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Berlin, im Oktober 2019/cw – Auf die vorstehende Rede ist die Antwort durch einen Betroffenen vorgesehen. Wir danken dem Informanten ebenfalls für die überlassene Replik und stellen diese als Vorabdruck ebenfalls in den Diskurs.

„Sie erlauben mir, jene zuerst zu begrüßen, die auf dieser Veranstaltung – aus welchen Gründen auch immer – nicht anwesend sind:

Hochverehrte, in tiefer Trauer verbundene Angehörige von Opfern an der Berliner Mauer, der Zonengrenze deutschlandweit, des Eisernen Vorhangs in Europa,

hochverehrte ehemalige politische Gefangene aus den Zuchthäusern in Bautzen, Hoheneck, Brandenburg, Cottbus und anderswo und/oder deren überlebende Angehörigen;

hochverehrte einst engagierte Helfer, die oft unter Einsatz ihres Lebens oder ihrer Freiheit zahlreichen Menschen zur Flucht in die Freiheit verholfen haben;

hochverehrte Demonstranten für die Freiheit, die über Jahrzehnte gegen zahlreiche, oft sehr persönliche Widrigkeiten den Glauben an die Durchsetzungsfähigkeit der Freiheit und die

Wiedervereinigung unseres Landes hoch gehalten haben

und – last not least –

hoch geehrte Excellenzen, Präsidenten und übrige Teilnehmer an diesem Festakt,

Ihre Verdienste um die Aufarbeitung, die Erinnerung an mutige Menschen unserer Geschichte hat mein verehrter Vorredner bereits hinreichend gewürdigt. Ersparen Sie mir also eine Wiederholung von Kaskaden der Selbstbeweihräucherung und ermöglichen Sie mir, Sie mit einigen kritischen Anmerkungen zu konfrontieren:

Liebe Frau S., erlauben Sie mir, Sie beispielhaft anzusprechen, ohne Ihnen allein die Bürde der Verantwortung aufzuerlegen. Die Wiedervereinigung hat Ihnen in der Folge eine wichtige Lebensstellung verschafft. In einer eigens geschaffenen staatlichen Stiftung dürfen Sie – gut dotiert – die Erinnerung an jene Menschen pflegen und hochhalten, ohne deren vielfältigen Opfer Sie niemals in diese Position gelangt wären. Erst die jahrzehntelangen Verbrechen an diesen Menschen und die dadurch insistierte Aufarbeitung dieser Verbrechen, so diese denn überhaupt aufgearbeitet werden können, haben Ihnen und Ihren vielzähligen Mitarbeitern aber natürlich auch anderen Institutionen und deren ebenso zahlreichen Mitarbeitern, eine ansehnliche Lebensstellung gesichert.

Die Aufarbeitung wird entmenschlicht

Wie wichtig diese Sicherung zumindest Einigen unter Ihnen war und ist, hat sich jüngst – immerhin im 30. Jahr der Maueröffnung – am Beispiel einer anderen Aufarbeitungsbehörde gezeigt. Die Verlagerung von sogen. Täter-Akten in ein Vielfalt-Archiv untermauert das vielfach erkennbare politische Bestreben, endlich die Aufarbeitung zu entmenschlichen, diese also der historisch-faktischen Forschung – im bürokratische Sinn – zu überantworten. Da spielen zukünftig also rein menschliche Belange schon zu Lebzeiten einstiger Diktatur-Opfer keine herausragende Rolle mehr. Der dadurch überflüssig gewordene Behördenchef darf aber eine Verlängerung seiner gewohnten Privilegien erwarten: Die Schaffung eines Bundesbeauftragten für die Diktatur-Opfer soll ihm ein gewohntes Lebensumfeld erhalten.

Sie, geehrte Frau S., brauchen also auch um Ihre Zukunft nicht zu fürchten. Sollte sich die Arbeit Ihrer Stiftung aus politischen Gründen erledigen, könnten Sie mit Fug und Recht, also gegebener Erfolgsaussicht, die Schaffung einer „Bundesbeauftragten zur historischen Verwaltung stiftungsrechtlich erfolgter Aufarbeitung“ erwarten.

Lassen Sie mich diese Beispiele nicht fortsetzen, da die Gefahr besteht, dass mir derlei Aufzählungen die Sprache verschlägt. Ich möchte lediglich diese bemerkenswerte, wenn auch langgeübte formale Veranstaltung der unerträglich werdenden Selbstbeweihräucherung nutzen, Ihnen einige Bedenken vorzutragen. Dabei stellt sich die Frage der Legitimation nicht. Denn natürlich haben Sie die in der Begrüßung erwähnten Personengruppen nicht eingeladen. Wenn ich diese begrüßt habe, dann aus einem unsäglichen Zorn heraus.

Seit Jahr und Tag feiern Sie – dieses total zu recht – den Mauerfall und die folgende Wiedervereinigung. Aber haben Sie einmal – nur einmal – darüber nachgedacht, dass Sie diese Feiern exklusiv für sich veranstalten? Na klar, Sie laden auch das VOLK ein. Das darf sich auf Rummelplätzen vor dem Brandenburger Tor in Berlin oder wahlweise, diesmal in Kiel, vergnügen. Die exklusiven Festivitäten mit allem Drum und Dran aber veranstaltet man für sich und bleibt damit unter sich.

Haben Sie jemals einen Flüchtling in den Arm genommen?

Peter Fechter ( ermordet † 17.8.1962). Gedenken in der Bernauer Strasse – Stiftung Berliner Mauer – Foto: LyrAg

Was wäre denn auch die Erinnerung ohne Ihre in der Summe mit Millionen Euro geförderte Aufarbeitungs-Arbeit wert? Sie würden, statt in wunderschönen Dienstsitzen und Büros ohne Bürostress zu sitzen, vermutlich in irgendeiner Fabrikhalle, einem Discounter oder einem Verwaltungsbüro unter dem üblichen tagtäglichen Stress ihre Arbeit verrichten müssen und dabei einen mehr oder weniger schmalen Lohn, wahrscheinlich eher Gehalt erhalten. Und das Schlimmste dabei: Keine Öffentlichkeit würde sich für Ihre Arbeit interessieren, oft nicht einmal die eigene Familie.

Haben Sie jemals, wenigstens in einer solchen Stunde wie dieser, an Ihre eigentlichen Arbeitgeber gedacht? An die von mit eingangs erwähnten und begrüßten, weil nicht anwesenden Opfer der Teilung, der Wiedervereinigung, die politischen Häftlinge, die Mutter, die ohne ihren an der Mauer erschossenen Sohn leben muss? An die Schwester, die ihren ermordeten Bruder beweint?

Na klar. Sie verweisen auf jährliche Gedenkfeiern an den Mauerkreuzen, zum Beispiel in der Bernauer Straße. Aber haben Sie dort jemals einen Familienangehörigen eines dieser Opfer in den Arm genommen? Haben Sie, bitte seien Sie ehrlich, jemals einem dieser Menschen Ihre persönliche Hilfe und Unterstützung angeboten oder diese dann umgesetzt? Waren Ihnen die demonstrativen Feierlichkeiten nicht stets wichtiger als die so oft beschworene Mitmenschlichkeit?

Was sagen Sie zu den Tatsachen, dass einstige Flüchtlinge auch 30 Jahre nach dem Mauerfall um Teile ihrer zugesagten Rente, Verfolgte um ihre Rehabilitation kämpfen müssen? Dass den Opfern der Diktatur eine „Soziale Zuwendung“ (17 Jahre nach der Einheit) ausgereicht wird, während DDR-Ministern, die im Einzelfall längstens 5 Monate im letzten Regierungs-Dienst waren, eine „Ehrenpension“ in doppelter Anfangshöhe der erwähnten sozialen Zuwendung gesetzlich zugesprochen wurde? Diese Minister-Ehrenpensionen erhöhen sich seit 2007 regelmäßig mit der Erhöhung der Bezüge von Bundesministern und sind sogar vererblich. Die soziale Zuwendung ist in 13 Jahren einmal um 50 Euro angehoben worden.

Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen?

Hätten Sie, vielfach geehrte Anwesende, gerade in Ihrer Funktion nicht aufgabengerechter, mitmenschlicher tätig werden können? Haben die Diktatur-Opfer, denen Sie letztlich Ihre Lebensstellung verdanken, nicht allen Ihren persönlichen Einsatz verdient? Haben Sie nicht mit der immer wieder zu hörenden bürokratischen Rechtfertigung, an „gesetzliche Vorgaben gebunden zu sein“, die Ihnen „leider die Hände binden“ nicht Ihre eigentliche Klientel verraten? Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen , der unbedingte Einsatz für jene Menschen, denen Sie Ihren Job, Ihre Position, denen wir ein wiedervereinigtes Vaterland verdanken?

Anfang der neunziger Jahre habe ich einen Repräsentanten des Innenministeriums gefragt, warum zur Gedenkfeier am 17. Juni nie ein Teilnehmer sprechen durfte. Die Antwort fiel nach einigem Zögern offen und ehrlich aus: „Wir wissen doch nicht, was der sagen würde.“

Heute durfte ich – wohl eher aus Versehen – zu Ihnen sprechen. Und Sie wissen jetzt, was ein Betroffener sagen würde, weil ich es hier und heute gesagt habe. Hoffentlich – ich bin noch immer ein unverbesserlicher Optimist – nicht völlig umsonst. Gehen Sie in sich. Und vergessen Sie beim anschließenden Sekt-Umtrunk nicht jene Menschen, die auch Ihnen in ihrer oft aufgekommenen Verzweiflung vertraut haben. Solange diese Menschen leben, können Sie für diese im Rahmen Ihrer Möglichkeiten und gewachsenen Beziehungen etwas tun. Danach, also wenn diese Menschen tot sind, bleibt Ihnen nur noch der unter diesen Umständen heuchlerisch wirkende Abwurf von Kränzen am 13. August oder 9. November.

V.i.S.d.P.: Der Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.482).

 

 

Ein Fest „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ –                   Foto: LyrAg

 

Das Brandenburger Tor – Symbol der Darstellung deutscher Geschichte – Foto: LyrAg

Etwas erschöpft vom Berichts-Marathon: Arndt Breitfeld vom rbb – Foto: LyrAg

Der Rufer – vielfach auch nach 28 Jahren noch nicht wahrgenommen – Foto: LyrAg

Geschichte und Gegenwart:
Blick auf den „Unbekannten Plünderer“ (Berliner Schnauze) – Foto: LyrAg

Erinnerungen an die Toten der Mauer: In einem Pavillion unter div. Fotos versteckt – Foto: LyrAg

 

 

Hier, an der Bernauer Straße, wurde 2018 ein Fluchttunnel von 1963 entdeckt – Aktuelle Präsentation? Fehlanzeige – Foto: LyrAg

 

Lichtblick: Rainer Klemke (Mitte), einst zuständig für die Gedenkstätten, als Pensionär noch   immer für die Erinnerung aktiv – Foto: LyrAg

Auch Polit-Prominzenz, hier MinPräs. Armin Laschet (im Mauerjahr 1961 geboren) wurde gesichtet. Zeitzeugen der Teilung waren nicht gefragt – Foto: LyrAg

 

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Fotos: ©2018 LyrAg – Tel.: 030-30207785

Berlin, 2.Oktober 2018/cw – Die Innenstadt gleicht eher einem Heerlager als der freudigen Einstimmung auf ein nationales Fest. Weiträumige Absperrungen im weiten Zirkelkreis rund um das Brandenburger Tor können einem durchaus freudig gestimmten Besucher der diesmal von Berlin gestalteten Festlichkeiten zum „Tag der Deutschen Einheit“ verleiden. Streckenweise fühlt man sich an unselige Absperrungen rund um das Aufmarschgelände für Partei und Armee zu Zeiten der DDR erinnert, nicht aber an die anderen demokratischen Zeiten im einstigen West-Berlin, als bis zu 600.000 (!) Berliner zum Beispiel am 1. Mai zum Platz der Republik vor dem damals noch ruinösen Reichstag zur Freiheitskundgebung zogen, ungehindert von Absperrungen und Kontroll-Barrieren.

Bedenklicher Wechsel in der Selbstdarstellung

Meterhohe Sperrgitter verhindern den Zugang zu den Kreuzen der Mauer-Opfer – Foto: LyrAg

Sicherlich haben sich seither einige Koordinaten verändert, nicht zuletzt auch durch den fürchterlichen Anschlag vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf den – frei zugänglichen – dortigen Weihnachtsmarkt. Trotzdem bleibt die Notwendigkeit, auf diesen Wechsel in der Selbstdarstellung eines demokratischen Staates kritisch hinzuweisen, um die Einschränkungen nicht ausufern zu lassen oder um einen ständigen Ausbau durch eifrige Schreibtisch-Bürokraten möglichst zu verhindern. Ein wesentliches Merkmal unserer Demokratie ist die permanente Überprüfung von Maßnahmen auf deren Notwendig- oder Überflüssigkeit.

Nicht hinnehmbar allerdings ist der Umgang mit Gedenkstätten im Rahmen notwendiger Sicherheitsvorkehrungen, darauf hat heute die Vereinigung 17. Juni in Berlin hingewiesen. So wurden die Gedenkkreuze an diverse Opfer der Mauer im Schatten des Reichstages (Ebert-/Ecke Scheidemannstraße) zunächst gedankenlos von Arbeitern mit Absperrgittern zugestellt. Nachdem der Senator für Kultur, Klaus Lederer, intervenierte, wurden die Gitter schnellstmöglich hinter die Kreuze verlegt, was die Berliner Stadtreinigung nicht daran hinderte, im Gefolge der erfolgreichen Fehlerbehebung diverse Abfallcontainer vor den Kreuzen zu platzieren. Nach erneuter Intervention auch des Senators wurden diese wieder entfernt, die BSR hat sich „für diesen Fehler“ entschuldigt.

Nach urspr. Entfernung erneute gedankenlose Platzierung von Absperrelementen – Foto: LyrAg

Gedankenlose Entsorgung vor Gedenkkreuzen

Bei einer gestrigen Begehung des Geländes, das für die Feierlichkeiten zum 3. Oktober aufbereitet wurde, stellte die Vereinigung fest, dass erneut ein wohl im Wege stehendes Absperrelement vor den Kreuzen abgestellt worden war. Zudem war das bereits vorhandene großflächige Sperrgitter auf der Mitte der Scheidemann- und Eberstraße weiterhin vorhanden. Besucher – auf dem Weg zum Brandenburger Tor – können also nicht spontan an den Gedenkkreuzen innehalten und der Opfer der Mauer und Teilung gedenken.

Die Vereinigung 17. Juni wird heute zwischen 14:00 und 15:00 Uhr an den Gedenkkreuzen jeweils eine Rose anbringen. In diesem Zusammenhang hat die Vereinigung an die Verantwortlichen appelliert, wenigstens zwei Sperrgitter auf der Höhe des dortigen Mahnmals zu entfernen, um einen freien Zugang zu ermöglichen. Es könne nicht sein, dass „zur Jubelfeier um die Deutsche Einheit die Gedenkkreuze an die Toten der Mauer geradezu versteckt werden,“ erklärte der Verein einen Tag vor dem Feiertag in Berlin. „Die ermordeten Opfer der Teilung gehören als deren Lastenträger zum festen Bestandteil der deutschen Geschichte. Der ungehinderte Zugang zu deren Mahnmalen sollte auch in Zeiten notwenig erscheinender Sicherheitsmaßnahmen außer Diskussion stehen,“ sagte Vorstandssprecher Holzapfel.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953 (1.434).

Berlin, 09.06.2018/cw – Nach Medien-Berichten, u.a. der Deutschen Welle haben sich Kreml- chef Wladimir Putin und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko über die Lage von Gefangenen aus ihren Ländern beraten. Aus dem Präsidialamt in Kiew hieß es, man habe über eine mögliche Freilassung von Ukrainern gesprochen, die in Russland und in den ostukrainischen Separatistengebieten in Haft seien. Am Montag wollen sich die Außenminister Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands in Berlin zu Gesprächen über die Lage im ostukrainischen Kriegsgebiet treffen.

Mahnwache in Berlin wird fortgesetzt

Unterdessen setzt der Menschenrechtler und ehemalige politische Häftling im DDR-Zuchthaus Cottbus, Ronald Wendling (59), seine Mahnwache für die politischen Gefangenen gegenüber der Russischen Botschaft Unter den Linden in Berlin fort, die in Russland auf ihre Verurteilung warten oder bereits zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Am 13. Juni steht der Berliner (seit 2014) zum 200. Mal auf dem Mittelstreifen nahe dem Brandenburger Tor. Wendling hat auf seinen selbstgefertigten Plakaten über 60 Gefangene im Portrait abgebildet: „Ich möchte diese Menschen aus der Anonymität reißen, ihnen ein Gesicht geben,“ sagt der unermüdliche Aktivist, der logistisch von einigen Freunden und der Vereinigung 17. Juni in Berlin unterstützt wird.

Hohe Auszeichnung von den Krimtataren

Jeden Donnerstag steht der einstige Cottbusser Häftling seither von 13:00 – 16:00 Uhr vor der Botschaft. Seit letzter Woche allerdings wird die Mahnwoche täglich von 13:00 – 18:00 Uhr durchgeführt. Grund: Ein weiterer Angeklagter wurde von der Russischen Justiz zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Aus diesem Anlass steht der Protestler für jedes Jahr verhängter Strafe trotz der gegenwärtigen großen Hitze jeweils einen Tag bis zum 16. Juni in der Straße Unter den Linden, danach wird die Mahnwache wieder im wöchentlichen Turnus durchgeführt.

Letzte Woche erhielt Ronald Wendling in den Räumen der Ukrainischen Botschaft in Berlin von einer Abordnung der Krimtataren eine hohe Auszeichnung überreicht. Drei Krimtataren, unter diesen ein gerade entlassener politischer Gefangener, konnten bei dieser Gelegenheit in bewegender Form gegenüber dem Berliner ihren persönlichen Dank für dessen unermüdliche Einsatz aussprechen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.393).

Wir sprechen hier von einem Hochland der Kultur, deren Geschichte sich über Jahrtausende verfolgen lässt. Diese Kultur ist ein Weltkulturerbe, auf das alle Völker dieser Welt dankbar zurückblicken dürfen. Beispiellos ist auch die Geschichte der persische Literatur, ein Transformator jeglicher geistigen Entwicklung.

Exil-Iraner stellten eindrucksvoll die Hinrichtungen im Iran nach – Foto: LyrAg

Hier sei erinnert, dass die persische Dichtung als Gesamtheit der klassischen Dichtungskultur im Iranischen Hochland bezeichnet und empfunden wird. Diese Dichtungskultur entstand in den Gebieten der heutigen Staaten Iran, Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan. Die persische Sprache war über eine sehr lange Zeitspanne hinweg die Kultur- und Amtssprache auch im Irak, in  Pakistan und in Nordindien.

Persische Dichter haben über Jahrhunderte hinweg andere Kulturen und Sprachen beeinflusst, auch hier in Deutschland. Denken wir an Johann Wolfgang von Goethe, dessen „West-östlicher Diwan“ auf der klassischen persischen Poesie basiert.

Kultur in einem Trauma des Terrors untergepflügt

Diese Kultur, dieser Anspruch auf die Teilhabe an der kulturellen und humanistischen Gesinnung auf unserer Welt, ist vor Jahrzehnten in einem Trauma des Terrors untergepflügt worden. Selbsternannte „Abgesandte des Himmels“, des „Propheten“ oder wie sie sich noch in ihrer wahnsinnsbeherrschten Eitelkeit benennen, haben sich diesen großen Staat und sein mit Recht stolzes Volk zu eigen gemacht und damit dessen tiefe humane Gesinnung mit Füßen getreten. Diese Turban-Diktatoren haben unter dem Missbrauch religiöser Gesetze und Formeln ihr Volk nicht befreit, sondern in ein Tal der Unterdrückung, Verzweiflung und Unkultur gepresst.

Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni verlas ein Grußwort an seine iranischen Freunde – Foto: LyrAg

Doch immer wieder gab und gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben, ihr ganzes Sein dafür aufopfern und hingeben, diese von geistigen Ursupatoren getretenen Werte im Blick auf ihren Glauben an eine nie untergehende Zukunft lebendig zu erhalten. Nahezu 40.000 Menschen haben bisher ihren Widerstand gegen diese wahrhaftigen Satansknechte der Unkultur mit ihrem Leben bezahlen müssen. Allein in diesem Jahr zählen wir bereits über 100 Hinrichtungen aus politischen oder vorgegebenen religiösen Motiven.

Und die übrige Welt? Und Deutschland? Wie steht die Weltgemeinschaft zu diesen Unsäglichkeiten, zu diesen Verbrechen im missbrauchten Namen Allahs?

Hier, am Brandenburger Tor, erlebte der Freiheitswille seine Auferstehung

Deutschland weiß um die Inhalte ungeheuerlicher Verbrechen. Gerade hier an dieser Stelle, am Brandenburger Tor, manifestierte sich bis zum 9. November 1989 die ungebrochene Kraft fortgesetzten Unrechtes, der Verweigerung der Lehren aus nationalsozialistischen Verbrechen. Hier, an dieser Stelle, manifestierte sich selbsternannter Größenwahn, der ja auch die „Befreiung der eigenen Bevölkerung von Unterdrückung und Unkultur“ posaunte, in Form dieser Mordmauer, an der jeglicher Freiheitswille durch die mörderischen Kugeln eines unmenschlichen Systems niedergemetzelt wurde.

Aber hier, liebe Freunde, an dieser Stelle erlebte auch dieser nie gebrochene Freiheitswille seine Auferstehung, seine neue Taufe. Hier tanzten die Menschen ekstatisch vor aller Welt auf den Trümmern einer letztlich besiegten Diktatur, die sich selbst für unsterblich gehalten hatte.

„Nächstes Jahr in Teheran!“
Hunderte Exil-Iraner schwenkten hoffnungsvoll die Fahnen ihrer Heimat – Foto: LyrAg

Und darum ist es gut, dass Ihr Euch diesen Ort mit Bedacht ausgesucht habt, um wieder einmal und erneut für die Freiheit Eures großen Volkes zu demonstrieren. Wo denn sonst, als an diesem Ort, der den Marsch der braunen Bataillone und der roten selbsternannten Zaren überlebt und der Freiheit ein neues Symbol vermittelt hat?

Aber wir wissen auch, dass Symbole allein nicht ausreichen. Wir selbst müssen für deren stetige Schwangerschaft Sorge tragen, müssen die Frucht der Freiheit hüten und beschützen, damit diese auch eines Tages in Eurem Land wieder geboren werden kann.

Es wird zuwenig nachgefragt, wohin wir gehen wollen

Darum lasst uns nicht nachlassen in diesem Kampf um die Freiheit, die Würde des Menschen, den bewahrenswerten Kultus eigener Geschichte. Nachlassen dürfen wir aber auch nicht in unserem beständigen Einwirken auf die Politik dieses Landes, auf die Entscheidungsfinder und –träger Deutschlands. In diesem Land wird allzu sehr vergessen, woher wir kommen und zu wenig nachgefragt, wohin wir gehen wollen.

Die Pflege der Beziehung zu dunklen Mächten kann nicht länger allein von den Euro-Salden möglicher Geschäftsbeziehungen abhängig gemacht werden. So wichtig diese für einen prosperierenden Staat wie Deutschland sein mögen: Unsere Vergangenheit zwingt uns zu einer besonderen Bewahrung ethischer Ansprüche. Ein Holocaust-Mahnmal nahe dem Brandenburger Tor wird zu einer leeren Gesteinswüste, wenn aus deren Ursprung nicht der Wille zu einem permanenten Kampf gegen Unrecht, Mord und Gewalt und die Bereitschaft entspringt, dafür auch Opfer zu bringen.

Vergesst nicht dem Kampf um eine Humanisierung dieser Welt

Am Tor der Freiheit Erinnerung an das Massaker von 1988 – Foto: LyrAg

Darum ergeht von hier aus der Ruf an die Verantwortlichen in diesem Land: Vergesst in Eurem Werben um die Wiedererlangung von Sitzen im Bundestag nicht diesen notwendigen Kampf um eine Humanisierung dieser Welt, auch um eine Befreiung des einstigen Persien und heutigen Iran von faschistoiden Mullah-Banditen. Wer diese Verbrechen übersieht, weil es nicht in den aktuellen politischen Alltag passt, der ist verurteilt, dieses Unrecht eines Tages auch in den eigenen Mauern erneut zu durchleben. Und diese Mauern werden eines Tages höher, weiter und unbezwingbarer sein, als jene Mauern, die in der Nacht des 9. November zum Einsturz kamen. Denn die Gefahr, dass sich diese Mauern weltweit gegen die Freiheit auftürmen, wird uns seit jenem verheerenden 11.September in New York und seine permanenten Nachbeben, die seit geraumer Zeit auch Europa erreicht haben, überdeutlich. Allein aus Ankara kommen täglich diese verheerenden Signale des Rückschritts in eine überwunden geglaubte Unkultur.

Drahtzieher der Unkultur

Im heutigen Iran aber sitzen diese Drahtzieher der Unkultur. Viele Menschen haben den Kampf gegen diese Drahtzieher aufgenommen, haben dabei ihr Leben verloren. Ihnen gilt heute unsere unterstützende Demonstration. Wir verneigen uns nicht nur vor den Hungerstreikenden politischen Gefangenen im Iran, wir stehen fester denn je an ihrer Seite und hoffen inständig, dass diese Solidarität auf unergründlichen Pfaden den Weg in die grauen und muffigen Zellen im Iran finden möge. In diesem Sinn Dank für Euren beständigen Mut und die nicht nachlassende Kraft, diesen Kampf zu bestehen.

Nächstes Jahr in Teheran!

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*  Grußwort zur Iran-Demo vom 26.08.2017 am Brandenburger Tor von Carl-Wolfgang Holzapfel, Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG 17. JUNI 1953, Berlin – Tel.: 030-30207785

Oktober 2019
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