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Berlin, 31.07.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (3 – Teil 2 siehe 30.07.2019).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

In den Abendstunden des 9.Dezember 1961 ereignete sich an der Grenze zur DDR in Staaken ein besonders grausamer Mord, als der gerade zwanzigjährige Student Dieter Wohlfahrt (* 05.1941 † 09.12.1961) in eine Falle gelockt und durch DDR-Grenzer erschossen wurde. Der Fluchthelfer wollte ein „letztes Mal Menschen bei ihrer Flucht helfen“, so an dem Abend zu seiner Tante Annemarie Klein, bei der er wohnte. Diesmal sollte die Mutter einer jugendlichen Bekannten durch den Stacheldraht in den Westen geholt werden. Was Wohlfahrt nicht wußte: Die „Mutter“ war ein Spitzel, also Mittel zum Zweck, um den engagierten Studenten in eine Falle zu locken.

Wohlfahrt wuchs bei seiner Mutter in der DDR auf. Durch den Vater besaß er die österreichische Staatsbürgerschaft und konnte so auch nach dem Bau der Mauer jederzeit die Grenze passieren. Als die Mauer gebaut wurde, lebte er bereits bei der Schwester seiner Mutter, Annemarie Klein, die als Oberstudienrätin in West-Berlin wohnte, um ab 1961 an der TU Chemie studieren zu können.

Er fühlte sich einfach der Menschlichkeit verpflichtet: Fluchthelfer Dieter Wohlfahrt – Foto: Archiv LyrAg

An jenem schwarzen Sonntag, dem 13. August 1961, urlaubte der Student mit einem Freund in Spanien. Für ihn stand der Abbruch der Urlaubsidylle ohne Wenn und Aber fest, als er über die Medien vom Bau der Mauer erfuhr. Wohlfahrt stieg sofort in die aktive Fluchthilfe ein, zunächst über die Kanalisation. Als dies durch zusätzliche Maßnahmen der DDR unmöglich wurde, schnitt er an geeigneten Orten der Zonengrenze, also am Rand von Berlin, den dortige Stacheldraht auf, um Menschen in die Freiheit zu verhelfen.

Am Abend des 9. Dezember versprach er seiner besorgten Tante, er würde bald wieder zurück sein und es wäre seine letzte Aktion. In Staaken in der Bergstraße angekommen, war die Situation am Fluchtpunkt vergleichsweise übersichtlich. Eine Nylonschnur markierte den tatsächlichen im Rechteck verlaufenen Grenzverlauf, während der Stacheldraht aus wahrscheinlich rationellen Gründen einige Meter dahinter in schräger Linie zur tatsächliche Grenze gezogen worden war.

Nachdem der mutige Student ein vereinbartes Zeichen wahrgenommen hatte, robbte er sich unter der Nylonschnur an den Stacheldraht heran, um diesen aufzuschneiden.  Im Hinterhalt liegende Grenzposten eröffneten das Feuer. Wohlfahrt brach zusammen und blieb am Stacheldraht liegen. Aber er lebte.

Kurze Zeit später fuhr die alarmierte Britische Militär-Polizei, begleitet von Westberliner Polizisten, am Tatort auf. Aber statt Erste Hilfe zu leisten, was die Briten aufgrund alliierter Vereinbarungen ohne weiteres hätten tun können, bauten diese Scheinwerfer auf, um die Szenerie auszuleuchten. So sahen sie im Schweinwerferkegel zu, wie der Zwanzigjährige in der folgenden Stunde verblutete. Erst nachdem die DDR-Grenzposten kein Eingreifen der Briten bemerken konnten, zogen sie den inzwischen verbluteten Fluchthelfer  durch den Stacheldraht auf DDR-Gebiet.

Der Mord an der Mauer

Der weltbekannte Publizist Sebastian Haffner nahm das Sterben dieses jungen Menschen zum Anlass, über diesen „schrecklichen Mord“ in „CHRIST UND WELT“ die dramatischste Anklage zu schreiben, die je zu diesem Thema geschrieben wurde („Der Mord an der Mauer“, 15.12.1961). Haffner beschrieb die kaltherzige Untätigkeit der angerückten britischen MP, die sich einzig darauf kapriziert hatte, die Szenerie des sterbenden Fluchthelfers mit aufgestellten Scheinwerfern auszuleuchten: „Sie haben ihn verrecken lassen.“

Ein schlichtes Kreuz erinnert in der Bergstraße in Staaken an den Tod des einstigen TU-Studenten und selbstlosen Fluchthelfer – Foto: LyrAg

Wohlfahrts Tod war besonders tragisch, weil im Gegensatz zu dem am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie erschossenen Peter Fechter dort in Staaken keine Mauer eine unüberwindlich erscheinende Barriere darstellte. Nur eine Nylonschnur war zwischen den möglichen Helfern und dem verblutenden Dieter Wohlfahrt gespannt. Bis heute wird diesem bis dahin beispiellosen und rüden Mord an einem ausschließlich humanistisch denkenden jungen Menschen und seinem offenbar sinnlosen, weil durch Hilfeverweigerung verursachten Sterben die Aufmerksamkeit verwehrt, die zu Recht bis heute Peter Fechter gewidmet wurde und wird.

Dieter Wohlfahrt war der erste Peter Fechter. Dass seinem dramatischen Tod im Vergleich zu dem des Peter Fechter damals nicht die Aufmerksamkeit zukam, war dem Umstand zu verdanken, das seine Mutter und seine Schwester noch in der DDR lebten. Der österreichische Konsul in Berlin hatte die Medien daher dringend gebeten, sich in der Berichterstattung zurückzuhalten, um die Angehörigen zu schützen.

Damals 17jährig erinnere ich mich noch heute lebhaft an dieses brutale und schockierende Ereignis. Von 1962 bis zu meiner Verhaftung durch DDR-Grenzposten 1965 organisierte ich am vor Ort errichteten Holzkreuz zum jeweiligen Todestag ein Gedenken an den „durch nichts entschuldbaren Mord“, wie es Sebastian Haffner in seinem anklagenden Artikel treffend formuliert hatte. Wir hielten in den dunklen Abendstunden unweit des Stacheldrahtes mit Fackeln jeweils für mehrere Stunden eine Mahnwache.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.445)

Berlin, 02.12.2011/cw – Er starb in den Abendstunden des 9. Dezember 1961 nach 19:00 Uhr an der Zonengrenze im Spandauer Ortsteil Staaken: Der 20jährige österreichische Staatsbürger und TU-Student Dieter Wohlfahrt. Die Vereinigung 17. Juni in Berlin erinnert am 9. Dezember 2011 um 15:00 Uhr mit einer Kranzniederlegung am Gedenkkreuz für den „auf Befehl der Stasi ermordeten Fluchthelfer“, wie es in einer heute verbreiteten Mitteilung des Vereins heißt.

Dieter Wohlfahrt *27.05.1941 - † 09.12.1961

Nach den Worten des Vereinsvorsitzenden war Wohlfahrt „der erste Peter Fechter nach dem Mauerbau vom 13. August 1961“. Sein Tod sei besonders tragisch, weil im  Gegensatz zu dem am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie erschossenen Peter Fechter „keine Mauer stand sondern nur eine Nylonschnur zwischen  den möglichen Helfern und dem verblutenden Dieter Wohlfahrt gespannt war“. Die nach den Schüssen alarmierte britische MP habe keine Erste Hilfe geleistet und sich nur darauf kapriziert, den Sterbenden mit Scheinwerfern zu beleuchten, bis DDR-Grenzer den inzwischen offenbar Toten nach zwei Stunden durch den von Osten schließlich durchschnittenen Stacheldraht gen Osten gezogen hätten. Ausschließlich die Appelle des damals verantwortlichen österreichischen Diplomaten an die Medien, den „Vorfall mit Rücksicht auf die in Ost-Berlin lebende Mutter und seine Schwester nicht hochzuspielen“ hätten bis heute verhindert, „dass diesem beispiellosen und rüden Mord an einem ausschließlich humanistisch denkenden jungen  Menschen die Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die später bis heute Peter Fechter mit Recht gewidmet wurde“, so der Verein.

Wohlfahrt war mit seinem Freund Karl Heinz Albert offenbar durch eine Stasi-Intrige in einen vorbereiteten Hinterhalt gelockt worden. So geht es jedenfalls aus aufgefundenen und dato geheim gehaltenen Stasi-Unterlagen hervor. Während sich Albert nach dem Beschuss unverletzt in den Westen zurückziehen konnte, wurde sein Freund tödlich getroffen. Studentenvertreter der TU drückten ihre Fassungslosigkeit in wütenden Briefen an die westlichen Stadtkommandanten, den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und seinen Innensenator aus: „Angesichts der Unmenschlichkeit, den Angeschossenen zwei Stunden ohne jede Hilfe liegenzulassen, ist es uns unverständlich, daß weder unsere Polizei noch die britische Schutzmacht einen Weg fand, dem Verletzten zu helfen.“ Und: „ Durch die Zurückhaltung auf unserer Seite werden die östlichen Machthaber weiter ermuntert, keine Rücksicht auf Menschenleben zu nehmen“ (siehe dazu DER TAGESSPIEGEL und DIE WELT vom  12.12.1961).

Ein Kreuz erinnert an den einstigen TU-Studenten und selbstlosen Fluchthelfer

Dieter Wohlfahrt hatte im  Spanien-Urlaub vom Bau der Mauer erfahren. Er brach ohne Zögern seinen  Urlaub ab und kehrte nach Berlin zurück. Dort schloss er sich einer studentischen Fluchthilfegruppe an (Girrmann, Thieme, Köhler u.a.). Obwohl 1941 in Berlin geboren, verdankte er seinem 1955 verstorbenen Vater die österreichische Staatsbürgerschaft. So konnte er als Osterreicher die Grenze auch nach dem 13. August 1961 ohne Hindernisse passieren, ein für die Vorbereitung von zahlreichen Fluchten unverzichtbarer Vorteil.

Dieter Wohlfahrt wohnte wegen seines Studiums in West-Berlin bei der Schwester seiner Mutter, der Studienrätin Annemarie Klein. Seiner Tante waren die gefährlichen Aktivitäten  ihres Neffen nicht verborgen geblieben. So ahnte sie am Abend des 9. Dezember die Gefahr, als sie Dieter inständig bat, zuhause zu bleiben. Wohlfahrt versprach ihr, nur noch „dieses eine Mal“ zu helfen. Es sei alles erkundet und völlig ungefährlich. Als die Polizei gegen Mitternacht bei Annemarie Klein vor der Wohnungstür stand, erfuhr die geschockte Frau vom letzten humanitären Einsatz des Neffen, den die kinderlose Frau wie einen eigenen Sohn geliebt und betreut hatte.

Auch der damals 17jährige Carl-Wolfgang Holzapfel war von diesem „brutalen Ereignis“ geschockt. Von 1962 bis zu seiner Verhaftung durch DDR-Grenzposten 1965 organisierte der heutige Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni am errichteten Holzkreuz zum Todestag „mit wenigen Freunden“ ein Gedenken an den brutalen „durch nichts entschuldbaren Mord“, wie es Sebastian Haffner in seinem anklagenden Artikel in der Zeitschrift CHRIST und WELT am 15.12.1961 treffend formulierte. In Erinnerung an dieses ihn tief berührende Geschehen vor fünfzig Jahren hat Holzapfel namens seines Vereins Freunde und namhafte Politiker eingeladen, dieses „damals jungen Studenten, der heute ohne diesen Mord 70 Jahre alt wäre“ zu gedenken. „Angesichts der in diesen Tagen bekannt gewordenen brutalen Terror-Morde durch Rechtsextremisten brauchen wir mehr denn je wieder Vorbilder wie Dieter Wohlfahrt, die jungen  Menschen den unbedingten Einsatz für humanitär begründete Anliegen nahe bringen und Werte vermitteln, die keiner extremistischen  Varianten bedürfen.“

Dramatische Stunden - auf einer Stele dokumentiert

Gedenkstunde mit Kranzniederlegung:

9. Dezember 2011, 15:00 Uhr. Ort: Holzkreuz Bergstraße / Ecke Hauptstraße in Staaken. Verkehrsverbindung: S-Bahn S 5 oder S 75 oder U 7 bis Rathaus Spandau, Bus 132 oder 331 bis Haltestelle Brunsbütteler Damm / Nennhauser Damm.

Die Veranstaltung ist unter @02.12.2011-10263479 bei der Polizei angemeldet.

Veranstalter und V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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