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Nr.067 – Einigkeit und Recht und Freiheit – 15. 07. 2017

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Kein Ehrengrab, keine Straße: Vor 55 Jahren verblutete Peter Fechter

Berlin, 15.07.2017/cw – Am 17. August 1962, vor 55 Jahren, verblutete der achtzehnjährige Peter Fechter vor den Augen der Weltöffentlichkeit an der Berliner Mauer. Unweit des Checkpoint Charlie hatte er versucht, zusammen mit seinem Freund die Mauer zu überwinden. Während seinem Freund Helmut Kulbeik die Flucht gelang, wurde Fechter unmittelbar vor der letzten Mauer von Kugeln der DDR-Grenzposten getroffen. Seine Hilfeschreie über die Mauer hinweg wurden immer leiser. Erst nach 50 Minuten schleppten herbeigeorderte Uniformierte den Sterbenden durch die Zimmerstraße über Stacheldrahtsperren hinweg in das Hinterland.

Der Abtransport von Peter Fechter am 17.08.1962 – (Plakat: Vereinigung 17. Juni anl. d. Unterschr-Sammlung für eine Peter-Fechter-Straße 2012) – Foto. LyrAg

Fechter war nicht der erste Tote, der durch Kugeln des verbrecherischen DDR-Systems an der Mauer starb. Bereits am 24. August 1961 war Günter Litfin (24) beim Durchschwimmen des Humboldt-Hafens nahe dem S-Haltepunkt Lehrter Bahnhof durch Beschuss ermordet worden. Am 9. Dezember des selben Jahres wurde der Fluchthelfer und Student Dieter Wohlfahrt (20) an der Zonengrenze in Staaken (Nördliche Bergstraße) bei einem Fluchthilfeversuch ermordet. Er war, wie man später erfuhr, in eine vorbereite Falle der Stasi gelaufen. Auch Wohlfahrt verblutete jämmerlich im Grenzstreifen, ehe sein Leichnam durch den Stacheldraht in die DDR gezogen wurde. Sebastian Haffner (+1999) schrieb aus diesem Anlass in „Christ und Welt“ die bislang erschütternste Anklage gegen den „Mord an der Mauer“.

Peter Fechters Tod wurde gleichwohl zum Synonym für die gnadenlose und blutige Jagd auf Flüchtlinge mitten in der geteilten Hauptstadt Deutschlands. Dafür verantwortlich waren nicht zuletzt die filmischen Sequenzen des Westberliner Kameramannes Herbert Ernst (*1939), der mit seiner 16-Millimeter-Arriflex-Kamera den Abtransport des sterbenden Ostberliners gefilmt hatte. Seine Bilder bewegten zusammen mit den Bildern des Fotografen Wolfgang Bera jahrzehntelang die Menschen in aller Welt.

Einzig diverse Senate in Berlin ignorierten immer wieder erhobene Forderungen, nach Peter Fechter eine Straße zu benennen. Zuletzt hatte die Vereinigung 17. Juni zum 50. Todestag am Checkpoint Charlie eine Unterschriftensammlung gestartet und als Kompromiss die Umbenennung der historischen Zimmerstraße zwischen Checkpoint und dem Springer-Verlag vorgeschlagen, auch dies vergeblich. Der seinerzeitige rot-rote Senat lehnte im Dezember 2005 und erneut 2012 selbst eine Widmung der Ruhestätte Fechters auf dem Friedhof der Auferstehungsgemeinde in Berlin-Weißensee als Ehrengrab ab.

Während Rudi Dutschke trotz bereits vorhandener Straßen-Widmung in Berlin-Dahlem ohne große Schwierigkeiten trotz an anderer Stelle immer wieder abgelehnter „Doppelbenennungen“ einen Teil der legendären Kochstraße zugedacht bekam, hat die Stadt für das traurig-prominenteste Opfer der Berliner Mauer bisher kein angemessenes Gedenken übrig.

Einzig Eberhard Diepgen (CDU), der am längsten amtierende Nachkriegs-Regierende von Berlin, erkannte wohl dieses Versäumnis, als er sich 2012 in der Berliner Morgenpost den Forderungen nach einer Straßenbenennung anschloss und eine entsprechende Namensgebung als „lebendigen Geschichtsunterricht“ bezeichnete.

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Der Hohenecker Bote verzichtet aus Anlass des bevorstehenden 55. Jahrestages des Todes von Peter Fechter in der vorliegenden Ausgabe auf weitere Beiträge, um die Erinnerung an den Fechter-Tod zu gewichten. Wir verbinden damit die Hoffnung auf ein Umdenken im aktuellen Senat in dieser für die Geschichte der Stadt bedeutsamen Angelegenheit.

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder (1.263).
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Ein vermutlich vergeblicher offener Brief an Donald Trump

Germany/Berlin, 25.01.2017

Mister President,

Ronald Reagan, einer Ihrer großen Vorgänger im Amt des US-Präsidenten, rief am 12. Juni 1987 in Berlin vor dem zugemauerten Brandenburger Tor aus: “Tear down this wall!” („Reißen Sie diese Mauer nieder!“) Er appellierte mit seiner Rede an den damaligen Staats- und Parteichef der UdSSR, Michail Gorbatschow, die Berliner Mauer endlich einzureißen. Ronald Reagan sprach damals Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt aus dem Herzen.

Jetzt wollen Sie, Mister President, an der Grenze zu Mexiko getreu Ihrem Wahlversprechen ebenfalls eine Mauer bauen. Wahlversprechen sind ein hohes Gut, sie werden trotzdem regelmäßig gebrochen. Wir sagen dazu in deutsch: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Insoweit finden Sie sicherlich breite Zustimmung, wenn Sie sich bemühen, Ihre Wahlversprechungen zügig umzusetzen.

Dabei sollten Sie allerdings auch den Mut haben, Irrtümer einzuräumen. Zu diesen Irrtümern gehört zweifellos Ihre Absicht, in die historischen Fußstapfen der einstigen DDR-Chefs Walter Ulbricht und Erich Honecker zu treten. Der zitierte DDR-Diktator Walter Ulbricht hielt sein Versprechen „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, vom 15. Juni 1961 nicht ein. Er begann am 13. August 1961, die berühmt-berüchtigte Mauer zu errichten. Dies war ein schreckliches Verbrechen wider die Menschlichkeit. Und dieses Verbrechen wird auf alle Zeit mit dessen Namen verbunden bleiben.

Der Abtransport von Peter Fechter am 17.08.1962 - Sollen künftig gleiche Bilder von der Grenze Mexiko/USA die Welt erschüttern? (Plakat: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.)

Der Abtransport von Peter Fechter am 17.08.1962 – Sollen künftig gleiche Bilder von der Grenze Mexiko/USA die Welt erschüttern? (Plakat: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.)

28 (viel zu lange) Jahre standen die Vereinigten Staaten zumindest verbal hinter unserem Ruf „Die Mauer muß weg!“ Ohne diese wesentliche Unterstützung im Kampf gegen die Teilung Deutschlands und Europas würden wir wahrscheinlich noch heute in einem geteilten Land, in einem geteilten Europa leben. Wollen Sie allen Ernstes, das die Errichtung einer Mauer zu Mexiko auf ewig mit Ihrem Namen, mit Ihrer Amtszeit verbunden wird? Wollen Sie allen Ernstes auch ein Mensch in der neueren Geschichte werden, dessen Namen mit dem Bau eines solchen Monstrums wider die Menschlichkeit verbunden wird?

Ich bitte Sie eindringlich, von  d i e s e m  Wahlversprechen Abstand zu nehmen, dieses zu korrigieren. Die seinerzeitige Rede Ihres großen Vorgängers Ronald Reagan löste damals in der Vorbereitung ebenfalls große Kontroversen innerhalb seiner Regierung aus. Mehrere leitende Mitarbeiter und Berater meinten, der Präsident solle auf diesen Teil seiner Rede (“Tear down this wall!”) verzichten, weil damit weitere Ost-West-Spannungen ausgelöst werden oder die inzwischen aufgebauten guten Beziehungen zu Michail Gorbatschow gefährdet werden könnten. Ronald Reagan hat sich diesem Rat nicht gebeugt, und nicht nur wir sind ihm grenzenlos dankbar dafür.

Der Autor dieses „offenen Briefes“ an Sie hat selbst 28 Jahre gegen die Berliner Mauer gekämpft. Ich weiß daher, dass die geplante Mauer in Mexiko nicht grundsätzlich mit der Berliner Mauer verglichen werden kann. Dennoch würde sich diese geplante Mauer erneut gegen Menschen richten, die aus freier Entscheidung in ein Land aufbrechen wollen, das ihnen als Sinnbild für Freiheit und Wohlstand erscheint. Eine Mauer würde dieses grundsätzliche Menschenrecht auf Freizügigkeit unterbinden und Menschen erneut brutal eines ihrer wesentlichen Grundrechte berauben. Das zweifellose Recht eines jeden Landes, auch der USA, eine Zu- und Einwanderung zu kontrollieren, lässt sich auch mit zivilen, menschenwürdigen Mitteln verwirklichen. Freie Völker und Staaten bedürfen nicht der Übernahme staatsterroristischer und letztlich gescheiterter Methoden, um ihre zweifellosen Rechte wahrzunehmen. Sie unterscheiden sich gerade darin von unzivilisierten Staaten und Diktaturen.

Eine Mauer an den Grenzen der USA im 21. Jahrhundert? No, Mister President, no!

Traurige, leider wenig hoffnungsvolle Grüße aus der einst geteilten, heute Mauer-freien Stadt Berlin.

Carl-Wolfgang Holzapfel*

* Der Autor begann mit 17 Jahren gewaltlos gegen die Mauer zu demonstrieren. Er wurde 1965 am Checkpoint Charlie durch DDR-Grenzorgane nach einer Demonstration verhaftet und 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine letzte gewaltfreie Demonstration gegen die Mauer führte er am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, am Checkpoint Charlie durch, als er sich über den „weißen Strich“ legte, der die Teilung der Stadt markierte. Er kündigte aus diesem Anlass an, dass die aufmarschierten DDR-Grenzsoldaten keinen „30. Jahrestag“ mehr erleben würden. Knappe drei Monate später fiel die Mauer.

V.i.S.d.P: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.213).

Berlin, 21.03.2016/cw – Der Sponsor für das geplante Formel-E-Autorennen in Berlin ist ausgerechnet eine Bank, die von der Bundesrepublik auf die Rückführung von SED-Millionen verklagt wurde. Darauf machte jetzt die Berlinerin Tatjana Sterneberg in einem Offenen Brief an die Senatorin für Wirtschaft, Cornelia Yzer, aufmerksam. Sterneberg fordert die Senatorin auf, „Ihre Unterstützung für die Formel-E-Veranstaltung zu überdenken und diese ggf. nur unter einem anderen Sponsoring zuzulassen,” um Schaden von der Stadt und der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden.

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in Hoheneck: Tatjana Sterneberg - Foto. LyrAg

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in Hoheneck: Tatjana Sterneberg – Foto. LyrAg

“Auch wenn das Bankhaus Bär nur als Nachfolger betroffener Banken in Anspruch genommen wird, die seinerzeit mit der DDR und SED über die KoKo von Schalck-Golodkowski diverse Geschäfte getätigt haben, ist es aus meiner Sicht als ehemalige politische Gefangene (Berlin, Hoheneck) nicht hinnehmbar, zumindest bis zur juristischen Klärung einen derartigen Sponsor in Berlin zu akzeptieren,” schreibt Sterneberg. Auch würden unter diesen Umständen “etwaige Schriftzüge des Sponsors Julius Bär auf den vorgesehenen Boliden als entsprechende Provokationen empfunden werden.”

Tatjana Sterneberg ist als ehemalige Insassin des Frauenzuchthauses Hoheneck und Aktivistin in der Aufarbeitung bekannt geworden. Sie war seinerzeit zu vier Jahren Haft verurteilt worden, weil sie sich in einen Italiener verliebt hatte und mit diesem im Westen leben wollte. Nach einem abgelehnten Ausreiseantrag hatten die Verlobten eine Flucht Sternebergs über den Checkpoint Charlie geplant. Diese war von längst eingeschalteten IM´s der Stasi verraten worden.

Nach Medien-Berichten aus dem Jahr 2014 ist das Schweizer Bankhaus Julius Bär von der Bundesrepublik Deutschland auf die Herausgabe von über 130 Millionen Euro verdeckten SED-Vermögens verklagt worden. Das Bankhaus hingegen weist jede Verantwortung zurück, da diese Transaktionen Vorgänger der Bank beträfen, in deren Geschäfte Julius Bär erst später eingetreten sei. Die Bundesrepublik sieht die Bank als Rechtsnachfolger von USB u.a. in der Pflicht, die vorenthaltenen SED-Millionen zu erstatten. Diese sollten nach Auffassung der Bundesregierung den sogen. Neuen Ländern zukommen. Verfolgte des SED/DDR-Regimes hatten dagegen bereits früher die Forderung erhoben, die ausstehenden Millionen z.B. für die Entschädigungen von Haftzwangsarbeit durch politisch Verurteilte einzusetzen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030/30207785 (1.088)

Von Klaus Hoffmann*

Berlin, 18.10.2015/kh – Er wollte sich von Beginn an nie mit dem Mauerbau abfinden, führte zahlreiche Hungerstreiks durch. Nachdem seine Gesundheit gefährdet war, verlegte sich der Zwanzigjährige auf Demonstrationen „für die Freiheit von (damals) 14.000 politischen Gefangenen in der SbZ.“

Am Jahrestag der Verurteilung des Fluchthelfers Harry Seidel, am 14. November 1964, demonstrierte der damalige Reklamearbeiter bei der BVG, Carl-Wolfgang Holzapfel, am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Mutig ging er mit einem Plakat über den berühmten weißen Strich, der die Trennung des Westen der Stadt vom Ostteil markierte.

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: "Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene - - Archiv Holzapfel

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene –
– Archiv Holzapfel

Nachdem er am 17. Juni 1965 diese Demo trotz der Drohung, verhaftet zu werden, wiederholt hatte, sammelte der mittlerweile volljährig gewordene Menschenrechtler von Hamburg bis München in zwölf Großstädten Unterschriften für die Freilassung der politischen Gefangenen. Unterstützt wurde er dabei vom damaligen Senator in Hamburg, Helmut Schmidt, der Holzapfel bei der Genehmigung, vor dem Hamburger Rathaus Unterschriften sammeln zu dürfen, unterstützte. Ernst Lemmer, ehemaliger Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen und nach dem Mauerbau Beauftragter des Bundeskanzlers in Berlin, leistete die erste Unterschrift; Ex-Bundesjustizminister Ewald Bucher unterschrieb ebenso, wie zahlreiche Oberbürgermeister der besuchten Städte oder auch ein leibhaftiger ehemaliger Oberst der Ungarischen Armee oder die geflüchtete Altistin der Budapester Staatsoper.

Nach seiner Rückkehr stellte Holzapfel über 5.000 Unterschriften aus 27 Staaten der Erde fest, unter diesen Ungarn, Polen, DDR, Großbritannien, Frankreich und USA. Für den Gandhi-Jünger stand daher fest: Eine solche Domo war nur am sogen. Ausländerübergang Checkpoint Charlie möglich: „Menschen in aller Welt fordern: Freiheit für …“. Da die Alliierten ihm aber diesen Übergang für Demonstrationen eigens verboten hatten, durfte Holzapfel seine Demo nicht ankündigen, wie das sonst der Fall war. Er berief sich dabei ebenfalls auf sein Vorbild Mahatma Gandhi, der dafür plädiert hatte, dem Gegner immer die Möglichkeit zu geben, auf eine Forderung einzugehen, sein Gesicht zu wahren.

So plante der junge Arbeiter seine dritte Aktion geheim, informierte nur eine Handvoll zuverlässiger Freunde und als einzigen Journalisten den Chefreporter der BILD-Zeitung, Werner Kahl. Als Holzapfel über den zu Ostberlin gehörenden Bürgersteig in der Zimmerstraße in den alliierten Kontrollpunkt einlief, befand er sich bereits hinter der weißen Grenzlinie. Die Westpolizei, damals Erfüllungsgehilfe der Alliierten, konnte nicht mehr eingreifen.

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie - Holzapfel wirdf abgeführt Foto: Archiv

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie – Holzapfel wird abgeführt
Foto: Archiv

Der Demonstrant wurde verhaftet und nach einem dreitägigen Prozess am 7. April 1966 für seinen Einsatz gegen die Mauer und die politischen Gefangene zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt trug sich persönlich am 1. Mai des Jahres vor der Siegessäule in die von Holzapfel begonnene Unterschriftensammlung ein, die von seinen Freunden nach seiner Verhaftung um die Forderung nach seiner Freilassung erweitert worden war.

Heute wissen wir, dass wir zu wenig Menschen hatten, die sich wie Carl-Wolfgang Holzapfel ohne Rücksicht auf ihr eigenes Schicksal für die Menschen in der ehemalige DDR eingesetzt haben. Auch nach fünfzig Jahren: DANKE! (1.044)

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  • Der Autor wurde erstmals 1965 wegen versuchter Republikflucht verhaftet und 1966 eingesperrt. Seit Beginn der 70er Jahre war der Nun-Student in West-Berlin Fluchthelfer (mit dem Astronauten R. Furrer).

V.i.S.d.P.: Klaus Hoffmann, Berlin, Tel.: Redaktion Hoheneck – 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Stuttgart/Berlin, 14.12.2014/cw – Heute vor 100 Jahren wurde Rainer Hildebrandt in Stuttgart geboren. Der am 9. Januar 2004 in Berlin verstorbene Publizist, Museumsgründer, Agenten-Chef, Widerständler und Lebemann war stets umstritten, den Respekt vor seinem Lebenswerk konnte ihm hingegen Freund und Feind nicht versagen.

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke - Foto: LyrAg

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke – Foto: LyrAg

Hildebrandt wurde als Sohn der Malerin Lily Hildebrandt, einer engen Freundin von Marc Chagall (1887-1985) und des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt in der schwäbischen Landeshauptstadt geboren. Sein lebenslanges Faible für die Kunst und seine vielfältige Verbundenheit zu Künstlern war ihm geradezu in die Wiege gelegt worden. Durch die historischen Geschehnisse verlief sein Leben jedoch anders, als vermutlich geplant. Dabei war die Freundschaft der Familien Wolff und Hildebrandt, dieser spielte mit dem späteren Chef der MfS-Auslandsaufklärung, Markus Wolff, im Sandkasten, wohl erst später von – vielleicht – hintergründiger Bedeutung. Stark geprägt und beeinflusst wurde der junge Student (zunächst Physik, später Philosophie und Soziologie) durch Albrecht Haushofer, dessen sogen. Haushofer-Kreis den Attentätern auf Hitler zugeordnet wurde. Hildebrandt wurde nach eigener Darstellung selbst 17 Monate inhaftiert (Wehrkraftzersetzung): In dieser Zeit „habe ich gelernt, gegen das Unrecht zu kämpfen,“ sagte er später über diese Zeit.

Seine Promotion bei Franz Rupp über „ein arbeitspsychologisches Thema“ war lange Zeit umstritten, weil nicht mehr auffindbar. Anlässlich einer gerichtlichen Auseinandersetzung um einen Zeitungsartikel („Die seltsamen Wege des Rainer Hildebrandt“ von Manfred Plöckinger und Carl-Wolfg. Holzapfel, Deutsche Wochenzeitung, Sommer 1963) konnte Hildebrandt dem Gericht eine Bestätigung der Freien Universität Berlin vorlegen, nach der er berechtigt sei, einen akademischen Titel zu führen.

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht - Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur - Foto: LyrAg

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht –
Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur – Foto: LyrAg

CIA und KgU

In den Wirren der Nachkriegszeit kam es zur Kontaktaufnahme Rainer Hildebrandts mit dem US-Geheimdient CIA, in deren Folge die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ gegründet wurde, deren Chef Hildebrandt wurde. Über die Umstände dieser Gründung und die Hintergründe seiner engen Zusammenarbeit mit der CIA hat sich Hildebrandt nie konkret ausgelassen. Anregungen, mehrfach auch durch den Autor dieser Erinnerung, seine Biografie über den Widerstand zu schreiben („Das würde John Le Carré in den Schatten stellen!“) kommentierte er mit seinem unnachahmlichen „Ja, meinst du?“

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) - Foto: LyrAg

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) – Foto: LyrAg

Über die Geschicke der KgU gibt es seither die unterschiedlichsten Darstellungen. Hildebrandts Einlassungen, nachdem er sich mit dem Nachfolger Tillich über die Formen des Widerstandes zerstritten habe, weil er den „gewaltlosen Kampf“ favorisierte, ist mit Fragezeichen zu versehen. Nachweislich, also unwidersprochen, hat sich Hildebrandt Anfang der sechziger Jahre, nicht zuletzt stark beeinflusst durch den Inder T.N. Zutshi, dieser Form des Widerstandes nach dem Vorbild Gandhis angeschlossen bzw. verpflichtet gefühlt.

Auch die Wirkungen Hildebrandts auf Ereignisse um den 16. und 17. Juni 1953 sind nebulös, er hat sich selbst auch dazu nie nachvollziehbar erklärt. Seine Verdienste um die Erinnerung an den ersten Volksaufstand gegen den Kommunismus in Europa nach dem zweiten Weltkrieg sind hingegen unbestritten, legendär sein Buch „Als die Fesseln fielen“ (Arani Verlag, Berlin 1956) eine erste konkrete Schilderung der Ereignisse durch Akteure des Aufstandes.

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) - Foto: Archiv

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) –
Foto: Archiv

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 schlug sich der Publizist mit Beiträgen und Kommentaren (z.B. DER TAGESSPIEGEL) zu aktuellen Themen der deutschen Teilung und durch den Betrieb einer Kaffeestube nahe einem S-Bhf. durch. Diese Boheme-haft anmutende Lebensweise änderte sich schlagartig nach dem Bau der Mauer. Beharrlich sammelte der gelernte „Kalte Krieger“ von Beginn an Dokumente dieses „verbrecherischen Aktes gegen die Menschlichkeit.“ Im Spätsommer 1962 mietete Hildebrandt eine kleine Wohnung an der Bernauer-/Ecke Wolliner Straße im ersten Stock und baute dort seine erste Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ auf. Durch einen vorgelagerten Austritt konnten die Ausstellungsbesucher einen weiten Blick in den zugemauerten Teil Ost-Berlins werfen.

Frauen begleiteten den lebenslangen Charmeur

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße - Foto: LyrAg

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße – Foto: LyrAg

In der Akquirierung geeigneter Menschen für seine Projekte war und blieb er zeitlebens unschlagbar. Mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft und seinem unwiderstehlichen Charme, der besonders auf viele seiner Frauen wirkte, die den lebenslangen Charmeur durch sein quirliges Leben begleiteten, wurde er zum Menschenfischer. So sprach er den Autor während dessen ersten Hungerstreik am Mahnmal des erschossenen Maueropfers Günter Litfin an und warb ihn als ersten Leiter der vor der Eröffnung stehenden Ausstellung an. Natürlich zu typisch Hildebrandtschen „ideellen Bedingungen“: Ohne Bezahlung. Die setzte erst im März 1963 ein (mtl. 380 DM), als es Hildebrandt endlich und erstmals gelang, Fördergelder aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie zu erhalten: „Wir sind gerettet,“ so sein glücklicher Kommentar damals.

Bereits im Frühjahr 1963 gelang es der neuerlichen Hass-Figur der DDR, unmittelbar am Checkpoint Charlie Räume anzumieten, um an dieser weltberühmten Nahtstelle des Ost-West-Konfliktes seine zweite Ausstellung zu eröffnen (Wenig später wurde die Ausstellung in der Bernauer Straße aus Kostengründen geschlossen). Diese Neueröffnung fand im Beisein Berliner Prominenz, u.a. dem Berlin-Beauftragten Ernst Lemmer statt und stellte für Hildebrandt einen Durchbruch dar. Zwischenzeitlich hatte er die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ gegründet, nachdem die Existenz der „Berliner Häftlingskreise“ – unter deren Namen die Ausstellung in der Bernauer Straße eröffnet worden war – u.a. in dem besagten Zeitungsartikel bezweifelt worden war. Somit wurden die seinerzeitigen Kritiker zum Geburtshelfer des Vereins, dessen Erfolgsgeschichte seinesgleichen sucht. Aus den (allerdings kurzfristigen) Kontrahenten wurden übrigens lebenslange Freunde.

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. "08" mit PE in der Hand - Foto: LyrAg

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. „08“ mit PE in der Hand) – Foto: LyrAg

Sein Lebensstil blieb stets bescheiden

Rainer Hildebrandt wurde häufig sein „laxer Umgang“ mit Finanzen vorgeworfen. Immerhin wurde die Ausstellung „Haus am Checkpoint Charlie“ im Laufe der Zeit zu einem Millionenunternehmen, was das Ehepaar Hildebrandt veranlasste, Anfang dieses Jahrhunderts auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten. Dennoch ging dieser hartnäckige Vorwurf fehl. Der Museumsgründer war nie auf Gewinnmaximierung aus, blieb zeitlebens ein Idealist. Der Kampf gegen das Unrecht war sein Lebensinhalt, die Förderung vieler Flüchtlinge und Widerständler sah er als selbstverständlich an. Sein persönlicher Lebensstil blieb stets bescheiden. Sein „Geiz“ gegenüber Beschäftigten war ebenso legendär wie seine mentale Großzügigkeit gegenüber Freunden.

War dieser Mann ein Vorbild? Unter dem Strich kann diese Frage bejaht werden. Trotz vielfacher Fragezeichen, die seine Vita besonders im sogen. Kalten Krieg kennzeichneten (was wohl im engen Zusammenhang mit seinem hartnäckigen Schweigen besonders über die Tätigkeiten der KgU unter seiner Ägide steht) hat Hildebrandt in außergewöhnlicher Weise und beispielhaft dazu beigetragen, das Unrecht des Mauerbaus („Die Mauer ist Unrecht – Fluchthilfe ist die Wiederherstellung eines Rechts“ war eine seiner markanten und vielfach propagierten Aussagen) vor aller Welt zu dokumentieren und das Bewusstsein über dieses Unrecht lebendig zu halten.

Nach 11 Jahren noch immer keine Ruhestätte zum Trauern

Ohne diesen Mann und seinen festen Glauben an die Werte der Freiheit, ohne seine Beharrlichkeit, von Beginn an unschätzbare Dokumente und Materialien aus dieser Zeit zu sammeln, gäbe es heute keine fast lückenlose Dokumentation über die Geschehnisse während der Existenz der Mauer von 1961 – 1989. Berühmte Politiker und Zeitgenossen, Präsidenten und Monarchen haben ihm dafür ihre Aufwartung gemacht, diesem eindrucksvollen Mann der Widersprüche gedankt – zu Recht.

Stille Demo für die Beisetzung der Urne  2007 am Checkpoint Charlie - Foto.LyrAg

Stille Demo für die Beisetzung der Urne 2007 am Checkpoint Charlie – Foto.LyrAg

Trotzdem bleibt zu seinem 100. Geburtstag Wehmut. Seine sterblichen Überreste harren seit fast elf Jahren nach wie vor im Krematorium Ruhleben in einem Regal der Beisetzung. Seine streitbewehrte Witwe Alexandra weigert sich nach wie vor, seine Urne beizusetzen. Sie besteht auf einem Ruheplatz neben Albrecht Haushofer, dem einstigen väterlichen Freund und Nazi-Opfer. Das Grab Haushofers liegt auf einem bereits Jahre vor Hildebrandts Ableben geschlossenen Friedhof in Berlin-Moabit. Eine naheliegende Beisetzung auf dem Ehrenfeld der Opfer vom 17. Juni 1953, für die der Senat bereits vor vielen Jahren sein Einverständnis erklärt hatte, lehnt die jetzige Direktorin des Museums ab.

Freunde, unter ihnen nicht wenige einstige Fluchthelfer, Flüchtlinge und Weggefährten, können also auch anlässlich seines 100. Geburtstages keinen Blumengruß an einer Grabstätte niederlegen. Auch die Stadt Berlin steht recht hilflos vor der Situation, keine sichtbare Ehrung vornehmen zu können.

So bleibt nur auf diesem Weg der Dank an einen verdienten Bürger Berlins und nicht zuletzt an einen jahrzehntelangen Freund: Wir werden Rainer Hildebrandt, diesen umstrittenen aber aufrechten Freiheitskämpfer nicht vergessen. (906)

Siehe auch: http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/erfuellt-doch-bitte-seinen-letzten-wunsch#

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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