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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin/München, 15.10.2019/cw – Zunächst eine notwendige Vorbemerkung: Das jüngst bei PIPER verlegte Buch wurde von dem deutschen Historiker Bodo von Hechelhammer (1968) geschrieben. Er war langjähriger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und leitet inzwischen als Chefhistoriker das Historische Büro im BND, teilt der Verlag im Klappentext mit.

Diese Vorbemerkung ist notwendig, weil der Leser nicht ausschließen kann, hier mit einem durchaus spannenden Buch nur über Vorgänge informiert zu werden, die die vermutete hauseigene Zensur durchlaufen haben. Das wird indirekt auch eingeräumt, weil der BND nach der im Austausch mit Spionen erfolgten Freilassung Felfes und seiner Übersiedlung in die DDR mit der Veröffentlichung seiner Biografie rechnete. Diesem geplanten Propaganda-Coup der DDR wollte man rechtzeitig mit einer „hauseigenen“ Veröffentlichung zuvorkommen, was aus diversen Gründen, im Buch immer wieder ausgeführt, zunächst nicht gelang. Außerdem widersprachen die beidseitig geplanten Veröffentlichungen den ursprünglichen Vereinbarungen über den durchgeführten Agentenaustausch.

„SPION OHNE GRENZEN – Heinz Felfe, Agent in sieben Geheimdiensten“, Bodo von Hechelhammer, 356 Seiten, Anhang 51 Seiten, PIPER-Verlag München, 02.09.2019, ISBN 978-3-492-05793-6, 24,00 €.

Im Vorwort weist der Autor rechtens darauf hin, dass Pannen und Skandale immer wieder einen Lichtstrahl „in die verschlossenen Welt der Geheimdienste“ dringen lässt, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht und (oftmals) zu politischen Krisen führte. Der Fall des Heinz Felfe gehört in vorderster Linie dazu. Seine endliche Verhaftung im Jahr des Mauerbaus (1961) löste in der Bundesrepublik politisch ein Erdbeben und – was nicht nur dem BND gar nicht recht sein konnte – auch eine gründliche öffentliche Darstellung über dessen Entstehungsgeschichte unter der Führung des umstrittenen Reinhard Gehlen aus. Gehlen, der sein Handwerk im Dritten Reich in der Auslandsspionage unter „Fremde Heere Ost“ gefestigt hatte, bot den Amerikanern nach Kriegsende seine Kenntnisse über den einstigen alliierten Verbündeten und nunmehrigen Kalten-Kriegs-Gegner Sowjetunion an und wurde offenbar ohne viel Federlesens dankbar in die Dienste des amerikanischen Geheimdienstes übernommen (Organisation Gehlen). Die Übernahme der Organisation als BND in die deutsche Verantwortlichkeit erfolgte, was die doch sehr umfangreiche Einbeziehung ehemaliger NS-belasteter Kader angeht, ebenso kritiklos in Anlehnung an die Praxis der US-Geheimdienste.

In diesem „großen Teich der Möglichkeiten“ fand schließlich auch Heinz Felfe sein Berufsfeld. „Die Skrupellosigkeit des Doppelspions Heinz Felfe erschütterte die BRD in ihren Grundfesten. Bis 1945 war der SS-Obersturmführer im Sicherheitsdienst tätig, unterwanderte danach als V-Mann von MI6 und dem Vorläufer des BND kommunistische Organisationen – um sich 1951 auch noch vom KGB anwerben zu lassen. Der Auftrag: Eindringen in die von der CIA geführte Organisation Gehlen. Im BND stieg er ironischerweise bis zum Leiter der Gegenspionage Sowjetunion auf und verriet alles und jeden an Moskau“, so eine Beschreibung des Verlages.

Von Hechelhammer zeichnet akribisch die Lebensdaten des einstigen SS-Obersturmführers im Sicherheitsdienst nach, verzichtet aber nicht auf begleitende Biografien im Umfeld Felfes, die das Bild eines ausschließlichen Falles „Felfe“ dankenswerterweise negieren. Der BND hatte nicht nur alte SD-Kader aus dem Dritten Reich übernommen, sondern hatte auch einige, wenn auch kleinere Felfes in seinen Reihen.

Die Durchdringung des westdeutschen Geheimdienstes durch den sowjetischen KGB und das MfS der DDR erscheint hier als Belegung einer durch den Fall Felfe endlich erkannten latenten Gefahr, die in ihrem Ausmaß nur mit den bösen Absichten des Gegners als erklärbar erscheinen. Dass dem Geheimdienst der Bundesrepublik ebenso spektakuläre Platzierungen zum Beispiel im Ministerpräsidentenbüro der DDR bei Otto Grotewohl (1894 – 1964) gelangen, wird erst gar nicht erwähnt. Dagegen werden Wege, Reisen und Ambitionen des in der DDR zum Professor an der Humboldt-Universität mutierten einstigen Spitzenagenten Felfe, der immerhin sieben (!) Geheimdiensten, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität gedient hatte, so biografisch geschildert, als hätte der BND seinen einstigen Spitzenmann auch in der DDR-Diaspora bis zu seinem Tod in dessen unmittelbarer Nähe begleitet.

Mit den angedeuteten Einschränkungen ist dem BND-Autor ein für den historischen Interessenten spannendes Werk gelungen, das gerade auch durch seine erkennbaren Widersprüchlichkeiten einen ziemlich guten Einblick in die Welt der Geheimdienste ermöglicht. Die Entstehungsgeschichte des BND, die skandalöse Aufdeckung der Infiltration durch den KGB in Gestalt des großen Felfe und seiner kleinen Adepten ist mit dem Aufbau der Bundesrepublik Deutschland untrennbar verbunden. Sie lässt letztlich auch eine Erklärung der Einbindung alter MfS-Kader in das Gefüge des wiedervereinten Deutschland zu, ohne dass der Autor auf diesen Komplex auch nur ansatzweise eingeht (was wohl der angesprochenen Bindung an die aktuellen Interessen nicht nur des BND geschuldet sein mag).

Ein umfangreicher Anhang (51 Seiten), der die gründlichen Recherchen zu diesem Buch belegt, unterstreicht die angestrebte Seriosität der vorgelegten Biografie über „den“ Spion in der (alten) Bundesrepublik.

Veranstaltungshinweise:

Lesung und Gespräch am 17. Oktober 2019, 14:20 Uhr FAZ-Stand auf der Frankfurter Buchmesse, Halle3.1, D106

Eine szenische Lesung zusammen mit Robert Rescue am 18. Oktober 2019 um 20:00 Uhr, „Periplaneta“, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin.

Buchvorstellung, am 19.11.2019 um 18.30 Uhr, ehemalige Stasi-Zentrale, Campus für Demokratie Haus 7 , Ruschestraße, Berlin-Lichtenberg
Veranstalter: Robert-Havemann-Gesellschaft

Lesung und Gespräch am 12. Dezember 2019, 19:00 Uhr Zeitgeschichtliches Forum, 04109 Leipzig

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.485).

Leipzig/Berlin, 27.01.2018/cw – Hans Modrow (1928), letzter SED-Ministerpräsident der DDR, verklagt die Bundesrepublik. Der einstige Dresdner SED-Chef begehrt Einsicht in Akten, die der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) während seiner Tätigkeit in der DDR und danach bis 2012 über ihn angelegt haben. Termin: 28. Februar vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Verhandelt werden soll über „das Recht der Verfassungsschutzbehörden und Nachrichtendienste“ zur Beobachtung und Überwachung von Personen und um „Aufhebung der Schutzfrist des § 5 Abs. 8 BArchG“. Der einstige SED-Funktionär will mit seiner Klage offensichtlich die gleiche Behandlung wie einstige Opfer und Verfolgte der SED-Diktatur erreichen, denen ein Einsichtsrecht in einstige Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zugebilligt wurde. Die Akten werden vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) verwaltet.

Allerdings sind auch diese Einsichtnahmen insofern beschränkt, als Namen Dritter unter dem Rubrum „Schutzwürdige Daten“ geschwärzt werden. So haben DDR-Verfolgte häufig nicht oder nur erschwert die Möglichkeit, einstiges „Hilfspersonal“ der Stasi, z.B. Informelle Mitarbeiter (IM) oder sonstige Zuträger (häufig aus dem Familien- oder Bekannten-/Freundeskreis) ausfindig zu machen. Täter, wie ehem. Mitarbeiter des MfS, haben allerdings kein Einsichtsrecht. Modrow sieht diese Unterschiede durchaus. Aber: Für den Betroffenen sei es unerheblich, welcher Dienst in der Telefonleitung mithört, wer die Post mitliest, wer Spitzel oder V-Leute auf ihn ansetzt, welcher Geheimdienst eine Akte über ihn führt. Er sieht in der Verweigerung auf Akteneinsicht „einen Anschlag auf die informationelle Selbstbestimmung, einen Eingriff in die vom Grundgesetz geschützten Rechte und Freiheiten, egal, in wessen Auftrag dies geschieht.“

Modrow gibt an, bereits Ende der fünfziger Jahre als damaliger FDJ-Funktionär in Berlin vom BND erfasst und beobachtet worden zu sein. Dem schloss sich nahezu nahtlos die Beobachtung durch die Geheimdienste der Bundesrepublik nach seinem Aufstieg in die SED- und Staats-Nomenklatur der DDR an. Nun will der rüstige Polit-Pensionär, er feiert am 27. Januar seinen 90. Geburtstag, offenbar wissen, ob das wiedervereinigte Deutschland zweierlei Recht praktiziert, nachdem die „Guten“ Einsicht in ihre Akten nehmen dürfen, die „Bösen“ dagegen nicht. Modrow hält die „nach wie vor vorhandene Spaltung des Landes“ auch in diesem Bereich für überholt und darüber hinaus schädlich „für ein endliches Zusammenwachsen der einst geteilten Bevölkerung“.

© 2018 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.348).

Die Kreuze am Reichstag am 13.August 2017 …
Foto: LyrAg

Berlin, 13.08.2017/cw – Die Vereinigung 17. Juni 1953 brachte am Vorabend des Jahrestages an den Mauerkreuzen neben dem Reichstag Rosen zum Gedenken an die Opfer von Mauer und Stacheldraht an. „Mit der regelmäßigen Pflege dieser historisch gewordenen Gedenkstätte nahe dem Deutschen Bundestag kommen wir unser Pflicht nach, den Lastenträgern der Spaltung Deutschlands ein ewiges Erinnern zu bewahren,“ sagte der Vorstandssprecher Carl-Wolfgang Holzapfel anläßlich der zeitgleich erfolgten  Kranzniederlegung. „Den Toten der Mauer blieb das hehre Ziel der Wiedervereinigung vorenthalten. Aber die tausenden politischen Gefangenen, auch sie Lastenträger der Teilung, durften den Tag des Zusammenbruchs der Zweiten Deutschen Diktatur erleben. Sie tragen das verpflichtende Erbe der Menschen, die ihre Hoffnung und ihr Leben im Todestreifen der Diktatur lassen mußten.“

„Eure Leiden- unsere Verpflichtung.“ Im Bild: Die ehem. Hoheneckerin T. Sterneberg – Foto: LyrAg

Holzapfel mahnte die Politik, diese Tatsachen nicht zu vergessen und ihre üblichen Sonntagsreden aus Anlass solcher Gedenktage in die Praxis umzusetzen. Es sei unerträglich, wenn die Opfer eines unmenschlichen Systems 28 Jahre nach dem Fall der Mauer durch die aktuelle Politik nunmehr auch zu „Lastenträgern der Einheit“ degradiert würden, weil man diesen elementare Pflichten unseres Staates verweigere.

Gedenken…
Foto: LyrAg

Die Rückbürgerung einstiger Staatsbürger der (alten) Bundesrepublik zu DDR-Bürgern in falscher Auslegung des Rentenüberleitungsgesetzes (RÜG) aus rein fiskalischen Gründen oder die verschämt als „Soziale Zuwendung“ bezeichnete Entschädigung für durchlittene und rechtswidrige Leiden seien Beispiel eines beschämenden Umgangs mit Menschen, deren Widerständigkeit letzlich die heutige Einheit Deutschlands ermöglicht haben. Dagegen habe der Gesetzgeber den maximal fünf Monate täigen Ministern der letzten DDR-Regierung eine „Ehrenpension“ in doppelter Höhe der „Sozialen Zuwendung“ zugeschustert. „Dabei hätte ein Blick über die einstige Grenze, zum Beispiel nach Polen, gereicht,“ sagte der seit 2002 amtierende Vereinsvorsitzende. „Polen habe zum Beispiel die Teilnehmer am Aufstand in Posen vom Sommer 1956 rückwirkend zu „Kombattanten“ erklärt und ihnen  damit eine Versorgung vermittelt, die der von Soldaten im Zweiten Weltkrieg entspricht. Gleichzeitig wurde eine eigene Auszeichnung, die „Kombattanten-Medaille“ geschaffen.“ Es sei nicht angemessen, nur auf aktuelle angebliche demokratische Defizite unseres Nachbarlandes hinzuweisen, ohne „dessen würdigen Umgang mit den Lastenträgern der Unfreiheit“ vorbehaltlos anzuerkennen: „Wir haben  in Deutschland einen  Nachholbedarf in Sachen grundsätzlicher Regelung im künftigen Umgang mit den tatsächlichen Kämpfern für Einigkeit und Recht und Freieit.“

Lesen Sie bitte auch: Ohne Gewalt gegen Gewalt – TICHYS EINBLICK 13.08.2017  https://www.tichyseinblick.de/meinungen/ohne-gewalt-gegen-gewalt/  und

Veröffentlicht am 13.08.2017:

Die „Lebendige Brücke“ am Checkpoint Charlie vom 13. August 1989 durch den Mauerdemonstranten Carl-Wolfgang Holzapfel, lt. Klaus Kleber „Der Mann vom Checkpoint Charlie“ (ZDF 2009). Der nachfolgende Film ist ein Ausschnitt aus der über dreistündigen Sequenz der Stasi, die Holzapfels letzte Mauer-Demonstration akribisch aufzeichnete.

Nach dem Mauerbau demonstrierte Holzapfel „wie kein Anderer“ (Rainer Hildebrandt) permanent bis zum Fall der Mauer gegen dieses „Bauwerk der Unmenschlichkeit“. 1965 wurde er bei einer Demonstration für die Freilassung der politischen Gefangenen in der SbZ (Sowjetisch besetzte Zone) am Checkpoint Charlie verhaftet und 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. © 2017 C.W.Holzapfel

In Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=ct32SQFxPWc

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1271).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

3.Oktober 2016 – An dieser Stelle haben wir bereits mehrfach auf das unselige Datum „3.Oktober“ – Gedenktag nach Aktenlage – hingewiesen. Dabei sind unsere Bedenken in den Jahren eher gewachsen. Bislang hat man uns nicht vom Gegenteil überzeugt. Daher nehmen wir den diesjährigen 3. Oktober zum Anlass, anstelle von (an diesem Tag) unangebrachten Feiern einen Rückblick zu wagen.

Ja, wir denken auch 27 Jahre nach jenem 9. November mit Freudenschauer an diese Nacht der Nächte zurück. Obwohl buchstäblich noch alles offen war, die DDR existierte ja noch, die Zukunft schien ungewiss, taumelten wir freudetrunken einander entgegen: Ost- und West-Volk. Dass dies vorwiegend in Berlin oder im nun (bevorstehend) einstigen Grenzgebiet geschah, wo die Teilung tagtäglich zu sehen und zu spüren war, geschenkt. Da, wo die Begegnung Mangels Masse und Nähe nicht stattfand, fieberte man zumindest am TV-Gerät oder am Radio mit. Das gequälte und geteilte Land gab sich der ungeteilten Freude hin, dem unausgesprochenen und doch lebendig empfundenen Gefühl der Auferstehung aus Ruinen (des Kalten Krieges) hin.

Und der Zukunft zugewandt

In dieser euphorischen Aufbruchstimmung wurden neue Gedanken geboren, mit Ideen zuhauf experimentiert. Der 9. November sollte zum Tag der Nation erhoben werden. Das Brandenburger Tor zu einer gemeinsamen, bisherige Grenzen überwindenden Denk- und Gedenkstätte der noch geteilten deutschen Staaten umgewidmet werden. Helmut Kohl legte handstreichartig sein Zehn-Punkte-Programm zur Einheit vor, und, und, und … Wir waren in diesen Tagen, Wochen und Monaten lebensbejahend der Zukunft zugewandt. Auch das in dieser Komplexivität einmalig in der deutschen Geschichte.

Laß uns dir zum Guten dienen

Laß uns dir zum Guten dienen: Wer wollte damals widersprechen? Die Ewig-Gestrigen? Die DDR-Nostalgiker gab es in dieser Zeit (noch) nicht. Jedenfalls waren sie im Freudentaumel noch nicht sichtbar. Heute wissen wir mehr. Dass sich die Verbrecher am Volk im Schatten des WIR-Taumels um die Rettung von (wirtschaftlichen) Positionen (und Konten) kümmerten, die Zukunft belasteter Funktionen durch funktionale Tricks durch die Waschmaschine des Einheits-Nebels jagten. So wurden zum Beispiel MfS-Angehörige in das MdI (Ministerium des Innern) umgruppiert (und konnten so in ordentliche Funktionen im später geeinten Deutschland übernommen werden), während die Reißwölfe heiß liefen, um soviel wie möglich belastendes Material zu vernichten. Es wiederholte sich, was nach dem Zusammenbruch 1945 geschah: Belastete Kader und eigentliche Verbrecher bemühten sich einst erfolgreich um die Integration in die Ordnung der Nachkriegs-Gebilde alliiert dominierter deutscher Staaten.

Deutschland, einig Vaterland

Heute, 27 Jahre nach dem 9. November 1989, wünscht man sich die Euphorie dieser Zeit wenigstens ansatzweise zurück: Deutschland, einig Vaterland. Und man wird sich gleichzeitig schmerzlich bewusst, dass es ja dieses Wesen des Urknalls, dieser spontanen Euphorie ist, dass diese einmalig ist, nicht auf Befehl und schon gar nicht zu einem willkürlich geschaffenen Datum abrufbar ist. Aber auch Erinnerung kann Emotionen frei setzen, uns punktuell an einstige Träume und einstige Taumel erinnern. Die Franzosen haben zum Beispiel ihren Tag des Sturms auf die Bastille am 14. Juli 1789(!), der die französische Revolution einleitete. Dieser Tag eint alle Franzosen, von links bis rechts. Und wir? Was haben wir aus diesem Vermächtnis gemacht?

Einigkeit und Recht und Freiheit

Was wir im bislang freien Teil Deutschlands vierzig Jahre lang besungen und nun auch auf den bislang unter einer Folge-Diktatur leidenden einstigen Mittelteil Deutschlands nach dem notariellen Vollzug der Zusammenschweißung ausgedehnt hatten, scheint uns nur noch marginal zu bewegen. Wir gehen derzeit den „17.Juni-Weg“: Aus bewegender und aufrüttelnder Erinnerung wird zunehmend ein Ritual mit verblassendem Inhalt. Der (arbeis-) freie Tag steht im Mittelpunkt, das rummelähnliche Angebot des freizeitlichen Vergnügens übertüncht die ritualen Reden, denen man hier und da anstandshalber – wenn überhaupt – zuhört oder zunehmend verbreitert noch nicht einmal zur Kenntnis nimmt.

Für das Deutsche Vaterland?          

Statt den „Tag der deutschen Einheit“ für einen ernsthaften Diskurs um das deutsche Vaterland zu nutzen, wird die Gelegenheit mit Brot und Spielen nach altem römischen Rezept verplempert. Dabei hätten wir eine Bestandsaufnahme unserer Demokratie bitter nötig. Denn eine ursprüngliche andere Euphorie ist uns fast gänzlich abhanden gekommen: Die für Freiheit und Gerechtigkeit, für unser Vaterland. Die nach dem Weltkrieg einst jungen und jetzt im Rentenalter stehenden Deutschen im Westteil unseres Vaterlandes erinnern sich noch gut an den freiheitlichen Geist (und die freiheitlichen Geister), der uns im Schatten alliierter Vorbehalte befeuerte und letztlich voran brachte. Kritik wurde seinerzeit mit Engagement interpretiert. Heute findet Kritik vornehmlich (noch) im Internet statt, erreicht ernsthaft kaum noch den öffentlichen Diskurs. Kritik wird allenfalls nur noch dann wahrgenommen, wenn sich diese in den Mainstreaming einordnet, also „akzeptabel“ ist.

Das Banner der Einheit, vor dem Reichstag am 3.Oktober 190 aufgezogen - Foto: LyrAg

Das Banner der Einheit, vor dem Reichstag am 3. Oktober 1990 aufgezogen – Foto: LyrAg

Die Bundestagsdebatten (vor meist spärlich besetzten Sesseln) sind, im Gegensatz zu den lebendigen und geistreichen Auseinandersetzungen der fünfziger, sechziger und sogar siebziger Jahren, die immerhin unser demokratisches Bewusstsein wesentlich beeinflusst haben, zu langweiligen Volkskammer-Attitüden verkommen. Man beklatscht sich selber und verneigt sich vor der akzeptierten DDR-Mittelmäßigkeit. Die einstigen Demokratie- und Freiheits-Transporteure, die Medien, haben sich inzwischen auf das breite Spektrum der DDR-Presse reduziert und sich dem verhängnisvollen Trend zur Demokratur angepasst. Das ist nicht zuletzt der aufgekommenen Angst um Position und Pöstchen zu verdanken. Zuviel eigene Gedanken „gegen den Strom“ gefährden die eigene Zukunft einer in der Umwälzung stehenden Medienlandschaft.

Danach lasst uns alle streben  

Wir haben uns daran gewöhnt, (unerwünschte) Kritik grundsätzlich dem Extremismus zuzuordnen, wobei – der aufgekommenen bzw. übernommenen DDR-Ordnung entsprechend – dem Rechts-Extremismus eine wiederum extrem anmutende eigene Aufmerksamkeit durch die Verbalisierung „Neo-Nazi“ gewidmet wird, während der Extremismus von links mit verbalen und verharmlosenden Begriffen wie „Autonom“ verschleiert wird.

Schmerzlich vermisst wird hier die ursprüngliche Rolle der GRÜNEN, die sich ja einst aus den Resten der APO-Bewegung rekrutiert hatte. Ich war nie ein Freund der Steine-werfenden und Fahrzeug-zündelnden 68´Generation. Aber die zwingende Notwendigkeit, die Verwerfungen im nachkriegsdeutschen West-Deutschland durch die verharmlosende und nicht hinnehmbare Integration einstiger Nationalsozialisten in eine demokratische Ordnung und die damit einhergehende unterlassene Aufarbeitung anzuprangern, habe nicht nur ich als notwendig angesehen. Und heute? Jene 68´er haben sich etabliert, gehören heute zum wirtschaftlich und politisch besseren Teil unserer Ordnung, haben ihre Ursprünge, aufgepeppt durch die Vereinigung mit dem sich revolutionär gebenden BÜNDNIS 90 der 89´er und 90´er DDR, in den Orkus der Geschichte geworfen. Man gibt sich heute innerhalb einer neuen „Nationalen Front“ staatstragend, was sich offensichtlich nicht mit einer notwendigen Aufklärung über die realen Hinterlassenschaften der DDR verträgt.

Natürlich muß der revolutionäre Schein gewahrt werden. Also kloppt man beharrlich auf Kritiker oder Konkurrenten am (politischen) Futternapf ein, diffamiert grundsätzlich Kritiker als Neo-Nazis und erspart sich damit demokratische Auseinandersetzungen um Thesen und Programme. Mit dieser, ebenfalls von der DDR kritiklos übernommenen und von der Öffentlichkeit bis heute nicht wahrgenommenen Praxis übertüncht man bestens eigene Unzulänglichkeiten (wie die zuvor erwähnte und vergessene eigene Vergangenheit oder die linke Geburt) und missbraucht die – Gott sei Dank – vorhandene breite Ablehnung jedweden Gedankengutes der Nationalsozialisten zur eigenen Profilierung.

Brüderlich mit Herz und Hand?

Erinnerung an eine finstere Zeit: Der einst weltberühmte Grenzübergang Marienborn, hier 2015 - Foto: LyrAg

Erinnerung an eine finstere Zeit: Der einst weltberühmte Grenzübergang Marienborn, hier 2015 – Foto: LyrAg

Im Ergebnis dieser zugegeben unfeierlichen Bestandsaufnahme lasst uns nicht nur über ein anderes Datum zum „Tag der deutschen Einheit“ nachdenken, sondern auch darüber, wie wir die alten Werte der einstigen (alten) Bundesrepublik im Hinblick auf demokratische Gepflogenheiten und ein Denken in Freiheit wieder beleben können. „Mehr Demokratie wagen!“ Dieser legendär gewordene Ausspruch Willy Brandts, mit dem er einst für die SPD sogar Wahlen gewann, sollte uns neuer Ansporn sein, nicht nur am Tag der deutschen Einheit über Inhalte von Freiheit und Demokratie zu debattieren, sondern diesen Diskurs zum (neuen und bestimmenden) Inhalt unserer Republik machen. Brüderlich mit Herz und Hand, also durchaus in idealistischer Euphorie (Herz) und Gedanken über reale Umsetzungsmöglichkeiten (Hand). Ein „Weiter so“ lähmt nicht nur unseren Staat, er gefährdet unsere bislang (noch) stabile Ordnung und befördert Extreme auf allen Seiten.

Und der 3.Oktober? Solange wir den bisherigen verhängnisvollen Kurs beibehalten, können wir das auch mit diesem Datum tun. Denn offensichtlich ist an diesem Tag die (alte) Bundesrepublik der DDR beigetreten (was einem Gedenktag nach Aktenlage durchaus entspricht). Es lebe die revolutionierte DDR? Nein, danke!

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* Der Autor ist überzeugter Demokrat und stolz auf seine politische Bildung im freiheitlichen Nachkriegsdeutschland, hier West-Berlin. Der 17. Juni 1953 und – ursprünglich stärker – der Aufstand in Ungarn (23. Oktober bis 4. November 1956) prägte seinen freiheitlichen Geist. Im Alter von 14 Jahren verfasste er so eine 60 Artikel umfassenden Plan zur Wiedervereinigung unter internationaler Beteiligung. Nach 1961 widmete der damals Siebzehnjährige sein Leben dem Kampf gegen die Berliner Mauer. Für seinen Einsatz für die politischen Gefangenen in der DDR wurde er 1965 am Checkpoint Charlie verhaftet und 1966 in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seit 2002 ist er Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. in Berlin.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.157)

Beachten Sie bitte die Korrektur bezgl. des Veranstaltungsortes / Änder. 9.06.2014

Berlin/Münster-Westf., 6.Juni 2014/cw – Zehn Jahre nach seiner Gründung geht jetzt der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH e.V.) in die Offensive und lädt zu einer ganztägigen „Heimkinderkonferenz“ ein. Die Konferenz findet am Samstag den 14. Juni im „Cafe „Die Weltbühne“ im Kommunikationszentrum ESG-Haus ab 10:30 Uhr (bis ca. 18:00 Uhr) ,  Breul 43  in Münster/Westfalen statt.

Baulich dem Zerfall preisgegeben. Ein  ehem. Kinderheim in Berlin-Ost: Die Erinnerung bleibt - Foto: LyrAg

Baulich dem Zerfall preisgegeben. Ein ehem. Kinderheim in Berlin-Ost: Die Erinnerung bleibt – Foto: LyrAg

In der Einladung zur Konferenz heißt es u.a.: „Die zeithistorische Aufarbeitung von staatlichen Verbrechen verläuft wellenförmig in mehreren Phasen mit initial langer Latenz des Beschweigens, dann wird es in kürzer werdenden Abständen Thema in der Öffentlichkeit. So setzt sich letztlich eine historische Aufarbeitung und auch partielle Entschädigung der Opfer durch. Beispiele: Genozid an den Heereros, NS-Zwangsarbeit, NS- Zwangssterilisation, Verbrechen der Wehrmacht, aktuell die Entschädigung ehemaliger Ghetto- Bewohner (Ghetto-Rentengesetz ZRBG). Immer ist es das Zusammenwirken von Opferverbänden, basispolitischen Kräften, engagierten Politikern, Historikern, sowie Medien und öffentlicher Meinung, das den Prozess vorantreibt.

Allerdings wird von Betroffenen in diesem Zusammenhang nicht nur die Zitierung des „Genozids an den Heereros“ oder die NS-Zwangssterilisation kritisch angemerkt. Wolfgang H., selbst über zehn Jahre lang in Kinderheimen (West) untergebracht und Teilnehmer an der Gründungsversammlung vor zehn Jahren: „Diese Gleichsetzung halte ich für fatal. Wir leisten unserem Anliegen einen Bärendienst, wenn wir hier NS-Verbrechen auf eine Ebene mit den Verbrechen gegen Heimkinder stellen.“ Richtig sei hingegen, dass es sich bei der Problematik um ein gemeinsames Erbe beider deutscher Nachkriegsgebilde handelt, die ihren Ursprung in historischen Wurzeln hatte. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen entsprach „wilhelminischen Überlieferungen,“ nach denen Kinder in erster Linie erst einmal Gehorsam lernen mussten, ehe sie in die Welt der Erwachsenen eintreten durften. Das Dritte Reich habe hier allenfalls diese Auffassung vertieft, was sich dann auf zwei Jahrzehnte der Nachkriegs-ordnung in Deutschland ausgewirkt habe.

Vierjährig im dunklen Keller eingesperrt. Kinderheim nahe dem Evang. Johannestift Berlin West. Heute ein Hotel - Foto LyrAg

Vierjährig im dunklen Keller eingesperrt. Ehem. Kinderheim nahe dem Evang. Johannestift Berlin West. Heute ein Hotel – Foto LyrAg

Tatjana S., Heimkind (Ost) ergänzt: „Dieser Teil gemeinsamer Geschichte kam in der öffentliche Diskussion bisher viel zu kurz, dabei ist das historisch angesichts der Gegensätzlichkeiten beider staatlichen Ordnungen durchaus spannend. Vielleicht,“ so Tatjana S., „ hat der Verein zu sehr auf Vorgaben der als Kooperationspartner für die Konferenz ausgewiesenen Partei DIE LINKE gehört.“ Diese „Nachfolgepartei“ habe durchaus „ein politisches Interesse daran, die Heimerziehung in der alten Bundesrepublik anzugreifen und damit von der gleichgeübten Praxis in der DDR abzulenken.“

Als Konferenzziel gibt der Verein eine „konzertierte Aktion zwischen VEH e.V., Medien und der Partei Die Linke, unterstützt von im Thema spezialisierten Juristen“ an und will folgende Forderungen gegenüber der Öffentlichkeit formulieren, die in „in ein politisches Programm mit konkreten Schritten zur Realisierung“ umgesetzt werden sollen. Unter anderem listen die Veranstalter folgende Punkte auf:

1. Anhörung im Bundestag
2. Erneuter Runder Tisch Heimerziehung, jetzt mit Beteiligung aller Betroffener
3. Rente analog dem Ghetto-Gesetz (ZRBG)
4. Beteiligung der Industrie an dem aufzulegenden Fonds

Auch die Verlängerung der Laufzeiten der Heimkinderfonds Ost und West soll auf die Agenda gesetzt werden. Man darf gespannt sein, wie und ob sich die offensichtlich wenig durchdachte Kooperation mit der westfälischen Landespartei DIE LINKE zur Durchführung dieser ersten Heimkinderkonferenz zu Gunsten der berechtigten Forderungen der Betroffenen in Ost und West positiv auswirkt.

Siehe hierzu auch:

http://www.veh-ev.eu/home/vehevinf/public_html/uncategorized/heimkinderkonferenz-am-14-06-2014-in-muensterwestf/

 

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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