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Berlin, 15.01.2018/cw – In der Bernauer Straße/Ecke Schwedter Straße wurde 55 Jahre nach der Grabung der sogen. Weinstein-Tunnel entdeckt. Die Berliner Wasserwerke bauen gegenwärtig ein Wasserrückhaltebecken am Rande des Berliner Mauerparks. Bei den Vorarbeiten wurden die Reste einer Kfz-Sperre (Panzersperre) aus den sechziger Jahren freigelegt. Der informierte Archäologe Torsten Dressler, ein Experte der Tunnelforschung, nutzte seine Kenntnisse über einen am gleichen Ort 1963 gegrabenen Tunnel durch den Verein Berliner Unterwelten und dessen rührigem Vorsitzenden Dietmar Arnold und ließ mit Unterstützung des Vereins und der von diesem erreichten Zustimmung des Landesdenkmalamtes, den Wasserwerken und der Stiftung Berliner Mauer die Grundmauern der einstigen Kartoffelgroßhandlung freilegen, von der die Fluchthelfer den Tunnel zur Eberswalder Straße 1 vorgetrieben hatten.

DDR-Behörden verweigerten dem Baby den Weg zu den Eltern

Liane Weinstein erblickte im Sommer 1961 das Licht der Welt. Ihre Eltern, Angelika und Gerd Weinstein, wollten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Ostberlin leben. Wegen des Umzuges in eine Westberliner Wohnung im August 1961 ließen sie Liane bei den Großeltern zurück, um ihre Tochter vor den Unbilden eines Umzuges zu schützen. Just in diesen Tagen, am 13. August, wurde unter Walter Ulbricht und dem organisatorischen Kommando von Erich Honecker die Mauer gebaut. Die DDR-Behörden weigerten sich, das Baby Liane zu ihren Eltern nach Westberlin ausreisen zu lassen.

Der 1932 als Sohn einer jüdischen Mutter geborene Weinstein, der 1933 von seiner  Mutter nach deren Heirat mit einem „Arier“ verlassen und im jüdischen Waisenhaus in Berlin-Pankow aufgezogen worden war, wo er die Verbrechen der Nationalsozialisten als „Halbjude“ mit viel Glück überlebte (sein Großvater, Vater seiner Mutter, wurde 1943 in Auschwitz ermordet), wusste um die Schmerzlichkeit eines verlassenen Kindes. Er wollte mit allen Mitteln um Liane kämpfen. So sann er auf geeignete Fluchtmöglichkeiten, zum Beispiel an der Wollankstraße in der Nähe des dort auf der Grenze liegenden S-Bahnhofes, die aber scheiterte.

Ein Schuppen an der Mauer verkürzte den geplanten Fluchtweg

Ende 1962 entdeckte Lianes Vater einen aufgelassenen ehemaligen steinernen Schuppen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs der Reichsbahn an der Bernauer Straße. In dem Schuppen war früher eine Kartoffelgroßhandlung betrieben worden, die nach dem Mauerbau geschlossen worden war. Der Vorteil: Das Gebäude lag unmittelbar hinter der Geländemauer, die nach dem 13. August 1961 mit der Grenzmauer identisch war. Eine Grabung von dort nach Ostberlin würde viele Meter Tunnellänge ersparen, die andernorts erst einmal durch Westberliner Boden gegraben werden mussten, ehe die Mauer unterquert werden konnte.

Überraschend schnell organisierte Weinstein den notwendigen Hintergrund, denn zunächst mussten Menschen gefunden werden, die bereit waren, die kalkulierten Kosten in Höhe von rund 30.000 DM zu finanzieren. Mit dem Besitzer einer Zoohandlung am Schlesischen Tor fand Weinstein die Bereitschaft zu einer Beteiligung vor. Der Geschäftsmann Loewe (Nomen est Omen) war durch den 13. August von seiner im Ostberliner Familien-Domizil lebenden Frau getrennt worden und sah durch den geplanten Tunnel Chancen für eine familiäre Wiedervereinigung.

Karl Brix hatte ein gutgehendes Möbelgeschäft in der Oranienstraße in Kreuzberg. Mit der Lieferung von Holzstempeln für die Abstützung des geplanten Tunnels wollte er die Flucht seines einzigen Sohnes und dessen Ehefrau in den Westen ermöglichen. Der Sohn Karl-Heinz Brix war bereits schon einmal wegen eines Fluchtversuches verurteilt worden.

Die restliche Finanzierung sicherte sich Weinstein durch Zusagen des damalige Ordinarius für Byzantinistik und Osteuropakunde an der Universität in Köln, Prof. Dr. Berthold Rubin (u.a. Das Zeitalter Iustinians, 2 Bände, de Gruyter, Berlin 1960), der zwar mangels entsprechender Verwandtschaft keine Angehörigen schleusen, aber aus idealistischen Gründen ein derartiges Vorhaben unterstützen wollte.

Tunnel-Start Ende März 1963

Zwischenzeitlich hatte Weinstein die ersten Helfer für sein Vorhaben rekrutiert, und so konnte er Ende März 1963 den buchstäblichen „Einstieg“ in das Vorhaben starten. Bis zu jeweils vier Fluchthelfer wurden im Laufe von vier Monaten jeweils in der Nacht von Sonntag auf Montag über das Reichsbahngelände in den Schuppen geleitet, wo sie bis zum jeweiligen Freitagabend verblieben. Diese Vorsichtsmaßnahme war der Vermeidung von auffälligen Bewegungen auf dem Güterbahnhof und besonders um den an der Grenze liegenden Schuppen geschuldet, um Beobachtern der Grenzanlagen keine Indizien auf „Bewegungen“ zu liefern. Der Eingang war – neben der bereits beschrieben Lage – ideal. Über einen etwa 50 cm breiten Zugang zwischen der Mauer und dem Gebäude gelangten die Helfer sprichwörtlich „im Schatten der Mauer“, also uneinsehbar für die DDR-Grenzposten, in den Schuppen.

Der Vortrieb gestaltete sich allerdings unerwartet schwierig. Nachdem der etwa 4 Meter tiefe Einstieg ausgehoben worden war, arbeiteten sich die Fluchthelfer mühsam in Richtung Ziel vor. Der vor Ort befindliche Lehmboden gab dem Tunnel zwar eine gewisse Stabilität, machte aber auf der anderen Seite ein Vorwärtskommen äußerst schwierig. Mit einem Spaten mußte der Lehm mühsam Zentimeter um Zentimeter regelrecht abgeschabt werden. Das erklärt auch die relativ lange Bauzeit für rund 65 Meter bis vor das anvisierte Haus in Ostberlin. Trotz intensiver Arbeit konnten so pro Tag nur maximal 1,5 Meter vorangetrieben werden. Dabei mussten sich die „Schächter“, also die Fluchthelfer an der Spitze des Tunnels, ständig abwechseln, weil diese Arbeit äußerst anstrengend war. Da der Autor dieses Berichtes ab Mai 1963 selbst im Tunnel tätig war, kann er sich lebhaft auch an die Mühsal erinnern, den Abraum in Eimern in gebückter Haltung bis zum Einstieg zu transportieren, wo die Eimer herausgezogen und geleert wurden. „Wegen der Hitze arbeiteten wir oft nur mit Shorts bekleidet, also mit freiem Oberkörper. Trotz größter Vorsicht ließ es sich nicht vermeiden, dass ich in der gebückten Haltung immer wieder mit dem Rücken an die Querstützen an der Tunneldecke stieß. Dadurch schmerzten die so verletzten Rückenwirbel stark und wurden teilweise aufgeschürft. Schließlich zog ich mir dann trotz der Temperaturen doch ein dickeres Gewand über, um die schlimmsten Schmerzen zu mindern.“

Das Ende eines Traums

Ende Juli mußte der Tunnelbau eingestellt werden. Der Stollen war bereits bis zur Grundmauer des anvisierten Hauses vorgetrieben worden, als ein westberliner Polizeiposten, der auf dem Dach des Schuppens postiert war, die Aufstellung eines Zeltes vor dem Haus Eberswalder Straße 1 bemerkte. Was zunächst wie ein Arbeitseinsatz der „Deutschen Post“ aussah (so die Aufschrift auf dem Zelt) entpuppte sich schnell als Tarnung eines Einsatzes von Grenzsicherungsorganen der DDR. Der Polizeibeamte bemerkte schnell, dass die vorgeblichen Postler unter ihren graublauen Arbeitskitteln Armeestiefel trugen. Der so ausgelöste Alarm war Grund für die sofortige Einstellung der Arbeiten im Tunnel. Keinen Augenblick zu früh. Denn tatsächlich war der Tunnel entdeckt worden. Nach den damaligen Darstellungen hatte der Polizist unter den „Postlern“ mittels eines Fernglases auch Helmut Karger erkannt, der nicht nur am Tunnel selbst gebaut hatte, sondern von Weinstein auch als Kurier zu den fluchtwilligen Menschen in Ostberlin eingesetzt wurde.

Ein schwerer Fehler, den professionelle Fluchthelfer durch die strikte Trennung zwischen „Kurier“ und „Tunnelbauern“ zu vermeiden suchten. Ein weiterer Kurier, Hans Brausewetter, hatte, wie später Recherchen ergaben, offenbar in Ostberlin eine Frau kennengelernt. Im Bett hatte er dieser Frau dann Avancen gemacht, sie zur Flucht nach Westberlin überreden wollen. Was Brausewetter nicht wusste: Seine Geliebte offenbarte sich gegenüber den Grenzorganen. Brausewetter und Karger wurden jeweils bei einer folgenden erneuten Einreise verhaftet.

Insgesamt wurden 21 Menschen im Zusammenhang mit dem Tunnelbau festgenommen und zu teilweise hohen Strafen verurteilt. Helmut Karger erhielt als „Haupträdelsführer“ 7 Jahre Zuchthaus, er wurde allerdings als erster von den Betroffenen aus der Haft entlassen. Frau Loewe starb während der Haft. Karl-Heinz Brix wurde zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt, ihm gelang 1966 die Flucht in einem Diplomatenwagen über den Checkpoint Charlie.

Liane kämpft 29 Jahre nach dem Mauerfall noch immer um ihre Rehabilitierung

Liane war durch die Mauer insgesamt 11 Jahre von ihren Eltern getrennt,. durfte erst 1972 zu diesen ausreisen. Sie war nach der Verhaftung ihrer Großeltern zunächst in ein Heim verbracht worden. Danach wurde sie mit Hilfe einer mit den Großeltern befreundeten Frau bei der Urgroßmutter untergebracht, ehe sie nach der Freilassung der Großeltern wieder in deren Obhut sein durfte. Der Großvater, Erich Meyer, wurde zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, die er in Rummelsburg verbüßen mußte. Er starb am 22.12.1979 bei der Ausreise am Bahnhof Friedrichstraße (Herzinfarkt im „Tränenpalast“). Hildegard Meyer verbüßte eine einjährige Haft im Frauenzuchthaus Hoheneck und durfte ebenfalls erst  1979 ausreisen. Sie starb 2015 in Berlin.

Liane (56), inzwischen selbst Mutter, kämpft mit Hilfe der Vereinigung 17 Juni nahezu 29 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer um ihre Rehabilitierung als Opfer der SED-Diktatur. Sie kann die bisherige administrative Argumentation, nachdem ihr Heimaufenthalt „mangels einer Alternative pädagogisch notwendig war“ nicht nachvollziehen. Sie sei ein Opfer der menschenrechtsverletzenden SED-Politik geworden, wobei nicht nur der Heimaufenthalt, sondern auch die „durch die Maßnahmen des 13. August“ erzwungene Trennung von ihren Eltern anzurechnen sei. Sie habe diese erst im Alter von 11 Jahren „erstmals bewusst“ gesehen. Dies sei zweifellos ein durch die Diktatur verursachtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen. Angesichts auch des Schicksals ihres Vaters ein mehr als berechtigtes Argument. *

Lesen Sie auch: http://www.bwb.de/content/language1/html/index.php  –  http://www.tagesspiegel.de/berlin/spektakulaerer-fund-ddr-fluchttunnel-am-berliner-mauerpark-entdeckt/20838930.html  – https://www.nytimes.com/2018/01/12/world/europe/berlin-wall-tunnel.html  –   https://www.morgenpost.de/berlin/article213104901/Die-dramatische-Geschichte-hinter-diesem-Fluchttunnel.htmlhttp://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/international/eine-verhaengnisvolle-affaere;art178474,1189820

*  Vorstehender Artikel wurde am 17.01.2018, 19.01.2018 und 23.01.2018 nach zwztl. Überprüfung von Unterlagen korrigiert und ergänzt.      Die Redaktion

© 2018 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.344).

Berlin, 12.10.2017/cw – Die Jubiläumsfeier zum 55. Jahrestag des Mauermuseums „Haus am Checkpoint Charlie“ überstrahlt die durchaus fachkundig wirkende Kritik vieler Besucher. Fachleute der Museumslandschaft kritisieren seit Jahrzehnten die „ungeordnete Ansammlung“ von Exponaten, die oft nicht hinreichend oder durch verwirrend lange Texte für den nach Informationen suchenden Besucher beschrieben sind.

In den letzten Lebensjahren des Museumsgründers Rainer Hildebrandt hatte ich diesen noch in meiner Eigenschaft als erster Leiter des Museums in der Bernauer Straße (1962-1963) gegen derartige Angriffe verteidigt und darauf hingewiesen, dass die Exponate historisch so eingeordnet wurden, wie diese tatsächlich in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gelangten.  Da hätte es kaum Raum gegeben, diese museal einzuordnen oder gar wissenschaftlich aufzubereiten. Das machte außerdem den Charme dieser Ausstellung aus, weil sie realitätsnah angelegt worden sei. Allerdings hatte mir Rainer im Vorfeld meines seinerzeitigen Beitrages zugesichert, dass die Ausstellung „über zehn Jahre nach dem Mauerfall“ gründlich renoviert und überarbeitet werden würde. Allerdings ist seither – außer dem Ausbau der Kommerzialisierung durch eine Ladenkette, in der museale Andenken, Postkarten, Schriften udgl. Angeboten werden – nichts geschehen.

So ergeben sich zum Beispiel aus 8.663 Bewertungen im Internet Benotungen, die den Ansprüchen eines der meist besuchten Museen in Berlin sicherlich nicht entsprechen: Nur 19% vergaben ein „Ausgezeichnet“; 25% „Sehr gut“; aber 35% nur ein „Befriedigend“, während 14% das Museum mit „Mangelhaft“ und 7% mit „Ungenügend“ taxierten. Mit 56% überwiegen also die Besucher, die das Museum kritisch beurteilen.

Quelle: https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187323-d242747-Reviews-Mauermuseum_Checkpoint_Charlie-Berlin.html

Wir haben einige kritische Stimmen zusammengefasst:

Meiden Sie dieses Museum. Gehen Sie lieber die Bernauer Strasse ansehen, da bekommen Sie einen besseren und eindrücklicheren Einblick ins Thema „Mauer.“ Und das sogar noch kostenlos. … Es war schlichtweg unmöglich, sich auf die Ausstellungsstücke und Texttafeln (viel zu viele und langatmig) zu konzentrieren. … Auf meine Frage, ob es denn nicht aus feuerpolizeilichen Gründen eine Höchstbesucherzahl gebe, zuckte die Mitarbeiterin nur mit den Schultern.“ Jam, Luzern/Schweiz.

Chaotisch, kein roter Faden:Das angebliche „must-see“ in Berlin ist schwer in die Jahre gekommen. Der sehr happige Eintrittspreis von 12,50€ ist angesichts der geschichtlich zweifelhaften Ausstellung eine Unverschämtheit. Einige Exponate sind zwar durchaus interessant und sehenswert, jedoch fehlt hier komplett der rote Faden. Die Toiletten sind in jedem bulgarischen Bahnhof sauberer und der Hygienezustand des ganzen Hauses ist eher nicht so doll. Was machen die nur mit dem ganzen Geld, das hier offensichtlich eingenommen wird?“ Bobolars.

Renovierung erforderlich: „Das Museum ist in die Jahre gekommen und muss dringend renoviert werden. Auch didaktisch ist das Museum nicht mehr auf dem neuesten Stand. Besonders für Kinder könnt das Museum viel interessanter und interaktiv gestaltet werden.“ Mainauge, Karlstadt, Deutschland.

Naja:Museum wirkt etwas chaotisch und unübersichtlich. Besteht hauptsächlich aus Texten, Zeitungsberichten und Fotos. Texte teilweise nicht lesbar weil zu weit oben oder weil völlig versperrt von den vielen Besuchern. Für Kinder wegen den vielen und teilweise langen Texten eher ungeeignet. Besuch als Schlechtwetterprogramm ok aber würde es nicht unbedingt weiterempfehlen..“ asiansummer10, Bern, Schweiz.

Interessant – aber eng, unübersichtlich und heruntergekommen: „Das Museum enthält sicher sehr viele interessante Ausstellungsstücke und Informationen zur Berliner Mauer. Aber leider sind die Räume überwiegend eng und das gesamte Museum ist so verwinkelt, daß man sich nur schwer zurechtfindet. Dazu kommt, daß das Museum unglaublich heruntergekommen ist – sowohl die Räume als auch viele der Ausstellungsstücke. Stellenweise wirkt es sogar schmuddelig. So interessant es auch sein mag, man hat trotzdem schnell den Wunsch, einfach nur aus diesem Haus herauszukommen. Dafür ist der Eintrittspreis relativ teuer. Das Museum sollte man dringend gründlich renovieren!“ Icequeen2222, Paderborn

Nach 13 Jahren: Rainer Hildebrandt noch immer nicht beigesetzt

Zu vermuten ist, dass die Jubiläumsredner auf der heutigen Feier auf diese Kritik nicht eingehen werden. Sie werden vielmehr die Direktorin beweihräuchern, die das „große Erbe des unvergessenen Rainer Hildebrandt mutig und gekonnt“ in die Zukunft geführt habe. Bei diesen Elogen werden wohl weniger realistische Ein- und Ausblicke auf die aktuellen Darstellungen im Museum herausgearbeitet werden. Im Vordergrund dürfte die kapitalistische Umsetzung der Erinnerung durch die Hausherrin sein, die den anwesenden Politikern und Ehrengästen staatsimmanenten Respekt abnötigt. Dass die jährlichen Millionen Euro an Einnahmen nicht in das Museum investiert, sondern überwiegend an eine drei Tage vor dem Tod von Rainer Hildebrandt errichtete Stiftung in die Schweiz überwiesen werden, dürfte den Jubelgästen wohl eher als Ausweis einer gemeinnützigen Grundhaltung der Erbin eines einst ernstgemeinten historischen Anliegens erscheinen, als diesen Transfer einer durchaus notwendigen Kritik –gerade aus diesem Anlass – zu unterziehen.

Die sterblichen Überreste des Gründers Rainer Hildebrandt harren übrigens 13 Jahre nach seinem Tod noch immer der Beisetzung. Seine Urne steht nach wie vor in einer Nische des Krematoriums Ruhleben, weil seine einstige Ehefrau die Beisetzung an unhaltbare Bedingungen (gegenüber der Stadt Berlin) knüpft. Für die „nicht vorgesehene Lagerung der Urne“ (so ein Sprecher des Krematoriums) werde regelmäßig eine anfallende Gebühr überwiesen. Wenigstens das.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.296).

 

 

 

 

Berlin, 24. 06.2911/cw – Am 17. August 1962 vor neunundvierzig Jahren erschütterte sein Tod die Welt. Der 17jährige Peter Fechter verblutete vor den Augen  eben dieser Welt, schrie fast eine Stunde um Hilfe, vergeblich. Die nahen US-Amerikaner, der Kontrollpunkt Checkpoint Charlie war nur rund 200 Meter entfernt, erklärten sich für nicht zuständig („Das ist ein deutsches Problem.“). Hilflose Westberliner Polizisten warfen dem direkt hinter der Mauer liegenden Flüchtling Verbandspäckchen  zu.

Die Bilder von dem durch die Straßen weggetragenen Mordopfer der Mauer erschütterten die Menschen und führten  schließlich zu den seither heftigsten und tagelangen Demonstrationen bis hin zu Straßenschlachten nahe dem Todesort. Der Bus mit den Wachmannschaften  für das Sowjetische Ehrenmal Berlin-Tiergarten wurde mit Steinen beworfen, Reminiszenzen an den 17. Juni 1953 flackerten auf, die Russen karrten seither ihre Wachsoldaten über den Übergang Invalidenstraße an das Gräberfeld der einst rund um den Reichstag gefallenen sowjetischen Soldaten. Erst Willy Brandt, damals als Regierender Bürgermeister die anerkannte Autorität im durch den Mauerbau psychisch zerzausten West-Berlin, gelang es in einer dramatischen Rede von einem Lautsprecherwagen der Polizei aus, die empörten Massen zu beruhigen.

Nun  haben bisher Unbekannte eine Skulptur, die an Fechters Tod erinnern sollte und erst unlängst im entstehenden Areal der Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße aufgestellt worden war, zerstört. Überraschend schnell konstatieren die zuständigen  Stellen „keinen politischen Hintergrund“. Wäre Fechter ein Opfer mordender SA oder SS-Horden geworden, bestände wohl zumindest der Anfangsverdacht auf einen politischen Hintergrund.

So aber handelt es sich wohl  n u r  um ein wenn auch spektakuläres Opfer der Mauer, mithin eines kommunistischen  Systems. Im Jahre 50 nach dem 13. August 1961 rächt sich wohl wieder einmal das nach wie vor ungeklärte Verhältnis zu den Verbrechen der kommunistischen Diktatur. Während noch immer 10.000 Menschen alljährlich an zweifelhaften Gedenktagen medienwirksam an die Gräber roter Ikonen pilgern, zerstört man ein ungeliebtes Mahnmal, das an die Verbrechen der roten Diktatur erinnern sollte. Jetzt rächt sich die Weigerung der rot-roten Regierung, dem weltberühmt gewordenen Toten von einst symbolisch ein Ehrengrab der Stadt Berlin einzurichten. Fechter habe sich „keine Verdienste um Berlin“ erworben, hieß es vor sechs Jahren zur Begründung. Sein beispielhafter Tod, der die Welt einmal mehr und brutal deutlich auf die Unmenschlichkeit der Mauer hinwies, reichte den Erben der verantwortlichen  seinerzeitigen Machthaber und jetzigen Teilhaber an der Regierung dieser Stadt für ein Ehrengrab nicht.

Die Sozialdemokraten sollten das traurige Fanal aus der Bernauer Straße zum Anlass nehmen, 49 Jahre nach dem grausamen Geschehen in der Kreuzberger Zimmerstraße noch einmal über ihr einstiges Selbstverständnis nachzudenken.

„Ein Ehrengrab für Peter Fechter verhindert keinen  künftigen Vandalismus, aber es wäre das richtige Signal und eine wichtige Antwort auf „die Unbekannten“, die nicht nur eine Skulptur, sondern ein wichtiges Symbol dieser Stadt zerstört haben“, erkärte am Abend die Vereinigung 17. Juni in Berlin, die über den vandalistischen  Akt „Abscheu und Empörung“ äußerte.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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