You are currently browsing the tag archive for the ‘Antonio’ tag.

Von Tatjana Sterneberg

Berlin/Hoheneck, 07.11.2019/ts – Heute, vor 46 Jahren, klingelt es an meiner Haustür. „Aufmachen, Polizei!“ Ahnungslos öffnete ich die Tür. Ich hatte ja nichts verbrochen. Drei Männer in Zivil drängten mich in die Wohnung. Und während zwei der Männer begannen, ungefragt die Wohnung zu inspizieren, eröffnete mir der Dritte im Bunde: „Staatssicherheit. Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhaltes!“

„Natürlich,“ schoss es mir durch den Kopf, „mein Ausreiseantrag und die Pläne einer möglichen Flucht.“ Plötzlich überfiel mich eine unkontrollierte Aufregung, eine nicht gekannte Angst vor etwas bislang Unbekanntem. Und während ich in einem Fahrzeug platziert wurde, gingen meine Gedanken zurück an den Ursprung dieses plötzliche Eingriffs in meine bisherige Unversehrtheit.

Nach meiner Ausbildung zur Restaurantfachfrau war ich gebeten worden, in das neu eröffnete Hotel „Stadt Berlin“ am Alexanderplatz (heute „ParkInn“) meine Berufslaufbahn fortzusetzen. Im ersten Stock befand (und befindet) sich die Zille-Stube, ein gemütliches Restauration in diesem riesigen „Turmhotel“.

Ein quietschroter Käfer und eine Rose

Schon bald tauchte dort Antonio auf. Er war Italiener und hatte es sich zur (nebenberuflichen) Aufgabe gemacht, Freunde und Gäste hin und wieder nach Ost-Berlin zu führen, um ihnen u.a. auch die dortige Restauration vorzuführen. Er sprach, wie ich später erfuhr, fünf Sprachen, was ihm diese Aufgabe wie auch seine Stellung im Hotel Kempinski als Chef de Rang in West-Berlin erheblich erleichterte.

Er muss wohl bei seinen Besuchen „einen Blick“ auf mich geworfen haben. Jedenfalls erschien er eines Tages (1972) mit seinem quietschroten Käfer vor dem Hotel, galant eine Rose in der Hand und fragte mich schlicht und ergreifend, ob er mich zu einem Glas Wein einladen dürfe?

Heute kämpft Tatjana Sterneberg an der Seite Ihres Mannes C.W.Holzapfel für die Rechte Verfolgter der DDR-Diktatur – Foto: LyrAg

Es entwickelte sich schnell eine gegenseitige Zuneigung, die schließlich in Liebe erblühte. Eine Liebe zwischen Ost und West war ja nicht einfach. Denn dazwischen stand die Mauer. Wollte Antonio länger bleiben, so musste er fristgerecht bis 24:00 Uhr den Checkpoint Charlie in Richtung Westen passieren. Dort fuhr er eine entsprechende Kehre, um nach 00:00 Uhr mit dem angemessenen Abstand wieder in die Hauptstadt der DDR mittels eines erneuten Tagesvisums wieder einzureisen.

Nach dem Heiratsantrag: Antonio wollte nicht im Osten leben

Was kommen musste, kam auch bei uns. Antonio machte mir schließlich einen Heiratsantrag. Ich war glücklich, als wäre ich schon seine Frau. Über die Umsetzungsmöglichkeiten machten wir uns erst danach Gedanken. Antonio wollte auf keinen Fall in Ost-Berlin leben. Sich freiwillig einsperren zu lassen war für den Weitgereisten und –Gebildeten (USA, Frankreich, Schweiz, Deutschland und natürlich Italien) keine Alternative. Aber was tun?

In diesen Tagen der Suche nach einer Problem-Lösung kam mir meine Tätigkeit im Hotel zu Hilfe. Ich betreute eine Hochzeitsfeier und fragte den Bräutigam diskret, wo das Paar denn in Zukunft leben wolle? Denn seine Geehelichte war zwar eine Ostberlinerin, er kam aber aus Dänemark. Natürlich würden sie dort leben, erklärte mir der glückliche Däne. Ich war perplex: „Wie geht denn das?“ „Ganz einfach,“ sagte der Däne, „meine Frau hat einen Ausreiseantrag gestellt.“

Überglücklich erzählte ich am Abend Antonio von dieser Feier. Gesagt getan. Ich schrieb einen Ausreiseantrag, formlos, auf einem normalen Briefbogen. Und als die Antwort auf sich warten ließ, hakte ich nach, fragte nach dem Stand. Das führte zu einer Vorladung ins Rote Rathaus, in dem heute der Berliner Senat seinen Sitz hat. Naiv und gutgläubig wie ich war, nahm ich meinen Antonio mit zu diesem Gespräch. War er doch der lebende Beweis für meine guten und harmlosen, sprich unpolitischen Absichten.

Eine Ausreise kommt nicht infrage

Schnell wurde uns im schönsten Partei-Sprech klar gemacht, eine Ausreise komme gar nicht infrage. Alle Argumente halfen nichts, mein artikuliertes Vorpreschen war vielleicht sogar undienlich. So hielt ich dem Gegenüber im Rathaus vor, man könne doch nicht „Eintrittsgeld“ für den Besuch in Ost-Berlin kassieren, und wenn sich dann Mensche ineinander verlieben, dürfen diese nicht zueinander kommen. „Was ist das denn?“

Die Folge dieser unerquicklichen Begegnung: Der Besuch von uns wurde an die Staatssicherheit gemeldet, die daraufhin einen „Operativen Vorgang (OV)“ unter dem Namen „Zille“ anlegte und 12 Informelle Mitarbeiter (IM) unter dem Kennwort „Hänsel und Gretel“ auf uns ansetzte. Das allerdings erfuhr ich erst rund 20 Jahre später aus der Einsicht in meine Stasi-Akten.

Nichtsahnend über diese eingeleitete „Staatsschutztätigkeit“ begann Antonio, fürsorgerisch nach anderen Lösungen zu suchen. Natürlich gehörte dazu auch die Kontaktaufnahme zu Fluchthelfern. Mehrere Möglichkeiten wurden erörtert, mehrere wieder verworfen. Schließlich zeichnete sich ein Versuch über den Checkpoint Charlie unter Hilfestellung einer diplomatischen Vertretung ab.

Menschlichkeit: Antonio wurde bei der Einreise gewarnt

Der Termin war noch nicht vereinbart, als die Abgesandten der Staatssicherheit vor meiner Wohnung standen, um mich in das Polizeipräsidium in der Keibelstraße zu verschleppen. Erst am Morgen des nächsten Tages, kurz vor dem Ende der ersten nächtlichen und stundenlangen Vernehmungsrunde eröffnete mir einer der Vernehmer: „Übrigens, Ihren Antonio haben wir auch!“ Mir fuhr ein Schreck in die Glieder. Was hatte der arme Kerl mit den Teilungs-Strapazen deutscher Befindlichkeiten zu tun?

Was ich an diesem grauen 8. November noch nicht wusste und erst später, nach der Maueröffnung erfuhr: Ein Mensch unter den Unmenschen hatte Antonio bei seiner Einreise in die DDR gewarnt: „Reisen Sie heute lieber nicht ein.“ Antonio hatte diesen Hinweis in übliches Abwehr-Blabla der Kontrollorgane eingeordnet und war dann verhaftet worden.

Gut war, dass mein Stasi-„Informant“ zwar von der Verhaftung, aber wohl nichts davon wusste, dass es an der Grenze auch Menschen gab, die versuchten, sich dem Unrechtssystem auf ihre eigene Art zu entziehen. Damals wusste auch ich nichts davon. Damals, am 7. November 1973, mussten Antonio und ich den langen Weg in die DDR-Haft antreten: Er nach Rummelsburg und ich in das größte Frauenzuchthaus Hoheneck.

Nach unserer Haft haben wir geheiratet, bekamen unsren Sohn Sandro. Aber Antonio überlebte die erlittenen Strapazen nicht. Er starb 2006 an den Folgen. Und ich? Ich trage die Erinnerungen an einen wunderbaren Menschen in mir und die Schmerzen der Erinnerung an einen Abend des 7. November, als drei Leute in meine Wohnung kamen, um ein weiteres Mal Schicksale zu zerstören.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.406).

von Peter Beck-Moretti

Niedernhausen, 12./14.04.2015 – DDR, das hieß Deutsche Demokratische Republik, und es gibt zunehmend Leute, die meinen, „Klar war das eine Demokratie, kann man doch aus dem Namen erkennen…“
Und da hat der PoWi- und Geschichtslehrer dann die Aufgabe, herauszuarbeiten, dass das, was `drauf steht´, leider nicht immer drin ist…
Was lag also näher, als das von der Hessischen Staatskanzlei zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung aufgelegte Programm zu nutzen und eine Zeitzeugin an unsere (Theißtal-)Schule in Niedernhausen zu holen.

Tatjana Sterneberg, einstige Bürgerin der DDR, hat am eigenen Leib erlebt, was es damals hieß, sich nicht an die Regeln zu halten, die SED und Staatsführung für ihre Bürger beschlossen hatten: Kontakte zu den Bürgern im Westen sollten, wenn immer möglich, verhindert werden. Doch vielfach war die gelebte Wirklichkeit eine andere.
So hatte sich ein Italiener aus West-Berlin, unglaublicherweise, in eine Berlinerin aus Ost-Berlin verliebt! Seine Liebe wurde erwidert und, natürlich, die beiden wollten heiraten und zusammenleben.

Das ‚kleine‘ Problem: DDR-Bürgern war eine Ausreise in „den Westen“ gesetzlich verboten. Und der offizielle Ausreise-Antrag, den Tatjana stellte, wurde abgelehnt, wie der von so vielen anderen. Was sie nicht wusste: Von diesem Moment an wurde sie unbemerkt vom Geheimdienst der DDR, der Stasi beobachtet. 11 IMs (IM = Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi) wurden auf das verliebte Paar angesetzt, ein operativer Vorgang (OPV) unter dem Code „Hänsel und Gretel“ angelegt. In ihrer Not nahmen die beiden Verliebten Kontakt zu professionellen Fluchthelfern auf. Kurz vor der geplanten Flucht in einem Diplomatenfahrzeug über den Ausländerübergang Checkpoint Charlie wurde Sterneberg von der Stasi verhaftet. Ihr Verlobter wurde nahezu zeitgleich bei der Einreise festgenommen. Das Urteil, ein halbes Jahr später, war hart: 4 ½ Jahre für sie, 6 Jahre für ihn! Dieses wurde zwar später noch in 3 Jahre, 8 Monate bzw. 5 Jahre geändert. Doch wofür? Sie wollte doch lediglich den Mann, den sie liebte heiraten und mit ihm in West-Berlin leben!

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 - Foto. LyrAg

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 – Foto. LyrAg

Als Frau Sterneberg dann von den Haftbedingungen besonders für politische Häftlinge, ein Jahr in Untersuchungshaft, zwei Jahre im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck, berichtete – waren viele Schüler ungläubig und entsetzt. Schließlich ist das Alles kaum 40 Jahre her und passierte mitten in Deutschland:

Harte Arbeit für einen Hungerlohn (die erstellten Produkte landeten dann z.T. im Westen im Angebot von Ikea, Neckermann, Quelle u.a. ), miserable Verpflegung, psychische Folter, strenger Arrest für gezeigten Widerstand und heimliche Verabreichung von Psycho-Pharmaka. Letztere führten zu schweren gesundheitlichen Problemen, das Paar wurde vorzeitig arbeitsunfähig…
Dass es nach über 3 Jahren doch noch zu einem vorläufigen Happyend kam – sie wurde von der Regierung der Bundesrepublik für 40 000 Mark freigekauft, ihr Verlobter war schon ein halbes Jahr vorher entlassen worden – kann diese Ereignisse nicht mehr ungeschehen machen.

Eine Buchauswahl über politische Haft  in der DDR ergänzte den Vortrag - Foto: LyrAg

Eine Buchauswahl über politische Haft in der DDR ergänzte den Vortrag – Foto: LyrAg

Auf Nachfrage erfuhren die Schüler und Schülerinnen außerdem, dass Antonio, ihr Mann, bereits im Jahre 2006 an den Spätfolgen seiner Stasi-Haft verstorben ist. Nie hatte er über seine Haft in Rummelsburg sprechen können! Erst nach seinem Tod erfuhr Tatjana aus den Stasi-Akten, dass Mithäftlinge Antonio u.a. zusammengeschlagen hatten, weil die Stasi das Gerücht gestreut hatte, er sei ein Stasi-Spitzel!

Natürlich wurde das Ganze im PoWi bzw. Geschichtsunterricht vor- (und nach)bereitet, auch wenn die DDR teilweise noch gar nicht offiziell auf dem Lehrplan stand.
Für alle von mir befragten Schüler – im ersten Durchgang einige 7. Klassen (G, H und R) und in einem zweiten Durchgang Teile der Klassen 9 + 10 – war es jedenfalls ein eindrückliches und darum unvergessliches Erlebnis, von einer Zeitzeugin Geschichte aus erster Hand zu erfahren. Was sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Schüler jeweils über eine Stunde konzentriert zuhörten!

Vielen Dank nochmals an Frau Sterneberg! Es wird nach dieser positiven Erfahrung sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Zeitzeugen an unsere Schule holen! (969)

Siehe auch: http://www.theisstalschule.de/category/allgemein/

V.i.S.d.P.: Peter Beck-Moretti – Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

München, 30.07.2013/cw – Der Bayerische Rundfunk strahlte heute im Rahmen seiner Sendereihe „Notizbuch“ im zweiten  Hörfunkprogramm ein  Gespräch mit der ehemaligen  Ostberlinerin Tatjana Sterneberg aus.

Die ehemalige Insassin des DDR-Frauenzuchthauses (1973 – 1976) hatte den aus Neapel stammenden Italiener bei dessen Besuch im  Ostteil der geteilten Stadt kennengelernt. Antonio hatte sich sofort in Tatjana verliebt. Nach einem Jahr waren die junge  Leute sich einig: Man wollte heiraten, im Westen eine Zukunft aufbauen.

Nach der Antragstellung auf Ausreise schaltete sich die Stasi ein. Zeitweise waren elf IM der Stasi auf das verliebte Paar angesetzt, unter diesen ein  Kollege, dem Tatjana vertraute und der schließlich die entscheidenden Hinweise gab. Die junge Hotelfachfrau wurde am Abend des 7. November 1973 in ihrer Wohnung verhaftet. Antonio wurde am Checkpoint durch einen menschlichen Vopo gewarnt: „Reisen Sie heute nicht ein!“ Er konnte diesen Hinweis nicht deuten, wurde festgenommen.

Nach einer sechsmonatigen Tortur in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Pankow schließlich das Urteil: Antonio erhielt sechs Jahre, Tatjana viereinhalb Jahre Haft. Gegen den Rat von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel legte Tatjana Berufung ein; die Strafe wurde leicht reduziert: viereinhalb Jahre und drei Jahre, acht Monate. Tatjana kam nach Hoheneck, Antonio nach Rummelsburg.

In dem sensiblen und eindrücklichen Beitrag der BR-Journalistin Gabriele Knetsch werden die verschiedenen Stationen des Liebespaares nachgezeichnet, Haft, Entlassung, Heirat, Geburt des Sohnes Sandro. Das Glück währte nur kurz. Die schreckliche Vergangenheit holte beide immer wieder ein, führte zur Trennung. Antonio verweigerte sich jedem Gespräch. Verdrängung bis zu seinem qualvollen Tod im  Jahre 2006 nach schwerer Krankheit infolge der erlittenen Haft.

Tatjana Sternebergs Credo heute: „Wer, wenn nicht wir können über Erfahrungen in der DDR und deren  Gefängnisse berichten – gegen Verklärung und Vergessen.“

Bayrischer Rundfunk / eingestellt hier:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/republikflucht-liebe-ddr-100.html

oder:

http://cdn-storage.br.de/mir-live/MUJIuUOVBwQIb71S/iw11MXTPbXPS/_2rc_H1S/_-0S/_2Nc5yFf/130730_1005_Notizbuch_Republikflucht-fuer-die-Liebe—Die-Geschic.mp3

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Berlin, Tel.: 030-30207778

Wichtiger Sendehinweis: 

Heute, 30.07.2013, 21:00 Uhr: FRONTAL 21 im ZDF

Wiederaufnahme im  Fall Gustl Mollath abgelehnt!

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1951722/Vorschau-Frontal21-am-30.-Juli-2013#/beitrag/video/1951722/Vorschau-Frontal21-am-30.-Juli-2013

Trügerische Idylle: Vor dem Haupteingang zum Bezirkskrankenhaus in  Bayreuth am vergangenen Wochenende. Für Gustl Mollath erneuit ein  Wochende zu viel... - Foto: LyrAg

Selbst der Himmel weint: Trügerische Idylle vor dem Haupteingang zum Bezirkskrankenhaus in Bayreuth am vergangenen Wochenende. Für Gustl Mollath erneut ein Wochende zu viel in der Psychiatrie… (Ein Bericht über die Demo in  Nürnberg folgt.) – Foto: LyrAg

 

November 2019
M D M D F S S
« Okt    
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930  

Blog Stats

  • 662.049 hits

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 116 Followern an