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Ein Nachruf von Elke Schlegel*

7. August 2019/es – Am 25. Juli 2019 erlag Rosel Werl einer unbesiegbaren Krankheit. Gekämpft hat sie bis zum bitteren Ende. Das Leben ist vergänglich, doch die Liebe, Achtung und Erinnerung bleiben für immer.

Am 31. März 1951 wird sie in Thüringen in Altersbach geboren. Sie wächst bei Pflegeeltern auf. Erlernt den Beruf einer staatlich geprüften Sekretärin. Im Urlaub in Ungarn 78 lernt sie ihre große Liebe kennen. Er jedoch kommt aus Baden-Württemberg in der damaligen Bundesrepublik, ist also ein Staatsfeind der DDR. Nach dem Tod der Pflegemutter stellt sie ab 1981 Ausreiseanträge.

Heimliche Treffen mit ihrem Freund werden von der Stasi abgehört und bei einer Durchsuchung ihrer Wohnung wird ihr Tagebuch gefunden. Die intimen Notizen reichen aus um Rosel Werl 1982 zu 2 Jahren und 3 Monaten wegen landesverräterischer Nachrichten-übermittlung nach § 99 des StGB zu verurteilen. Im August 83 wird sie freigekauft und kommt über das Lager Giessen nach Weil, in die Stadt in der ihr Freund lebt. Die Beiden heiraten 1984 und 1985 wird ihr Sohn geboren.

Seit 1987 war sie Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) und 1990 tritt sie in den Frauenkreis ehemaliger Hoheneckerinnen ein. Ab 2004 ist sie Mitglied im DDR- Museum Pforzheim, einem Lernort für Demokratie.

In dem Buch „Der dunkle Ort“ wurde sie als eine der 25 Frauenschicksale aus dem DDR-Frauenzuchthaus von Dirk von Nayhaus und Maggie Riepl porträtiert. Es war ein dunkler Ort, das Frauenzuchthaus Hoheneck und in dem Buch werden 25 Biografien gegen das Vergessen eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte erzählt.

Seit 2004 arbeitete sie außerdem im Stiftungsbeirat der Stiftung sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft mit, damit Hoheneck eine würdevolle Gedenkstätte wird. Hoheneck wurde für sie zu einer Lebensaufgabe. Gemeinsam mit Vereinsmitgliedern der VOS, Benno Prieß und Heinz Lorenz als ehemalige Häftlinge von Sachsenhausen, Bautzen und Waldheim, mit Maria Stein und Margot Jann, ehemalige Hoheneckerinnen, suchte Rosel nach den Namen der Toten von 1950 bis 1954.

In den Unterlagen des Krematoriums wurden Listen und auf dem Dachboden von Hoheneck Urnen gefunden. 136 unschuldig zu Tode gekommene Männer, Frauen und Kinder, die anonym 1957 verscharrt worden waren, bekamen am 28. Februar 2019 am Ehrengrab im Urnenhain 18 eine Namenstafel.

Rosel in ihrer Rede am Grabstein: „Mir geht es darum, dass die hier bestatteten Toten unvergessen bleiben, uns nachfolgenden Generationen Mahnung sind, dass sich solches Unrecht niemals wiederholt. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, der Jugend an diesen Schicksalen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie vor Augen zu halten.“

Mit dem Tod von Rosel Werl verlieren wir eine aufrechte Kameradin, die seit ihrer Übersiedlung in den Westen bis fast zuletzt als kompetente Zeitzeugin, die den Unrechtsstaat DDR leibhaftig erlebte, an zahlreichen Schuleinrichtungen unterwegs war.

Um das Vermächtnis von Rosel und den vielen schon von uns gegangenen Frauen zu erfüllen, liegt es nun in unserer Hand, auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses einen Ort des würdigen Gedenkens und erinnernder Wegweisung für zukünftige Generationen zu errichten. Ehemalige Hoheneckerinnen haben gemeinsam schon ein verbindliches Logo entworfen. Für dieses Logo war es für Rosel noch nicht zu spät, aber zur Eröffnung der Gedenkstätte Frauenzuchthaus Hoheneck wird sie nun nicht dabei sein.

Eine Stimme, die vertraut war, schweigt. Ein Mensch, der immer da war, ist nicht mehr. Was bleibt, sind dankbare Erinnerungen, die niemand nehmen kann. Du fehlst.

* Die Autorin (*1958) war von 1983-1984 selbst Insassin im Frauenzuchthaus Hoheneck

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.454).

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