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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Calw/Berlin, 5.04.2015/cw – Erst heute erreichte uns die Nachricht von seinem Tod: Benno Prieß, *am 29.Mai 1928 in Bützow, starb am 31. März 2015 in Calw. Der Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen (Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes 1989; BVK am Bande 1994 und BVK 1. Klasse 2005) wurde einem breiteren Publikum besonders durch sein erschütterndes Dokument „Erschossen im Morgengrauen“ bekannt. Mit diesem Buch setzte er seinen toten Kameraden ein immerwährendes Gedächtnis (272 S. : zahlr. Ill., Kt. ; 24 cm, 669 gr., ISBN 3-937267-05-0 kart.).

29.05.1928  -  31. 03. 2015

29.05.1928 – 31. 03. 2015

Der sich zuletzt als Historiker bezeichnende Prieß wurde mit 17 Jahren im April 1946 in Bützow von den Sowjets verhaftet, Vorwurf: Zugehörigkeit zum „Werwolf“ (einer am Ende des 2.Weltkrieges von der Nazi-Propaganda erfundenen Partisanengruppe aus Kindern und Jugendlichen, die real nie existierte). Durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD wurde er und seine Mitgefangenen monatelang gefoltert („wochenlange Verhöre mit Prügel, mehrtägiger Nahrungsentzug und stundenlangem Stehen in kaltem Wasser“, Prieß) und schließlich zu 10 Jahren Arbeitslager wegen „antisowjetischer Propaganda“ verurteilt. Diese mußte er in den inzwischen weithin bekannten grauenhaften Institutionen der kommunistischen Gewaltherrschaft verbüßen: Torgau, Bautzen, Sachsenhausen (einem von den Nationalsozialisten übernommenen Konzentrationslager) und Waldheim.

Im Februar 1947 erfolgte die Deportation nach Brest Litowsk/UdSSR. Wegen einer schweren Ruhr-Erkrankung gelangte Prieß im April 1947 zurück in die sowjetische Besatzungszone (SbZ) und wurde erneut ins Zuchthaus Bautzen, 1948 nach Sachsenhausen, 1950 nach Torgau und schließlich nach Waldheim verbracht.
Dort erlebte er hautnah die berüchtigten „Waldheimer Prozesse“. Prieß: „Durch ein SED-Sondergericht wurden dort von April bis Juni 1950 mehr als 3400 Menschen im Schnellverfahren abgeurteilt und 32 Todesstrafen verhängt, davon 24 vollstreckt.“

Eine seiner eindrücklichen Publikationen

Eine seiner eindrücklichen Publikationen

Von den zehn Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus Bützow überlebten die erlittene Tortur nur zwei Verurteilte.

Acht Jahre nach seiner Verurteilung wurde Prieß 1954 entlassen, nachdem man bereits 1951 eine Scheinentlassung vorgenommen hatte, „um die psychische Tortur auf den Höhepunkt zu treiben“. Prieß flüchtete nach dieser Odyssee noch im Jahr seiner Entlassung nach Westdeutschland und gründete in Calw eine Familie und eine Möbel-Firma.
Seine Erlebnisse, besonders das Schicksal seiner Kameraden, ließen ihn aber nie los. Nach dem Fall der Mauer beteiligte er sich mit großem Eifer an der Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen und der Nachkriegsgeschichte seiner Heimat. Benno Prieß verstand diese Arbeit und auch seine vielbeachteten Publikationen als Einlösung seines Versprechens gegenüber seinen Haftkameraden, deren Schicksal öffentlich zu machen, damit es niemals vergessen werde.
Die Bützower Verurteilten wurden 1995 durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Auch wenn Prieß für dieses späte „Signal der Reue“ Genugtuung empfand, seinen Kameraden konnte damit „das verlorene Leben nicht zurück gegeben werden.“

Nach dem Ende des Grauens vor dem neuen Grauen - Benno Prieß 1945

Nach dem Ende des Grauens vor dem neuen Grauen – Benno Prieß 1945

In den letzten Jahren bereits an den Rollstuhl gefesselt ließ es sich der aufrechte Kämpfer nie nehmen, an zahlreichen Veranstaltungen teilzunehmen oder Weggefährten auf ihrem letzten Weg zu begleiten, treulich von seinem Enkel begleitet. Bis vor wenigen Jahren war er auch ständiger Gast der UOKG-Veranstaltungen in Berlin. Er sah in dem Dachverband den nie verlöschenden Traum, für alle Opfer und Verfolgten mit „einer Stimme“ sprechen zu können. Unter den vielfachen Zerwürfnissen einstiger Kameraden litt er spürbar, was er in unzähligen Gesprächen immer wieder zum Ausdruck brachte.

Nicht nur in Calw, in ganz Deutschland war Benno Prieß für seine Verdienste um die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR bekannt. Die Feier seines 87. Geburtstages blieb ihm, der so gerne und intensiv gelebt hat, verwehrt. Wir werden Benno und seinen trotz allem nie versiegenden Humor nicht vergessen.
Der Trauergottesdienst findet am kommenden Dienstag, 7. April, ab 14 Uhr in der Heumadener Versöhnungskirche statt (Georg-Baumann-Str. 9, 75365 Calw). (964)

V.i.S.d.P.: Redaktion.Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Hannover/Berlin, 18.07.2014/cw – Heinz Unruh, *1923, ein Urgestein der Erlebnisgeneration, die den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, in diesem Fall im Zuchthaus Bautzen, miterlebt haben, ist tot. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der in Lemförde/Niedersachsen lebende Unruh bereits am 24. Juni. Er wurde bereits am 30.Juni im Beisein engster Freunde und der Familie beigesetzt.

Mit dem im Alter von 91 Jahren Verstorbenen verliert die Szene der durch den Kommunismus Verfolgten einen ihrer herausragenden Streiter für die Aufklärung erlittenen Unrechtes. Besonders die in Turbulenzen geratene Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), deren Bezirksgruppe Hannover Unruh angehörte, verliert mit ihm einen profilierten Kopf.

Unruh geriet 1947 in die Fänge des KGB in Potsdam, wurde zu 25 Jahren verurteilt und noch im gleichen Jahr in das berüchtigte Zuchthaus Bautzen verbracht. 1953 erlebte der an Tbc Erkrankte dort in einem Saal mit 200 Mitgefangenen die Auswirkungen des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Unruh beschrieb die für ihn irreale Szenerie später so:

„Am 16. Juni abends beim Einschließen nach der Zellenkontrolle war der Ton unserer Bewacher unwahrscheinlich leise, fast höflich. Am nächsten Tag, am 17. Juni, sperrten die Volkspolizisten unsere Zellen auf, und es klang kaum glaubhaft. Sie wünschten uns, den ehemals verbrecherischen Offizieren, einen guten Morgen. Die Zellen blieben offen. Es geschah sogar das Unglaubliche, daß die rüdesten Wachtmeister uns nach unserem Befinden fragten. Einige erklärten uns, daß sie schon immer mit uns gelitten hätten. Wir sollten doch später betonen, daß es uns in ihrer Obhut immer gut gegangen wäre. Vom Haus 1, dem riesigen Zellentrakt mit seinen Sälen, erklang Gesang. Die dortigen Kameraden hatten mitbekommen, daß in Bautzen Unruhen ausgebrochen waren. Die Arbeiter hatten sich gegen das rote Regime aufgelehnt – ein Aufstand der Arbeiter im sogenannten „Arbeiter und Bauernstaat“. Wir hofften auf die Freiheit und das der „demokratische Westen“ dem roten Spuk ein Ende bereiten würde. Für einige Stunden waren wir fast frei, wir konnten uns von Zelle zu Zelle bewegen und warteten auf das große Ergebnis. Die Parolen liefen sich heiß, sie kamen teils vom Wachpersonal und wurden dann durch unsere Kameraden weitergetragen. Die Bautzener Arbeiter, so hörten wir, marschierten bereits auf die Haftanstalt, das „Gelbe Elend“ zu.“

Bitter vermerkte der ehemalige Bautzen-Häftling, daß die Chancen, die der Aufstand bot, vom Westen verpasst wurden und schilderte die der Euphorie folgende Trostlosigkeit:

„Wir hörten Schüsse, sowjetische Soldaten bezogen Posten auf den Wachtürmen. Schlagartig änderte sich auch wieder die Haltung der roten Schergen – unsere Zellen wurden abgeschlossen, auf den Innenhöfen gingen bewaffnete Posten. Am Abend gab es wieder den üblichen Einschluss, die Gesichter der Wächter verhießen nichts Gutes, wir verspürten wieder ihren Hass, besonders schlimm waren gerade diejenigen, die vorher um gutes Wetter baten.“

Und resignierend: „Einige Wochen später kamen die ersten Opfer des Aufstandes. Sie wurden furchtbar drangsaliert und mussten ihr schlechtes Essen kniend empfangen. Man hatte auf ihrer Häftlingskleidung vorn und hinten ein großes rotes X aufgemalt. Obwohl sie mit uns anderen Häftlingen nicht zusammenkommen durften, erfuhren wir durch unsere Essensträger doch einiges über ihre Drangsalierungen und zum Teil über die Vorgänge beim Arbeiteraufstand.“

Die teilweise grauenvollen Erlebnisse ließen Unruh zeitlebens nicht mehr los. Er wurde bis ins hohe Alter zum unermüdlichen Mahner und wichtigen Zeitzeugen gegen jedwede Tyrannei. Seine Erlebnisberichte, veröffentlicht vor allem im VOS-Organ „Freiheitsglocke“ waren und bleiben in legendärer Erinnerung. Seine tiefe Freundschaft zu Kameraden hielten lebenslang. Viele überlebte er, wie den Streikführer von Strausberg bei Berlin, Heinz Grünhagen, mit dem er bis zu dessen Tod enge Verbindung hielt. Auch der Vereinigung 17. Juni war er eng verbunden und unterhielt regelmäßige Kontakte, auch wenn der Mittelpunkt seiner engagierten Vereinsarbeit die VOS war und blieb.

Heinz Unruh hinterlässt seine Frau Christine, mit der er 56 Jahre verheiratet war und die seine Leidenschaft für Freiheit und Recht mitgetragen und mitertragen hat. Ihr und seiner Familie gilt unser Mitgefühl. Wir teilen ihre Trauer und sind dankbar für sein miterlebtes und mit uns geteiltes aufrichtiges Leben.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Jun i 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

 

Hoheneck/Berlin, 19.05.2014/cw – Der erst 2008 gegründete „Vergangenheitsverlag“ in Berlin versteht sich als „Publikumsverlag für historische Sachliteratur,“ so der Verlag in seiner Selbstvorstellung. „Wir verstehen Geschichte als wichtigen Identitätsfaktor, Reflexionsebene und aufklärerischen Impuls. Die Geschichte, die wir präsentieren wollen, soll dabei eine Relevanz für jeden Menschen haben, sie soll auch unseren Alltag und uns selbst zum Thema machen.“ Und: „Das Ziel ist die Pflege einer aufgeklärten, demokratischen und offenen Geschichtskultur.“

Dies sei vorausgeschickt, um sich dem neuesten Produkt des kleinen, aber anspruchsvollen Verlages zu nähern. Am morgigen Dienstag, 20.Mai, gelangt der Bildband „Hoheneck – Das DDR-Frauenzuchthaus“ in den Buchhandel. Die bekannte Berliner Fotografin Rengha Rodewill stellt in über 200 schwarz-weiß-Fotos die Burg in Stollberg vor, von dem es in der Einführung heißt, daß es Orte gibt, „die zum Begriff geworden sind, die für Schrecken, Grauen und unbeschreibliches menschliches Leid stehen.“

Bedrückender Blick in eine der fürchterlichsten Haftanstalten

Rodewill lässt den Betrachter behutsam von Außen in die Innenwelt eines der fürchterlichsten Haftanstalten der zweiten Diktatur eintauchen. Von dem dominant und historisch wirkenden Gesamtblick führt sie in die immer düsterer wirkenden Innereien der Anstalt. Allein die vielfachen Sichten auf Details des Eingangsbereichs komponieren ohne Worte die Barrikaden, die ein Entrinnen, falls es jemals in die Vorstellungskraft gelangte, als unmöglich erscheinen lassen. Die sachlich abgebildeten Propagandalügen und Kappen der Macht (Mützen der Wärter) mit dem hinter einer uniformierten Puppe hervorgrinsenden verantwortlichen „Ersten Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“, wie das langatmig und ermüdend jeder Nachricht von und über Erich Honecker vorausgestellt wurde, lassen den einstigen Spuk so erscheinen, wie es Verena Ersfeld ihrer Hohenecker Kurzbiografie vorausstellt: „Tolle DDR-Tugenden? Was ist das für ein Mist?“ (Seite 26).

Eindrucksvoll: Fotoband über Hoheneck, ab 20.05.2014 im  Handel

Eindrucksvoll: Fotoband über Hoheneck, ab 20.05.2014 im Handel

Anita Goßler 2011 mit Christian Wulff vor der Wasserzelle in Hoheneck:  Nicht in der Wasserzelle gewesen  - Foto LyrAg

Anita Goßler (re.) 2011 mit Christian Wulff vor der Wasserzelle in Hoheneck: Nicht in dieser Wasserzelle gewesen – Foto LyrAg

Überhaupt ist die wohlüberlegte Einstreuung von Berichten ehemaliger Frauen von Hoheneck in die zahlreichen, oft überwältigenden Fotos eine begrüßenswerte Variante, die nicht zuletzt dadurch „den Alltag (und die Frauen von Hoheneck) selbst zum Thema machen.“ Neben Ersfeld kommen Konstanze Helber: „Unglauben im Westen“ (S.68), Julia Klötzner: „Wir wurden wie Abschaum behandelt“ (S.98), Heidrun Breuer: „Ich hatte vor Ekel eine Gänsehaut von oben bis unten“ (S.156), Petra Schulz: „Ich war trotzig, man konnte mich nicht brechen“ (S.186), Anita Goßler: „Der Körper funktioniert einfach weiter“ (S.208), Sylvia Öhlenschläger: “Man musste jede Scham ablegen“ (S.234) und Elke Scheffer: „Frauen sind untereinander grausamer“ (S.280) zu Wort. Dass die zitierten Frauen nur im Wort „sichtbar“ werden, mag der bildlichen Konzentration auf die düstere Einrichtung über der Großen Kreisstadt Stollberg geschuldet sein

Bedauerlich: Aufgewärmte und längst widerlegte Lügen

Womit ich bei aller Hochachtung und Akzeptanz ein Ärgernis ansprechen muss, das geeignet ist, das ganze und lobenswerte Vorhaben in einen ärgerlichen Misskredit zu bringen. Der bebra-Verlag, ebenfalls Berlin, hatte bereits bei der 2012 erfolgten Vorlage des ebenso beachtlichen Bandes „Der Dunkle Ort“, der die Portraits ehemaliger Hohenecker Frauen in den Mittelpunkt stellte, auch Anita Goßler vorgestellt bzw. portraitiert. Zu dieser Zeit konnte der Verlag (und die Frauen von Hoheneck) nicht wissen, welche Lügen die kurzfristige Vorsitzende des Frauenkreises in die Welt setzte. Diese Lügen wurden ausgebaut und ergänzt durch ein Buch der einstigen Gauck-Freundin, Autorin und Redenschreiberin in Bellevue, Helga Hirsch („Endlich wieder leben“, Siedler 2012), in dem Goßler berichtete, der Vater ihres im Haftkrankenhaus Meusdorf geborenen Kindes sei in Bautzen gestorben und die Urne an der Ostsee beigesetzt worden.

Diese schreckliche Nachricht sei ihr in Hoheneck von einer von Bautzen nach Hoheneck verlegten Insassin übermittelt worden. Recherchen in den Archiven ergaben nachweisbar eine andere Realität. So verzehrt der zusammen mit Goßler verurteilte und angeblich in Bautzen verstorbene Kindsvater in Nordrhein-Westfalen seine Rente (2013). Auch die Mär von der Stasi-Haft konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Goßler war nach Aktenlage im Polizeigewahrsam in Delitzsch und verschiedenen Haftkrankenhäusern, hingegen auschließlich zur Gerichtsverhandlung im Mai 1953 in Leipzig. Ebenso wenig stimmt die Story von den Wasserzellen-Aufenthalten in Leipzig und Hoheneck. Während Goßler noch 2011 dem Bundespräsidenten Christian Wulff gegenüber in Hoheneck bekundete, sie sei zwar „in Leipzig, aber nicht in Hoheneck“ in der Wasserzelle gewesen, wärmt sie diese Lüge in dem vorgelegten Fotoband wieder auf: „Sie berichtet, dass sie in die sogenannte Wasserzelle kam, dass der Vernehmer ihr durch Schläge das Knie brach (neu!) und das ein Bewacher ihr eine (neu!) lebensgefährliche Kopfverletzung beibrachte,“ schreibt die Interviewerin Rita von Wangenheim.

Neben der bis heute nicht nachgewiesenen Wasserzelle in Leipzig will Goßler nun wieder auch in Hoheneck „als Strafe … in die Wasserzelle gesperrt“ worden sein.
Diese und andere Lügen sind auch deshalb ärgerlich, weil von Wangenheim diese Interviews laut Klappentext bereits 2012 geführt haben will und somit der Verlag bis zur Drucklegung genügend Zeit gehabt hätte, den öffentlichen Aufruhr um Anita Goßler und ihre falschen Legenden gerade unter den Hohenecker Frauen zu bemerken und zumindest zu hinterfragen. Diese vermeidbare Oberflächlichkeit trübt das Gesamtwerk nicht unerheblich, auch wenn der Verlag darauf hoffen darf, das die meisten seiner Leser den Hintergrund in Sachen „Märchen“ mangels Kenntnis nicht als solche bemerken. Für einen ausgewiesenen „Publikumsverlag für historische Sachliteratur“ sicherlich ein vermeidbar gewesenes, weil im Kontrast zum Auftrag stehendes Ärgernis.

Waren kriminelle Gefangene „schlechtere“ Gefangene?

Fraglich auch, aber eine Sache der Betrachtungsweise, einige Formulierungen von Katrin Göring-Eckardt, der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag, die das im Übrigen sensible Vorwort geschrieben hat: „Wenn man eines an diesem beeindruckenden Buch vermisst, dann sind es O-Töne der „normalen“ Kriminellen, die mit im Frauenzuchthaus Hoheneck einsaßen. Nachträglich wird durch ihr Fehlen der Eindruck erweckt, sie seien die „schlechteren“ Gefangenen gewesen.“ Hier stand wohl mehr die Kirchenfrau im Vordergrund, als politischer Sachverstand. Denn beim Thema Hoheneck geht es primär um die Frauen, die aus rein politischen, also rechtsstaatlich nicht zu vertretenden Gründen, von der zweiten Diktatur verfolgt und inhaftiert wurden. Kriminelle gab und gibt es zu allen Zeiten und sie werden auch im Rechtsstaat rechtmäßig abgeurteilt. Die seelsorgerische Zuwendung auch für diese Frauen durch die Kirche ist davon unbenommen, hat aber ansonsten in diesem Zusammenhang wenig Substanz.

Auch die Feststellung von Göring-Eckardt, „Die Gefangenen von Hoheneck, über die wir in diesem Buch eindringliche Portraits lesen können, wollten nichts anderes als frei sein. Allein der Plan, die DDR zu verlassen, reichte aus, um inhaftiert zu werden,“ hätte ein Lektor bei allem Respekt vor der engagierten Politikerin so nicht durchgehen lassen sollen. Zum Beispiel saß Anita Goßler nicht ein, weil sie frei sein wollte. Sie war im Gegenteil bereits zuvor ein Jahr im Westen gewesen und freiwillig in die DDR zurückgekehrt. Der Pflege einer Geschichtskultur entsprechen derart leichtfertige Äußerungen, pauschal auf alle politisch Verfolgten von Hoheneck ausgedehnt, nicht.

Trotz dieser Einschränkungen: In dieser Konzentration einmalig intensives Bildmaterial über Hoheneck im Erzgebirge, zumindest insoweit sehr empfehlenswert.

Carl-Wolfgang Holzapfel

Ab 20.05.2014 im Buchhandel, 22,90 Euro, Format: 21 x 24,5 cm, Hardcover, 295 Seiten (davon Text: ca.33 Seiten) – ISBN: 978-3-86408-162-0

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Kiel/Berlin, 20.01.2014/cw – Erneut erreichte die Redaktion eine traurige Nachricht: Walter Jürß (*17.10.1925), langjähriger Haftkamerad des Schriftstellers Walter Kempowski und engagiertes VOS-Mitglied, hat uns verlassen. Jürß verstarb bereits am 4. Dezember letzten Jahres.

Noch im  Oktober hatte die VOS in ihrem Vereinsorgan Freiheitsglocke die Verdienste des Verstorbenen anlässlich seines 88. Geburtstages gewürdigt.

In der Juni-Ausgabe des letzten Jahres hatte Jürß noch einmal eindringlich das Dilemma seiner Generation beschrieben: „Wir, die Jahrgänge ab 1920 haben Hitler zwar nicht gewählt, aber wir mussten die volle Macht der Diktatur des Dritten Reiches erfahren und die Folgen ausbaden.

Ein weiteres Schicksal an der Seite von Walter Kempowski

Ein weiteres Schicksal an der Seite von Walter Kempowski

Der Autor des Buches „Vogelsang vor den Gittern: Von den Leibhusaren ins „Gelbe Elend“ nach Bautzen“ (Taschenbuch, Verlag: Books on Demand GmbH, 10,80 Euro) schilderte den Neuanfang, der als Aufbruch in eine neue Zeit verstanden wurde: „Nachdem 1945 alles zusammengebrochen war, hörten wir Rostocker Studenten im Westradio die Reden der Politiker Kurt Schumacher, Ernst Reuter, Thomas Dehler und anderer. Es hieß darin, man müsse eine Diktatur schon in ihren Anfängen bekämpfen – nicht erst wenn sie sich ausgebreitet hat.“

Auch für Jürß wurde dies zum Credo, zu Inhalt seines Lebens. Die Folge: Sieben Jahre brachte der Anfangs kaum Zwanzigjährige im Schweigelager Nr. 4 in Bautzen zu, dem sogen. Gelben Elend. Im März 1950 beteilige sich Jürß am berühmten Streik. Jürß: „Bereits kurze Zeit danach, am 31. März 1950, folgte der Hungeraufstand, der von der Wachmannschaft brutal niedergeknüppelt wurde.

Nach seiner Entlassung siedelte der unermüdliche Kämpfer in die Bundesrepublik über. Dort trat er der VOS bei und forderte bis zu seinem Tod unverdrossen, immer und immer wieder über die Verbrechen in der politischen Haft zu berichten, diese dem drohenden Vergessen zu entreißen, „damit bei den jungen Generationen kein falsches Bild von unseren Haftzeiten entsteht.

 Das letzte Weihnachtsfest hat der Mitstreiter Kempowskis nicht mehr erleben dürfen. Erst jetzt erfuhren wir durch  Gustav Rust von seinem Tod am 4. Dezember 2013. Seine Familie forderte in der Todesanzeige vom 14. Dezember anstelle von Kränzen und Blumen (die jetzt eh zu spät kämen) zu Spenden für die Gedenkstätte Bautzen auf (siehe „Kieler Nachrichten“).

Alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, werden Walter Jürß ein ehrendes Andenken bewahren.

V.i.S.d.P.:Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207778

Berlin, 1.12.2013/cw – Der neue Vorstand der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) bleibt wesentlich der alte. Nach einer Mitteilung der UOKG bestätigte die Mitgliederversammlung am gestrigen 30.11.2013 in der ehemaligen Machtzentrale der Stasi und Sitz des Dachverbandes in der Ruschestraße in Berlin den Theologen Rainer Wagner im Amt des Vorsitzenden (27/0). Ebenso wurden die bisherigen Stellvertreter, Rechtsanwalt Roland J. Lange (27/0) und Ernst Otto Schönemann (26/1) und die Beisitzer Anita Goßler (22) und Sybille Krägel (21) bestätigt, neu gewählt als Beisitzer wurden  Hans-Peter Schudt (22) und Klaus Gronau (19).

Die Wahl Wagners stand nicht von Vornherein fest, da er eine erneute Kandidatur auf dem vorhergehenden UOKG-Treffen im Sommer an eine Zusage der Öffentlichen Hand gebunden hatte, daß der Geschäftsführer künftig aus Steuermitteln bezahlt werden würde. Diese Zusage soll jetzt von der Stadt Berlin für 2014 vorliegen. Die wegen seiner umstrittenen Äußerungen zu Juden, Islam und anderen Religionen teils heftig vorgetragene Kritik an Wagner spielte für die Verbandsmitglieder bei  der erneuten Wahl keine Rolle. Wagner, der in dieser Funktion seit 2006 amtiert, hatte seine Äußerungen stets als „theologisch begründet“ verteidigt.

Auch die in den Beirat gewählte Anita Goßler, im Frühjahr 2013 zurückgetretene Vorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen, konnte von der womöglich vorhandenen  Wagenburg-Mentalität der Verbandsvertreter profitieren. Goßler wurde und wird von Kritikern vorgeworfen, in verbreiteten biografischen Daten zu ihrer DDR-Haft unwahre Tatsachen zu behaupten (siehe u.a. Helga Hirsch „Endlich wieder Leben“ , Siedler 2012 und „Der Dunkle Ort“, be-bra-Verlag 2012). So sei sie zweimal, in  Leipzig und in Hoheneck, in einer Wasserzelle gewesen; auch sei der Vater ihrer in der Haft geborenen Tochter in der Haftanstalt Bautzen verstorben, die Urne an der Ostsee beigesetzt worden. Gegenüber dem Bundespräsidenten Christian Wulff hatte sie hingegen bei dessen Besuch in  Hoheneck 2011 eingeräumt, nicht in Hoheneck sondern in Leipzig in einer Wasserzelle gewesen zu sein. Im Gegensatz zum einstigen Frauenzuchthaus Hoheneck ist in Leipzig bisher keine Wasserzelle nachgewiesen worden, auch war Anita Goßler nach Aktenfunden nicht in den Leipziger Vernehmungs-Zellen der Stasi. Der verstorbene Vater ihrer Tochter hingegen war nie in Bautzen inhaftiert und lebt seit seiner Entlassung aus DDR-Haft (1958) im Rheinland.

Der langjährige Schatzmeister der UOKG, Ewald Ott, wurde anlässlich des Treffens mit der goldenen Ehrennadel ausgezeichnet.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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