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Berlin, 20.07.2018/cw – Er gilt als der erfolgreichste Fluchthelfer der überwundenen Ära „Berliner Mauer“. Burkhart Veigel. Jetzt hat der Mediziner im Ruhestand mit seiner Lebensgefährtin Roswitha Quadflieg ein Jahr vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls eine Roman vorgelegt, der autobiografisch die aufregendste und wohl bewegendste Zeit im Leben des einstigen innovativen Fluchthelfers in den sechziger Jahren mit den Jahren der Jetzt-Zeit an der Seite einer ebenso beeindruckenden Frau verbindet (Roswitha Quadflieg, Burkhart Veigel: „Frei“, Europa Verlag, München, 2018, 338 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-95890-186-5).

Der Urschrei eines ehem. Fluchthelfers

Der Titel ist für den unwissenden Leser zunächst nicht nachvollziehbar. Der Begriff F R E I wirkt immer beliebiger, wird gebraucht, missbraucht, zum übersehenen Allerweltsbegriff, der auf geradezu beängstigende Weise in einem seit fast dreißig Jahren freien Europa und den in dieser Zeit bereits nachgewachsenen Generationen kaum noch inhaltlich vermittelbar ist.

Veigels und Quadfliegs Verdienst ist es, dieses Wagnis eingegangen zu sein. Sie führen den zunächst (unterstellt) ratlosen Leser in eine faszinierende Welt ein, die als Ära des Kalten Krieges in die Geschichte eingegangen ist und die eine heute unglaublich wirkende Kette handelnder Personen vom einfachen Proletariat über sogen. Intelligenzler – eine Abgrenzung zwischen „Volk“ und „Politik“ war gar nicht möglich – auf der einen Seite und diversen Geheimdiensten auf der anderen Seite hervorbrachte.

Wichtig erscheint mir, der – Vorsicht – selbst als ehemaliger gewaltloser Kämpfer gegen die Mauer vorbelastet ist und daher besonders dem Autorenteil Veigel emotional sehr nahe steht, die Motivation, die einst den Studenten Veigel bewegte, gegen die Mauer in Form von Fluchthilfe für eingemauerte Menschen zu agieren. Seine eindrucksvolle, sehr sensibel vorgetragene, weil nur in Andeutungen skizzierte schwere Kindheit beförderte wohl entscheidend seinen umgesetzten Freiheitsdrang, lässt diesen letztlich als richtungsweisenden Urschrei „ F R E I “ erkennen, der den jungen Mann immer wieder zu tollkühnen Aktionen antrieb und ihn wohl bewegte, diesen Urschrei zu titeln. Dem Leser jedenfalls wird dies immer einsichtiger, je tiefer er in die Erzählungen eintaucht und wohl nachvollziehbar bei einzelnen Kapiteln vergisst, vor Spannung die Nachttischlampe auszuschalten.

Der Wechsel zwischen dem „Gestern“ und „Heute“, zwischen den nicht ungefährlichen Schleusungsaktionen für hunderte Menschen über und unter der Mauer hinweg und den Beschreibungen einer fast ebenso spannungsreichen Beziehung zweier Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen, sie aus einstigem Ost-Partei-Adel, er ein überzeugter Westler, ist zumindest anfänglich gewöhnungsbedürftig. Mit der Einlesung in diesen Roman wird dieses anfängliche Fremdeln zur interessanten, bereichernden und belebenden Lust, den aufgezeigten und sich verquerenden Spuren zu folgen. Es gelingt dem Autorenpaar, geradezu lustvoll zwischen diesen unterschiedlichen Themenfeldern hin und her zu springen und damit eine ganz eigene Linie zu verfolgen, die dem Leser einen gut dosierten Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, durchaus mit angedeuteter und darum nie aufdringlich wirkender Erotik, ermöglicht.

Mein Fazit: Burkhart Veigel, der in Thüringen geborene, in Schwaben aufgewachsene und in Westberlin Medizin studierende und gleichzeitige Fluchthelfer, der später nach seiner Facharzt-Ausbildung als Unfallchirurg und Orthopäde praktizierte, hätte auf den Roman-bedingten „Janus Emmeran“ verzichten können. Seine unglaublichen und streckenweise lebensgefährlichen Leistungen als Fluchthelfer hätten als Biografie ein verdientes Denkmal gesetzt, was in der Form eines Romans vielleicht, wenn auch keineswegs wünschenswert, untergeht.

Seine Lebensgefährtin und Mit-Autorin Roswitha Quadflieg, als „Colette“ das korrigierende Pendant zu Janus Emmeran, wurde eigentlich in Zürich geboren und wuchs in Hamburg auf. Im Roman wird sie die Tochter überzeugter DDR-Kommunisten, ein roman(-tischer) bedingter Weg, unterschiedliche Sichtweisen trotz enger Bindungen nachvollziehbar zu machen. Und hier wird dann wieder die Wahl „Roman“ einsichtig. Dieser lässt eben die Möglichkeit zu, Unterschiedlichkeiten zu beschreiben, ohne Akteure zu verletzen, wie das oft in Biografien als unvermeidlich erscheint. Wenn dies dann noch in der Form geschieht, dass in überzeugender Form Wesens- und Denkunterschiede zwischen Deutsch-Ost und Deutsch-West beschrieben werden können, ohne die darüber stehende Einheit eines Volkes als vernachlässigenswert in den Raum zu stellen, darf man auch hier von einem gelungenen Vorhaben sprechen.

Eine sachliche Korrektur erscheint dem Rezensenten dennoch notwendig: Es handelt sich tatsächlich um einen Roman, „Colette“ ist tatsächlich eine fiktive, also frei erfundene Figur. „Janus Emmeran“ ebenso erfundenes Medium, die realen Erlebnisse eines Fluchthelfers in den geschichtswittrigen sechziger Jahren zu transportieren. O-Ton Veigel: Der vorgelegte Roman ist „eine Komposition, ein Konstrukt, in dem jeder Satz und jede Handlung an einem bestimmten Platz stehen sollte, weil sich letztlich alles aufeinander bezieht und die beiden Hauptstränge miteinander verknüpft.“ Für den Kenner der damaligen Tunnel-Szene, der sich an den geschilderten spannungsgeladenen Abläufen orientiert, nicht unbedingt als „Roman“ erkennbar, für den Newcomer, der sich in dem Eintauchen in die bewegte Geschichte seiner Stadt übt, nicht nur hinnehmbar sondern geeignet, Lust auf „Mehr“ zu entwickeln. Absolut lesenswert.

Hinweis: Am 27.07.2018, 20:30 Uhr lesen die Autoren im „Buchhändlerkeller“ in der Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel und Redaktion Hoheneck, Berlin (1.410).

Berlin, 4.01.2017/cw – Der bekannte Ex-Fluchthelfer, Arzt und Publizist Dr. Burghart Veigel (*1938), hat zum neuen Jahr der Bundes-Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur einen hohen Betrag  gestiftet. Mit 20.000 Euro soll jeweils am 17. Juni, dem Gedenktag an den Aufstand in Mitteldeutschland von 1953, alljährlich ein Preis dotiert werden. Mit der Wahl des Datums wird in Erinnerung gerufen, das damals über eine Million Menschen ihren Protest gegen die kommunistische Herrschaft in der gesamten DDR auf die Straßen und Plätze trugen und das Ende der SED-Herrschaft, freie Wahlen und die Einheit Deutschlands forderten

Standardwerk von Burkhart Veigel

Standardwerk von Burkhart Veigel

Der Preis soll Persönlichkeiten, Organisationen oder Projekte auszeichnen, die in herausragender Weise die Aufarbeitung historischer Erfahrungen aus Unfreiheit und Diktatur vorantreiben. Erstmals 2017 sollen damit das Engagement für Freiheit, Demokratie und Zivilcourage im vereinten Deutschland und in Europa gewürdigt und die Fortsetzung einschlägiger Projekte ermöglicht werden. Für die Vergabe von Nachwuchspreisen für den Bereich Aufarbeitung der Diktatur sind jedes Jahr weitere 5.000 Euro vorgesehen.

Veigel betonte anlässlich der großzügigen Stiftung den Wert kritisch-historischer Aufarbeitung für die Demokratie: „Mit dem Preis sollen Persönlichkeiten und Institutionen ausgezeichnet werden, die durch ihre Auseinandersetzung mit Diktaturen und deren Folgen das Bewusstsein für die Werte der Demokratie fördern und uns mahnen, Respekt vor dem Menschen zu haben“, zitiert die Bundesstiftung den einstigen Fluchthelfer auf ihrer Seite.

Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, Dr. Anna Kaminsky, sagte aus diesem Anlass: „Wir sind sehr froh, mit dem Aufarbeitungspreis für viele Jahre einen weiteren Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit demokratischen Werten zu leisten. Diese Auszeichnung soll auch dazu anregen, sich mit den Unterschieden von Demokratien und Diktaturen in Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen“.

Auch Dr. Burkhart Veigel votierte 2012 für die "Peter-Fechter-Straße" , hier bei der >Unterschriftenaktion der Vereinigung 17. Juni am Checkpoint Chalie - Foto: LyrAg

Auch Dr. Burkhart Veigel votierte 2012 für die „Peter-Fechter-Straße“ , hier bei der Unterschriftenaktion der Vereinigung 17. Juni am Checkpoint Chalie – Foto: LyrAg

Vom Bau der Berliner Mauer erfuhr Veigel aus der Zeitung, da er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Berlin aufhielt. Als er zum Wintersemester 1961 zurück nach Berlin kam, betätigte er sich sofort als Fluchthelfer. Bis Januar 1962 war er als „Läufer“ (mit Ausländer-Pässen) in der sogenannten Girrmann-Gruppe (https://de.wikipedia.org/wiki/Girrmann-Gruppe) aktiv, anschließend organisierte er zusammen mit einigen Kommilitonen eine eigene Fluchthelfergruppe. Die Gruppe grub unter anderem Tunnel und baute verschiedene Autos zu Fluchtfahrzeugen um. Das MfS beobachte die Vorgänge um Veigel genau und versuchte, ihn zu entführen. Daraufhin verließ Veigel West-Berlin und zog 1969 nach Hannover. In seiner Zeit als Fluchthelfer verhalf Veigel ca. 650 Menschen zur Flucht in den Westen.

Ab 1976 wirkte der Stifter als Orthopäde, Sportmediziner und Manualtherapeut in Stuttgart. Nach seinem Ruhestand kehrte Burkhart Veigel 2007 wieder nach Berlin zurück und forschte über seine Zeit als Fluchthelfer. „Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West“ (Edition Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag, 1. Auflage, Oktober 2015, 544 S., 235 Abbildungen s/w, ISBN: 978-3-86153-855-4 20,00 €) war als Standardwerk das Ergebnis langjähriger Arbeit. Für sein Engagement erhielt Veigel zusammen mit anderen Fluchthelfern 2012 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Siehe auch: http://www.bz-berlin.de/berlin/die-flucht-war-burkhart-veigels-berufung-jetzt-stiftet-er-fuer-die-freiheit

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com , Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.200)

Von Burkhart Veigel*

Seit einer Panorama-Sendung vom 6.11.2014 über hochgeehrte Fluchthelfer durch die Mauer in Berlin und kriminelle und kriminalisierte Schlepper und Schleuser von heute lässt mich das Thema nicht mehr los. Die Gleichsetzung unserer Fluchthilfe an der Berliner Mauer mit der Tätigkeit der heutigen Schlepper und Schleuser macht offenbar Schule. Diesem Trend möchte ich entgegenhalten:

1. Wir brachten Menschen aus einem Land, aus dem sie nicht herausdurften, in ein Land, in das sie gern hineindurften. Die Schlepper und Schleuser heute helfen Menschen bei der Flucht aus Ländern, aus denen sie gern herausdürfen, in Länder, in die sie aber nicht hineindürfen.
2. „Unsere“ Flüchtlinge waren in ihrer neuen Heimat willkommen. Die heutigen Flüchtlinge sind es oftmals nicht, werden häufig sogar als Eindringlinge angesehen.
3. Die Zahl „unserer“ Flüchtlinge war sehr viel kleiner als die der Flüchtlinge heute. Ich habe in 9 Jahren etwa 650 Menschen in Freiheit gebracht, so viele, wie allein am 18. April 2015, an einem Tag, im Mittelmeer ertranken.
4. Wir haben „unsere“ Flüchtlinge vom ersten Schritt ihrer Flucht bis zur Ankunft betreut. Die „Helfer“ heute lassen ihre Flüchtlinge in der entscheidenden Phase vielfach im Stich.
5. Wir haben mit „unseren“ Flüchtlingen vor der Flucht gesprochen über das „Warum“ und „Was kommt danach“. Allerdings waren sie nicht auf der Flucht vor Mörderbanden und aus brennenden Städten, sie hätten auch in der DDR bleiben können. Die Not der heutigen Flüchtlinge und ihre große Zahl lässt eine Überprüfung der Fluchtgründe vor ihrer Flucht nicht zu. Deshalb muss man nachträgliche Prüfungen notgedrungen akzeptieren und deshalb auch die schlimme Praxis einer eventuellen Abschiebung.

Erhä#ltlich beim Verein "Berliner Unterwelten" oder im  Buchhandel

Erhältlich beim Verein „Berliner Unterwelten“ oder im Buchhandel

6. Die neue Heimat war für „unsere“ Flüchtlinge nicht fremd, einige von ihnen kannten sie sogar. Sie sprachen die gleiche Sprache, die Integration war für die Meisten kein Problem. Die rasche Integration der heutigen Flüchtlinge scheitert schon aus Mangel an Sprachkenntnissen und der Unwissenheit über die sie aufnehmende Kultur.
7. Damals half man Flüchtlingen nicht mit Transferleistungen; sie mussten nach ihrer Flucht sofort arbeiten (durften das allerdings auch). Zu dieser harten Schule gab es keine Alternative. Die heutigen Flüchtlinge werden zwangsweise „gefördert“, was ihre Integration behindert; sie zu „fordern“ wäre im Hinblick auf ihre Integration viel sinnvoller.
8. „Unsere“ Flüchtlinge konnten die Kosten nach ihrer Flucht bezahlen, weil wir eine persönliche Beziehung zu ihnen hatten. Lange Zeit waren Fluchthelfer Idealisten, die an der Not der Menschen nichts verdienen wollten und nichts verdient haben – im Gegensatz zu den meisten Schleppern und Schleusern heute.
9. Nach dem Bau der Mauer wurde jeder Flüchtling ohne Prüfung als „politischer Flüchtling“ anerkannt. Auch heute gäbe es weniger Probleme, wenn grundsätzlich allen Menschen Asyl gewährt würde, die aus Ländern kommen, in denen Korruption, Willkür und die Missachtung der Menschenrechte an der Tagesordnung sind oder in denen ein (Bürger-)Krieg tobt. Die Prüfung, ob ein Asylsuchender in seiner Heimat an Leib und Seele bedroht ist, könnte entfallen, allein die Herkunft aus einem „Unrechtsstaat“ muss für die Anerkennung ausreichen.
10. Anzumahnen, Flüchtlinge aufzunehmen, sind nicht nur unsere europäischen Nachbarn, sondern in erster Linie und mit Nachdruck die arabischen Ölstaaten, die zumindest für ihre Glaubensbrüder sehr viel mehr tun könnten als heute. Warum sollten Muslime in säkularisierte Länder fliehen, deren Bewohner sie als geborene Feinde sehen, wenn es eine Möglichkeit für sie gäbe, innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft eine neue Heimat zu finden?
11. Wir müssen aber auch selbst an die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen und Flüchtlingen aus „Unrechtsstaaten“ helfen.
12. Deshalb sind die „Schlepper und Schleuser“ nicht per se schlecht. Es kommt darauf an, wie qualifiziert sie ihre Arbeit machen: Ein erfolgreicher Schleuser darf (wie jeder Arzt und jeder Rechtsanwalt hierzulande) auch Geld für seine Hilfe nehmen – und muss dafür Anerkennung erhalten und nicht ins Gefängnis gesperrt werden. Zu verfolgen sind aber diejenigen, die ihre Schutzbefohlenen in den Tod schicken, ertrinken lassen, egal ob sie dafür Geld genommen haben oder – theoretisch – Idealisten waren. Die Motivation und Geld spielen eine Rolle, aber keine entscheidende. Fast allein wichtig ist die Professionalität dieser Fluchthelfer.

Fazit:
Eine Gleichsetzung von Fluchthelfern durch die Berliner Mauer und Schleppern und Schleusern von heute verbietet sich. Allein aus der Tatsache, dass Menschen „illegal“ über Grenzen gebracht werden, lässt sich keine Gemeinsamkeit konstruieren. Im Zentrum unserer Überlegungen und Handlungen müssen aber die Flüchtlinge stehen, denen unter allen Umständen geholfen werden muss, vor allem, wenn sie aus „Unrechtsstaaten“ kommen und auf der Flucht ihr Leben riskiert haben. Sie sind keine „Wirtschaftsflüchtlinge“, sondern Menschen in Not, die eine eigene moralische Qualität haben, die uns zwingt, ihnen zu helfen.

*Zum Autor: Dr, med. Burkhart Veigel, Jahrgang 1938, war in den 1960er-Jahren Medizinstudent und Fluchthelfer in Berlin. Er verhalf etwa 650 Menschen zur Flucht in den Westen. Veigel überstand unversehrt zwei Entführungsversuche durch die DDR-Staatssicherheit. 2012 erhielt der Arzt (Promotion 1969 in München) das Bundesverdienstkreuz. Mehr dazu in seinem Buch „Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West“. 488 Seiten, Verlag: Edition Berliner Unterwelten, 3. überarbeitete und stark erweiterte Auflage (12. Juli 2011), ISBN-13: 978-3943112092 , 16,1 x 2,7 x 22,8 cm, auch als Taschenbuch (ISBN-10: 3943112098).

V.i.S.d.P.: Autor Burkhart Veigel, Redaktion Hoheneck, Tel.: 030-30207785

Berlin, 31.10.2012/cw – Am Reformationstag keine Reform in Berlin: Der Senat lehnte es jetzt erneut ab, dem Antrag des Bezirkes Berlin-Pankow zu entsprechen und das Grab Peter Fechters in ein Ehrengrab der Stadt Berlin umzuwidmen. Peter Fechter war am 17. August 1962 nach dem Beschuss durch Grenzposten unter den Augen einer entsetzten Weltöffentlichkeit direkt hinter der Mauer nahe dem Checkpoint Charlie verblutet und war damit zum Synonym für die Grausamkeit des „Friedenswalles“ der DDR und den Mord an der Mauer geworden.

Der Senat begründet seine Ablehnung damit, daß die Ehrengrabstätten des Landes Berlin verstorbenen Persönlichkeiten vorbehalten sind, „die hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin vollbracht oder die sich durch ihr überragendes Lebenswerk um Berlin verdient gemacht haben“. Zur Erinnerung: Vor Jahren mußte der Berliner Senat nach heftigen  Protesten der Vereinigung 17. Juni das Ehrengrab für William Borm aufheben, nachdem dieser über Jahrzehnte für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit Informationen geliefert hatte. Überragende Leistungen?

13.August 2012: Unterschriftensammlung für „Peter-Fechter-Straße“ am Checkpoint Charlie – Foto: LyrAg

Peter Fechter wird seit nun mehr fünf Jahrzehnten am eigenen Mahnmal mit Kranzniederlegungen und ehrenden Worten bedacht, die Tragödie seines dramatischen Todes und dessen Bedeutung für die Sichtbarmachung der verbrecherischen Folgen der Teilung Berlins beteuert. Man fühlt sich an Goethes Faust erinnert: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Dabei zeigen sich die Berliner Institutionen an anderer Stelle durchaus flexibel. Während seit Jahren die Benennung des Platzes vor dem Bundesfinanzministerium in „Platz des 17. Juni“ unter Hinweis auf das Straßenbenennungsgesetz, das Doppelbenennungen von Straßen und Plätzen untersagt, bedauernd abgelehnt wird, war es ziemlich schnell möglich, die bekannte Kochstraße in Kreuzberg zum Teil in „Rudi-Dutschke-Straße“ umzubenennen. Dass es in Dahlem bereits einen „Rudi-Dutschke-Weg“ gab, wurde großzügig übersehen.

Auch der Fluchthelfer Dr. Burkhart Veigel votierte für die „Peter-Fechter-Straße“ – Foto: LyrAg

Wenigstens der Umbenennung eines Teiles der Zimmerstraße in „Peter-Fechter-Straße“ steht der Berliner Senat nicht im Wege, wenn  man seinen Beteuerungen glauben will. „Bei einer Umsetzung unseres Vorschlages nehmen wir gerne inkauf, daß sich der Generalsekretär der Berliner CDU als Ideengeber vermarktet,“ sagte dazu ein Sprecher der Vereinigung 17. Juni  in Berlin. Wichtig sei die Erinnerung an eine Zeit, an die Peter Fechter immerwährend erinnern wird. Da die Straßenwidmung eine Entscheidung des Bezirkes Mitte sei, ist der Senat jedoch in seiner Verantwortung für die ganze Stadt gefordert. Die Vereinigung fordert die Stadtregierung auf, die Entscheidung gegen ein Ehrengrab für den Mauer-Toten Fechter „spätestens bis zu dessen 51. Todestag“ zu überdenken. Auch die in der Ehrengrabanlage der Stadt bestatteten Toten des Volksaufstandes vom 17. Juni erfüllen im  Einzelfall die beschriebenen Kriterien für Ehrengräber nicht. Sie sind dennoch zu Recht in dieser Form geehrt worden, weil „sie untrennbarer Teil eines historischen Geschehens wurden, der weit über Berlin hinaus seine unauslöschliche Bedeutung gehabt hat,“ so der Verein.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Start für die Unterschriftensammlung am Todestag von Peter Fechter: Fotos erinnern an das schreckliche Geschehen vor 50 Jahren – Foto: LyrAg

Berlin, 18.08.2012/cw – Und alle, alle kamen sie, aus Costa Rica und aus Napoli. So hätten die Aktivisten der Vereinigung 17. Juni texten können, nachdem sie gestern über acht Stunden am Todestag von Peter Fechter Unterschriften für eine teilweise Umbenennung der jetzigen  Zimmerstraße zwischen Friedrich- und Axel-Springer-Straße gesammelt hatten. In der Tat beteiligten sich neben vielen Deutschen überraschend  viele ausländische Besucher an der Aktion, nicht ohne sich vorher ausführlich über die Hintergründe zu informieren.

Die „Berliner Unterwelten“ erinnerten eindrucksvoll mit einer Skulptur an den Abtransport von Peter Fechter – Foto: LyrAg

Die Vereinigung fühlte sich auch durch die vielfachen Diskussionen vor Ort in ihrem begründeten  Vorschlag bestätigt. So wurde mehrfach die Besorgnis geäußert, mit einer Umbenennung der gesamten Zimmerstraße ginge ein wichtiger Teil der Historie nicht nur im Hinblick auf die dortige Zimmerei, sondern auch über den sogen. „Grenzübergang (GüSt) Zimmerstraße“, wie der Checkpoint von Seiten der DDR amtlich bezeichnet wurde, verloren.

Daher wurde der Vorschlag der Vereinigung, die Zimmerstraße unter Berücksichtigung dieser Vergangenheit erst ab der Friedrichstraße umzubenennen, ausdrücklich begrüßt.

 Wie der Verein mitteilte, können nach wie vor Unterschriften geleistet werden. Dies kann durch eine entsprechende Mail (verein17juni1953@aol.com), per Post (Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Kaiserdamm 9, 14057 Berlin, per Fax: 030-30207786 oder durch Herunterladen der Unterschriftenliste auf der Homepage (www.17juni1953.de > Link: Peter Fechter) geschehen. Gegenwärtig bemüht sich der Verein um die technischen  Voraussetzungen, die Unterschriften (über einen Dritt-Anbieter) auch elektronisch übermitteln zu können, da auf der eigenen Homepage ggw. die Voraussetzungen nicht gegeben sind. „Wir arbeiten idealistisch ohne öffentliche Mittel auf der Basis der Vereinsbeiträge und Spenden und können uns daher keinen unbezahlbaren technischen  Aufwand leisten,“ sagte dazu der Sprecher des Vorstandes.

Uwe Müller, Redakteur (links) mit Tatjana Sterneberg, stellte sich hinter die Forderung nach einer Peter-Fechter-Straße – Foto: Ralf Gründer (Berliner-Mauer.de)

Über die Aussichten einer Umsetzung äußerte er sich vorsichtig optimistisch. Sicherlich müssten da noch einige Bezirkspolitiker über ihre Schatten und selbstverfasste Barrieren zum Beispiel im entsprechenden Straßenbenennungsgesetz springen, das eine Bevorzugung weiblicher Namensgeber vorsehe (Der Bezirk Mitte ist formal für eine Umbenennung der Zimmerstraße zuständig). Allerdings sei auch hier ausdrücklich eine Ausnahmemöglichkeit in  dem Gesetz verankert. Und außerdem hätten sich zwischenzeitlich so viele namhafte Persönlichkeiten für eine  Straßenbenennung nach Peter Fechter ausgesprochen, dass „hier die Politik wohl kaum  über die eigenen Postulate zurückrudern kann.“

Zimmerstraße: Der Name wird auf einen Zimmererplatz zurückgeführt, der sich hier während des Baus der Friedrichstadt befand. Die Straße war zu dieser Zeit entstanden und ist in ihrer jetzigen Länge seit 1734 vorhanden.

Peter Fechter: Der seinerzeit achtzehnjährige Maurer wollte in den Mittagsstunden des 17. August 1962, also ein  Jahr nach Errichtung der Mauer, diese zusammen mit seinem Freund Helmut Kulbeik in  der Zimmerstraße nahe der Ecke Charlottenstraße in Richtung Westen überwinden. Während dem Freund die Flucht gelang, brach Fechter im  Kugelhagel von DDR-Grenzposten unmittelbar vor der Mauer zusammen und verblutete elend unter den Augen der Weltöffentlichkeit und immer schwächer werdenden Hilferufen. Die erschütternden Bilder seines Sterbens und des Abtransportes seines zu diesem Zeitpunkt noch schwach lebenden Körpers wurden zum Synonym des Leidens und Sterbens wegen und an der Berliner Mauer.

Blick in die Geschichte: C.W. Holzapfel (Mitte) legte am 14.11.1964 vor seiner Demonstration für die Freilassung der politischen Gefangenen am Mahnmal für Peter Fechter einen Kranz nieder. – Foto: Archiv CWH

Weiterführende LINKS:

http://www.dw.de/dw/9800/0,,3055,00.html

Aktuell Fernsehen Deutsche Welle: Beginn des Beitrages bei 19:45 Minute (Dritter Beitrag), Ende 25:38 Minute (ca. 6 Minuten).

http://www.bild.de/news/inland/berliner-mauer/peter-fechter-das-symbol-fuer-den-mord-an-der-mauer-25692486.bild.html#

http://www.welt.de/kultur/history/article108507461/Wie-Peter-Fechter-an-der-Berliner-Mauer-verblutete.html

http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article108603726/Wowereit-unterstuetzt-Idee-einer-Strasse-fuer-Peter-Fechter.html

http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2012-08/peter-fechter-mauer-flucht-opfer

http://www.tagesspiegel.de/berlin/tod-an-der-berliner-mauer-peter-fechter-im-sterben-ein-foto-und-seine-geschichte/7010110.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/zum-gedenken-an-peter-fechter-cdu-politiker-fordert-strasse-fuer-mauer-opfer/6978140.html

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3543015&pg=1

Auch der einstige Fluchthelfer und Buchautor Dr. Burkhart Veigel (rechts) trug sich in die              ausliegende Liste ein – Foto: Ralf Gründer               (Berliner-Mauer.de)

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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