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Ein vermutlich vergeblicher offener Brief an Donald Trump

Germany/Berlin, 25.01.2017

Mister President,

Ronald Reagan, einer Ihrer großen Vorgänger im Amt des US-Präsidenten, rief am 12. Juni 1987 in Berlin vor dem zugemauerten Brandenburger Tor aus: “Tear down this wall!” („Reißen Sie diese Mauer nieder!“) Er appellierte mit seiner Rede an den damaligen Staats- und Parteichef der UdSSR, Michail Gorbatschow, die Berliner Mauer endlich einzureißen. Ronald Reagan sprach damals Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt aus dem Herzen.

Jetzt wollen Sie, Mister President, an der Grenze zu Mexiko getreu Ihrem Wahlversprechen ebenfalls eine Mauer bauen. Wahlversprechen sind ein hohes Gut, sie werden trotzdem regelmäßig gebrochen. Wir sagen dazu in deutsch: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Insoweit finden Sie sicherlich breite Zustimmung, wenn Sie sich bemühen, Ihre Wahlversprechungen zügig umzusetzen.

Dabei sollten Sie allerdings auch den Mut haben, Irrtümer einzuräumen. Zu diesen Irrtümern gehört zweifellos Ihre Absicht, in die historischen Fußstapfen der einstigen DDR-Chefs Walter Ulbricht und Erich Honecker zu treten. Der zitierte DDR-Diktator Walter Ulbricht hielt sein Versprechen „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, vom 15. Juni 1961 nicht ein. Er begann am 13. August 1961, die berühmt-berüchtigte Mauer zu errichten. Dies war ein schreckliches Verbrechen wider die Menschlichkeit. Und dieses Verbrechen wird auf alle Zeit mit dessen Namen verbunden bleiben.

Der Abtransport von Peter Fechter am 17.08.1962 - Sollen künftig gleiche Bilder von der Grenze Mexiko/USA die Welt erschüttern? (Plakat: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.)

Der Abtransport von Peter Fechter am 17.08.1962 – Sollen künftig gleiche Bilder von der Grenze Mexiko/USA die Welt erschüttern? (Plakat: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.)

28 (viel zu lange) Jahre standen die Vereinigten Staaten zumindest verbal hinter unserem Ruf „Die Mauer muß weg!“ Ohne diese wesentliche Unterstützung im Kampf gegen die Teilung Deutschlands und Europas würden wir wahrscheinlich noch heute in einem geteilten Land, in einem geteilten Europa leben. Wollen Sie allen Ernstes, das die Errichtung einer Mauer zu Mexiko auf ewig mit Ihrem Namen, mit Ihrer Amtszeit verbunden wird? Wollen Sie allen Ernstes auch ein Mensch in der neueren Geschichte werden, dessen Namen mit dem Bau eines solchen Monstrums wider die Menschlichkeit verbunden wird?

Ich bitte Sie eindringlich, von  d i e s e m  Wahlversprechen Abstand zu nehmen, dieses zu korrigieren. Die seinerzeitige Rede Ihres großen Vorgängers Ronald Reagan löste damals in der Vorbereitung ebenfalls große Kontroversen innerhalb seiner Regierung aus. Mehrere leitende Mitarbeiter und Berater meinten, der Präsident solle auf diesen Teil seiner Rede (“Tear down this wall!”) verzichten, weil damit weitere Ost-West-Spannungen ausgelöst werden oder die inzwischen aufgebauten guten Beziehungen zu Michail Gorbatschow gefährdet werden könnten. Ronald Reagan hat sich diesem Rat nicht gebeugt, und nicht nur wir sind ihm grenzenlos dankbar dafür.

Der Autor dieses „offenen Briefes“ an Sie hat selbst 28 Jahre gegen die Berliner Mauer gekämpft. Ich weiß daher, dass die geplante Mauer in Mexiko nicht grundsätzlich mit der Berliner Mauer verglichen werden kann. Dennoch würde sich diese geplante Mauer erneut gegen Menschen richten, die aus freier Entscheidung in ein Land aufbrechen wollen, das ihnen als Sinnbild für Freiheit und Wohlstand erscheint. Eine Mauer würde dieses grundsätzliche Menschenrecht auf Freizügigkeit unterbinden und Menschen erneut brutal eines ihrer wesentlichen Grundrechte berauben. Das zweifellose Recht eines jeden Landes, auch der USA, eine Zu- und Einwanderung zu kontrollieren, lässt sich auch mit zivilen, menschenwürdigen Mitteln verwirklichen. Freie Völker und Staaten bedürfen nicht der Übernahme staatsterroristischer und letztlich gescheiterter Methoden, um ihre zweifellosen Rechte wahrzunehmen. Sie unterscheiden sich gerade darin von unzivilisierten Staaten und Diktaturen.

Eine Mauer an den Grenzen der USA im 21. Jahrhundert? No, Mister President, no!

Traurige, leider wenig hoffnungsvolle Grüße aus der einst geteilten, heute Mauer-freien Stadt Berlin.

Carl-Wolfgang Holzapfel*

* Der Autor begann mit 17 Jahren gewaltlos gegen die Mauer zu demonstrieren. Er wurde 1965 am Checkpoint Charlie durch DDR-Grenzorgane nach einer Demonstration verhaftet und 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine letzte gewaltfreie Demonstration gegen die Mauer führte er am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, am Checkpoint Charlie durch, als er sich über den „weißen Strich“ legte, der die Teilung der Stadt markierte. Er kündigte aus diesem Anlass an, dass die aufmarschierten DDR-Grenzsoldaten keinen „30. Jahrestag“ mehr erleben würden. Knappe drei Monate später fiel die Mauer.

V.i.S.d.P: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.213).

Berlin, 21.03.2016/cw – Der Sponsor für das geplante Formel-E-Autorennen in Berlin ist ausgerechnet eine Bank, die von der Bundesrepublik auf die Rückführung von SED-Millionen verklagt wurde. Darauf machte jetzt die Berlinerin Tatjana Sterneberg in einem Offenen Brief an die Senatorin für Wirtschaft, Cornelia Yzer, aufmerksam. Sterneberg fordert die Senatorin auf, „Ihre Unterstützung für die Formel-E-Veranstaltung zu überdenken und diese ggf. nur unter einem anderen Sponsoring zuzulassen,” um Schaden von der Stadt und der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden.

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in Hoheneck: Tatjana Sterneberg - Foto. LyrAg

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in Hoheneck: Tatjana Sterneberg – Foto. LyrAg

“Auch wenn das Bankhaus Bär nur als Nachfolger betroffener Banken in Anspruch genommen wird, die seinerzeit mit der DDR und SED über die KoKo von Schalck-Golodkowski diverse Geschäfte getätigt haben, ist es aus meiner Sicht als ehemalige politische Gefangene (Berlin, Hoheneck) nicht hinnehmbar, zumindest bis zur juristischen Klärung einen derartigen Sponsor in Berlin zu akzeptieren,” schreibt Sterneberg. Auch würden unter diesen Umständen “etwaige Schriftzüge des Sponsors Julius Bär auf den vorgesehenen Boliden als entsprechende Provokationen empfunden werden.”

Tatjana Sterneberg ist als ehemalige Insassin des Frauenzuchthauses Hoheneck und Aktivistin in der Aufarbeitung bekannt geworden. Sie war seinerzeit zu vier Jahren Haft verurteilt worden, weil sie sich in einen Italiener verliebt hatte und mit diesem im Westen leben wollte. Nach einem abgelehnten Ausreiseantrag hatten die Verlobten eine Flucht Sternebergs über den Checkpoint Charlie geplant. Diese war von längst eingeschalteten IM´s der Stasi verraten worden.

Nach Medien-Berichten aus dem Jahr 2014 ist das Schweizer Bankhaus Julius Bär von der Bundesrepublik Deutschland auf die Herausgabe von über 130 Millionen Euro verdeckten SED-Vermögens verklagt worden. Das Bankhaus hingegen weist jede Verantwortung zurück, da diese Transaktionen Vorgänger der Bank beträfen, in deren Geschäfte Julius Bär erst später eingetreten sei. Die Bundesrepublik sieht die Bank als Rechtsnachfolger von USB u.a. in der Pflicht, die vorenthaltenen SED-Millionen zu erstatten. Diese sollten nach Auffassung der Bundesregierung den sogen. Neuen Ländern zukommen. Verfolgte des SED/DDR-Regimes hatten dagegen bereits früher die Forderung erhoben, die ausstehenden Millionen z.B. für die Entschädigungen von Haftzwangsarbeit durch politisch Verurteilte einzusetzen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030/30207785 (1.088)

Von Klaus Hoffmann*

Berlin, 18.10.2015/kh – Er wollte sich von Beginn an nie mit dem Mauerbau abfinden, führte zahlreiche Hungerstreiks durch. Nachdem seine Gesundheit gefährdet war, verlegte sich der Zwanzigjährige auf Demonstrationen „für die Freiheit von (damals) 14.000 politischen Gefangenen in der SbZ.“

Am Jahrestag der Verurteilung des Fluchthelfers Harry Seidel, am 14. November 1964, demonstrierte der damalige Reklamearbeiter bei der BVG, Carl-Wolfgang Holzapfel, am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Mutig ging er mit einem Plakat über den berühmten weißen Strich, der die Trennung des Westen der Stadt vom Ostteil markierte.

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: "Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene - - Archiv Holzapfel

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene –
– Archiv Holzapfel

Nachdem er am 17. Juni 1965 diese Demo trotz der Drohung, verhaftet zu werden, wiederholt hatte, sammelte der mittlerweile volljährig gewordene Menschenrechtler von Hamburg bis München in zwölf Großstädten Unterschriften für die Freilassung der politischen Gefangenen. Unterstützt wurde er dabei vom damaligen Senator in Hamburg, Helmut Schmidt, der Holzapfel bei der Genehmigung, vor dem Hamburger Rathaus Unterschriften sammeln zu dürfen, unterstützte. Ernst Lemmer, ehemaliger Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen und nach dem Mauerbau Beauftragter des Bundeskanzlers in Berlin, leistete die erste Unterschrift; Ex-Bundesjustizminister Ewald Bucher unterschrieb ebenso, wie zahlreiche Oberbürgermeister der besuchten Städte oder auch ein leibhaftiger ehemaliger Oberst der Ungarischen Armee oder die geflüchtete Altistin der Budapester Staatsoper.

Nach seiner Rückkehr stellte Holzapfel über 5.000 Unterschriften aus 27 Staaten der Erde fest, unter diesen Ungarn, Polen, DDR, Großbritannien, Frankreich und USA. Für den Gandhi-Jünger stand daher fest: Eine solche Domo war nur am sogen. Ausländerübergang Checkpoint Charlie möglich: „Menschen in aller Welt fordern: Freiheit für …“. Da die Alliierten ihm aber diesen Übergang für Demonstrationen eigens verboten hatten, durfte Holzapfel seine Demo nicht ankündigen, wie das sonst der Fall war. Er berief sich dabei ebenfalls auf sein Vorbild Mahatma Gandhi, der dafür plädiert hatte, dem Gegner immer die Möglichkeit zu geben, auf eine Forderung einzugehen, sein Gesicht zu wahren.

So plante der junge Arbeiter seine dritte Aktion geheim, informierte nur eine Handvoll zuverlässiger Freunde und als einzigen Journalisten den Chefreporter der BILD-Zeitung, Werner Kahl. Als Holzapfel über den zu Ostberlin gehörenden Bürgersteig in der Zimmerstraße in den alliierten Kontrollpunkt einlief, befand er sich bereits hinter der weißen Grenzlinie. Die Westpolizei, damals Erfüllungsgehilfe der Alliierten, konnte nicht mehr eingreifen.

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie - Holzapfel wirdf abgeführt Foto: Archiv

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie – Holzapfel wird abgeführt
Foto: Archiv

Der Demonstrant wurde verhaftet und nach einem dreitägigen Prozess am 7. April 1966 für seinen Einsatz gegen die Mauer und die politischen Gefangene zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt trug sich persönlich am 1. Mai des Jahres vor der Siegessäule in die von Holzapfel begonnene Unterschriftensammlung ein, die von seinen Freunden nach seiner Verhaftung um die Forderung nach seiner Freilassung erweitert worden war.

Heute wissen wir, dass wir zu wenig Menschen hatten, die sich wie Carl-Wolfgang Holzapfel ohne Rücksicht auf ihr eigenes Schicksal für die Menschen in der ehemalige DDR eingesetzt haben. Auch nach fünfzig Jahren: DANKE! (1.044)

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  • Der Autor wurde erstmals 1965 wegen versuchter Republikflucht verhaftet und 1966 eingesperrt. Seit Beginn der 70er Jahre war der Nun-Student in West-Berlin Fluchthelfer (mit dem Astronauten R. Furrer).

V.i.S.d.P.: Klaus Hoffmann, Berlin, Tel.: Redaktion Hoheneck – 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Stuttgart/Berlin, 14.12.2014/cw – Heute vor 100 Jahren wurde Rainer Hildebrandt in Stuttgart geboren. Der am 9. Januar 2004 in Berlin verstorbene Publizist, Museumsgründer, Agenten-Chef, Widerständler und Lebemann war stets umstritten, den Respekt vor seinem Lebenswerk konnte ihm hingegen Freund und Feind nicht versagen.

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke - Foto: LyrAg

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke – Foto: LyrAg

Hildebrandt wurde als Sohn der Malerin Lily Hildebrandt, einer engen Freundin von Marc Chagall (1887-1985) und des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt in der schwäbischen Landeshauptstadt geboren. Sein lebenslanges Faible für die Kunst und seine vielfältige Verbundenheit zu Künstlern war ihm geradezu in die Wiege gelegt worden. Durch die historischen Geschehnisse verlief sein Leben jedoch anders, als vermutlich geplant. Dabei war die Freundschaft der Familien Wolff und Hildebrandt, dieser spielte mit dem späteren Chef der MfS-Auslandsaufklärung, Markus Wolff, im Sandkasten, wohl erst später von – vielleicht – hintergründiger Bedeutung. Stark geprägt und beeinflusst wurde der junge Student (zunächst Physik, später Philosophie und Soziologie) durch Albrecht Haushofer, dessen sogen. Haushofer-Kreis den Attentätern auf Hitler zugeordnet wurde. Hildebrandt wurde nach eigener Darstellung selbst 17 Monate inhaftiert (Wehrkraftzersetzung): In dieser Zeit „habe ich gelernt, gegen das Unrecht zu kämpfen,“ sagte er später über diese Zeit.

Seine Promotion bei Franz Rupp über „ein arbeitspsychologisches Thema“ war lange Zeit umstritten, weil nicht mehr auffindbar. Anlässlich einer gerichtlichen Auseinandersetzung um einen Zeitungsartikel („Die seltsamen Wege des Rainer Hildebrandt“ von Manfred Plöckinger und Carl-Wolfg. Holzapfel, Deutsche Wochenzeitung, Sommer 1963) konnte Hildebrandt dem Gericht eine Bestätigung der Freien Universität Berlin vorlegen, nach der er berechtigt sei, einen akademischen Titel zu führen.

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht - Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur - Foto: LyrAg

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht –
Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur – Foto: LyrAg

CIA und KgU

In den Wirren der Nachkriegszeit kam es zur Kontaktaufnahme Rainer Hildebrandts mit dem US-Geheimdient CIA, in deren Folge die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ gegründet wurde, deren Chef Hildebrandt wurde. Über die Umstände dieser Gründung und die Hintergründe seiner engen Zusammenarbeit mit der CIA hat sich Hildebrandt nie konkret ausgelassen. Anregungen, mehrfach auch durch den Autor dieser Erinnerung, seine Biografie über den Widerstand zu schreiben („Das würde John Le Carré in den Schatten stellen!“) kommentierte er mit seinem unnachahmlichen „Ja, meinst du?“

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) - Foto: LyrAg

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) – Foto: LyrAg

Über die Geschicke der KgU gibt es seither die unterschiedlichsten Darstellungen. Hildebrandts Einlassungen, nachdem er sich mit dem Nachfolger Tillich über die Formen des Widerstandes zerstritten habe, weil er den „gewaltlosen Kampf“ favorisierte, ist mit Fragezeichen zu versehen. Nachweislich, also unwidersprochen, hat sich Hildebrandt Anfang der sechziger Jahre, nicht zuletzt stark beeinflusst durch den Inder T.N. Zutshi, dieser Form des Widerstandes nach dem Vorbild Gandhis angeschlossen bzw. verpflichtet gefühlt.

Auch die Wirkungen Hildebrandts auf Ereignisse um den 16. und 17. Juni 1953 sind nebulös, er hat sich selbst auch dazu nie nachvollziehbar erklärt. Seine Verdienste um die Erinnerung an den ersten Volksaufstand gegen den Kommunismus in Europa nach dem zweiten Weltkrieg sind hingegen unbestritten, legendär sein Buch „Als die Fesseln fielen“ (Arani Verlag, Berlin 1956) eine erste konkrete Schilderung der Ereignisse durch Akteure des Aufstandes.

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) - Foto: Archiv

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) –
Foto: Archiv

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 schlug sich der Publizist mit Beiträgen und Kommentaren (z.B. DER TAGESSPIEGEL) zu aktuellen Themen der deutschen Teilung und durch den Betrieb einer Kaffeestube nahe einem S-Bhf. durch. Diese Boheme-haft anmutende Lebensweise änderte sich schlagartig nach dem Bau der Mauer. Beharrlich sammelte der gelernte „Kalte Krieger“ von Beginn an Dokumente dieses „verbrecherischen Aktes gegen die Menschlichkeit.“ Im Spätsommer 1962 mietete Hildebrandt eine kleine Wohnung an der Bernauer-/Ecke Wolliner Straße im ersten Stock und baute dort seine erste Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ auf. Durch einen vorgelagerten Austritt konnten die Ausstellungsbesucher einen weiten Blick in den zugemauerten Teil Ost-Berlins werfen.

Frauen begleiteten den lebenslangen Charmeur

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße - Foto: LyrAg

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße – Foto: LyrAg

In der Akquirierung geeigneter Menschen für seine Projekte war und blieb er zeitlebens unschlagbar. Mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft und seinem unwiderstehlichen Charme, der besonders auf viele seiner Frauen wirkte, die den lebenslangen Charmeur durch sein quirliges Leben begleiteten, wurde er zum Menschenfischer. So sprach er den Autor während dessen ersten Hungerstreik am Mahnmal des erschossenen Maueropfers Günter Litfin an und warb ihn als ersten Leiter der vor der Eröffnung stehenden Ausstellung an. Natürlich zu typisch Hildebrandtschen „ideellen Bedingungen“: Ohne Bezahlung. Die setzte erst im März 1963 ein (mtl. 380 DM), als es Hildebrandt endlich und erstmals gelang, Fördergelder aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie zu erhalten: „Wir sind gerettet,“ so sein glücklicher Kommentar damals.

Bereits im Frühjahr 1963 gelang es der neuerlichen Hass-Figur der DDR, unmittelbar am Checkpoint Charlie Räume anzumieten, um an dieser weltberühmten Nahtstelle des Ost-West-Konfliktes seine zweite Ausstellung zu eröffnen (Wenig später wurde die Ausstellung in der Bernauer Straße aus Kostengründen geschlossen). Diese Neueröffnung fand im Beisein Berliner Prominenz, u.a. dem Berlin-Beauftragten Ernst Lemmer statt und stellte für Hildebrandt einen Durchbruch dar. Zwischenzeitlich hatte er die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ gegründet, nachdem die Existenz der „Berliner Häftlingskreise“ – unter deren Namen die Ausstellung in der Bernauer Straße eröffnet worden war – u.a. in dem besagten Zeitungsartikel bezweifelt worden war. Somit wurden die seinerzeitigen Kritiker zum Geburtshelfer des Vereins, dessen Erfolgsgeschichte seinesgleichen sucht. Aus den (allerdings kurzfristigen) Kontrahenten wurden übrigens lebenslange Freunde.

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. "08" mit PE in der Hand - Foto: LyrAg

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. „08“ mit PE in der Hand) – Foto: LyrAg

Sein Lebensstil blieb stets bescheiden

Rainer Hildebrandt wurde häufig sein „laxer Umgang“ mit Finanzen vorgeworfen. Immerhin wurde die Ausstellung „Haus am Checkpoint Charlie“ im Laufe der Zeit zu einem Millionenunternehmen, was das Ehepaar Hildebrandt veranlasste, Anfang dieses Jahrhunderts auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten. Dennoch ging dieser hartnäckige Vorwurf fehl. Der Museumsgründer war nie auf Gewinnmaximierung aus, blieb zeitlebens ein Idealist. Der Kampf gegen das Unrecht war sein Lebensinhalt, die Förderung vieler Flüchtlinge und Widerständler sah er als selbstverständlich an. Sein persönlicher Lebensstil blieb stets bescheiden. Sein „Geiz“ gegenüber Beschäftigten war ebenso legendär wie seine mentale Großzügigkeit gegenüber Freunden.

War dieser Mann ein Vorbild? Unter dem Strich kann diese Frage bejaht werden. Trotz vielfacher Fragezeichen, die seine Vita besonders im sogen. Kalten Krieg kennzeichneten (was wohl im engen Zusammenhang mit seinem hartnäckigen Schweigen besonders über die Tätigkeiten der KgU unter seiner Ägide steht) hat Hildebrandt in außergewöhnlicher Weise und beispielhaft dazu beigetragen, das Unrecht des Mauerbaus („Die Mauer ist Unrecht – Fluchthilfe ist die Wiederherstellung eines Rechts“ war eine seiner markanten und vielfach propagierten Aussagen) vor aller Welt zu dokumentieren und das Bewusstsein über dieses Unrecht lebendig zu halten.

Nach 11 Jahren noch immer keine Ruhestätte zum Trauern

Ohne diesen Mann und seinen festen Glauben an die Werte der Freiheit, ohne seine Beharrlichkeit, von Beginn an unschätzbare Dokumente und Materialien aus dieser Zeit zu sammeln, gäbe es heute keine fast lückenlose Dokumentation über die Geschehnisse während der Existenz der Mauer von 1961 – 1989. Berühmte Politiker und Zeitgenossen, Präsidenten und Monarchen haben ihm dafür ihre Aufwartung gemacht, diesem eindrucksvollen Mann der Widersprüche gedankt – zu Recht.

Stille Demo für die Beisetzung der Urne  2007 am Checkpoint Charlie - Foto.LyrAg

Stille Demo für die Beisetzung der Urne 2007 am Checkpoint Charlie – Foto.LyrAg

Trotzdem bleibt zu seinem 100. Geburtstag Wehmut. Seine sterblichen Überreste harren seit fast elf Jahren nach wie vor im Krematorium Ruhleben in einem Regal der Beisetzung. Seine streitbewehrte Witwe Alexandra weigert sich nach wie vor, seine Urne beizusetzen. Sie besteht auf einem Ruheplatz neben Albrecht Haushofer, dem einstigen väterlichen Freund und Nazi-Opfer. Das Grab Haushofers liegt auf einem bereits Jahre vor Hildebrandts Ableben geschlossenen Friedhof in Berlin-Moabit. Eine naheliegende Beisetzung auf dem Ehrenfeld der Opfer vom 17. Juni 1953, für die der Senat bereits vor vielen Jahren sein Einverständnis erklärt hatte, lehnt die jetzige Direktorin des Museums ab.

Freunde, unter ihnen nicht wenige einstige Fluchthelfer, Flüchtlinge und Weggefährten, können also auch anlässlich seines 100. Geburtstages keinen Blumengruß an einer Grabstätte niederlegen. Auch die Stadt Berlin steht recht hilflos vor der Situation, keine sichtbare Ehrung vornehmen zu können.

So bleibt nur auf diesem Weg der Dank an einen verdienten Bürger Berlins und nicht zuletzt an einen jahrzehntelangen Freund: Wir werden Rainer Hildebrandt, diesen umstrittenen aber aufrechten Freiheitskämpfer nicht vergessen. (906)

Siehe auch: http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/erfuellt-doch-bitte-seinen-letzten-wunsch#

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

von Klaus Hoffmann*

Berlin, 13.08.2014 – Am 13. August wurde nicht nur die Mauer gebaut. Am 13. August 1966 gelang mir, Klaus Hoffmann, über den Übergang Checkpoint Charly die Flucht in die Freiheit. Grund genug, jedes Jahr an diesem Tag zu feiern und sich mit besonderen Menschen zu treffen. Diesmal, im Jahr 25 nach dem Mauerfall, traf ich mich mit Carl-Wolfgang Holzapfel im Herzen von Charlottenburg. Hier wuchs er auf, hier lebt er wieder, seit er 2008 nach 38 Jahren in Bayern zurückkehrte.

Der erste Hungerstreik 1962 am Mahnmal für Günter Litfin - Archiv Holzapfel

Der erste Hungerstreik 1962 am Mahnmal für Günter Litfin – Archiv Holzapfel

Man sieht dem rüstigen Rentner auf einer Bank im schönen Park am Lietzensee seine durchaus bemerkenswerte Vergangenheit nicht an. Von 1961 bis 1989 demonstrierte der gerade 70 Jahre alt gewordene Mann beharrlich gegen die Berliner Mauer. „Keiner hat so ausdauernd und permanent gegen die Mauer demonstriert, wie er,“ sagte 1990 der verstorbene Museumsgründer vom Checkpoint Charlie, Rainer Hildebrandt, über seinen Freund anlässlich der Verleihung der Sacharow-Medaille.

Warum hat er sich das angetan? Hätte er nicht wie viele Millionen sein Leben egoistischer genießen können?

Holzapfel, 1944 im schlesischen Bad Landeck geboren, denkt nach, wiegt mit dem Kopf. Eigentlich würde ein solches Leben in die Wiege gelegt. Durch die Scheidung der Eltern mussten er und seine zwei Geschwister viele Jahre in Heimen zubringen: „Wenn du mit vier Jahren eine ganze Nacht im Heizungskeller zubringen mußt, nur weil du mit deinem Bruder abends im Bett noch geschwatzt hast oder mit 15 Jahren in einer kirchlichen Einrichtung bis zu vierzehn Stunden am Tag in der Landwirtschaft malochen mußt, dann denkst Du sensibler über Recht und Unrecht nach,“ sagt er.

Von der Ausstellung in der Bernauer Straße blickte Holzapfel direkt auf das gegenüberliegende zugemauerte Haus - Archiv Holzapfel

Von der Ausstellung in der Bernauer Straße blickte Holzapfel direkt auf das gegenüberliegende zugemauerte Haus – Archiv Holzapfel

Aber was hat das mit seinem ausgeprägten politischen Engagement zu tun, frage ich den heutigen Vorsitzenden der Vereinigung 17. Juni 1953. Er gehört diesem Verein immerhin seit 1963 an.

In seiner Familie habe sich deutsche Geschichte wiedergespiegelt. Seine Großeltern väterlicherseits waren engagierte Nationalsozialisten, sein Großvater brachte es bis zum Reichsamtsleiter für Musik, er wurde 1945 von den Russen unter einem Vorwand abgeholt und gilt seither als verschollen. Seinem Vater hingegen wurde das Studium (Germanistik und Zeitungswissenschaften) aus politischen Gründen verboten, dessen Schwester, der verwitweten Frau des 1936 bei Jena aus dem Leben geschiedenen berühmten Expressionisten Reinhard Goering („Seeschlacht“, „Scapa Flow“, „Die Südpolexpedition des Kapitän Scott“ u.a.) wurde der  Lebensgefährte vor der beabsichtigten  Hochzeit (das Paar hatte bereits zwei Töchter) von der GESTAPO „auf der Flucht erschossen,“ sie selbst in zwölfmonatige GESTAPO-Haft genommen.

2013 zum ersten Mal in seinem Geburtsort Bad Landeck im heutigen  Polen - Foto: LyrAg

2013 zum ersten Mal in seinem Geburtsort Bad Landeck im heutigen Polen – Foto:
LyrAg

Der Großvater mütterlicherseits, ein Polizeioffizier in Berlin-Moabit, kam auf ungeklärte Weise ums Leben; ihm wurden Verbindungen zum Widerstand nachgesagt. Die Großmutter, dessen Frau hingegen war glühende Hitler-Verehrerin und vermittelte ihren Enkeln noch nach dem Krieg, Hitler habe die Juden umgebracht, weil diese „die Mörder unseres Herrn Jesu waren.“

Schließlich habe er, Holzapfel, schon früh darüber nachgedacht, daß „17 Millionen Deutsche quasi durch einen Willkürakt der Sieger zu den alleinigen Büßern der Geschichte bestimmt worden waren.“ Daraus entstand aus seiner Sicht die Verpflichtung, für diese 17 Millionen Landsleute zumindest solange einzutreten, wie diese daran gehindert waren, die eigene Stimme zu erheben.

Hatten die Bewohner der SbZ, der später anerkannten DDR, nicht am 17. Juni 1953 ihre Stimme erhoben?

Schrift zum 50. jahrestag des Volksaufstandes - Foto: LyrAg

Schrift zum 50. jahrestag des Volksaufstandes –
Foto: LyrAg

Das war ja unüberhörbar,“ meint Holzapfel, „aber unüberhörbar waren auch die Ketten  der sowjetischen Panzer, die diesen Aufschrei gegen die neuerliche Diktatur niedergewalzt haben.“ Er hatte an den 17.Juni zunächst nur die Warnung der Großmutter in Erinnerung: „Bleibt zuhause, Kinder, die Russenpanzer kommen.“ Seine Wahrnehmung begann erst drei Jahre später, als die Revolution in Ungarn tobte. „Wir haben das Geschehen vom ersten bis zum letzten Tag verfolgt, auf dem Schulhof debattiert, die Zeitungen verschlungen, am Radio geklebt.“ Der damals Zwölfjährige versuchte, das empfundene Trauma ein Jahr später durch ein Theaterstück („Diese Vorstellung hat nie stattgefunden“) zu verarbeiten. Mit 14 Jahren schrieb Holzapfel einen „Deutschlandplan“, der 60 Artikel umfasste und eine Lösung der „offenen deutschen Frage, mithin die Überwindung der Teilung unter internationaler Beteiligung“ zum Inhalt hatte. Eine bereits abgesprochene Veröffentlichung im sozialdemokratischen Telegraf in Berlin scheiterte an einer erneuten Heimunterbringung, diesmal in Niedersachsen.

Am 13. August 1961 wurde die Mauer in Berlin gebaut.

Bei -15 Grad Hungerstreik am Peter-Fechter-Mahnmal 1963 - Foto: LyrAg

Bei -15 Grad Hungerstreik am Peter-Fechter-Mahnmal 1963
– Foto: LyrAg

Holzapfel stellt richtig: „Am 13. August wurden erste Zäune gezogen, Sperranlagen errichtet, Straßen aufgerissen. Der Mauerbau begann erst drei Tage später.“  Nach seiner Ansicht Zeit genug für die West-Alliierten, auf die Absperrung zu reagieren. Dazu sei aber einzig General de Gaulle bereit gewesen. Gleichwohl sei er von den halbstündlichen Nachrichten am damaligen Sonntag, die er in einem Lehrlingsheim in Hamburg verfolgte, erschüttert worden. Ende des Monats habe er es nicht mehr ausgehalten, seinen Ausbildungssold für eine Fahrkarte nach Berlin benutzt. Am Bahnhof Zoo angekommen, habe er sich in ein Taxi gesetzt und nur „Bernauer Straße“ als Ziel angegeben. Diese war in den wenigen Tagen nach dem Mauerbau zur „Straße der Tränen“ mutiert, weil hier die ersten Toten zu beklagen waren.
Dann stand der 17jährige vor der zugemauerten Versöhnungskirche und weinte. Er kämpft noch heute mit den Tränen, wenn er von diesem emotionalen Moment berichtet. Holzapfel wollte nicht verstehen, dass nach der NS-Vergangenheit vor der Weltöffentlichkeit neues Unrecht praktiziert, Menschen erneut eingemauert wurden, ohne dass sich dagegen bemerkenswerter Widerstand erhob. Er wird feierlich: „Ich schwor vor dieser zugemauerten Kirche, von deren Turm ein überdimensional wirkender Christus seine segnenden Hände über den Todesstreifen ausbreitete, nicht eher zu ruhen, bis diese Mauer fallen oder ich das Zeitliche segnen würde.“

Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene - 14.11.1964 - Archiv Holzapfel

Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene – 14.11.1964
– Archiv Holzapfel

An diesem Schwur habe er sein Leben orientiert, habe zumindest versucht, sich daran zu halten. „Das war nicht einfach,“ sagt er rückblickend, denn auch sein familiäres Leben habe letztendlich unter dieser „Treue zum Eid“ gelitten. Zunächst aber habe er in endlosen Diskussionen seinen Weg zum Widerstand finden müssen. Konnte nicht nur Gewalt ein deutliches und unübersehbares Zeichen gegen Gewalt setzen? Belegten das nicht zuletzt die Ereignisse in Algerien, wo sich die Freiheitskämpfer mit Sprengstoff gegen die Franzosen durchzusetzen versuchten?

Im Sommer 1962 begegnete der 18jährige dem indischen Ingenieur T.N. Zutshi und war fasziniert. Zutshi war nach dem Ungarn-Aufstand nach Europa gekommen, um hier für den gewaltlosen Kampf nach den Methoden Mahatma Gandhis zu werben. 1960 hatte er auf dem Alexanderplatz im Osten Berlins mit einem Schild demonstriert: „Menschen hinter dem Eisernen Vorhang – der erste Weg zur Freiheit: Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit.“ Holzapfel ist noch heute begeistert: „Das, was der mutige Inder dort aussprach, wurde 1989 tatsächlich umgesetzt. Er war ein Rufer in der Wüste der Nichtgläubigen und wurde im nachhinein zum Propheten.“

Für eine mögliche Flucht wurde nachts der Stacheldraht beseitigt - Foto: LyrAg

Für eine mögliche Flucht wurde nachts der Stacheldraht beseitigt – Foto: LyrAg

Der junge Mann entschied sich für den gewaltlosen Kampf gegen die Mauer. Als Zutshi im Oktober 1962 auf Anweisung der Alliierten eine gewaltlose Demonstration vor der Versöhnungskirche von Innensenator Heinrich Albertz verboten wurde, setzte sich Holzapfel spontan unter das gegenüberlegende Straßenschild „Hussitenstraße“ und verkündete einen 72stündigen Sitz- und Hungerstreik aus Protest gegen die Mauer. Da ihm das alsbald ebenfalls untersagt wurde, setzte er diesen Streik noch am selben Abend am Mahnmal für den ersten erschossenen Mauer-Toten Günter Litfin am Humboldthafen (heute Hauptbahnhof) fort.

Rainer Hildebrandt warb den zu diesem Zeitpunkt bei Bremen arbeitenden Holzapfel für die gerade in Vorbereitung befindliche Mauerausstellung „Es geschah an der Mauer“ in der Bernauer- Ecke Wolliner Straße an. Ab Dezember 1962 übernahm er die Leitung „für eine Mark pro Tag, für die ich mir alten Kuchen in der Bäckerei um die Ecke besorgte.“ Ab und an „kochten mir Nachbarn einen  warmen Eintopf,“ erinnert er sich. Hildebrandt erhielt erst ab März 1963 Zuwendungen von der Klassenlotterie, aus denen er dann auch Holzapfel ein kleines Salär zahlen konnte.

Prophetische Forderung: Zutshi 1960 auf dem Alexanderplatz in Ostberlin - Foto: Archiv

Prophetische Forderung:
Zutshi 1960 auf dem Alexanderplatz in Ostberlin – Foto: Archiv

Im Sommer des Jahres beteiligte sich Holzapfel an einem Tunnelbau vom Güterbahnhof an der Bernauer Straße aus. Sechs Meter tief und 60 Meter lang sei der Tunnel gewesen. Kurz vor Erreichen des Kellers im Zielhaus wurde das Unternehmen verraten, 21 Menschen wurden verhaftet und verurteilt, eine Frau starb in der Haft.

Der Mauerdemonstrant entwickelte immer neue Formen des Widerstandes. Meterhoch wurde auch die Mauer in der Bernauer Straße von ihm mit Texten versehen: „Trotz Mauer ein Volk – KZ“ und „Diese Schande muss weg – KZ“, Flugblätter wurden über die Mauer geworfen, Stacheldraht bei Nacht von der Mauerkrone entfernt, „damit dahinter patrouillierende Soldaten die Flucht ergreifen konnten.“ Nach der einvernehmlichen Einstellung des Lautsprecherkrieges zwischen Ost und West stellte Holzapfel eigene Sendungen zusammen, die er mit einem Megafon und einem transportablen Tonbandgerät an der Grenze abspielte: „Hier spricht Studio Freies Deutschland – Sender am Stacheldraht“ tönte es zu den Klängen aus AIDA in der Bernauer Straße oder von einem Balkon der Reichstags-Ruine, in die sich Holzapfel nachts geschlichen hatte. Nachrichten aus Ost-Europa und der Zone wurden ebenso ausgestrahlt wie der Appell, nicht auf Deutsche zu schießen.

Das Angebot von Heinrich Albertz, die Sendungen vor Ausstrahlung im Schöneberger Rathaus dem Pressesprecher Peter Hertz vorzulegen, lehnte Holzapfel allerdings „als Zensur“ ab. „Ein Fehler,“ wie er heute freimütig zugibt, „da hätte sich was Konstruktives entwickeln können.“

1963: Direkt vor der Mauer begann der Tunnel - Foto: LyrAg

1963: Direkt vor der Mauer begann der Tunnel – Foto: LyrAg

Man könnte sich ewig mit diesem Mann unterhalten, so vielfältig und interessant sind seine Geschichten um die Berliner Mauer. Nach weiteren Hungerstreiks, der letzte am von ihm errichteten Kreuz für Paul Schultz, einem Weihnachten 1963 an der Thomaskirche in Kreuzberg erschossenen 18jährigen Flüchtling, dauerte zehn Tage und brachte ihn für sechs Wochen in ein Krankenhaus, entwickelte Holzapfel auf Anraten der behandelnden Ärzte neue Formen der Demonstration. Am 14. November 1964, dem zweiten Jahrestag der Verhaftung von Harry Seidel, der als Fluchthelfer zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt worden war, ging Holzapfel erstmals über den weißen Strich, der die Grenze zwischen Ost und West markierte und demonstrierte am Übergang „Heinrich-Heine Straße“ (Moritzplatz) mit einem Schild: „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene in der SbZ“.
Holzapfel: „Gandhi hatte gesagt, er habe kein Vertrauen in Appelle, wenn nicht hinter ihnen die Kraft der Bereitschaft steht, etwas für die Sache zu tun oder persönlich zu opfern.“ Es wäre also eine Sache der Glaubwürdigkeit gegenüber den Machthabern in Ost-Berlin gewesen, sich selbst einzubringen und damit die Ernsthaftigkeit des Anliegens zu unterstreichen.

Am 18. Oktober 1965, nach einer dritten derartigen Demonstration, wurde Holzapfel schließlich am Checkpoint Charlie verhaftet und am 7. April 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach neun Monaten Einzelhaft in Hohenschönhausen, drei Monaten in Bautzen und drei Wochen in der Stasi-Zentrale in der Magdalenenstraße wurde Holzapfel freigekauft. Zuvor hatte auch   Bundeskanzler Erhard am 1. Mai die Forderung auf Freilassung unterschrieben.

18.10.1965: Verhaftung am Checkpoint Charlie - Foto: Archiv

18.10.1965: Verhaftung am Checkpoint Charlie –
Foto: Archiv

Doch der Mauerdemonstrant gab nicht auf, hatte sich durch die Haft nicht einschüchtern lassen. Neben weiteren Aktionen und Demonstrationen gegen die Mauer sind folgende besonders hervorzuheben:

Am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, legte sich der mittlerweile 45jährige diagonal über den weißen Strich am Checkpoint Charlie (Kopf und Herz im Osten, die Füße im Westen) und demonstrierte so über drei Stunden gegen die Mauer und für die Freizügigkeit seiner Landsleute. Eine weiße Binde in Höhe des Bauches ließ den weißen Strich optisch über seinen Körper laufen. „Man kann überall Linien ziehen und eine Teilung behaupten. Aber so wie ich für alle sichtbar ein Ganzes bin, so ist Berlin, so ist Deutschland ein Ganzes,“ erläuterte er seine Aktion. Und den aufmarschierten jungen DDR-Grenzern rief er zu: „Was strengt ihr euch so an, den 30.Jahrestag (des Mauerbaus) erlebt ihr doch sowieso nicht mehr.“ Nach über drei Stunden hatten sich Sowjets und US-Amerikaner über die Zuständigkeiten geeinigt. Der Demonstrant wurde von vier Westberliner Polizisten aufgehoben und in einem Polizeiauto abtransportiert. Nicht nur Klaus Kleber (ZDF) nannte ihn den „Mann vom Checkpoint Charlie„.

Lebendige Brücke am 13.08.1989: Den 30.Jahrestag erlebt ihr nicht mehr. - Foto: Burmeister

Lebendige Brücke am 13.08.1989: Den 30.Jahrestag erlebt ihr nicht mehr.
– Foto: Burmeister

Ab 8.November gegen Abend wurde in Fürstenfeldbruck das örtliche Wochenblatt Brucker Echo verkauft. Auf der ersten Seite stand die Meldung: „Holzapfel an Krenz: Reißen Sie die Mauer ein!“ Der Brucker Bankkaufmann hatte Ende Oktober in einem offenen Brief  den Nachfolger Honeckers  aufgefordert, die Mauer zu öffnen und angekündigt, ansonsten „im Dezember nach Berlin zu kommen, um diese symbolisch zum Einsturz zu bringen.“ Die Kollegen hielten ihn wieder einmal für verrückt. Am Abend des 9. November wurde die Mauer geöffnet, am 10. November stand eine Rose auf seinem Schreibtisch und eine Karte: „DANKE!“

Im August 1990, das Ende der DDR per 2. Oktober, 24:00 Uhr, war bereits beschlossene Sache, begann Holzapfel einen unbefristeten Hungerstreik vor dem Justiz-Ministerium in Ost-Berlin: „Terror-Minister Wünsche, treten sie zurück!“. Der von seiner Bank nach Eisenach zur Währungsunion entsandte Bankkaufmann hatte zuvor in der WELTamSONNTAG gelesen, dass der Justizminister der ersten frei gewählten DDR-Regierung dieses Amt bereits unter Ulbricht und Honecker ausgeübt hatte. Das konnte und wollte der einstige DDR-Gefangene nicht akzeptieren. „Dreimal ließ mich Kurt Wünsche in sein Ministerbüro bitten, um seine Unschuld zu beteuern. Beim dritten Mal – nach sechs Tagen Hungerstreik vor seiner ministerialen Haustür – gab er mir dann seinen Rücktritt bekannt. Er hatte sich gegen den Willen seines Ministerpräsidenten dem Rücktritt von drei weiteren Minister angeschlossen,“ erzählt der Rentner heute zufrieden und mit einem leichten Lächeln.

Nach sechs Tagen Hungerstreik trat Kurt Wünsche zurück - Foto: LyrAg

1990: Nach sechs Tagen Hungerstreik trat Kurt Wünsche zurück – Foto: LyrAg

Bereut er heute etwas?

Auch diese Antwort kommt nicht wie aus der Pistole geschossen. Holzapfel überlegt lange, dann: „Vielleicht hätte ich nach der Maueröffnung das Kapitel abschließen, mich den schönen Seite des Lebens widmen sollen. Aber,“ so fragt er und wirkt dabei nicht mehr nachdenklich, „hätte es dann einen vorzeitigen Rücktritt des Justizministers gegeben? Hätten wir heute, nach langem Kampf und neuntägigen Hungerstreik in 2005 vor dem heutigen Finanzministerium einen überfälligen „Platz des Volksaufstandes von 1953“ vor eben diesem Ministerium? Vor den Erfolg setzen die Götter den Schweiß des unbedinten Engagements. Das wusste ich und das weiß ich.“

Aber sein Familienleben, sein persönliches Glück?

Das wäre eine Sache der Gewichtung, räumt der nunmehrige Rentner ein. „Diese Frage stellt sich Jedem, der – aus welchen Gründen auch immer – keine Alternative zum Widerstand sieht.“ Und er nennt Namen seiner Vorbilder: Stauffenberg, die Geschwister Scholl, Bonhoeffer. Holzapfel sieht in dieser Infragestellung aber auch etwas Unanständiges:

2005: Neun Tage hungerte Holzapfel für einen Platz des 17. Juni - Foto: LyrAg

2005: Neun Tage hungerte Holzapfel für einen Platz des 17. Juni –
Foto: LyrAg

Der zeitweilige Verzicht auf Liebe, geboren aus höherer Not, weil aus Verantwortung gegenüber der Geschichte und der Pflicht, gegen Unrecht und Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer diese auftreten mögen, sei ein Wert an sich. Er lässt sich nicht gegen die Familie oder die Menschen ausspielen, denen selbstverständlich auch die Liebe gehört. Schließlich schöpft ein Widerständler gerade daraus die notwendige Kraft und innere Stabilität, ohne die jedweder Einsatz an der eigenen Unzulänglichkeit scheitern muss.

Nach zwei Stunden verabschieden wir uns. Mir scheint, dass der in die Jahre gekommene einstige Demonstrant nach dem Aufrühren seiner Erinnerungen bewegt ist. Auch ich spüre: Für mich wird der diesjährige 13. August ein ganz besonderer Tag.(838)

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* Der Autor (*1943) scheiterte zunächst mit einem Fluchtversuch und saß 1965/66 nach der Verhaftung in Untersuchungshaft, zunächst in České Budějovice (CSSR) dann in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Am 13. August 1966 gelang einem Freund und ihm die Flucht über den Checkpoint Charlie nach West-Berlin. Einer seiner Fluchthelfer war der erste deutsche, 1995 verstorbene Astronaut Reinhard Furrer. Hoffmann selbst beteiligte sich in den folgenden Jahren als Fluchthelfer an zahlreichen Fluchtunternehmen; er studierte zu dieser Zeit an der FU. Die eigenen Erlebnisse veranlassten ihn, zum bevorstehenden Jahrestag der Mauererrichtung und seiner Freiheit den Mauerdemonstranten und persönlichen Freund um ein Gespräch über die damalige Zeit zu bitten.

 Klaus Hoffmann, Berlin, V.i.S.d.P., ist unter 030-24722844 erreichbar. © 2014

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