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Berlin, 4.10.2018/cw – Er fertigte eindrucksvolle Grafiken vom harten Alltag der politischen Gefangenen im Zuchthaus Cottbus. Seine Signatur: „F.T.“ 28 Jahre lang konnte das Geheimnis um diesen „Zeichner der Gegenwart“ in den Cottbuser Zellen nicht gelüftet werden.

Ein „anständiger Erzieher“, wie der Künstler heute sagt, gab ihm in der Haft einen Zeichenblock, auf dem er seine Eindrücke vom Zuchthaus-Alltag festhielt. Allerdings durfte er seine Grafiken nicht behalten. Der „anständige Erzieher“ nahm diese an sich. Heute muß man sagen „Gott sei Dank,“ denn wer weiß, was aus diesen wertvollen Zeitdokumenten geworden wäre, wenn diese in die Hände der Stasi gelangt und wohlmöglich vernichtet worden wären.

Frank Timpe (60), der lang gesuchte Künstler aus dem ehem. Knast in Cottbus.

So aber übergab der ehemalige „Mitarbeiter“ im letzten Jahr mehrere Zeichenblöcke an das Menschenrechtszentrum in Cottbus, nachdem er selbst den Künstler nicht ausfindig machen konnte. Das Menschenrechtszentrum machte sich auf die schwere Suche nach dem Urheber der künstlerischen Zeitzeugnisse. Das war nicht einfach. Nach einem Bericht in der heutigen Ausgabe der B.Z. in Berlin (4.10.2018, Tomas Kittan, S.20) wurden mehrere ehemalige Mitarbeiter befragt, ehe ein Name gefunden wurde, der zu den Initialen passte, doch keiner der fünf Angefragten war der fragliche Künstler. Erst im Internet fand sich nach beharrlicher Suche der Hinweis auf eine kleine Grafikausstellung in NRW. Über diese Spur fand man endlich den gebürtigen Berliner Frank Timpe (60) als Schöpfer der Grafiken.

Von 1984 bis zum April 1987 saß der heutige Werbegrafiker in DDR-Gefängnissen. Nach 33 Jahren kehrte der Künstler gestern in seine ehemalige Zelle zurück, die er sich mit elf Mitgefangenen wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ teilen musste. Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung mit seinen eindrucksvollen Bildnissen im Menschenrechtszentrum Cottbus.

Timpe heute: „Drei Wochen war ich im sogenannten Tiger­käfig im Arrest. Eine schreckli­che Zeit“ (B.Z.). Ein Jahr nach seiner Entlassung durfte Timpe in die Bundesrepublik aus­reisen, heute lebt er in Bergisch Gladbach (NRW).

Die Ausstellung kann bis zum Ende des Jahres während der Öffnungszeiten im Menschenrechtszentrum Cottbus besichtigt werden: Di. – Fr. 10:00 – 17:00; Sa. & So. 13:00 – 18:00 Uhr; Mo. Ruhetag.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.437).

Berlin, 01.09.2017/cw – Im Berliner Bezirk Wedding bemerkten Berliner Kaffeehaus-Besucher vor drei Wochen, wie eine Frau geradezu verzweifelt versuchte, ein rot-geschmiertes Hakenkreuz von einem Rolltor zu wischen. Daneben stand in ebenso roter Farbe: „Ausländer raus“. Dass diese Schmierereien ausgerechnet an der Ecke „Adolfstraße/Gerichtstraße“ (Bezirk Wedding) aufgebracht wurden, wirkte auf die Beobachter nicht gerade besänftigend (siehe unseren Bericht vom 10.08.2017: https://17juni1953.wordpress.com/2017/08/10/wedding-auslaender-raus-und-hakenkreuz/ ).

Auf Befragen erklärte die angeblich verzweifelte Frau recht fröhlich, man solle sich keine Gedanken machen, diese Schmierereien seien nur für einen Filmspot angebracht worden. Schließlich stellte sich heraus: Im Auftrag der SED-Nachfolgepartei DIE LINKE wurde nahe dem S-Bhf. Wedding und gegenüber dem ehemaligen Krematorium ein Wahlspot für die bevorstehende Bundestagswahl gedreht.

Nach den Protesten war das NS-Symbol nicht mehr zu sehen

Empörte Bürger informierten die Polizei, die nach div. Presseberichten von heute (BILD, B.Z., Berliner Morgenpost) Strafanzeige wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole gegen die Film-Verantwortlichen erstattete (http://www.bz-berlin.de/landespolitik/linke-lassen-hakenkreuz-malen-um-gegen-nazis-zu-demonstrieren). Ob die Empörung, die Polizei oder der Bericht der Redaktion Hoheneck zu den bemerkbaren Veränderungen in dem fraglichen Linken-Wahlspot geführt haben, der inzwischen mit den Spitzenkandidaten Bartsch und Wagenknecht auch im Internet zu sehen ist, kann nur spekuliert werden. Jedenfalls ist darin das Hakenkreuz nicht mehr zu sehen und aus der Adolfstraße wurde die Wählenstrasse. LINKE-Sprecher Hendrik Thalheim allerdings hat wohl auf die Hakenkreuz-Entfernung keinen Einfluss genommen, denn er verteidigte ggüb. BILD das Vorgehen: „Die Symbole wurden verwendet um Distanz auszudrücken.“

Das nicht alle LINKE von dieser Gangart begeistert sind, zeigte die Reaktion eines bekannten Politikers dieser Partei. Gegenüber unserer Redaktion äußerte er deutliche Kritik. Er habe unseren Beitrag über die Filmarbeiten gelesen und sei der Meinung, dass „eine solche Malerei gar nicht ginge und ihm völlig unverständlich sei.“

Bereits im Landtagswahlkampf Empörung gegen LINKE-Hakenkreuz

Dass die linke Partei mit der Verwendung von nationalsozialistischen Symbolen für Wahlkampagnen nicht das erste Mal aneckt, zeigte ein Bericht in der Mitteldeutschen Zeitung vom 23.06.2016 (http://www.mz-web.de/hettstedt/plakatwerbung-zur-landtagswahl-aufregung-um-hakenkreuz-23613432). Unter der Schlagzeile „Plakatwerbung zur Landtagswahl – Aufregung um Hakenkreuz“ berichtete Wladimir Kleschtschow über Empörungen in Siersleben, einem Ortsteil der Stadt Gerbstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz. Dort hatte DIE LINKE im Landtagswahlkampf auf Plakaten ein Hakenkreuz gezeigt, das wie eine Schmiererei aussieht und wegen seiner Größe den Passanten förmlich ins Auge sprang. Darunter stand in Druckbuchstaben „Brandstifter abschieben! Die Linke.“

Ähnlichkeiten mit den jetzigen Berliner Vorkommnissen sind dabei sicherlich nicht zufällig. Der „Kampf gegen Rechts“ wird offenbar gerne mit der Abbildung des berüchtigsten Nazi-Symbols untermauert. Auch die Kommentare gleichen sich: „Das Plakat sei bewusst so gestaltet worden,“ hieß es seinerzeit bei der Linken-Geschäftsstelle in Magdeburg. Und auch der Hettstedter Linken-Landtagsabgeordnete Steffen Gebhardt wird in der MZ zitiert, das Plakat sei in Ordnung. „Es soll die Menschen zum Nachdenken bewegen“. Deshalb sei es gut, dass das Plakat auffalle. Damit kann es seine Aufgabe besser erfüllen.

Ob die Spitzenkandidaten der Links-Partei Dietmar Bartsch und Sarah Wagenknecht die Filmsentenz vor ihrer abschließenden Wahlempfehlung inhaltlich zur Kenntnis genommen oder gar gebilligt haben, ist nicht bekannt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.277).

 

Berlin, 4.04.2016/cw – Gegenüber dem Boulevard-Blatt B.Z. äußerte sich der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen ebenfalls kritisch zu den bekannt gewordenen Epfehlungen der Experten-Kommission des Deutschen Bundestages. Diese soll dem Parlament geeignete Vorschläge für die Fortführung der bisherigen BStU-Arbeit unterbreiten (http://www.bz-berlin.de/berlin/lichtenberg/stasi-opfer-und-stasi-taeter-unter-einem-dach-das-waere-zynisch).

Knabe erinnert die empfohlene Zusammenlegung der bisherigen Behörde mit der von ihm geleiteten Gedenkstätte in einer neuen Stiftung an Zynismus: „Für die Opfer der Staatssicherheit wäre das fast zynisch“, zitiert die B.Z. heute den weltweit anerkannten Historiker, der neben dem Ausbau und der Leitung der von Millionen besuchten Gedenkstätte zahlreiche vielbeachtete Bücher über die DDR- und SED-Vergangenheit veröffentlicht hat.

Auch der Leiter des Trägervereins der Stasi-Zentrale an der Normannenstraße, Jörg Drieselmann (60), kritisiert die Kommissions-Pläne: „Auch wir sind weder angehört worden noch bereit, unsere Autonomie aufzugeben.“ Auch die ehemalige Stasi-Zentrale soll nach den bekannt gewordenen Vorstellungen in die neue vorgeschlagene Stiftung überführt werden.

Zwischenzeitlich regt sich auch in der CDU nach dem Minderheitenvotum von Hildigund Neubert (wir berichteten) weiterer Widerspruch. Der CDU-Kulturpolitiker Michael Braun (60) hat nach dem Zeitungsbericht „wenig Verständnis für die Fusions-Absichten“. Braun: „Ich frage, warum man zwei so erfolgreiche Einrichtungen zusammenlegen will.“ Der Politiker  warnt vor dem Versuch, mit der Zwangsfusion die Leiter beider Gedenkstätten politisch mundtot machen zu wollen und erinnert an die Verdienste beider Gedenkstättenleiter, die diese Einrichtungen zum Erfolg geführt hätten. „Die ganze Brutalität der Stasi wird hier in einer besonderen Weise in Erinnerung gerufen.“

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Tel.: 030-30207785 (1.096)

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 9.03.2016 – Kaum ein Wort hat sich als Unwort so schnell etabliert, wie der Begriff „Lügenpresse“. Neben einer sicherlich parteipolitischen Instrumentalisierung weist die selbstverständliche Akzeptanz allerdings auch eine bedenkliche Vertrauenskrise zwischen den Produzenten medialer Nachrichten und ihren Konsumenten, den Bürgern wie Du und Ich, auf.

Dabei erinnere ich mich an eine Zeit, in der wir wesentlich durch die Meinungsvielfalt der Medienlandschaft gelernt haben, die Demokratie zu verinnerlichen, sie als beste aller schlechtesten Staatsformen zu akzeptieren. Ob Matthias Walden, Sebastian Haffner, William S. Schlamm, Peter Scholl-Latour, Friedrich Nowottny   oder Rudolf Augstein, um nur einige zu nennen, sie vermittelten  uns Nachgeborenen einer schrecklichen  Diktatur mit ihren gewiss konträren Meinungen das Rüstzeug für demokratische Auseinandersetzungen, eine demokratische Kultur.

Auch die Politik erfüllte ihre Pflichten. Herbert Wehner, Franz Josef Strauß, Fritz Erler, Rainer Barzel, Helmut Schmidt, Thomas Dehler: Mit ihren anspruchsvollen Debattenbeiträgen schafften sie eine demokratische Kultur, die für uns zur Selbstverständlichkeit wurde. Und jetzt, im Jahr 2016, schleppen wir vergiftende Begriffe wie den von der Lügenpresse mit uns herum, betrachten diese Demokratie-zersetzende Totschlag-Injurie als neue Selbstverständlichkeit.

Lügenpresse, ein beliebtes Schlagwort der NS-Agitation

Stimmt das denn: Lügenpresse? Gehen wir auf die Spur eines unsäglichen Wortes: „Sowohl vor als auch im Nationalsozialismus nutzten NS-Agitatoren das Schlagwort im Rahmen ihrer  antisemitischen Verschwörungstheorie  zur Herabsetzung von Gegnern als Kommunisten und Juden sowie der Behauptung einer Steuerung der Presse durch ein „Weltjudentum“. Nach der  Machtergreifung und der  Gleichschaltung der Inlandspresse wurden die Medien der späteren Kriegsgegner mit „Lügenpresse“ geschmäht.“ Soweit WIKIPEDIA.

Die heutige Verwendung entspricht wohl eher einem Gefühl als belegbaren Tatsachen (abgesehen von „Ausreißern“ besonders in der Boulevardpresse, oder – in unser aller Gedächtnis eingegangen – der unselige stern-Flop um die Hitler-Tagebücher). Das Problem ließe sich wohl auch eher unter dem Begriff „Selbstzensur“ einordnen, der sich hier und da Journalisten offenbar unterwerfen, als dies einer gelenkten, gar von Regierungsseite bestimmten Meinungs-Diktatur entspräche. Versuche hat es natürlich immer wieder gegeben, siehe Konrad Adenauer und sein zweites Fernsehen in den sechziger Jahren, aber sie zerbrachen bislang immer an der seinerzeitigen couragierten Meinungsvielfalt in der Medienwelt.

Erinnerung an Straßenterror in der Weimarer Republik

Und couragierte Journalisten gibt es auch heute noch. Hier einige Kostproben, ehe wir den Autor benennen wollen: „Es gibt zwei Bezirke in Berlin, in denen die neue Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) praktisch keinen Wahlkampf mehr machen kann: Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow. Denn hier werden AfD-Politiker von Linken geschlagen und verjagt, wenn sie Plakate hängen wollen. Bis zu 100 Prozent der AfD-Werbung wurden in diesen Stadtteilen zerstört. … Wie steht man das durch? Ich besuchte Sari Saleh (32), den AfD-Direktkandidaten in Neukölln. Sein Vater kam aus dem Irak, er wählte bisher grün und arbeitet als Geschichtslehrer. „Was wir in Kreuzberg und Pankow erleben, erinnert an nichts anderes als den Straßenterror der Kommunisten und Nazis am Ende der Weimarer Republik“, sagt er.“ (B.Z.: AfD-Politiker werden gejagt und geschlagen, 27.08.2013)

Wer eine demokratische Partei von einem Fest für Toleranz aussperrt, hat ein Problem mit der Toleranz….  In Treptow-Köpenick wird am Sonnabend das „Fest für Demokratie und Toleranz“ gefeiert …. Veranstalter ist das gleichnamige „Bündnis für Demokratie und Toleranz“. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) hat die Schirmherrschaft übernommen. … Auch die neue Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) fühlte sich aufgerufen, ihren Einsatz für Demokratie und Toleranz an einem Stand vorzuzeigen. Doch das darf sie nicht. Die AfD ist ausgesperrt worden.“ (B.Z.: AfD von Fest für Demokratie ausgesperrt, 22.05.2014).

Ich stehe der AfD kritisch gegenüber

„Am Mittwoch nahm die Brandenburger SPD Abschied von Klaus Ness, ihrem Fraktionsvor-sitzenden im Landtag. Er war am 17. Dezember im Alter von 53 Jahren an Herzversagen gestorben. Die SPD-Fraktion hatte zur Trauerfeier in den Plenarsaal des Landtages geladen, in dem sonst das Parlament tagt. Jeder Abgeordnete hat hier einen festen Sitzplatz. Die SPD-Fraktion hatte die Abgeordneten aller Parteien schriftlich eingeladen, nur die Kollegen der Alternative für Deutschland (AfD) nicht. Sie durften ihre Plätze nicht einnehmen. Ich wollte wissen, warum die AfD nicht kommen durfte und fragte den Sprecher der SPD-Fraktion, Gerold Büchner. Doch der wollte mir darauf keine Auskunft geben. … Ich kannte Klaus Ness. Wenige Wochen vor seinem Tod sprach ich länger mit ihm. Er bekämpfte die Politik der AfD leidenschaftlich. Er respektierte aber die Persönlichkeiten der Partei, zum Beispiel den Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland. Das war mein Eindruck. Abgesehen von der menschlichen Ebene: War die Ausgrenzung der AfD politisch richtig? Ich meine Nein. Ich stehe der AfD kritisch gegenüber, genauso wie ich der Linkspartei, den Piraten und den Grünen kritisch gegenüberstehe, weil ich in all diesen Parteien extreme Tendenzen befürchte. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass es sich bei der AfD um eine zugelassene demokratische Partei handelt, deren Abgeordnete genauso frei vom Volk ins Parlament gewählt worden sind – wie die Abgeordneten der anderen Parteien. (B.Z.: Trauerfeier: SPD sperrt AfD ohne Begründung aus, 7.01.2016).

Jedem seiner Artikel zur AfD fügt der Kolumnist Gunnar Schupelius –  BZ-Schupelius 2013-2016  – seine persönliche Distanz zur AfD bei. Das ist sein gutes Recht und kollidiert in keiner Weise mit der gebotenen Neutralität eines Journalisten. Schupelius also wäre kein Beleg für den Begriff Lügenpresse. Aber vielleicht kann die folgende Begebenheit zumindest ein wenig beleuchten, woher dieses Gefühl für dieses Unwort kommen könnte.

Nachrichten am Abend des 8.März 2016: Diverse Berichte, im Gegensatz zur Konkurrenz noch kein Hinweis auf die hessischen Kommunalwahlen. Dann folgt ein Bericht über ausländerfeindliche Aktionen, gefolgt von einem Reportagebeitrag über die in der Tat skandalöse „Austreibung“ eines katholischen Pfarrers in Bayern, der wegen seiner schwarzen Hautfarbe nationalsozialistisch anmutenden Morddrohungen ausgesetzt war und schließlich resignierte. Unser Tipp zuvor war richtig: Unmittelbar nach diesen zwei Beiträgen kam der Bericht über die Kommunalwahlen in Hessen, das „nicht erwartete“ hohe Ergebnis für die AfD, das „Entsetzen in Hessen“ ausgelöst hätte, so der (neutrale?) Moderator.

Es sind diese Beiträge, die bei dem halbwegs noch auf demokratische Gepflogenheiten setzenden Zuschauer und Zuhörer ungute Gefühle auslösen, bei dem dann Begriffe wie „Lügenpresse“ auf einen (dennoch unseligen) fruchtbaren Boden fallen. Die langfristigen Konsequenzen: Die Zerstörung bisheriger gemeinsamer demokratischer Grundwerte, eine (gefährliche) Radikalisierung in der Bevölkerung.

Unten ankreuzen, damit die Stimme oben ankommt

Dem kritischen Zeitbürger hingegen bleiben nur wenige Mittel, sich dieser immer rasanter in Schwung kommenden Zerstörung demokratischer Werte zu widersetzen. Ein Mittel ist das der Beteiligung an Wahlen, einer der letzten demokratischen Bastionen. Und wenn eine demokratische Alternative in Form einer neuen Partei aus statistischen Gründen ganz unten auf dem üblichen  Wahlzettel vermerkt ist, also zumeist gar nicht mehr von dem Wähler wahr genommen wird? Dann müsste eben diese alternative Gruppierung großflächig plakatieren: „UNTEN ankreuzen,  damit IHRE STIMME OBEN ankommt.“

Diese oder eine ähnliche Kreativität gefällt nicht jeder Partei. Aber das ist eben auch Teil der Demokratie und der notwendigen, weil belebenden Auseinandersetzungen. Und nur Extremisten, also Feinde der Demokratie, sind gegen Aufklärung und klare Worte (auch wenn das sogar ihr demokratisches Recht ist). Lasst uns um diese Demokratie kämpfen. Mit Argumenten. Nicht mit schwabbel-gefährlichen, weil demokratiefeindlichen Begriffen wie zum Beispiel „Lügenpresse“. Nicht mit Ausgrenzungen von Parteien, die demokratisch legitimiert sind.

V.i.S.d.P.: Der Autor und Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.084)

Berlin, 2.10.2014/cw – Der Schock sitzt auch noch nach 25 Jahren tief. Anders kann man die neurotisch wirkende Selbstdarstellung des letzten „Staatschefs der DDR“, Egon Krenz zwei Tage vor dem 3. Oktober kaum bewerten. Krenz, wegen Totschlags (an der Berliner Mauer) recht zivil zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er nicht in Bautzen oder Hoheneck, sondern zumeist im Freigang bewältigen durfte, trauert nach wie vor einem Staat nach, der sich selbst um seine Chancen brachte, eine Alternative zur Bundesrepublik aufzubauen. Er wollte offensichtlich seine Auferstehung aus den Ruinen seiner einstigen Mauer demonstrieren, aber außer rund hundert verlesener Genossen will wohl kaum ein vernunftbegabter Mensch den modernden Schallmeienklängen des roten Altpräsiden folgen.

Für DDR-Kritiker war der einstige Staatschef krenzwertig nur hinter den Scheiben der "jungenWelt" zu sehen -Foto: LyrAg

Für DDR-Kritiker war der einstige Staatschef krenzwertig nur hinter den Scheiben der „jungenWelt“ zu sehen -Foto: LyrAg

Von eigener Bevölkerung bejubelter Untergang

Die DDR erstickte nicht an ihren Verbrechen und an ihrem Unvermögen, wirtschaftlich und rechtspolitisch Furore zu machen, sonders sei von der Bundesrepublik übernommen worden, so der gescheiterte Honecker-Nachfolger. Großzügig räumte Krenz zwar ein: „Natürlich haben wir auch Fehler gemacht.“ Aber deswegen scheitern oder gar schämen? Niemals, niemals. Da fällt dann dem kritischen Beobachter die Honecker-Formel ein: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ Wie wahr. Auch Egon Krenz konnte den Lauf in den von der eigenen Bevölkerung bejubelten Untergang nicht aufhalten.

Tomas Kittan von der B.Z. mußte sich seine Anwesenheit buchstäblich erkämpfen - Foto: LyrAg

Tomas Kittan von der B.Z. (Mitte) mußte sich seine Anwesenheit buchstäblich erkämpfen – Foto: LyrAg

Allerdings waren kritische Beobachter oder gar einstige aus politischen Gründen Verfolgte erst gar nicht zur Buchpräsentation zugelassen. Man hatte in dem von alten Kadern nach wie vor beeinflussten einstigen Zentralorgan der FDJ namens jungeWelt schnell gelernt. In den vergangenen Jahren war es immer wieder sogen. Staatsfeinden der DDR gelungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen und den roten Protagonisten unangenehme Fragen zu stellen. Nunmehr wurden Karten verkauft und dabei streng darauf geachtet, nur Reservierungen für altgediente Genossen zuzulassen. Selbst gegenüber der Presse zeigt man wieder vor 25 Jahren und früher gewohnte Praktiken. So wurde der B.Z.-Reporter Tomas Kittan erst nach geharnischtem Protest eingelassen, nach dem dieser mit sehr unangenehmen Konsequenzen wegen Verletzung der Pressefreiheit gedroht hatte.

„Das Krawallblatt B.Z. log über Krenz-Auftritt“ 

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, im Hintergrund Egon Krenz - Foto: LyrAg

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, im Hintergrund Egon Krenz – Foto: LyrAg

Die jungeWelt revanchierte sich denn auch, als sie am nächsten Tag den Journalisten der Lüge zieh: „Das Krawallblatt B.Z. log danach über den Auftritt des letzten DDR-Staatschefs: »Zugang hatten nur ehemalige FDJ- und SED-Funktionäre und Stasi-Offiziere.«“

Schließlich kennt man sich in Sachen Agitation aus und benutzt gekonnt Teil-Fakten, um den Gegner der Lüge zu überführen. Denn wahrscheinlich waren unter den Anwesenden auch eine Handvoll treuer Genossen ohne hervorgehobene Funktion in der SED oder ihrem Schild und Schwert, der Stasi. Ändert das etwas an der zusammengerafften Beschreibung und Aussage über den offensichtlich gesiebten Zugang durch einschlägig Vorbelastete?

Der Beweis für Kittans Situationsbeschreibung stand vor den Räumen der roten Ladengalerie. Rund zwanzig einst politisch Verfolgte, unter ihnen die einstige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, hatten sich aus Protest gegen den krenzwertigen Auftritt des vorbestraften Staatsfunktionärs eingefunden und pressten ihre Protestschilder so gegen die Ladenscheiben der jungenWelt, dass auch Egon Krenz die Texte lesen konnte. Gut, dass das Schild und Schwert der Partei nur noch in Form alt gewordener Rentner vertreten war. So konnte Krenz nur gequält mit seinem berüchtigten Grinsen auf Sprüche wie diese reagieren: „Stasi go home!“ und „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“

Ein aktuelles Anliegen - Foto: LyrAg

Ein aktuelles Anliegen –
Foto: LyrAg

Interessant war allerdings die Feststellung, der Tag der Deutschen Einheit sei ein willkürlich datierter Feiertag. Ob „der wohl nur auf den 3. Oktober gelegt wurde, damit die DDR nicht 41 werden konnte,“ darüber ließe sich trefflich streiten. Denn daß der 3. Oktober „ein Gedenktag nach Aktenlage“ ist, haben Kritiker – besonders wir von der Vereinigung 17. Juni – schon recht früh angemerkt. Diesem Tag fehlen die mit einem Gedenktag unbedingt erforderlichen faktischen, impulsiven und sensitiven Inhalte, wie diese zum Beispiel mit dem 9. November, dem 17. Juni oder dem 8. Mai verbunden sind. Doch darüber wollten die Genossen offenbar nicht diskutieren, schon gar nicht mit Andersdenkenden. Im eigenen ideologischen Saft zu schmoren, die eigenen Indoktrinationen zu streicheln, scheint nach wie vor wichtiger, als sich dem freien Wort, der freien Auseinandersetzung zu stellen.

DDR - Ein Unrechtsstaat, auch das mussten die Genossen zur Kenntnis nehmen - Foto: LyrAg

DDR – Ein Unrechtstaat, auch das mussten die Genossen zur Kenntnis nehmen – Foto: LyrAg

Die Frage nach den Toten  der Mauer ließ Krenz verdunsten

So verließ Egon Krenz die Veranstaltung auch nicht durch den Vordereingang sondern eher fluchtartig durch die Hintertür. Trotzdem gelang es der einstigen DDR-Bürgerin und ehemaligen Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, Krenz mit der Frage zu konfrontieren: „Herr Krenz, wie leben Sie heute mit den Toten der Mauer?“ Der Angesprochene rollte mit den Augen und stürmte geradezu fluchtartig auf seine Limousine zu. Mit aufheulendem Motor brauste der peinlich Befragte davon und ließ einmal mehr eine kritische Frage im Nachthimmel von Berlin ohne Antwort verdunsten.(869)

Siehe auch: http://www.jungewelt.de/2014/10-02/059.php

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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