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Nr.064 – Einigkeit und Recht und Freiheit 15. 04. 2017

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VOS: Neustart vor Ostern

Friedrichroda/Berlin, 8./9.04.2017/cw – Zur zweitägigen Klausur trafen sich die Delegierten der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) am vergangenen Wochenende vor gewohnter Kulisse in der Kleinstadt Friedrichroda im Landkreis Gotha/Thüringen. Das als Generalversammlung bezeichnete Treffen des ältesten und einst größten Opferverbandes findet nach einer Satzungsänderung nur noch alle drei Jahre statt. Zuvor bestimmte oder gewählte Delegierte der einzelnen Gliederungen nehmen den Rechenschaftsbericht des Vorstandes entgegen, den sie dann auch neu wählen oder im Amt bestätigen.

Für den amtierenden Vorstand ist der dreijährige Versammlungsritus eine wesentliche Erleichterung, nachdem der Verband durch obskure Machenschaften des seit 2004 amtierenden Geschäftsführers, der zwischenzeitlich in Personalunion auch stellvertretender Bundesvorsitzender und Schatzmeister, für einige Jahre sogar selbst Bundesvorsitzender, an den Rand der Insolvenz geführt worden war. Der noch immer amtierende ZDF-Fernsehrat und Landesvorsitzender der VOS Berlin hatte wegen der Vorenthaltung von Sozialbeiträgen in sechsstelliger Höhe einen Strafbefehl über zunächst 5.400 Euro erhalten, der nach erfolgreichem Widerspruch auf 3.000 Euro reduziert worden war. Die Erleichterung über den „glimpflichen Ausgang“ zahlreicher eingeleiteter Verfahren muss wohl groß gewesen sein, da der auferlegte Betrag bereits zwei Stunden nach dem Gerichtsbeschluss überwiesen wurde. Zuvor war im Vorlauf bereits ein Strafbefehl über 2.000 Euro ergangen. Der Geschäftsführer hatte persönliche Gerichts- und Anwaltskosten aus einer verlorenen gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Bund Stalinistisch Verfolgter (BSV), dessen Bundesvorsitzender er zur gleichen Zeit war, auch hier widerrechtlich aus der BSV-Kasse bezahlt.

Wegen dieser und anderer Vorkommnisse waren auf den Meetings in Friedrichroda immer wieder – wenn auch vereinzelt – höchst unangenehme Fragen an den Vorstand gerichtet worden. In der abgelaufenen Wahlperiode waren also genug Fragen aufgelaufen (Themen: Sozialbeiträge, Strafbefehl, Finanzierung und letztlich der Rücktritt des Bundesvorsitzenden Rainer Wagner „aus gesundheitlichen Gründen“), sodass der Vorstand über den nunmehrigen dreijährigen Rhythmus vermutlich nicht unglücklich war. Nach VOS-Übung erledigen sich unangenehme Dinge im Laufe der Zeit von selbst.

Detlef Chilla Nachfolger von Rainer Wagner

Das muss wohl auch diesmal so gewesen sein. Jedenfalls berichteten Teilnehmer unter der Hand über einen „langweiligen Verlauf ohne bemerkenswerte Höhepunkte.“ Danach sahen die meist handverlesenen Delegierten keinen Anlass, kritische Fragen zu stellen oder gar Aufklärung besonders über die zwielichtige Rolle des Geschäftsführers zu verlangen. Selbst dessen inzwischen bekannt gewordene Rolle als einstiger Filialleiter einer Stasi-Sparkasse in Nähe der Stasi-Zentrale wurde in der Generalversammlung der „Opfer des Stalinismus“ nicht einmal diskutiert. Im Gegenteil. Er darf weiterhin als Geschäftsführer die Fäden in der Hand behalten, frei nach dem Motto: Es ist mir doch egal, wer unter mir Bundesvorsitzender ist.

So konnte denn der (neu) gewählte Bundesvorstand in einer sehr dürren, vom Geschäftsführer verantworteten Pressemitteilung vom 12. April der gespannten Öffentlichkeit die Ergebnisse von Friedrichroda übermitteln: Danach wurde zum neuen Bundesvorsitzenden der „gebürtige Bützower“ Detlef Chilla aus Rostock gewählt. Chilla war „in Rostock von der Stasi verhaftet (worden) und saß von Juni 1981 bis September 1982 sowie vom Februar 1984 bis Januar 1985 aus politischen Gründen in DDR-Gefängnissen“ ein.

Martin Peschek folgt Christoph Becke

Der übrige Vorstand wurde im Wesentlichen bestätigt: Die Rostockerin May-Britt Krüger und der Berliner Rainer Buchwald tauschten lediglich in der Rangfolge als stv. Bundesvorsitzende die Plätze. Die Beisitzer wurden bis auf den etwas kritischen Christoph Becke (NRW) ebenfalls in ihren bisherigen Funktionen bestätigt: Bärbel Große, Rotraut von Dechend und Hugo Diederich (in Personalunion Geschäftsführer). Für Becke wurde der studierte Ing.Päd. Martin Peschek (FH Zwickau) aus Görlitz gewählt. Peschek hatte nach eigenem Bekunden „erst 1980 die Verlogenheit des SED-Regimes erkannt, konnte dann aber noch ein paar Jahre gegenhalten (inklusive der Folgen)“ und ist nach seiner letzten Tätigkeit als Sozialarbeiter am Landgericht Görlitz seit 1.07.2016 im Ruhestand.

Detlef Chilla, seit zwei Jahren Mitglied der VOS, erklärte nach seiner Wahl in bereits bekannter VOS-Sprache: „Wir dürfen die Taten der SBZ/DDR-Diktatur nie vergessen und wir werden als Demokraten täglich auf die Täter hinweisen: Wir, die Rehabilitierten,  sollten als Ehrenbürger wahrgenommen  werden und nicht als trauernde Opfer, nicht am Rand der Gesellschaft, sondern Mittendrin. Zollt den Vorkämpfern der „Friedlichen Revolution“ Respekt, denn sie gingen noch durch die Hölle der Diktatur.“  Soweit die zitierte Pressemitteilung. Auch der neue Bundesvorsitzende sieht offenbar keinen Widerspruch zwischen VOS-Theorie und VOS-Praxis. Ob mit seiner Wahl der Neustart und damit die von vielen Mitgliedern ersehnte Auferstehung der VOS gelingt, bleibt abzuwarten. Die berühmten „100 Tage“ werden dafür nicht ausreichen. Aber auch Chilla hat darauf einen Anspruch.

Im Bundestag: Verbesserung der Lage von Heimkindern

Erfurt/Dresden/Berlin, 15.04.2017/cw – Die Länder Thüringen und Sachsen haben erfolgreich im Bundesrat den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes zur Verbesserung der Lage von Heimkindern durchgesetzt. In der 953. Sitzung des Ländergremiums am 10.02.2017 wurde die Initiative gebilligt und an den Bundestag weitergeleitet.

In der Vorlage für den Bundestag (Drucksache 18/11745) vom 29.03.2017 wird einleitend festgestellt, dass „die gegenwärtige Rechtslage sehr hohe Anforderungen an eine Rehabilitierung von Betroffenen (stellt), die deshalb in einem Heim für Kinder oder Jugendliche in der ehemaligen DDR untergebracht wurden, weil ihre Eltern politisch verfolgt und infolgedessen inhaftiert waren oder andere freiheitsentziehenden Maßnahmen erlitten haben, mithin die elterliche Sorge faktisch nicht mehr ausüben konnten.“

Den derzeit erforderlichen Nachweis könnten die Betroffenen regelmäßig nicht erbringen, da die Jugendhilfeakten oftmals vernichtet wurden, unvollständig sind oder keinen Hinweis auf die Anordnung der Heimeinweisung enthalten, die einer politischen Verfolgung diente, heißt es weiter. Die Jugendhilfeakten hätten den wahren Verfolgungscharakter oft verschleiert.

Dank an Bodo Ramelow und Stanislaw Tillich

Der nun vorgelegte Gesetzentwurf soll eine Rehabilitierung auch dann ermöglichen, wenn die Heimunterbringung auf eine Verfolgung und Inhaftierung der Eltern aus politischen Gründen zurückzuführen war. Der Nachweis des Verfolgungszweckes der Unterbringungsanordnung soll künftig nicht mehr Voraussetzung für eine Rehabilitierung sein. Die Novellierung soll auch den Betroffenen zugute kommen, deren Antrag auf Rehabilitierung bereits rechtskräftig abgelehnt worden war.

Die Vereinigung 17. Juni hatte in Schreiben an die Staatskanzleien in Erfurt und Dresden die Initiative der Regierungen Ramelow und Tillich ausdrücklich begrüßt und die notwendige Umsetzung der geforderten Novellierung mit zwei gravierenden Beispielen aus der Beratungspraxis des Vereins belegt.

Gemeinsamer Antrag: Berlinpass für SED-Opfer

Berlin/cw – Die Fraktionen der SPD, GRÜNE und DIE LINKE haben im Berliner Abgeordnetenhaus gemeinsam einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem in Berlin lebende Opfer der SED-Diktatur Anspruch auf einen Berlinpass erhalten sollen. Mit dem Pass erhalten die in Berlin derzeit lebenden Bezieher einer „Opferrente“ auch Anspruch auf das vergünstigte Sozialticket. Das Abgeordnetenhaus verabschiedete in seiner Sitzung am 6. April einen entsprechenden Antrag, der zuvor in der letzten Märzwoche einstimmig vom Hauptausschuss beschlossen worden war. Danach solle der Senat außerdem bis Mitte September die Einbeziehung weiterer Opfer politischer Verfolgung in der DDR prüfen. Die Ergebnisse dieser Prüfung sollten dann in die anstehenden Haushaltsberatungen für 2018/2019 einbezogen werden.

Wirtschaftssenatorin Ramona Popp (Grüne) erklärte dazu gegenüber dem TAGESSPIEGEL. „Das ist eine Geste des Dankes an die, die für ihren Widerstand gegen das SED-Regime und ihr Engagement für die Freiheit verfolgt und unterdrückt wurden“. Die Grünen hätten sich „seit vielen Jahren dafür eingesetzt“. Sie wollten daher nicht länger auf eine Tarifreform warten, da die jetzige Entscheidung „überfällig war.“

Ein entsprechender Antrag der Grünen war bereits am 11. November 2010 an der damaligen rot-roten Regierung (SPD/DIE LINKE) gescheitert; die CDU hatte dem Antrag zugestimmt, die FDP hatte sich enthalten. Die Abgeordnete Ülker Radziwill (SPD) hatte den Grünen vorgeworfen, sich „mit dieser Einzelgeste für diese besondere Gruppe (…) lieb Kind“ machen zu wollen. Minka Dott (DIE LINKE) sprach von „populistischen Forderungen, die unberechtigte Hoffnungen wecken“ und hatte bundesweite Gesetzesregelungen gefordert.

2014 hatte die Vereinigung 17.Juni in Schreiben an alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus gefordert, den in Berlin lebenden Opfern der SED-Diktatur „freie Fahrt auf den öffentlichen Verkehrsmitteln und freien Eintritt in Museen der Stadt“ zu gewähren. Berlin solle damit seiner Mitverantwortung und Mitwirkung an der Haftzwangsarbeit durch die DDR nachkommen. Damals war bekannt geworden, dass West-Berlin zur Zeit der Teilung 25 Prozent seines Zementbedarfes aus Rüdersdorf bezogen hatte. In Rüdersdorf bei Berlin waren in die Produktion auch politische Häftlinge der DDR einbezogen worden.

Jetzt begrüßte der in Berlin ansässige Verein „im Grundsatz das Bemühen, endlich eine Lösung für den betroffenen Personenkreis herbeizuführen“. Kritisch wird allerdings angemerkt, dass der Berlinpass (bisher) für Empfänger von Hartz IV, Sozialhilfe, Grundsicherung oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gelte. Damit werde die „unhaltbare Linie fortgesetzt, Entschädigungen für erbrachte Opfer von DDR-Verfolgten dem Sozialrecht zuzuordnen. So werde 28 Jahre nach dem Fall der Mauer die monatliche „Opferrente“ gesetzlich noch immer als „soziale Zuwendung“ bezeichnet, obwohl die Benennung als „Ehrenpension“ überfällig sei,“ erklärte der Vorstand zum jetzigen Antrag im Berliner Abgeordnetenhaus. „Entschädigungsleistungen für Opfer der Diktatur müssen endlich vom Geruch einer Armenhilfe für Bedürftige befreit werden. Diese sind eine Ehrenschuld des demokratischen Staates an jene Bürger, die sich unter unendlichen Opfern an Leib und Leben den unmenschlichen Ansprüchen der Zweiten Deutschen Diktatur entgegengestellt hätten und somit die Lastenträger der deutschen Teilung wie der deutschen Einheit wurden.“

Frauenkreis Hoheneck: Neustart nach Ostern

Stollberg/Hoheneck/cw – Der nach langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzungen angestrebte Neustart des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen durch die Wahl eines neuen Vorstandes im letzten Jahr geriet unerwartet holprig. Zwischenzeitlich sind die gewählten Beisitzer nicht nur von ihrem Amt zurück-, sondern gleich aus dem Verein selbst ausgetreten. Dadurch werden Nachwahlen notwendig, die jetzt durch die Mitgliederversammlung für den 23.Juni in Stollberg vorgesehen sind.

Die amtierende Vorsitzende Regina Labahn (Wülfrath) hat aus diesem Anlass auch die (Wieder-)Aufnahme der amtierenden Schatzmeisterin Inge Naumann auf die Tagesordnung gesetzt. An der gescheiterten Wiederwahl von Naumann als Vorsitzende hatten sich 2012 die Auseinandersetzungen entzündet. Naumann war kurz nach der umstrittenen Mitgliederversammlung 2012 aus dem Verein ausgetreten.

In ihrer Einladung zum diesjährigen Treffen im Juni, die auf der von Catharina Mäge neu geschaffenen Homepage des Vereins veröffentlicht wurde (http://frauenkreishoheneck.myblog.de/frauenkreishoheneck/page/1996430/Neues), schreibt die amtierende Vorsitzende allerdings, dass „die Anwesenheit aller Frauen nicht erforderlich ist, da viele Frauen eine weite Anreise haben.“ Offenbar besteht hier Nachholbedarf im Vereinsrecht, das natürlich die Einladung aller Mitglieder zur jeweiligen MV vorsieht, da die MV das höchste Organ eines Vereins ist.

Überhaupt ist noch nicht absehbar, wie viele der einst 104 Mitglieder (Stand 2012) der diesjährigen Einladung folgen werden. Im letzten Jahr hatten an der Mitgliederversammlung gerade einmal neun Mitglieder teilgenommen. Dabei käme der diesjährigen Versammlung für die Zukunft des Frauenkreises einige Bedeutung zu, da grundsätzliche Probleme einer Klärung bedürfen. Neben der durchaus umstrittenen Wiederaufnahme der einstigen Vorsitzenden Naumann wäre zum Beispiel zu klären, wer die hochgeachtete und hochbetagte ehemalige Hoheneckerin Annerose Matz-Donath zum Ehrenmitglied ernannt hat, die jetzt als solches auf dem Briefbogen des neuen Vorstandes benannt wird. Dagegen ist die Nachfolgerin der Vereinsgründerin Maria Stein, die Bundesverdienstkreuz-Trägerin Margot Jann, als von der Mitgliederversammlung gewählte Ehrenvorsitzende nicht mehr angeführt.

Das vom 23. – 25. Juni vorgesehene Treffen wurde so im Vorfeld mit Themen belastet, die sich durch eine sorgfältigere und sensiblere Planung hätten vermeiden lassen. So besteht die Gefahr, dass der holprige Start im Vorjahr nicht zum lässigen Versehen wird sondern zu einer unglücklichen Fortsetzung mit ungewissem Ausgang für einen ehrenwerten Verein führt. Den angestrebten Neustart zwei Monate nach Ostern hat sich sicher nicht nur Regina Labahn anders vorgestellt, auch wenn sie letztlich dafür die vereinsrechtliche Verantwortung trägt.

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 Unseren Lesern wünschen wir  frohe,  gesegnete und TERROR-freie Ostern.

Die Redaktion

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder (1.240).
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Berlin, 28.03.2015/cw – In diesen Tagen erhalten ausgewählte Mitglieder (Delegierte) des nach eigenen Angaben „größten und ältesten“ Opferverbandes erneut Post aus der Bundesgeschäftsstelle. In einem seit Dezember mittlerweile vierten Abstimmungsakt sollen diesmal drei Beisitzer in den Vorstand der VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) nachgewählt werden. Notwendig waren diese Wahlen durch zahlreiche Rücktritte „aus persönlichen oder gesundheitlichen“ Gründen.
Nachdem aufgrund von Anfechtungen die Wahl zum geschäftsführenden Bundesvorstand teilweise wiederholt werden musste, gibt es kapp ein Jahr nach der ordentlichen Wahl in Friedrichroda wieder eine Vereinsspitze: Reiner Wagner (Vorsitzender), May-Britt Krüger (Stellvertreterin) und Rainer Buchwald (Stellvertreter und Bundesschatzmeister). Von den vier in der Satzung vorgesehenen müssen im jetzigen Wahlgang (bis 16.04.2015) drei Beisitzer nachgewählt werden. Bärbel Große hat dieses Amt bereits inne.

Als Kandidaten wurden vom Bundesvorstand allein aus NRW drei, aus Berlin ein VOS-Mitglied benannt: Rotraut von Dechend (von 2008 – 2012 bereits Beisitzerin), Christoph Becke (Vors. der Bezirksgruppe Bonn), Ralf Kotowski (Zeitzeuge im NRW-Programm der VOS) und aus Berlin Hugo Diederich (bis April 2014 u.a. Bundesvorsitzender, seither bis zu seinem Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“ Stellvertretender Vorsitzender).

Kritik an „SED-Formalien“

Kritiker im Verein sehen nicht nur in der Durchführung der zu Beginn holpernden Wahlen sondern auch im Prozedere Ansatzpunkte, die an Praktiken der SED und der DDR erinnerten. So wären die Mitglieder erst nach den ersten Wahlgängen über das Verbandsorgan Freiheitsglocke über die personalen Veränderungen informiert und an der Kandidatenfindung gar nicht beteiligt worden. Die ausschließliche Benennung von jeweiligen Kandidaten durch den Bundesvorstand erinnerten eher an die Befehlstruktur eines Politbüros als an eine demokratische Einbeziehung der Mitglieder an der Willensbildung im Verband. Es mute seltsam an, wenn ausgerechnet Funktionäre von Opfern und Verfolgten einer Diktatur selbst Schwierigkeiten hätten, demokratische Grundsätze zu praktizieren.

Die VOS-Satzung sieht ein Delegiertensystem vor, nachdem ausschließlich zuvor gewählte Delegierte auf einer Generalversammlung oder im jetzt angewandten schriftlichen Verfahren den Bundesvorstand wählen. Dabei wird die Anzahl der Delegierten nicht nach der Mitgliederzahl einer Bezirks- oder Landesgruppe gewählt. Es wird also jeweils nur ein Delegierter gewählt, der dann pro 15 Mitglieder jeweils eine Stimme erhält, bei 60 Mitgliedern z.B. vier Stimmen. Nach Ansicht einiger Mitglieder sei diese Verfahren zu einer Zeit, als der Verband noch zehntausende Mitglieder verzeichnen konnte, durchaus nachvollziehbar gewesen. Bei einem derzeitigen Mitgliederstand von rund 1.300 sei diese Praxis jedoch renovierungsbedürftig.

Drei Delegierte wählen Landesvorstand

So werde das Delegiertenprinzip auch auf Landesebene angewandt. Das führe dann zu rechtsstaatlich kuriosen Ergebnissen. Zum Beispiel sei in einem Landesverband von drei Delegierten ein dreiköpfiger Landesvorstand gewählt worden, der zudem aus den Reihen der Delegierten besetzt wurde. Den ausgewiesenen 160 Mitglieder war kein Mitspracherecht eingeräumt worden.

Beisitzer-Kandidat Christoph Becke aus NRW hatte bereits vor der Generalversammlung im letzten Jahr dringende Reformen angemahnt: „Unser Bild in der Öffentlichkeit muß wieder Ehre und Würde bekommen. Ein Aufräumen incl. einem Konzept nach vorn … ist wohl ein besserer, aber ein unbequemer Weg.“ Und zum Vereinsorgan: „Die letzten FG waren jedenfalls grauenhaft bzgl. Halbwahrheiten, Unvollständigkeiten und Nebelkerzen.“
Kandidatin Rotraut von Dechend hingegen liebt eher die leisen Töne und möchte sich „dafür einsetzen, dass das Bild der VOS in der Öffentlichkeit endlich wieder positiv wahrgenommen wird.“ Sie setzte in der Vergangenheit im Falle massiver Kritik folgerichtig den Vorstandsmaßstab: Wir können doch so tun, als wüssten wir von nichts.
Ein anderes Kaliber ist Ralf Kotowski, der sich in jüngster Zeit der massiven Kritik gegen Hugo Diederich angeschlossen hat und dies, einmal von der Richtigkeit überzeugt, in ausführlicher Breite auf seiner eigene Homepage und in ungezählten Mails an Vereinskameraden postuliert und begründet. Sein Nachteil: Kameraden wissen bei ihm nie, wer als nächster auf seiner sehr persönlichen „Abschussliste“ steht.

Warten auf den Freikauf?

Warten auf den Freikauf?

Freikauf 2017?

Zuletzt bleibt Kandidat Hugo Diederich, der zweifellos bekannteste und schillerndste VOS-Funktionär. Sein wahrscheinlich einziger Vorteil im jetzigen Kandidatenkarussell: Er kommt nicht aus NRW, repräsentiert also als einziger Kandidat das übrige Verbandsgebiet. Sein unübersehbarer Nachteil: Kein Kandidat steht seit geraumer Zeit so im Feuer der Kritik wie der ehemalige Bundesvorsitzende, Stellvertreter, Bundesschatzmeister und – noch immer- Bundesgeschäftsführer. Diederich, nach wie vor auch Verbandsvertreter im ZDF-Fernsehrat, wird hauptsächlich für den gegenwärtigen Zustand im Verband verantwortlich gemacht und permanent aufgefordert, daraus endlich die Konsequenzen zu ziehen. Um Christoph Becke zu zitieren: „Ich denke daher, dass es … für die VOS … besser wäre, wenn (Hugo Diederich) auf einen erneuten BV-Vorsitz verzichtet. Ob verschuldet oder nicht, (er) muss nun mal die Verantwortung übernehmen – und kann nicht weiter machen wie bisher.“

Dass diese oft harte Kritik an einem Menschen, der „auch wegen (seines) selbstherrlichen Verhaltens gepaart mit Unehrlichkeit bzgl. einer möglichen Insolvenz“ konzeptionslos sei (Becke) wohl Spuren hinterlässt, kann man an den vom derzeitigen Bundesgeschäftsführer versandten Wahlunterlagen ersehen. Nach der zugestellten Biografie wurde Hugo Diederich vom (Zitat) „4.08.2006 – 10.06.2007 wegen versuchten ungesetzlich Grenzübertritt in der DDR inhaftiert“ und (erwartet?) „am 10.06.2017 (den) Freikauf in die Bundesrepublik.“

Wie immer sich der neue Vorstand nach dem 16. April zusammenfügt, die Gestaltung der Zukunft für den einst starken und vorzeigbar aufgestellten Verband wird zur Herkules-Aufgabe. Falls es noch eine Zukunft unter diesen offenbaren schlimmen Hinterlassenschaften wie den sechsstelligen Rückforderungen aus vorenthaltenen Sozialbeiträgen geben wird. Schon im letzten Jahr haben sich einige VOS-Organe in rechtlich selbstständigen Vereinen organisiert und so der zentralen Bevormundung entzogen. Was zunächst schlau als „Weg aus der drohenden Insolvenz“ erdacht war, kann sich sehr schnell als bereits beschrittener Weg in die Bedeutungslosigkeit entpuppen. (961)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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