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Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Berlin, 14.Juni 2019 – „Wir werden nicht ruhen – diesen Schwur lege ich hier ab für das gesamte deutsche Volk -, bis auch die achtzehn Millionen in der Sowjetzone wieder in Freiheit leben, bis ganz Deutschland wieder vereint ist in Frieden und Freiheit.“ Bundeskanzler Konrad Adenauer am 23.06.1953 in Berlin.

Es ist 66 Jahre her, an dem sich „zum ersten Mal seit 1933 die Arbeiter am 16. und 17 Juni 1953 zu Demonstrationen zusammen“ fanden. „Keine staatliche Anordnung, kein organisierter Beschluß setzte die Massen in Marsch. Spontan kamen sie aus den Industriewerken der Sowjetzone, um vor dem sowjetzonalen „Regierungsgebäude“ ihren Willen zu bekunden.“ So die einleitende Beschreibung des seinerzeitige Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen für ein 1953 vorgelegtes „Bilddokument einer echten Volkserhebung,“ , das im Archiv der Vereinigung 17. Juni vorliegt.

Es ist auch nach nahezu siebzig Jahren bewegend, mit welcher Akribie die damalige Bundesregierung Bild- und Text-Dokumente dieses ersten Aufstandes gegen die kommunistische Gewaltherrschaft in Europa zusammengetragen hat.

Das einzige originäre Denkmal an den Aufstand wurde 1953 in Berlin-Zehlendorf ggüb. einem sowjetischen Panzer errichtet –
Foto: Archiv 17.Juni

Für den Geschichtshungrigen ist allein diese originale Broschüre ein wahrer Schatz, zumal das offizielle Deutschland sich seit Jahrzehnten in einem schleichenden, weil nahezu unbemerkten Prozess der Erinnerung an diesen Volksaufstand entzieht. War der seinerzeitige Schwur Konrad Adenauers vor dem Schöneberger Rathaus noch mit einer glaubwürdigen Inbrunst vorgetragen worden, die Niemand als „politisches Geschwätz“ missverstand, werden heute die wenigen Erinnerungs-Zelebrierungen, wie der Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße im Berliner Arbeiterbezirk Wedding als Rituale verstanden, die auch von den Medien mit zunehmender Unlust transportiert werden. So werden prominente Redner dabei ertappt, sich bereits abgelegter Rede-Manuskripte zu bedienen, weil ihnen in der Tat zu diesem Tag nichts Bewegendes mehr einfällt.

Trauer und Stolz eine unauflösbare Einheit

Dabei gäbe es auch in unserer Zeit genügend Anknüpfungspunkte, um an diesen ersten demokratischen Aufstand seit der Weimarer Republik zu erinnern. Junge Menschen gehen wieder auf die Straße, weil sie sich um die Zukunft sorgen, sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Vielleicht liegt dieses Gefühl der „Verlassenheit“ auch darin begründet, dass unsere Politiker nicht mehr in der Lage sind, Geschichte so lebendig zu vermitteln, daß sich junge Menschen davon angesprochen und inspiriert fühlen. Man kann Geschichte nicht nur auf Zeiten des Niedergangs, der Scham, die aus den zweifellosen Verbrechen erwachsen ist, beschränken. Wir können diese dunklen Tage eigener Geschichte überhaupt erst ertragen, wenn wir uns auch der Tage bewusst sind, auf die wir alle Zeiten und mit Recht wahrhaft stolz sein dürfen. Wenn Geburt und Tod untrennbar zusammen gehören, dann sind auch Trauer und Stolz eine unauflösbare Einheit.

Panzer 3

Steine gegen Panzer –
ein ungleicher verzweifelter Kampf um die Freiheit – Foto: Archiv 17. Juni

So falsch die alleinige Hervorhebung großer historischer Ereignisse wäre, so falsch wäre und ist die Reduzierung eigener Geschichte ausschließlich auf Ereignisse der Trauer und des Niedergangs. Beides führt zur schleichenden Zersetzung der Identität eines Volkes, zerstört jedwede Basis des Vertrauens in die eigene und vor allem glaubwürdige Zukunftsfähigkeit.

Wir dürfen stolz sein auf diese Tage im Juni 1953. Sie waren der deutsche Auftakt zu einer Freiheitsgeschichte im zerrissenen Nachkriegs-Europa, dem (nahezu vergessenen) Aufstand im Sommer 1956 im polnisch gewordenen Posen, dem dramatischen Freiheitskampf im Oktober/November 1956 in Ungarn, der Freiheitsbewegung von 1967 in der CSSR unter Alexander Dubcek (wer kennt noch diesen Namen unter den „Nachgeborenen“?), dem Kampf der Solidarnosc in Polen in den achtziger Jahren. Ohne den Mut deutscher Frauen und Männer, denen man bis dahin unwidersprochen als Volk die willenlose Unterwerfung unter jedwede Obrigkeit unterstellte, ohne diesen Mut hätte es diesen Aufbruch in das freie Europa so nicht gegeben, wie wir es heute kennen und trotz aller Vorbehalte letztlich zu schätzen, fast schon zu lieben gelernt haben.

Wir sollten einen neuerlichen Stolz auf diesen Aufstand entwickeln, eine neue Dankbarkeit jenen Frauen und Männern gegenüber, die für diesen Ruf nach Freiheit und freien Wahlen, nach der Einheit unseres Vaterlandes mutig auf die Straße gegangen, dafür in die Zuchthäuser der Nach-Nazi-Diktatur gegangen und auch dafür gestorben sind. Der 17. Juni 1953 ist ein Gedenktag, der mit Leben, weil mit vielfältigen Erinnerungen angefüllt ist. Wir sollten diesen Tag dem Fast-Vergessen bewusst entreißen, ihn als historische Klammer zwischen den dunklen und den hellen Zeiten unserer Geschichte begreifen. Den 3. Oktober, der das Gedenken an den 17. Juni 1953 schmählich abgelöst hat, dürfen wir ohne Bedenken dem Orkus der Geschichte überantworten. Er ist als Gedenktag „nach Aktenlage“ blutleer, ohne jedweden erinnernden Lebenshauch, der uns mit dem Inhalt eines wirklichen Gedenktages über politische Grenzen hinaus verbinden sollte.

Der 17. Juni 1953 ist ein Gedenktag, der uns in jedweder Erinnerung mit Leben erfüllt und (wieder) inspirieren sollte. Lasst uns an Deutschlands, an Europas Zukunft glauben. Das ist ohne Erinnerung – auch an diesen Volksaufstand – nicht möglich.

* Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.420).

Aus aktuellem Anlass verweisen wir auf folgende Veranstaltungen der Vereinigung bzw. deren Mitwirkung:

Seit 1957 Vereinsfahne:
Das „V“ steht für „Victory“ –
Sieg (der 1989 errungen wurde) – Foto: LyrAgRH

16. Juni – 11:00 Uhr: Ehrung der Toten an den Mauerkreuzen am Reichstag, Friedrich-Ebert-Straße.
16. Juni – 12:00 Uhr: Ehrung am Gedenkstein Weberwiese (Karl-Marx-Allee).
16. Juni – 14:00 Uhr: Strausberg, Gedenkstein „17. Juni 1953“ vor der Kaserne.
16. Juni – 16:00 Uhr: Gedenken am Steinplatz/Hardenbergstraße – Opfer des Stalinismus, Opfer der nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
16. Juni – 18:00 Uhr: Gedenkfeier am einzige originären Denkmal an den Aufstand in Berlin-Zehlendorf, Potsdamer Chaussee (Autobahn-Kleeblatt) „Holzkreuz“.
– 16. Juni – 19:00 Uhr: Mitgliederversammlung.
17. Juni – 09:45 Uhr: Kranzniederlegung mit Reg. Bürgermeister von Berlin am ehem. „Haus der Ministerien“, dem heutigen Bundesfinanzministerium, Platz des Volksauftandes von 1953.
17. Juni – 11:00 Uhr: Staatsakt Bundesregierung und Senat von Berlin, Friedhof Seestraße, Seestraße 93
17. Juni – 11:30 Uhr: Gedenken der Verstorbenen Teilnehmer und Zeitzeugen
17. Juni – 17:00 Uhr: Treffen mit Schulklasse aus Bremen „Haus der Ministerien“
17. Juni – 19:00 Uhr: Treffen mit Schulklasse aus Bremen am „Holzkreuz“ in Zehlendorf. Thema: Der Umgang in Deutschland mit dem Gedenken.

Verantwortlich: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V.

Berlin, 27.12.2016/cw – Renate Weiß, enge Freundin der vor fast zehn Jahren verstorbenen und unvergessenen einstigen Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Sachsenhausen 1945-1950, Gisela Gneist, ist tot. Die Teilnehmerin am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 starb bereits am 8. Oktober diesen Jahres. Durch eine „bedauerliche Kommunikationspanne“, so die Familie, erfuhr die Vereinigung 17. Juni erst über Weihnachten von dem Tod der hochgeschätzten Kameradin.

 Renate Weiß Teiln. am Volksaufstand 23.04.1928 - 08.10.2016 Foto: LyrAg

Renate Weiß, Teilnehmerin
am Volksaufstand von 1953
Foto: LyrAg

Renate war fünf Jahre alt, als Hitler die Macht im Deutschen Reich übernahm (als „Machtergreifung“ in die Geschichte eingegangen). Fünf Jahre später tobte der SA-Mob durch die Straßen. Die damals Zehnjährige erinnert sich an die „Reichskristallnacht“: „Gegenüber dem Rathaus Pankow gab es ein Geschäft, Benno Falk, da wurden die Scheiben eingeschmissen.“ Zu der Zeit besuchte sie die Schule in der Pankstraße. Zum Beginn des Krieges wurde Renate Weiß nach Schlesien verschickt, besuchte in Liegnitz bei Breslau die Schule, mußte auf einem Bauernhof arbeiten. Dort lernte sie erstmals französische Kriegsgefangene kennen. In dieser Zeit entwickelte das junge Mädchen ihren kritischen Geist, der sie ein Leben lang begleitete. Die Unruhen des Krieges wirkten sich auch auf ihr Leben aus. 1941 zurück in Berlin mußte sie bereits 1942-1943 wieder „verreisen“, diesmal ins Riesengebirge, wo sie die Schule abschloss. „Wir bekamen an diesem Tag Hitlers „Mein Kampf“, erinnerte sich Weiß später, wußte aber nicht mehr, was sie mit dem Staats-Geschenk gemacht hat: „Gelesen habe ich darin nicht.“

Zurück im inzwischen zerbombten Berlin folgten 1945 anstrengende „Hamsterfahrten“ ins Berliner Umland. „Die Jungen empfanden dies vielfach auch als tägliches Abenteuer, während ich dies eher als Ausdruck des totalen Zusammenbruchs eines Staates empfand.“ Von 1946 – 1947 arbeitete die junge Frau im Haushalt eines Steuerberaters und begann 1947 eine     gärtnerische Ausbildung in Niederschönhausen und Heinersdorf: „Pflanzen führen keine Kriege und erfreuen den Liebhaber von Blumen in ihrer überwältigenden Vielfalt mit überwältigender Blüte und Schönheit,“ geriet die nunmehr alte Dame noch nachträglich ins Schwärmen über ihre Berufswahl, die sie nie bereut hat.

Auf dem Friedhof Seestraße 2013 : Bundespräsident Joachim Gauck, Edith Fiedler und Renate Weiß - Foto: LyrAg

Auf dem Friedhof Seestraße 2013 : Bundespräsident Joachim Gauck, Edith Fiedler und Renate Weiß – Foto: LyrAg

Dann kam der 17. Juni 1953. Die Normen für die abzuleistende Arbeit waren erhöht worden, der Unmut darüber wurde zur Empörung über den Staat. Auch die schnelle Stornierung dieser Maßnahme nutze nichts mehr. Der Widerruf erreichte die Arbeiter nicht mehr oder konnte die vielfach begonnenen Streiks nicht mehr verhindern. „Meine Chefin ermunterte mich, dem Demonstrationszug nach Berlin-Mitte zu folgen, was ich dann, freilich auch mit klopfendem Herzen, tat,“ erinnerte sich Weiß an die „wohl wichtigsten Tage“ ihres Lebens.

Der Demonstrationszug ging zum Stammsitz ihrer Gärtnerei in der Greifswalder Straße. In Mitte war ein MG drohend auf die dortige SED-Parteizentrale gerichtet. Akten flogen aus dem Fenster. Am Königstor (Moll-/Torstraße) brannte vor dem dortigen Revier ein Polizeiauto. Zwei russische Mannschaftswagen waren aufgefahren, die Soldaten standen zu dieser Zeit „Gewehr bei Fuß“. Weiß: „Wir wurden zu diesem Zeitpunkt nicht beachtet. Später flogen dann Pflastersteine auf die Russen. Als diese ihre Bajonette aufpflanzten, wichen wir zurück.“ Als am Nachmittag Panzer auffuhren, lief Renate Weiß mit ihren Kollegen wieder zurück nach Pankow. „Dort haben wir bis in den späten Abend an einem Kiosk am Bahnhof Wollankstraße, der dicht an der Grenze zu Westberlin lag, Bierchen getrunken und heiße Debatten um das Geschehen geführt,“ erinnerte sich Weiß.

Ein Rosenstrauß als später Gruß: Die letzte Ruhestätte von Renate Weiß - Foto: Lyrag 29.12.16

Ein Rosenstrauß als später Gruß: Die letzte Ruhestätte von Renate Weiß – Foto: Lyrag 29.12.16

Der niedergeschlagene Aufstand hatte der Gärtnerin die Augen geöffnet. Nach ihrer Ausbildung hatte sie zunächst versucht, sich 1952 in ihrem Beruf selbstständig zu machen, was in der damaligen SbZ nicht möglich war. 1955 gab sie ihr bisheriges Domizil auf, verließ Pankow und die „DDR“ und zog zunächst nach Bremen, bis sie 1958 nach Hamburg zog, wo sie dann ihre Tätigkeit als Blumenbinderin aufgab und in die Büroarbeit einstieg. Sie brachte es bis zur Chefsekretärin. In der Hansestadt an der Elbe lernte sie auch Gisela Gneist kennen, mit der sie bis zu deren Tod 2007 eine herzliche und enge Freundschaft verband.

Nach dem Fall der Mauer kehrte Renate Weiß in ihr geliebtes und nie aus dem Herzen verlorenes Pankow zurück. Nach ihrem Ruhestand besuchte sie Schulen, um vielen jungen Menschen über die Ereignisse um den damaligen Volksaufstand zu berichten. Zum 60. Jahrestag sagte sie spontan zu, als Zeitzeugin in einem Restaurant in Charlottenburg aufzutreten. Schon körperlich gezeichnet, beeindruckte sie mit Geist und Anekdoten über den 17. Juni und ihr Leben die leider sehr wenigen Besucher.

In diesem Jahr, 2016, mußte sie schließlich ihre Teilnahme am Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße, der ihr seit Jahren sehr wichtig war, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Im Juli verließ sie ihr liebgewordenes Domizil in einem Senioren-Stift, in dem sie eine abgeschlossene Wohnung bewohnte, und zog in ein Pflegheim nach Pankow um. Am 8. Oktober folgte Renate Weiß ihrer Freundin Gisela nach und gelangte zur letzten Ruhe auf dem Friedhof Buchholzer Straße. Wir werden die kleine, körperlich bereits gebeugte aber im Geiste ungebeugte Frau nicht vergessen.

Über Renate Weiß gibt es einige Sequenzen aus dem „Gedächtnis der Nation“, zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=bOTJqarpovc oder https://www.youtube.com/watch?v=3XRewuGgc8Y.

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.197).

Bremen/Bangkok, 8.02.2015/cw – Im Schatten der heftig geführten Auseinandersetzungen in Bremen um eine Predigt des evangelikalen Pastors Olaf Latzel haben jetzt seine Kritiker auf ein Dokument verwiesen, das am 28. Januar 2011 in Bangkok vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und der Weltweiten Evangelischen Allianz einmütig verabschiedet worden war. Sie sehen in den Äußerungen Latzels vom 18.Januar in der St.-Martini-Gemeinde einen klaren Verstoß gegen diese „gemeinsam beschlossenen Empfehlungen christlicher Konfessionen zum Verhalten gegenüber anderen Religionen und dem Umgang mit diesen.“

Nachfolgend führen wir auszugsweise die für die aktuelle Debatte wichtigsten Passagen an. Das gesamte Dokument kann unter
http://www.oikoumene.org/de/resources/documents/programmes/interreligious-dialogue-and-cooperation/christian-identity-in-pluralistic-societies/christian-witness-in-a-multi-religious-world?set_language=de
aufgerufen werden.

In der Präambel wird die Grundlage der christlichen Mission betont. Diese gehöre „zutiefst zum Wesen der Kirche.“ Es sei jedoch wichtig, dass dies in „uneingeschränktem Respekt vor und Liebe zu allen Menschen“ geschehe. Das vorliegende Dokument solle „keine theologische Erklärung zur Mission darstellen“, sondern verfolge vielmehr „die Absicht, sich mit praktischen Fragen auseinanderzusetzen, die sich für das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt ergeben.“
Zu den Grundlagen für das christliche Zeugnis wird u.a. ausgeführt, dass „christliches Zeugnis in einer pluralistischen Welt auch den Dialog mit Menschen, die anderen Religionen und Kulturen angehören“ umfasse (4.). Wenn Christen bei „der Ausübung ihrer Mission zu unangemessenen Methoden wie Täuschung und Zwangsmitteln greifen, verraten sie das Evangelium und können anderen Leid zufügen (6.). Christen wüssten, „dass der Geist weht, wo er will, auf eine Art du Weise, über die kein Mensch verfügen kann (7.)

Das Dokument von Bangkok - Beim Bibel-lesen übersehen?

Das Dokument von Bangkok – Beim Bibel-lesen übersehen?

In dem gemeinsamen Grundlagen-Papier werden die Christen „dazu aufgerufen, an folgenden Prinzipien festzuhalten“, vor allem in interreligiösen Begegnungen. Die Christlichen Tugenden (3.) beinhalteten die Berufung, „ihr Verhalten von Integrität, Nächstenliebe, Mitgefühl und Demut bestimmen zu lassen und alle Arroganz, Herablassung und Herabsetzung anderer abzulegen.“ Zur Ablehnung von Gewalt (6.) heißt es, Christen „sind aufgerufen, in ihrem Zeugnis alle Formen von Gewalt und Machtmissbrauch abzulehnen, auch deren psychologische und soziale Formen. Sie lehnen auch Gewalt, ungerechte Diskriminierung oder Unterdrückung durch religiöse oder säkulare Autoritäten“ ab.

Die Religions- und Glaubensfreiheit (7.) „beinhaltet das Recht, seien Religion öffentlich zu bekennen, auszuüben, zu verbreiten und zu wechseln.“ Diese Freiheit entspringe unmittelbar „der Würde des Menschen.“ Deswegen hätten alle Menschen „gleiche Rechte und Pflichten.“
Die Erklärung betont die Verpflichtung zu gegenseitigem Respekt und Solidarität (8.). Christen seien zur Verpflichtung aufgerufen, „mit allen Menschen in gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten und mit ihnen gemeinsam Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl voranzutreiben. Interreligiöse Zusammenarbeit ist eine wesentliche Dimension einer solchen Verpflichtung.“

Der Respekt für alle Menschen (9) vermittle das Bewusstsein, „dass das Evangelium Kulturen sowohl hinterfragt als auch bereichert.“ Selbst wenn das Evangelium bestimmte Aspekte von Kulturen hinterfrage, seien Christen dazu berufen, „alle Menschen mit Respekt zu behandeln.“ Christen seien „außerdem dazu berufen, Elemente in ihrer eigenen Kultur zu erkennen, die durch das Evangelium hinterfragt werden, und sich davor in Acht zu nehmen, anderen ihre eigenen spezifischen kulturellen Ausdrucksformen aufzuzwingen.“

Unter 10. wird dazu ermahnt, kein falsches Zeugnis abzugeben. Christen müssten „aufrichtig und respektvoll reden; sie müssen zuhören, um den Glauben und die Glaubenspraxis anderer kennen zu lernen und zu verstehen, und sie werden dazu ermutigt, das anzuerkennen und wertzuschätzen, was darin gut und wahr ist. Alle Anmerkungen oder kritischen Anfragen sollten in einem Geist des gegenseitigen Respekts erfolgen. Dabei muss sichergestellt werden, dass kein falsches Zeugnis über andere Religionen abgelegt wird.“

Der Aufbau interreligiöser Beziehungen (12.) sollte „weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägt“ sein. Diese Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufzubauen, diene der Aufgabe, „gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern. Deswegen sind Christen dazu aufgerufen, mit anderen auf eine gemeinsame Vision und Praxis interreligiöser Beziehungen hinzuarbeiten.

In den abschließenden Empfehlungen der Teilnehmer aus den größten christlichen Glaubensgemeinschaften (Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Evangelikale und Pfingstler) wird dazu aufgerufen, (2.) „von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen aller Religionen aufbauen, insbesondere auf institutioneller Ebene zwischen Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften, und sich als Teil ihres christlichen Engagements in anhaltenden interreligiösen Dialog einbringen. In bestimmten Kontexten, in denen Jahre der Spannungen und des Konflikts zu tief empfundenem Misstrauen und Vertrauensbrüchen zwischen und innerhalb von Gesellschaften geführt haben, kann interreligiöser Dialog neue Möglichkeiten eröffnen, um Konflikte zu bewältigen, Gerechtigkeit wiederherzustellen, Erinnerungen zu heilen, Versöhnung zu bringen und Frieden zu schaffen.“
Die Erklärung von Bangkok solle Christen ermutigen (3.) „ihre eigene religiöse Identität und ihren Glauben zu stärken und dabei gleichzeitig ihr Wissen über andere Religionen und deren Verständnis zu vertiefen, und zwar aus der Sicht von Angehörigen dieser Religionen. Um angemessen von Christus Zeugnis abzulegen, müssen Christen es vermeiden, die Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis von Angehörigen anderer Religionen falsch darzustellen.“ Ebenso sollten Christen (4.) „mit anderen Religionsgemeinschaften zusammenarbeiten, indem sie sich gemeinsam für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einsetzen und sich, wo irgend möglich, gemeinsam mit Menschen solidarisieren, die sich in Konfliktsituationen befinden.“

Nach den hier angeführten Inhalten erscheinen die verbreiteten Äußerungen evangelikaler Christen, wie Olaf Latzel und Rainer Wagner besonders unverständlich, zumal die Evangelikalen an der vorstehenden Erklärung ausweislich mitgewirkt haben. (943)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Bremen, 7.02.2015/cw – Auch Tage nach dem Protest von rund 70 Pfarrern vor dem St.-Petri-Dom gegen die als „Hass-Predigt“ klassifizierte Ansprache ihres Kollegen Olaf Latzel vom 18. Januar in St. Martini kommen die Protestanten in der als liberal geltenden Handelsstadt im Norden Deutschlands nicht zur Ruhe. Bundesweit berichten Medien über Latzels Philippika, die neben diversen Bezeichnungen auch als Pegida-Predigt tituliert wird.

Für den morgigen Sonntag steht die St.-Martini-Kirche während des Gottesdienstes praktisch unter Polizeischutz. Olaf Latzel hatte im Vorfeld eine Erklärung zu seiner umstrittene Predigt angekündigt. Die Sicherheitsbehörden rechnen mit „lebhaften Protesten.“
Wir geben nachfolgend einige Stimmen zu der lebhaften Diskussion wieder. Am Ende dieses Beitrag kann der LINK zum Wortlaut der umstrittenen Predigt angeklickt werden. (942)

Pastor Bernd Klingbeil-Jahr: „Das ist klassischer Fundamentalismus. Wer Bibeltexte als Schlagwaffe missbraucht, sollte sich nicht bibeltreu nennen. Es geht uns nicht nur um den Ton, sondern um eine Geisteshaltung, und die greifen wir an. Es ist sehr problematisch und kreuzgefährlich, wenn eine Minderheit in Bremer Gemeinden missionarisch meine, dass Menschen anderer Religionen zu Christen werden müssen, weil sie sonst nicht den allein selig machenden Weg zu Jesus Christus finden würden.“
Islambeauftragten Wolfgang Reinbold: „Niemand will die Religionen vermischen und eine Art Superreligion konstruieren. Die entscheidende Frage ist, ob wir den Dialog mit Muslimen suchen oder ihn ablehnen und statt dessen Polemiken von uns geben wollen.“

Jeanette Querfurt, Politik-Beauftragte der Kirche: „Hier wird Hass gepredigt.“
Renke Brahms, oberster Repräsentant der Kirche und Schriftführer: „Das ist geistige Brandstiftung“. Das sei geeignet, „Gewalt gegen Fremde, Andersgläubige oder Asylbewerber Vorschub zu leisten.“

Pastor Bernd Kuschnerus, Stellvertreter von Brahms: „Ich bin sehr erschüttert und traurig, dass sich jemand so im Ton vergreift.“
Jens Böhrnsen, Bremens Bürgermeister (SPD): „Damit (in der Predigt) wird zum Religionskampf aufgerufen und nicht zu dem, was wir brauchen für den sozialen Frieden in unserer Stadt, nämlich den Dialog der Religionen und der Kulturen.“

Jochen Grabler, leitende Redakteur von Radio Bremen: „Das erfordert einen Aufstand gegen Hassprediger wie Latzel, die keinen Platz mehr in der Bremischen Evangelischen Kirche haben.“

Matthias Güldner, Grünen-Fraktionsvorsitzender: „Latzel ist einer, der mit dem Zündholz am Pulverfass hantiert.“

Pastor Johannes Müller, BEK-Vertreter: „Das ist eine gemeindeinterne Angelegenheit, in die ich mich nicht einmischen kann. Latzels Predigt habe ich mir angehört. Ich hätte sie nicht gehalten.“

Pastor Ulrich Rüß, Vorsitzender der „Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen“: „Wir brauchen heute mehr eindeutige Christuspredigten, auch auf die Gefahr hin, beschimpft, abgestempelt und verleumdet zu werden, zu allen Zeiten ist das Zeugnis Christi auf Ablehnung und Widerspruch gestoßen. Aber ohne dieses gäbe es weder die hiesige Kultur noch Rechtsprechung. Niemand braucht jene Heuchler und Verräter am eigenen Glauben, die da buntblöd grinsend auf der Treppe des Bremers Domes standen, bereit einen der ihren zu opfern, für die Lüge vom friedlichen Zusammenleben mit dem Islam, am aller wenigsten die vom Islam und seinen Mörderbanden weltweit vertriebenen, verfolgten, gefolterten und abgeschlachteten Christen. Aber sie brauchen mutige, tapfere Kirchenvertreter wie Pastor Olaf Latzel.“

Olaf Latzel: „Ich werde mich auch in der Zukunft nicht wegducken. Ich habe eine Aufgabe gegenüber meinem Herrn und Heiland Jesus Christus. Vor ihm muss ich mich rechtfertigen. Wenn du als Christ keine Angriffe bekommst, stimmt etwas mit deinem Christsein nicht.“

taz, Berlin: „Seither tobt die Debatte, und auf evangelikalen Diskussionsforen wie idea.de ist Latzel jetzt der King. Erste Jesus-Vergleiche wurden schon gepostet.“

Peter Voith, Weser-Kurier: „Gespräch mit Pastor Latzel, Presseerklärung mit der Vokabel Entschuldigung schreiben – und Ruhe ist? Womöglich haben die obersten Vertreter der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) das gehofft. Doch weder der fundamentalistische St.-Martini-Pastor auf der einen, noch die auf Dialog und Toleranz bedachten Pastoren auf der anderen Seite werden Ruhe geben. Kompromisse finden? In diesem Grundsatz-Streit ist das ein Ding der Unmöglichkeit.
Was also tun? Egal was – aber bitte nicht herumeiern mit halbgaren bis geheuchelten Entschuldigungen. Entweder die BEK steht zu ihrer Verfassung, die den jeweiligen Gemeinden eine Selbstbestimmung in Glaubens-, Gewissens- und Lehrfragen einräumt, wie sie im Verbund der evangelischen Kirchen deutschlandweit einmalig ist.
Dann muss sie – abgesehen von strafrechtlich relevanten Positionen – auch die Ansichten eines Olaf Latzel in Fragen zur Stellung der Frau in der Kirche, in Fragen der nicht vorhandenen Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder auch Homosexuellen ertragen. Oder aber: Die BEK erkennt an, dass die St.-Martini-Gemeinde mit ihrem Verständnis von Christentum nichts zu tun hat. Dann muss sie bereit sein, ihre Verfassung infrage zu stellen und die Autonomie der einzelnen Gemeinden zu opfern. Und mit ihr die von St.-Martini. (Kommentar „Klare Ansage, 4.02.2015).

http://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-Klare-Ansage-_arid,1049638.html

Die Predigt: http://www.nwzonline.de/bremen/an-gideon-die-reinigung-von-den-fremden-goettern-lernen_a_23,0,1652672252.html

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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin/Bremen/Neustadt, 6.02.2015/cw – Man stelle sich vor, der Bundespräsident würde von einer Kanzel aus gegen Juden, Buddhisten, Moslems, Hindus und andere verächtliche oder diffamierende Äußerungen von sich geben. Würde man das dem ehemaligen Pfarrer durchgehen lassen? Wohl nicht. Sein Rücktritt wäre wohl unvermeidlich.

Denn in seinem zweifellos politischen Amt wäre der Präsident gehalten, seine Äußerungen zu wägen und den Kontext in seiner Vertretung vieler unterschiedlicher Menschen zu wahren.

Olaf Latzel in Bremen ist Prediger. Und wen er da in seiner Kirche von oben herab abkanzelt, dürfte im Kern nur seine Gemeinde interessieren, die sich diesen religiösen Tiraden freiwillig aussetzt. Allenfalls wäre dies ein Fall für innerkirchliche Debatten. Würde Latzel seine Überzeugungen lauthals auf dem Domplatz oder anderswo in Bremen verkündigen, wäre das nicht mehr nur seine Angelegenheit.

Rainer Wagner, Latzels Pendant aus Neustadt an der Weinstraße, verkündigt seine Weisheiten nicht nur in den Kirchen seiner evangelikalen Gemeinde vor Ort. Er verbreitet sich über einen „Stadtmissionsbrief“, der allmonatlich gedruckt die Öffentlichkeit auch über das Internet traktiert. In seinen Worten zum Monat gibt er fast wortgleich jene Verurteilungen Andersdenkender wieder, wie sein Bremer Prediger-Kollege. Das ist nicht nur ärgerlich.

Denn Rainer Wagner ist nicht nur Prediger wie Latzel, sondern Repräsentant des Dachverbandes der Verfolgten des Kommunismus (UOKG), Vorsitzender eines Verfolgtenverbandes (VOS), Funktionsträger in renommierten Stiftungen in Berlin (Hohenschönhausen und Berliner Mauer), die sich mit der Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur befassen, und in CDU-Organisationen. In diesen Multi-Funktionen steht Wagner eben nicht in einer abgeschlossenen Kirche, in der er seinen religiösen Eingebungen leben kann. Dass er diese Trennung selbst nicht sieht, belegen seine Äußerungen auf einer UOKG-Veranstaltung, als der Verfolgten-Repräsentant zwei ehemaligen politischen Gefangenen der DDR-Diktatur vorwarf, auch diese seien „Knechte Satans.“

Wagner steht, wie als angeführtes Beispiel sein zeitweiliger Gastgeber im Schloss Bellevue, in der Öffentlichkeit. Er kann seine öffentlich verbreiteten Verlautbarungen nicht nach Sonntag und Alltag trennen, er muß diese für oder gegen sich gelten lassen. Anders gesagt: Er sollte, er muß sich entscheiden zwischen seinen weltlichen Funktionen und seiner offenbar verspürten Verkündungsfunktion in seiner Kirche. Beides lässt sich nicht vereinbaren oder, was Wagner und Latzel wohl besser gefallen würde: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen!“ (941)

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