 1962 im Alter von 18 Jahren von der ehemaligen Hoheneckerin Anneliese K. nahegebracht worden sei. Anneliese, damals 30 Jahre alt, hatte bereits 10 Jahre ihres Lebens in der Hölle von Hoheneck verbracht. Dieses Schicksal habe ihn schließlich veranlasst, sich für die Freilassung der politischen Gefangenen in der damals sowjetisch besetzten Zone einzusetzen.

Viele Hoheneckerinnen hätten sich ihre Leidenszeit aber auch in Büchern buchstäblich von der Seele geschrieben. Es existierten mittlerweile viele bewegende Zeugnisse der Frauen von Hoheneck, die geeignet wären, den verantwortlichen Politikern reale Hintergründe zu vermitteln, um sachgerechte Entscheidungen zu treffen oder verabschieden zu können. So habe Ellen Thiemann, einst von ihrem eigenen Mann an die Stasi verraten, in ihrem letzten Buch „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ bisher ungeklärte Hindergründe um diese Haftanstalt aufklärt. Nach der Wende hatte man zahlreiche Urnen von verstorbenen Gefangenen auf dem Dachboden der Haftanstalt aufgefunden. Die Aschen dieser toten Frauen sind heute in einem Ehrengrab der Stadt Chemnitz beigesetzt.

Eine Rose un d Trauerflor für die 2013 verstorbene Petra Koch - Foto: LyrAg

Eine Rose und  Trauerflor für die 2013 verstorbene Petra Koch – Foto: LyrAg

Auch die Hoheneckerin Erika Riemann habe mit ihrem Buch „Die Schleife an Stalins Bart“ die Geschichte einer gestohlenen Jugend reflektierte. Sie war 1945 im Alter von 14 Jahren von den Sowjets verhaftet und verurteilt worden und über das reaktivierte NS-KZ Sachsenhausen und Bautzen nach Hoheneck gekommen. Sie hatte dem Diktator Stalin auf einem Plakat im jugendlichen Überschwang eine Schleife an den Bart gemalt. Acht Jahre Haft mußte Riemann dafür verbüßen.

Eva-Maria Neumann beschrieb in ihrem Buch „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit“ ihre gescheiterte, weil verratene Flucht. Diese brachte die beiden Eheleute Neumann ins Zuchthaus, trennte sie von der dreijährigen Tochter. „Diese schlimme, diese dunkle Zeit dürfe niemals vergessen werden,“ appellierte der Referent unter Beifall.

Holzapfel ging auch auf die aktuellen Konflikte im Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen ein, dessen Vereinsauflösung gegen den Willen vieler betroffener Frauen gegenwärtig vom jetzigen Vereinsvorstand betrieben werde und erinnerte daran, daß das bislang alljährliche Treffen zum letzten Mal 2013 stattgefunden habe: „Das sollte wieder aufleben, das sollte fortgesetzt werden.“ Wer anders, als die Frauen von Hoheneck seien prädestiniert, in einer und für eine Gedenkstätte ihr ganzes Wissen und ihre Erfahrungen einzubringen, an Besucher und Schulen weiterzugeben, solange sie als Zeitzeuginnen zur Verfügung stehen können?

>Gemeinsam mit Kinsmörderinnen in einer Zelle: Mutter und Tochter im Zeitzeugengespräch - Foto: LyrAg

Gemeinsam mit Kindsmörderinnen in einer Zelle: Mutter und Tochter im Zeitzeugengespräch
– Foto: LyrAg

Detlef Jablonski verwies im Anschluß mit seinem  Lied „Wenn ich ein Stasi-Spitzel wär´“ satirisch auf die unterschiedlichen Berufswege einstiger Täter und ihrer einstigen Opfer.

Abschließend moderierte Holzapfel ein kurzes Gespräch mit den Zeitzeuginnen Hannelore Höfelmayr und Ina Jaekel, die gemeinsam als Mutter und Tochter in den achtziger Jahren wegen Republikflucht mit Kindsmörderinnen in einer Zelle in Hoheneck inhaftiert waren. Während Höfelmayr bis heute nicht wieder in Hoheneck gewesen sei, weil sie diese Zeit „hinter sich lassen“ wolle, hatte ihre Tochter Ina zusammen mit ihrem Freund diesen „Weg der bitteren Erinnerung“ versucht, war aber an dem Tag vor „verschlossen Toren“ gestanden. Rückblickend sei sie darüber froh, denn die Erinnerung „unmittelbar vor diesem Ort“ hatte sie unerwartet heftig aufgewühlt.

Nach dem bewegenden Gespräch wurde bis in den späten Abend zwischen Gästen und Zeitzeuginnen diskutiert und die eindrucksvollen Biografien der 25 Frauen mit großem Interesse studiert.

Die Ausstellung im ARD-Hauptstadtstudio (Wilhelmstr.67 a, 10117 Berlin) ist tagsüber noch bis zum 1. November zugänglich.

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ARD-Doku: Ausgebeutet für den Klassenfeind – War da noch was?

Ein Einwurf von Tatjana Sterneberg*

Berlin, 15.10.2015/tst – Die ARD zeigte zu später Stunde – wieder einmal – eine Dokumentation, der man eine breite Zuschauerschicht gewünscht hätte: Die Haftzwangsarbeit von politischen Häftlingen in der ehemaligen DDR – ein seit Jahren brisantes Thema (ARD, “Geschichte im Ersten” 12.10., 23.30 Uhr). Lobenswert also, aber warum zu dieser nächtlichen Sendezeit? Das Thema zu unangenehm? Oder gar zu Lasten der Quote ?

Gut, dass einstige politische Häftlinge hier erneut zur Haftzwangsarbeit sprechen konnten. Die Recherchen von Achim Reinhardt und Claudia Butter belegten einmal mehr das bis dahin nicht bekannte Ausmaß dieser Ausbeutung im Wortsinn. Im Ruhestand konnten nun auch einstige Konzernvertreter Wahrheiten ventilieren. Großartig, 25 Jahre nach dem Fall von Mauer und Grenze in Deutschland.

Dass die Täter von einst heute weder Verantwortung noch Reue zeigen, war zu erwarten, mit einschränkender Ausnahme der Sprecher von KAUFHOF, der immerhin Recherchen ankündigte. Ein Schlag ins Gesicht der Opfer war dagegen das Statement der Ost-Beauftragten Iris Gleicke, SPD. Aufarbeitung von Unrecht – Studie um Studie, ja. Entschädigung für die Opfer? Da will man keine falschen Hoffnungen wecken (Gleicke).
Welchen Stellenwert haben eigentlich die Lastenträger der Deutschen Einheit heute wirklich? Offensichtlich, wie ich meine, keinen nennenswerten.

Nein, hier geht es darum, mit einer konkreten Durchsetzung von Entschädigungsleistungen nicht anzuecken, erreichte Politiker- und Behördenpositionen zu behalten, der Sicht der führenden Politik-Elite zu entsprechen. Eine Entschädigung mit tatsächlichen Koordinaten? Nein, das geht nicht. Weil dazu nach unseren rechtstaatlichen Maßstäben auch alle Kriminellen zählen würden, die in den Strafvollzügen der DDR ebenfalls zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden? Unausgesprochene Gleichsetzung von Kriminellen mit unschuldig Verurteilten auf leisen Sohlen?

Jedenfalls gab der Beitrag unverhohlen Auskunft über die Nutznießer der Haftzwangsarbeit, dem „Who ist Who“ der (damals) westdeutschen Wirtschaft. Aber war da nicht noch was?
Ach ja: Die Lobbyisten – auch dieser Firmen – waren (und sind zumeist noch) im Bundestag „akkreditiert“. So manche Spende erreicht(e) die Parteien der Bundesrepublik. Beispielsweise über Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, die nach wie vor in dezidierter Benennung das Licht der Öffentlichkeit scheuen und einer denkwürdigen Amnesie unterliegen. Über „Zuwendungen“ an die Opfer dieser modernen Ausbeutung – früher treffender als Sklavenarbeit bezeichnet – ist hingegen nichts bekannt.

Warum auch? Schon Brecht wusste: „Doch die im Dunklen, die sieht man nicht.“ (1.042)

*  https://de.wikipedia.org/wiki/Tatjana_Sterneberg

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder.
Impressum: Der „Hohenecker Bote“ ist einzig der demokratischen Auseinandersetzung und den Anliegen der Verfolgten beider Diktaturen verpflichtet, parteipolitisch und vereinsrechtlich unabhängig und erscheint in der Mitte eines jeden Monats. Beiträge dürfen b.a.W. kostenlos unter Zurverfügungstellung von Nachweisen (Belegen) insbesondere von gemeinnützigen Vereinen der Verfolgten- und Opferszene beider Diktaturen in Deutschland genutzt oder weiterverbreitet werden. Fotos dürfen grundsätzlich nur unter ausdrücklicher Zustimmung bzw. zu den Bedingungen der Redaktion genutzt werden. Redaktion: Carl-Wolfgang Holzapfel (cw) – verantwortlich; redaktion.hoheneck@gmail.com ; Kaiserdamm 9, D-14057 Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953; Fax: 030-30207786 (derzeit außer Betrieb). Anzeigen auf Anfrage.

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VEREINIGUNG (AK)17.JUNI 1953 e.V. Berlin
(Ehem. „Komitee 17.Juni“ von 1953)

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Titel HB 2014Nr.044 Einigkeit und Recht und Freiheit 15. 08. 2015

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Lübeck-Schlutup, 15.08.2015/cw – Die von der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin finanzierte und seither vermittelte Ausstellung DER DUNKLE ORT hat seit 2012 eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Die bereits in ganz Deutschland gezeigte Darstellung der Schicksale von 25 Frauen, die Teile ihre Lebens aus politischen Gründen in dem berüchtigten DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck (Stollberg/Erzgebirge) zubringen mussten, wird gegenwärtig bis zum 30. August in der Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup gezeigt.

 25 Schicksale wurden portraitiert: Die Frauen von Hoheneck. Fotos: Nayhauß

25 Schicksale wurden portraitiert: Die Frauen von Hoheneck.
Fotos: Nayhauß

„Wir erinnern auf authentische Weise an das ehemalige Frauengefängnis Hoheneck, seinen Stellenwert in der ehemaligen DDR und an die Situation der ehemaligen Gefangenen,“ erklärte aus diesem Anlass Heino Schomaker, Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein. Schomaker verwies auf das besondere öffentliche und Medien-Interesse in Lübeck. Mit 50 TeilnehmerInnen sei die Ausstellungseröffnung „außergewöhnlich gut besucht“ gewesen: „Die positiven Reaktionen, die wir als Veranstalter bekommen haben zeigen uns, dass sowohl unsere Referentinnen als auch die inhaltliche Fokussierung genau richtig waren,“ erklärte Schomaker. Der Geschäftsführer wies die besonders von der ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg geübte Kritik im Vorfeld der Ausstellung zurück. „Mit der Ausstellung machen wir politische Bildungsarbeit, keine „Ausgrenzung“. Und von einem angeblichen „Eklat“, wie auf der Internetseite der „Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.“ geschrieben wird, hat hier niemand etwas gemerkt.“
Sterneberg hatte die Nicht-Information und Nicht-Einladung der in der Ausstellung gezeigten Protagonistinnen kritisiert und dieses Vorgehen „im 25. Jahrestag der Einheit als unsensibel“ bezeichnet.

Die Ausstellung selbst geht auf das im bebra-Verlag Berlin verlegte gleichnamige Buch zurück, das von Dirk von Nayhauß (Fotos) und Maggie Riepl (Texte) konzipiert wurde. Auf der Eröffnungsveranstaltung referierten die ehemaligen Hoheneckerinnen Angelika Rosenberg und Manuela Polasczyk über ihre Schicksale und führten die interessierten Besucher zusammen mit Ingrid Schatz, einer Zeitzeugin vom 17.Juni 1953 und Initiatorin der Grenzdokumentations-Stätte zu den 25 Schautafeln.

Unvergessen: Ehemalige Hoheneckerinnen vor der Austellungseröffnung 2013 in Schwerin im Gespräch mit dem Nobelpreisträger Günter Grass - Foto: LyrAg

Unvergessen: Ehemalige Hoheneckerinnen vor der Ausstellungseröffnung 2013 in Schwerin im Gespräch mit dem Nobelpreisträger Günter Grass – Foto: LyrAg

Rosenberg, deren Schicksal in der Ausstellung nicht vertreten ist, war mit 22 Jahren bereits Chefsekretärin im Baukombinat Leipzig. Nachdem sie sich auf der Messe mit westdeutschen Besuchern angefreundet hatte, wurde die junge Frau strafversetzt. Weil sie sich in der Folge in einen Mann aus dem Westteil Deutschlands verliebte, stellte Rosenberg 1976 einen ersten Ausreiseantrag. Auch mehrere Folgeanträge wurden abgelehnt. In ihrer Verzweiflung wandte sich Rosenberg schließlich direkt an Erich Honecker. In dem Brief prangerte Rosenberg die fehlende Freiheit in der DDR an, was kurz darauf zu ihrer Verhaftung und die Verbringung nach Hoheneck führte. Kurzzeitig wurden in Hoheneck zu dieser Zeit auch Untersuchungsgefangene untergebracht, da die einschlägigen Einrichtungen überfüllt waren. Wenig später wurde Rosenberg wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt.

Manuela Polasczyk, einstige Leistungsschwimmerin, wurde wegen „versuchter Republikflucht“ (über die Ostsee) 1984 verhaftet und zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Sie erinnert sich an die unzumutbaren Zustände in Hoheneck: Bis zu 36 Frauen wurden in eine Zelle „gepfercht,“ sagte die ehemalige Hoheneckerin, deren Schicksal ebenfalls in der Ausstellung nicht gezeigt wird. Was auch nicht verwundert, waren doch in der Zeit von 1950 bis 1989 zwischen acht- und zehntausend Frauen allein aus politischen Gründen auf der Burg über der Großen Kreisstadt Stollberg eingesperrt.

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Entscheidung noch in diesem Jahr: Kann Hohenecker Frauenkreis weiter existieren?

Michelstadt/Darmstadt, 15.08.2015/ts – Noch in diesem Jahr wird eine rechtskräftige Entscheidung über die Fortführung des seit 1991 existenten Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen erwartet. Wie berichtet, hatte eine satzungskonforme Minderheit gegen die vom seinerzeit neugewählten Vorstand unter Edda Schönherz und Konstanze Helber betriebene Auflösung des Traditionsvereins geklagt. In erster Instanz hatten die Klägerinnen obsiegt, war die Auflösung und die letzte Wahl zum Vorstand für ungültig erklärt worden. Entgegen den allgemeinen Erwartungen ging der ungültig gewählte Vorstand in die Berufung, will den Auflösungsbeschluss unter allen Umständen bestätigt bekommen. Wer bei einem weiteren durchaus möglichen negativen Berufungsentscheid die Gerichtskosten übernehmen soll, steht ebenso in den Sternen wie die Motivation der Auflösungsbetreiber, die nach Ansicht der Klägerinnen das „unverzichtbare Erbe der Frauenkreis-Gründerin Maria Stein“ leichtfertig verspielen.

Christian Wulff 2011 vor der Wasserzelle in Hoheneck - Foto LyrAg

Bundespräsident Christian Wulff 2011 vor der Wasserzelle in Hoheneck – Foto LyrAg

Regina Labahn, Sprecherin der Klägerinnen, erwartet in nächster Zeit „zumindest die Anberaumung eines Termins beim Landgericht.“ Die Hoffnung auf eine Verwerfung der Berufung hat sie dennoch nicht aufgegeben, zu klar seien die Feststellungen des erstinstanzlichen Amtsgerichtes, das an der „katastrophalen Durchführung der diversen Versammlungen vor zwei Jahren“ kein gutes Haar gelassen habe. Allerdings dränge nicht nur aus ihrer Sicht die Zeit. In Hoheneck werden zukunftsträchtige Entscheidungen über die Umwandlung des einstigen DDR-Frauenzuchthauses in Hoheneck gegenwärtig ohne die Mitwirkung des Frauenkreises gefällt, dies sei ein „unhaltbarer und nicht zu verantwortender Zustand.“ Daher habe die Frauen-Initiative nach dem erstinstanzlichen Urteil die Einsetzung eines Notvorstandes beantragt, um „so schnell als möglich den Frauenkreis wieder handlungsfähig zu machen,“ so Labahn. Allerdings hat der derzeitige und nach erster Instanz nicht ordentlich gewählte Vorstand unter Schönherz und Helber auch dagegen Widerspruch eingelegt.

Aktiv unterstützt wird die Auflösung des Vereins auch von Mechthild Günter, einstige Leiterin des Zeitzeugenbüros in Berlin Hohenschönhausen. Günter, einst selbst nur kurze Zeit im sogen. „Durchgang“ von Hoheneck, ehe ihr eine Amnestie die vorzeitige Ausreise ermöglichte, schweigt sich allerdings ebenfalls zu den Motiven aus. Auf der nicht satzungsgemäßen Auflösungs-Versammlung hatte sie die Stiftung Aufarbeitung in Berlin noch als „Liquidator“ bezeichnet, wohl nicht zuletzt, um die vorgebliche Seriosität der Vereinsauflösung zu unterstreichen. In Berlin hingegen will man auf Nachfrage von einer Einbeziehung der Stiftung, gar als Liquidator, keine Kenntnis haben.

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Mahnmal 17. Juni: Wird das Gedenken zur lästigen Pflicht?

Berlin, 15.08.2015/cw – Die „17er“, wie sich die alten Kämpen vom 17. Juni seit 1953 nennen, als sie in West-Berlin das Komitee 17. Juni gründeten , der am 3. Oktober 1957 als „Vereinigung 17. Juni 1953“ in das Vereinsregister eingetragen wurde, sie staunten nicht schlecht, als sie ein Jahr nach dem Gedenktag von 2014 das historische Holzkreuz in Berlin-Zehlendorf inspizierten. Es gehörte zur Routine der Vorbereitung des alljährlichen Gedenkens nahe dem Autobahn-Kleeblatt, sich einige Tage vorher über den ordnungsgemäßen Zustand der Gedenkstätte zu informieren. Über Jahrzehnte hatte das Bezirksamt den Gedenkort gepflegt, die Sträucher geschnitten, wucherndes Unkraut beseitigt und zum 17. Juni an den zwei Masten links und rechts vom Holzkreuz die Flaggen Deutschlands und Berlins aufgezogen.

Sollen die vertrockneten Kränze wieder ein Jahr - bis 2016 - vor Ort bleiben? Stand: 13.08.2015 - Foto: LyrAg

Sollen die vertrockneten Kränze wieder ein Jahr – bis 2016 – vor Ort bleiben?
Stand: 13.08.2015 – Foto: LyrAg

Nun entdeckten die 17er nicht nur eine ungepflegte Fläche. Vor dem Holzkreuz lagen noch die vermoderten Kränze des Vorjahres. Freundlich im Ton aber doch die Enttäuschung nicht verbergend wandte sich der Verein an den zuständigen Bezirksbürgermeister. Dieser ließ die „Weiterleitung an das Grünflächenamt“ ausrichten. Und das Amt teilte kurz vor dem diesjährigen Feiertag sein Bedauern mit. Man habe kein Geld mehr, „um alle Pflichten so zu erledigen, wie man das gerne wolle.“ Jedenfalls werde bis zum Gedenktag die Stätte entsprechend in die Aktivitäten einbezogen.

Acht Wochen nach dem diesjährigen Gedenktag suchte der Vereinsvorstand die Gedenkstätte auf: Wieder waren die Kränze nicht beseitigt, lagen verwelkt und angesichts der Hitze verdorrt vor dem ebenfalls ruinös wirkenden Holzkreuz, dessen Zustand die Vereinigung wie die Meldung des ausgefallenen Scheinwerfers, der im Dunkeln das Gedenkkreuz auf dem Mittelstreifen der Ausfallstraße nach Potsdam beleuchtet, seit mindestens zwei Jahren reklamiert. Der Bezirksbürgermeister selbst hatte 2011 in einem Gespräch darum gebeten, auf Missstände oder auch eine notwendige Erneuerung rechtzeitig hinzuweisen.

Bewußte Verwahrlosung oder mangelnder Umgang mit der Geschichte? Die Gedenkstätte an den Volksaufstand in Berlin-Zehlendorf. Foto: LyrAg

Bewusste Verwahrlosung oder mangelnder Umgang mit der Geschichte? Die Gedenkstätte an den Volksaufstand in Berlin-Zehlendorf. Foto: LyrAg

Der Vereinsvorsitzende, selbst als Kind und Jugendlicher Zehlendorfer, erinnert sich: Früher hätten sich auch die Schulen regelmäßig des Mahnmals angenommen, war das 1953 gegenüber dem dort stationierten russischen Panzer errichtete Holzkreuz alljährlicher Zielpunkt von Schulklassen aus dem Bezirk. Die Pflege war über Jahrzehnte eine ungeschriebene Selbstverpflichtung des zuständigen Bezirksamtes. Jetzt stelle sich angesichts der stiefmütterlichen Behandlung des Gedenkortes die Frage: Wird das Gedenken an den 17. Juni für den Bezirk Zehlendorf zur lästigen und darum vergessenen Pflicht?

Wie ernst die örtlichen Politiker den Umgang mit der Geschichte nehmen, lässt sich auch daran ablesen: Von allen gleichlautend angeschriebenen Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung antwortete nur die Fraktion der örtlichen SPD und bot ein Gespräch „nach den Ferien“ an.

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UOKG: Spendensammlung für Speziallager-Kongress

Berlin, 15.08.2015/cw – Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) geht offenbar neue Wege, um ihre finanzielle Situation zu verbessern. Bekanntlich leidet der bisherige Hauptsponsor, die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, durch die negative Zinsentwicklung unter der massiven Verminderung einsatzfähiger Mittel. So können zahlreiche Projekte nur noch vermindert oder auch gar nicht mehr finanziert werden.

Für den Oktober plant die UOKG einen von der Stiftung Aufarbeitung gesponserten Kongress „Verdrängter Terror: Sowjetische Spezial- und Internierungslager. 70 Jahre danach“, der im Besucherzentrum der Stiftung Berliner Mauer in der Bernauer Straße durchgeführt werden soll. Nach einer Mitteilung des Dachverbandes vom 12. August sollen mit dem Spendenaufruf 500 Euro eingeworben werden, um den 50 erwarteten Besuchern das Eintrittsgeld von 10 Euro ersparen zu können.

Kritische Beobachter merken allerdings an, dass die UOKG das jetzt eingeworbene Geld vermutlich in ihrer Kasse hätte, wenn die einstige Mitarbeiterin Kerstin K. alle von dieser vereinnahmten Spenden pflichtgemäß an ihren Arbeitgeber abgeführt hätte. Von einer Ersatzklage gegen die einnahmefreudige Mitarbeiterin ist hingegen nichts bekannt. Möglich aber auch, daß die UOKG Kosten für gerichtliche Auseinandersetzungen zu Lasten der knappen Kasse vermeiden möchte, was die ausgewiesenen 36 Mitgliedsvereine, die immerhin mindestens mit jeweils 100 Euro p.a. zum Jahreshaushalt beitragen, sicherlich goutieren.

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Horst Schüler: Ein Veteran feiert Geburtstag

Hamburg, 16.08.2015/cw – Der langjährige Vorsitzende der UOKG und ehemaliger Lagerinsasse in Workuta/UdSSR, Horst Schüler, feiert heute seinen 91. Geburtstag.

Horst Schüler (2014) - Foto: LyrAg

Horst Schüler (2014) – Foto: LyrAg

Von dieser Stelle aus herzliche Glückwünsche nach Hamburg verbunden mit dem Dank für sein jahrzehntelanges Engagement für die Sache der Verfolgten  und Opfer der kommunistischen Diktatur.

Besonders tragisch: Der nachmalige Redakteur des Hamburger Abendblatt mußte unter den Kommunisten nach dem Krieg an gleicher Stelle im nunmehrigen KGB- und späteren Stasi-Gefängnis Lindenstraße in Potsdam einsitzen, wie zuvor sein Vater unter den Nationalsozialisten. (1.023)

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder.
Impressum: Der „Hohenecker Bote“ ist einzig der demokratischen Auseinandersetzung und den Anliegen der Verfolgten beider Diktaturen verpflichtet, parteipolitisch und vereinsrechtlich unabhängig und erscheint in der Mitte eines jeden Monats. Beiträge dürfen b.a.W. kostenlos unter Zurverfügungstellung von Nachweisen (Belegen) insbesondere von gemeinnützigen Vereinen der Verfolgten- und Opferszene beider Diktaturen in Deutschland genutzt oder weiterverbreitet werden. Fotos dürfen grundsätzlich nur unter ausdrücklicher Zustimmung bzw. zu den Bedingungen der Redaktion genutzt werden. Redaktion: Carl-Wolfgang Holzapfel (cw) – verantwortlich; redaktion.hoheneck@gmail.com ; Kaiserdamm 9, D-14057 Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953; Fax: 030-30207786 (derzeit außer Betrieb). Anzeigen auf Anfrage.

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