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Es ging um freie Wahlen und die Wiedervereinigung

Von Eberhard Diepgen*

Berlin, 17. Juni – In Taschenkalendern und Chefplanern habe ich nachgesehen. Es gab nur noch sehr vereinzelte Hinweise auf den ersten Volksaufstand gegen den Kommunismus nach dem zweiten Weltkrieg. Bei den offiziellen Veranstaltungen des Bundesinnenministeriums an den Gräbern von Opfern der Intervention in der Berliner Seestraße schmolz der Kreis der Teilnehmer von Jahr zu Jahr. Eigentlich wollte man das alles ohnehin schon auf eine „stille“ Kranzniederlegung reduzieren.

Reden nur noch an besonderen Jahrestagen? Diese Frage erreichte jedenfalls den Senat von Berlin, als die Verantwortung für die Veranstaltung auf die Bundesregierung überging.

Was ist heute () der angemessene Einstieg in Überlegungen zu einem vom nationalen Feiertag zum – vielleicht noch – Gedenktag degradierten Tag der deutschen Geschichte.

Bei dieser Überlegung kam mir ein Teilnehmer an einer Diskussion zur Eröffnung einer Tagung zu deutsch-russischen Städtepartnerschaften zu Hilfe. Der teilnehmende Gorbatschow hatte den Moderator zu der Frage inspiriert, ob man sich denn vor 15 Jahren eine Diskussion zu diesem Thema unter dem Brandenburger Tor hätte vorstellen können. Die ehrliche Antwort war bezogen auf den Zeitpunkt natürlich ein klares Nein. Spannender für unser Thema aber war für mich der Hinweis eines Diskussionsteilnehmers (Jahrgang 56), beim ersten Besuch in Berlin habe er sich als Abiturient an der Mauer durchaus eine weitere Teilung Deutschlands vorstellen können, sein Blick und der Blick seiner Klassenkameraden sei mehr nach Frankreich und Paris gerichtet gewesen. Und: Nach dem Fall der Mauer habe sie die große Sorge umgetrieben, jetzt könnten sich das Interesse mehr auf den „Osten“ und auf Partnerschaften der Städte mit Russland orientieren als in gewohnter Weise nach Westen.

Die Aussage sind sicher keine überraschende Neuigkeit. Der Hinweis auf Erwartungen, Sorgen und Ängste eines Vertreters der Nachkriegsgeneration umschreiben aber deutlich das Dilemma des 17. Juni als „Tag der Deutschen Einheit.“ Und sie sind auch kennzeichnend für viele Problem der deutschen Politik fast 14 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Wie tief war der Wunsch nach der deutschen Vereinigung in der Bundesrepublik jenseits der Wiedervereinigungsrethorik wirklich? Wie stark ist das Bekenntnis zu einer deutschen Nation? Gab es im geteilten Deutschland nicht die Formel von der Bundesrepublik als der postnationalen Demokratie unter Nationalstaaten? Intensiv wurde über den Zweistaatlichkeitsnationalismus diskutiert. Der Historiker Mommsen behauptete Ende der 70er Jahre, in der Bundesrepublik habe sich ein nationales Identitätsbewusstsein entwickelt, in der DDR sei ein gesamtnationales Gefühl dagegen stärker erhalten geblieben. Aber auch für die Entwicklung in der DDR gilt es jenseits der offiziellen Parteilinie festzuhalten, dass viele insbesondere evangelisch geprägte Bürgerrechtler die deutsche Teilung als Sühne für die Verbrechen des Faschismus ansahen.

Auch 1990 gab es ernüchternde Erkenntnisse. Für mich war der Streit um die Rolle Berlins als deutsche Hauptstadt, die grundsätzliche Diskussion um „Wiedersehen“ oder „Wiedervereinigung“ unmittelbar nach dem Fall der Mauer und auch das deutsche Lieblingsthema Föderalismus als Instrument für regionale Egoismen mit vielen Enttäuschungen verbunden. Sie verdrängen nicht Stolz und Glück, dass es trotz der schwierigen deutschen Nationalgeschichte doch zur Wiedervereinigung gekommen ist. Aber es gilt, einen aufgeklärten Patriotismus und ein Bekenntnis zur deutschen Nation einzufordern. Sonst werden wir das Europa der Zukunft nicht mitgestalten können. Deutschland als postnationale Demokratie? Das wäre ein neuer deutscher Sonderweg im Europa der Nationen.

Der 17. Juni 1953 war ein wichtiger Tag für Deutschland, das demokratische Selbstverständnis der Deutschen und die nachfolgende europäische Entwicklung. Es war ein Arbeiteraufstand. Noch heute wird gelegentlich versucht, Motive und Zielsetzung auf einen Protest gegen Normerhöhungen zu reduzieren.

Natürlich standen ökonomische Interessen am Anfang. Die Bauarbeiter an der Großbaustelle Stalinallee protestierten gegen die Härten des Kurses, die die SED seit dem Sommer 1952 eingeschlagen hatte. Hastig korrigierte die aufgeschreckte Parteiführung, aber zu spät. Das Aufbegehren wurde gleichsam durch sich selbst vorwärtsgetrieben. Den ökonomische Forderungen folgten politische. Es ging um freie Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands.

Der Aufstand traf das Regime als solches. Er verwarf dessen Anspruch auf Legitimität. Die Massen standen auf. Aber, es fehlte eine Führung, die Koordination der auf viele Städte ausgedehnten Protestbewegung. Das war ein entscheidender Unterschied zu dem verzweifelten Widerstand, den eine Führung ohne – jedenfalls sichtbare – Massenbasis etwa 20 Jahre zuvor gegen Hitler geleistet hatte. 1944, eine Führungsgruppe ohne Kontakt zu den Massen. 1953, ein Massenaufstand ohne strategische Führung.

Die offizielle Geschichtsschreibung der DDR sah in dem Aufstand einen von außen gesteuerten Vorgang. Sicher hatte die Berichterstattung über den RIAS die Dynamik der Aufstandsbewegung und ihre Verbreitung gefördert. Im Kern waren die Interessenlage und Handlungsweise im „Westen“ aber genau entgegengesetzt. Als Zwölfjähriger wartete ich damals nach den dramatische Rundfunkberichten auf konkrete Hilfe für die von sowjetischen Soldaten bedrängten Arbeiter. Die einfache Logik der westlichen Abgrenzungspolitik, die wenige Jahre später auch für Polen und Ungarn galt, war mir noch nicht bewusst.

Den Westen trafen die Vorgänge unvorbereitet – auch in späteren Jahren war er auf politische Eruptionen im Ostblock nie vorbereitet – aber es galt schon 1953 die Hauptspielregel des Ost-West-Konfliktes: Die Bewahrung des Friedens hat Vorrang; Interventionen jenseits der Systemgrenze verbieten sich insbesondere an der europäische Demarkationslinie.

* Der Autor war Regierender Bürgermeister von Berlin und ist 2017 in den Beirat der Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V. berufen worden. Vorstehenden Beitrag schrieb Diepgen für die Schrift „Spurensuche – Helden der Menschlichkeit“ (Carl-Wolfgang Holzapfel, Amper-Verlag), die die Vereinigung zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes 2003 editierte. Teil II „Adenauer: Freiheitswillen des Deutschen Volkes“ wird am 14. Juni auf dieser Seite veröffentlicht.

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Berlin, 27.11.2012/cw – Enttäuschung bei den ehemaligen Workutanern,  einem  Zusammenschluss ehemaliger Gefangener aus den berüchtigten  Lagern im Komplex Workuta im  Zentrum eines nördlich des Polarkreises liegenden Kohlebeckens, über die Ablehnung einer Einladung, Absender: Bundespräsidialamt. Workuta war eine  der größten  Lagerregionen nördlich des Urals in der einstigen UdSSR (siehe WIKIPEDIA > Workuta). Der Vater des gegenwärtigen  Bundespräsidenten war ebenfalls nach Workuta deportiert worden.

Am 1. August nächsten Jahres jährt sich der „Aufstand von Workuta“ wie zuvor der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zum sechzigsten  Mal. Die ehemaligen Workutaner wollen dieses Ereignisses im nächsten  Jahr in besonderer Weise gedenken.

Im  Sommer 1953 hatten sich in den Lagern die Nachrichten  über die Machtkämpfe im  Kreml nach Stalins Tod verbreitet. Auch über den Volksaufstand in der DDR kursierten entsprechende Nachrichten und Gerüchte. Ende 1953 kam es zum ersten Streik, der sich schnell ausweitete. Die Lagerleitungen standen dem letztlichen Streik von über 15.000 Gefangenen des Workuta-Komplexes machtlos gegenüber und flüchteten. Streikkomitees übernahmen die Kontrolle. Nach vergeblichen Verhandlungen mit einer eigens aus Moskau angereisten Kommission wurde der Komplex am 1. August von Soldaten  der Roten Armee umstellt und die Streikenden zur Aufgabe aufgefordert. Mit dem Ruf „Auf in  die Freiheit“ marschierten die Gefangenen in  einem  Lager auf den Lagerausgang zu. Im  Feuer der Rotarmisten  starben offiziell über 40 Gefangene, nach Angaben von Häftlingen „mehrere Hundert“. Der Streik brach zusammen. Infolge des letztlichen Aufstandes lenkte Moskau allerdings ein und entließ nach zunächst kriminellen auch die nach dem 2. Weltkrieg zumeist aus Deutschland stammenden inhaftierten Gefangenen.

Der Vater Wilhelm des gegenwärtigen Staatsoberhauptes, einstiger Oberleutnant zur See und NSDAP-Mitglied (1934), war 1951 verhaftet und von einem sowjetischen  Tribunal in Stralsund zu 25 Jahren Haft verurteilt und zum Vollzug nach  Workuta deportiert worden (Vorwurf: Spionage und antisowjetische Hetze). Der Präsident in seinen  Erinnerungen: „Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem System aus. Das machen wir nicht, vermittelte uns die Mutter (die bereits 1932 in die NSDAP eingetreten war) unmissverständlich.“ (2009, S.41).

Da Wilhelm Gauck also „Workutaner“ war, gingen die einstigen Lagergefährten von einem besonderen Interesse des Bundespräsidenten an dem bevorstehenden Jahrestag aus.   Bereits vor einigen Wochen kam die präsidiale Absage „aus terminlichen Gründen“, wie jetzt bekannt wurde.

Ein Workutaner, der mit Wilhelm Joachim Gauck seinerzeit im  Lager war, beschreibt diesen als einen „guten und hilfsbereiten“ Kameraden. Er war mit diesem in Taischet zusammen und „wir haben in  der selben Baracke geschlafen.“ Der fast neunzigjährige Zeitzeuge, dessen Name dem Autor bekannt ist und der nicht genannt werden will, weil auch er „von der Absage schwer enttäuscht“ sei, befürchtet gar einen Herzinfarkt, wenn er sich zu sehr darüber aufrege. Man werde nun des Ereignisses „auch ohne den Bundespräsidenten“ in würdiger Form gedenken und den Vater des Präsidenten in die Erinnerung einbeziehen, wie „wir das mit allen Kameraden tun“.

V.i.S.d.P.: Verein (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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