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Berlin, 03.04.2019/cw – Das Landgericht Berlin hat in einem Beschluss vom 13.03.2019 den Antrag einer Betroffenen auf strafrechtliche Rehabilitierung „im Hinblick auf ihren Aufenthalt in der ehemaligen DDR bis zum 9. November 1972 als unzulässig“ verworfen (551 Rh – 152 Js 229/18 Reha – 249/18).

Menschliche Tragödie ignoriert

Hinter diesem unauffällig wirkenden Juristen-Deutsch verbirgt sich in Wahrheit eine (weitere) menschliche Tragödie im einstigen DDR-Unrechtsstaat. Die Antragstellerin war zwei Monate vor dem Mauerbau am 13.08.1961 geboren worden. Ihr Vater, bereits in den Augen der DDR „republikflüchtig“, weil er diese eigenmächtig verlassen hatte und nach West-Berlin übergesiedelt war, hatte für seine junge Familie eine Wohnung in der Soldiner Straße im West-Berliner Bezirk Wedding ausfindig gemacht. Um diese bezugsfertig zu machen, übergaben die jungen Eltern ihre neugeborene Tochter am Wochenende vor dem legendären Mauerbau den Eltern der (noch) in Ost-Berlin wohnenden jungen Mutter. Am folgenden Sonntag wurde die Sektorengrenze gesperrt, der Ulbrichtsche Mauerbau begann. Fortan war den Eltern nicht nur der Zugang zu ihrem Baby versperrt, auch eine Ausreise zu den jungen Eltern wurde von den DDR-Behörden verwehrt. Durch den Verbleib der Mutter in West-Berlin wurde nun auch diese als „republikflüchtig“ eingestuft. Somit waren beide Eltern im DDR-Sprech „Staatsfeinde“.

1963: Direkt vor der Mauer begann der Tunnel. Auf dem Foto der Vater der Antragstellerin – Foto: LyrAg/RH

Der Vater wurde bereits durch die NS-Diktatur politisch verfolgt

Hinfort sann der Vater, ein aufgrund seiner jüdische Abstammung bereits im Dritten Reich verfolgtes Kind – der Großvater wurde 1943 in Auschwitz ermordet – nach Wegen, seine Tochter in den freien Westen zu holen. Schließlich begann er im Frühjahr 1963 einen Tunnelbau unmittelbar hinter der Abgrenzung zum ehemaligen Güterbahnhof an der Bernauer Straße, die an dieser Stelle durch den Mauerbau zur Staatsgrenze avanciert war. Nach Monaten der Plackerei sechs Meter unter der Erde wurde der Tunnel verraten. Nur wenige Meter fehlten zum ausersehenen Fluchtpunkt in einem Haus an der Oderberger Straße. Der sogen. Weinstein-Tunnel war vor einem Jahr spektakulär durch Bauarbeiten der Berliner Wasserwerke wiederentdeckt worden, worüber international medial bis hin zur New-York-Times berichtet wurde.

Da auch die Großeltern des inzwischen zweijährigen Kindes durch den Tunnel flüchten sollten, wurden auch diese neben 19 weiteren Personen verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Großmutter kam in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck, der Großvater mußte seine Strafe in Rummelsburg verbüßen. Eine fluchtwillige und ebenfalls verurteilte Frau starb in der Haft.

Das MfS ordnete die Heimeinweisung an

Kam als Zweijährige auf Anweisung des MfS (BStU-Akte) in ein Heim: Liane. Foto: privat/RH

Infolge der Inhaftierung ihrer Großeltern kam die Zweijährige durch entsprechende Anweisung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in ein Heim. Das Gericht sieht in dieser Maßnahme keine Unterbringung, „die der politischen Verfolgung oder sonst sachfremden Zwecken gedient“ hat. „Die Einweisung der Betroffenen erfolgte, da ihre Großeltern, bei denen sie nach der Ausreise ihrer Eltern nach Berlin (West) lebte, versuchten, aus der ehemaligen DDR zu flüchten und festgenommnen wurden,“ so das Gericht in seiner Begründung und weiter: „Da aufgrund der Inhaftierung beider Großeltern eine angemessene Betreuung der Betroffenen zunächst nicht möglich war, erfolgte die vorübergehende Heimunterbringung ausschließlich aus fürsorgerischen Gründen. Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Betroffene aufnahmebereiten Dritten aus politischen Gründen gezielt vorenthalten werden sollte.

„Beschluss ein justizpolitischer Skandal“

Die in Berlin ansässige VEREINIGUNG 17.JUNI, die die Antragstellerin ggüb. dem Landgericht vertritt, spricht in einer ersten Stellungnahme von einem „justizpolitischen Skandal.“ Dreißig Jahre nach dem Mauerfall erachtet ein hohes Gericht die Verbringung eines Kindes wegen der rechtswidrigen politischen Haft seiner betreuenden Großeltern in ein Heim als eine „fürsorgerische Maßnahme“, aus der keine politische Verfolgung abzulesen sei. „Die Verweigerung der Ausreise des Kindes zu seinen Eltern werde skandalös ignoriert und somit im Nachhinein als rechtens betrachtet.“

Auch wenn der angewiesene Heimaufenthalt durch die folgende Aufnahmebereitschaft der Urgroßmutter relativ kurz war, bleibe der Kindesentzug ggüb. den republikflüchtigen Eltern, bzw. die Vorenthaltung der Eltern dem Kind gegenüber ein „Unrechtstatbestand, der, solange dieser nicht durch eine Rehabilitierung aufgehoben wird, den Anstrich einer rechtsstaatlichen Maßnahme erhalte,“ kritisiert der Verein. Immerhin konnte das Kind nach jahrelangen Bemühungen auch der Bundesregierung erst am 9. November 1972 zu seinen Eltern nach West-Berlin ausreisen. Damit wurde Eltern und Kind ein gegebenes Recht auf ein Zusammenleben über elf Jahre durch die DDR aus leicht nachvollziehbaren politischen und damit rechtsstaatswidrigen Gründen verwehrt. „Die Entscheidung des Gerichtes ist auch unter diesem Aspekt in keiner Weise nachvollziehbar,“ erklärte Vorstandssprecher Holzapfel. Man werde der Antragstellerin empfehlen, Beschwerde gegen den ergangenen Beschluss einzulegen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030/85607953 (1.394).

Berlin, 9.08.2016/cw – Zum 55. Jahrestag des 13. August 1961 (Mauerbau) wird vielfach der Opfer der Teilung gedacht. Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. wird traditionell an den Mauerkreuzen in der Ebertstraße (zwischen Reichstag und Brandenburger Tor) ein Gedenken veranstalten und die Namen der Opfer an der Berliner Mauer von 1961 – 1989 verlesen (Samstag, 13.August, ab 11:00 Uhr).

Denkmal-Schändung - Hier das zerbrochene Kreuz, das an der TZhomaskirche in Kreuzberg an den erschossenen Paul Schulz erinnern sollte - Foto: LyrAg (2014)

Denkmal-Schändung – Hier das zerbrochene Kreuz, das an der Thomaskirche in Kreuzberg an den erschossenen Paul Schulz erinnern sollte – Foto: LyrAg (2014)

Buchlesung in Gedenkbibliothek

Bereits am heutigen Dienstag, 9. August, erinnert Matthias Bath mit einer Lesung in der „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus“ im Nicolaiviertel, Nicolaikirchplatz 5-7, Beginn 18.00 Uhr. Der beruflich als Staatsanwalt tätige Autor liest aus seinem Buch „Berlin – Eine Biografie / Menschen und Schicksale geteilte“ (Nünnerich-Asmus-Verlag 2016), hier aus dem Kapitel: „Die geteilte Stadt.“ Bath war in den siebziger Jahren selbst Fluchthelfer und war deswegen in der DDR inhaftiert.

Zeitzeugen am Brandenburger Tor

Der Förderverein Gedenkstätte Hohenschönhausen bietet zusammen mit der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) zum 55. Jahrestag ein umfangreiches Programm auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor an. Unter dem Titel

Solidarität mit den Opfern des Mauerbaus –

Eine politische Demonstration mit Zeitzeugen“ bieten die Veranstalter zwischen 11:00 und 17:00 Uhr mehreren Zeitzeugen ein Forum, um über deren Schicksale zu berichten. Zwei originale DDR-Gefangentransporter werden aus diesem Anlass ausgestellt und können besichtigt werden.

Einzelheiten unter: http://www.stiftung-hsh.de/veranstaltungen/vorschau/solidaritaet-mit-den-opfern-des-mauerbaus/

Kranzniederlegung in der Bernauer Straße

In der einstigen „Straße der Tränen,“ in der Bernauer Straße im Bezirk Wedding, findet von 10:30 – 11:15 Uhr die traditionelle Gedenkfeier an die Toten der Mauer des Berliner Senats, beginnend mit einer Andacht in der Versöhnungskapelle und anschließender Kranzniederlegung statt. Dem schließt sich ein umfangreiches Programm der „Stiftung Berliner Mauer“ an, die an diesem tag ihre Räume bis 19:00 Uhr geöffnet hält. Einzelheiten unter:

http://www.berliner-mauer gedenkstaette.de/de/uploads/2016_08_13/flyer13augusta4.pdf .

Lichtachse in Sacrow

Die Stiftung Aufarbeitung präsentiert mit dem Verein „Ars Sacrow“ und der Stiftung Berliner Mauer aus Anlass des 55. Jahrestages die Open-Air-Installation „Lichtachsen reloaded“. Der ehemalige Verlauf der Grenzbefestigungen vor der Heilandskirche in Sacrow wird mit einer Lichtachse des Potsdamer Lichtkünstlers Rainer Gottemaier vom 12. – 14. August, jeweils ab 21:00 Uhr markiert. Zudem wird am Sonntag, 14. August das Musikstück „Garten-Grenze-Garten“ des Ensembles „The 42 music“ aufgeführt.

Ort: Schlosspark Ars Sacrow, Krampnitzer Straße 33, 14469 Potsdam

Beitrag ergänzt am 10.08.2016/Redaktion

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.139)

 

Berlin, 4.02.2014/cw – An das letzte gewaltsam ums Leben gebrachte Opfer der Berliner Mauer wird am morgigen  Mittwoch, 5. Februar 2014, um 12:00 Uhr in der Versöhnungskapelle in der Bernauer Straße erinnert. Dies teilte die Stiftung Berliner Mauer in einer Presseinformation mit. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick wird um 14:00 Uhr an der Gedenkstele für Gueffroy  in Johannistal, Chris-Gueffrroy-Allee mit Bezirksnürgermeister Oliver Igelein stilles Gedenken durchführen.

Chris Gueffroy, geboren am 21. Juni 1968,  hatte sich gemeinsam mit einem Freund zur Flucht entschlossen, als er Anfang 1989 erfuhr, dass er zur Wehrpflicht eingezogen werden sollte. Zuvor war ihm  das Abitur verweht worden, weil er sich weigerte, nach der Schule Offizier der Nationalen Volksarmee zu werden.

Der 20-Jährige wurde tödlich getroffen, sein Freund verletzt festgenommen, nachdem die Freunde versucht hatten, an den Sperranlagen vor dem Britzer Zweigkanal in Treptow die Mauer zu überwinden. Die Stiftung Berliner Mauer: „Chris Gueffroy war der letzte Flüchtling, der an der Berliner Mauer erschossen wurde und das zweitletzte Todesopfer, das bei einem Fluchtversuch ums Leben kam. Nach seinem Tod wurde der Schießbefehl aufgehoben.

Die Grenzposten wurden nach dem Mauerfall verurteilt. Der Haupttäter zu dreieinhalb Jahren  Gefängnis, drei Mitangeklagte bekamen Bewährungsstrafen. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil mit der Begründung allerdings aufgehoben, die Grenzposten hätten in der Hierarchie ganz unten gestanden. In der erneuten Verhandlung wurden die an dem Mord beteiligten vier DDR-Grenzer milde bestraft. Zwei der Mordschützen erhielten Bewährungsstrafen, zwei weitere wurden freigesprochen.

In der Kapelle der Versöhnung finden nach einer umgesetzten Idee des am 6. Dezember letzten Jahres verstorbenen Pfarrers Manfred Fischer von Dienstag bis Freitag, jeweils 12.00 bis 12.15 Uhr, regelmäßig Andachten für die Mauertoten statt.  In den Andachten werden die jeweiligen Biographien der Opfer verlesen. In den Wintermonaten finden die Lesungen witterungsbedingt nur zeitweise, nach Ankündigung, statt. Die nächste Andacht ist für den 04. März 2014 vorgesehen.

Siehe auch: Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch – Hans Hermann  Hertle und Maria Nooke, Herausgeber: Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz.

Sendehinweis: Dienstag, 22:45 Uhr im RBB: „Das kurze Leben des Chris Gueffroy. http://www.rbb-online.de/doku/das/das-kurze-leben-des-chris-gueffroy.html

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 11.08.2013/cw – Neben der offiziösen alljährlichen Gedenkfeier in der Bernauer Straße (10:30 Uhr Gedenkgottesdienst in der Versöhnungskapelle mit Rainer Wagner, Vorsitzender der UOKG und Prediger aus Neustadt an der Weinstraße, anschließend (11:00 Uhr) Kranzniederlegung und Gedenken am „Mahnmal Berliner Mauer“) finden an verschiedenen Orten in Berlin weitere, eher stillere Gedenkfeiern statt.

Gedenken an den Mauerkreuzen am Reichstag

So gestaltet die Vereinigung 17. Juni am 13. August ab 12:00 Uhr an den Gedenkkreuzen für die Mauertoten in der Ebertstraße (gegenüber dem Reichstag) eine „alternative Gedenkfeier“ an die Toten der Mauer. Jeder, der dem Getöse und dem Gedränge   offizieller Veranstaltungen  entgehen möchte, hat hier die Gelegenheit, in „sensitiver Stille des Mauerbaus am 13. August 1961 und seiner schmerzlichen Opfer zu gedenken,“ heißt es dazu in einem Aufruf der Vereinigung.

Einladung der CDU Reinickendorf

Einladung der CDU Reinickendorf

Brücken-Benennung in Reinickendorf

Am selben Tag (Dienstag, 13. August 2013) findet um 17:30 Uhr in der Klemkestraße am dortigen Kreuz eine Gedenkfeier der örtlichen CDU (Reinickendorf) statt. Aus diesem Anlass wird eine der Bahn-Brücken nach dem Mauer-Toten Horst Frank benannt. Zwei Frauen aus dem einstigen berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge, Birgit Krüger und Monika Schneider, werden u.a. als Zeitzeugen vor Ort sprechen. Der Bläserchor der Ev. Johanneskirche wird die Gedenkfeier musikalisch umrahmen.

Horst Frank hatte am 29. April 1962 kurz nach Mitternacht zusammen mit einem Freund versucht, die Mauer in Wilhelmsruh in  der Nähe der dortigen Kleingartenkolonie „Schönholz“ im nördlichen Berlin zu überwinden. Nach Angaben seines Freundes Detlef W., dem die Flucht gelang, brauchten die beiden Männer über vier Stunden, um  unbemerkt die verschiedenen Barrieren, u.a. den an dieser Stelle 80 Meter breiten  Todesstreifen unbemerkt zu überwinden. Horst Frank verfing sich schließlich kurz vor dem letzten Hindernis in einer Stacheldrahtrolle, wurde entdeckt und unter Feuer genommen. Er verstarb gegen 4 Uhr früh im Vokspolizei-Krankenhaus.

Der Weg zum Gedenkkreuz für Horst Frank

Der Weg zum Gedenkkreuz für Horst Frank

Die drei Todesschützen wurden 1995 vom Landgericht Berlin wegen „gemeinsamen Totschlags“ zu Freiheitsstrafen „auf Bewährung“ zwischen 15 und 18 Monaten verurteilt.

Gedenken in  Treptow

Auch im Bezirk Treptow wird am  13. August der Opfer erinnert,  die die Grenzregime an der Grenze zu Neukölln und Kreuzberg verschuldeten. An das letzte Opfer von Gewehrsalven, Chris Goeffroy, wird um 11:30 Uhr der Bürgermeister, Oliver Igel und sein Kollegium erinnern. Ort: Gedenkstele am Britzer Zweigkanal in Höhe der Kleingartenanlage Harmonie.

Erinnerung an die toten Kinder

Für die jüngsten Maueropfer, die 10 bzw. 13jährigen Kinder  Jörg Hartmann und Lothar Schleusener wird der Bezirksverordnetenvorsteher der Bezirksversammlung Treptow-Köpenick,  Siegfried Stock und Kinder aus der Bouché- und Sonnenblumengrundschule ein Gebinde ablegen. Ort: Mahnmal für die Opfer in der Kiefholzstr. (Nähe Dammweg. hinter der Kleingartenanlage Kuckucksheim), 13:00 Uhr.

Mauer-Film im RBB

Am Abend des 13. August sendet der RBB ab 20:15 Uhr die Doku „Geheimsache Mauer – Die Geschichte einer Deutschen Grenze“ in seinem TV-Programm. „Der Film gewährt einen tiefen Einblick in die innere Logik des ‚Systems Mauer‘ und zeigt wie die Grenze funktionierte und was sie war – Symbol und traurige Realität des Kalten Krieges,“ heißt es dazu in der Programmmitteilung des Senders.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 2.01.2012/cw – An die dreißig Personen, Geschichtsinteressierte, Freunde, Fluchthelfer und Wegbegleiter waren erschienen, um an ein  Ereignis zu erinnern, das fünfzig Jahre zuvor die Emotionen in der geteilten Stadt hochschlagen  ließ. Zum Geburtstag von  Mahatma Gandhi hatte der Inder T.N. Zutshi angekündigt, die Mauer vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße symbolisch einreißen zu wollen. Fünfzig Jahre danach schilderte ein Weggefährte Zutshis vor Ort das damalige Geschehen und fand dafür aufmerksame Zuhörer.

Erinnerung an TN. Zutshi inder Bernauer-/Ecke Hussitenstraße – Foto: LyrAg

Der heutige Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni hatte unmittelbar nach dieser vom damaligen Senat untersagten Aktion unter dem Straßenschild „Hussitenstraße“ seinen ersten  Hungerstreik begonnen, den er nach Interventionen  durch die Polizei in den Nachtstunden am Mahnmal für Günter Litfin am damaligen Lehrter Bahnhof fortsetzte. Dem Hungerstreik schloss sich spontan der spätere Chefreporter der BILD-Zeitung in Thüringen, Andreas Möller, an. Litfin war das erste Maueropfer, das seinerzeit durch die Anwendung von Schusswaffen ums Leben kam.

Carl-Wolfgang Holzapfel, dem zu Beginn ein Blumenstrauß „zum fünfzigsten Jubiläum seines Einsatzes für Freiheit und Demokratie“ überreicht wurde, schilderte in bewegten Worten Zutshis Engagement für die Freiheit der Menschen in Europa, den er durch die Gandhi-Botschaft vom Gewaltlosen Kampf beflügeln wollte. Er war 1958 im Ergebnis des Volksaufstandes von 1956 in Ungarn nach Europa gekommen, zunächst nach Wien. Von dort organisierte er noch im selben Jahr einen sechshundert Kilometer langen Fußmarsch von Wien an die legendäre „Brücke von Andau“, über die nach dem Aufstand tausende Ungarn geflüchtet waren. 1959 hungerte Zutshi drei Wochen am Brandenburger Tor in Berlin und sammelte in diesem Zeitraum über zehntausend Unterschriften „für die Freiheit“.

Ein Bild Gandhis und Blumen zum Geburtstag des gewaltlosen Kämpfers und 50.Jahrestag der Zutsi-Demo vor der Versöhnungskirche – Foto: LyrAg

1960 ging Zutshi nach Ost-Berlin, um  am Alexanderplatz zu demonstrieren. Auf einem mitgeführten  Schild hatte er geschrieben „Menschen  hinter dem Eisernen Vorhang, der erste Weg zur Freiheit: Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit“. Der Inder wurde verhaftet und den Sowjets überstellt. Diese ließen ihn  bereits nach wenigen Tagen  frei, da die Proteste unüberhörbar waren. Der indische Ministerpräsident Nehru, ein Weggefährte Gandhis, setzte sich vor dem indischen Parlament ebenso für Zutshi ein, wie in Bonn  der damalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Carlo Schmidt (SPD).

Am 13. August 1962 kündigte Zutshi im Studentenhaus am Steinplatz dann  seine Aktion vor der Versöhnungskirche an. Nach dem Verbot führte Zutshi bis zu seiner Abreise nach Indien im  Sommer 1964 jeden Sonntag in der Hussitenstraße gegenüber der Versöhnungskirche in den Mittagsstunden eine Mahn- und Gedenkstunde für die Opfer der Teilung Europas, Deutschlands und Berlins durch. Der gewaltlose Kämpfer engagierte sich auch für die Freilassung der politischen Gefangenen in der Sowjetisch besetzten Zone (DDR) und hier besonders für den am 14.11.1962 zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilten Fluchthelfer und ehemaligen Straßenradrennmeister der DDR Harry Seidel. Tatsächlich wurde Seidel nach den Demonstrationen Zutshis und Holzapfels, die weltweit Beachtung fanden, vorzeitig im  September 1966 aus der DDR-Haft entlassen.

T.N. Zutshi starb nach Berichten vor wenigen Jahren unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit in seiner indischen Heimat.

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