Berlin, 21.06.2021/cw – „Zu mehr als Pathos reicht es offensichtlich noch immer nicht. Selbst die an den Mord mahnende Stele in der Zimmerstraße ist einer privaten Initiative zu danken. 50 Jahre nach dem qualvollen Tod des jungen Arbeiters, der aus dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ vor den Kommunisten fliehen wollte, um in Freiheit leben zu können, kann sich die Stadt noch immer nicht dazu durchringen, Peter Fechter und dessen Schicksal durch ein Ehrengrab oder eine Straßenbenennung unvergessen zu machen. Jetzt ist gerade ein erneuter Vorstoß der Bezirksversammlung Pankow beim Senat gescheitert, die Grabstätte Fechters auf dem Friedhof der Wiederauferstehungsgemeinde in Berlin-Weißensee zur Ehrengrabstätte des Landes Berlin zu ernennen. In Berlin gibt es eine Rosa-Luxemburg-Straße und einen Rosa-Luxemburg-Platz, eine Karl-Liebknecht-Straße und einen Ernst-Thälmann-Park. Aber für Peter Fechter, der vor Kommunisten fliehen wollte, gibt es noch immer keine Straße. Eine Schande.

Diese Worte schrieb Jochim Stoltenberg am 29. Oktober 2012 in der BERLINER MORGENPOST, also vor fast 10 Jahren. Seither hat sich trotz verschiedener Initiativen in dieser Sache nichts bewegt. Mit dem Blick auf den 60. Jahrestag des Mauerbaus wollen wir an dieser Stelle mit einigen Beiträgen den Scheinwerfer auf diese unrühmliche Geschichte einer Stadt werfen, die ansonsten bei jeder sich bietender Gelegenheit stolz auf ihre Rolle im Kampf für die Freiheit verweist.

Dafür: Diepgen, Wowereit, Müller und andere Prominente

Immerhin haben sich drei Regierende Bürgermeister für eine Peter-Fechter-Straße ausgesprochen: Eberhard Diepgen (CDU), Klaus Wowereit (SPD) und kürzlich, am 17. Juni diesen Jahres, der amtierende Regierende  Michael Müller (SPD). Ob sie sich während ihrer Amtszeit auch nachhaltig mit ihrer Position als Regierungschef für diese Ehrung eingesetzt haben, ist im Detail nicht bekannt.

Auch andere Prominente aus Politik und Kultur haben sich zum Thema Peter-Fechter-Straße positiv geäußert. „Eine Straße nach Peter Fechter zu benennen, finde ich überfällig – am besten jene, in der er erschossen wurde!“, forderte Freya Klier im August 2012. Klier war  zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt worden, nachdem sie 1968 selbst einen erfolglosen Fluchtversuch aus der DDR gewagt hatte. Die engagierte Regisseurin und Autorin zur Peter-Fechter-Straße: „So etwas ist nachhaltiger als ein jährlich einmaliges Gedenken.“ Der Vorsitzende der Stiftung Zukunft, Volker Hassemer (CDU) unterstützte die Aktion seinerzeit ebenfalls. „Eine Straße nach Peter Fechter zu benennen, ist einer der notwendigen Schritte, um das in Erinnerung zu halten, was in einer dramatischen Phase unserem heutigen Berlin vorausging.

Berlin tut sich schwer, die Opfer der DDR-Diktatur zu ehren

Nachdenklich äußerte sich damals Klaus Schroeder (SPD), FU-Professor und Chef des Forschungsverbundes SED-Staat. Obwohl er den Gedanken einer Peter-Fechter-Straße unterstütze, sei er skeptisch, ob Berlin sich zu einem solchen Schritt durchringen könne. „Die Stadt tut sich ja bekanntlich schwer, diejenigen zu ehren, die Opfer der DDR-Diktatur waren oder aktiv gegen diese kämpften“, sagte Schroeder.

Nach Überzeugung des weltbekannten Historikers und Publizisten Michael Wolffsohn sei es „es höchste Zeit“, eine Straße nach dem Maueropfer zu benennen (2013). Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, wollte das seinerzeitige Engagement der MOPO unterstützen und  die zentrale Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Mauerbaus vor 51 Jahren dafür nutzen, „um auf den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zuzugehenund ihn um seine Unterstützung für eine Fechter-Straße zu bitten.“ Der damalige Senatssprecher Richard Meng signalisierte daraufhin  die Bereitschaft des Senats, die Initiative zu unterstützen. Geschehen ist seither nichts.

Als besonderes „Zeichen der Erinnerung“ sprach sich vor knapp zehn Jahren auch der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) dafür aus, in Berlin eine Straße nach Peter Fechter zu benennen: „Es ist überfällig, dass in Berlin eine Straße an das erschütternde Schicksal von Peter Fechter erinnert. Der Tod des jungen Bauarbeiters aus Ost-Berlin ein Jahr nach dem Mauerbau steht geradezu exemplarisch für die Unmenschlichkeit der SED-Diktatur.“

Bezirk Mitte dem Gestern mehr zugewandt?

Am Heftigsten wehrt sich bislang der Bezirk Mitte gegen eine Umbenennung der Zimmer- in Peter-Fechter-Straße. Der Bezirk hatte sich auch jahrelang gegen die historisch gerechtfertigte Namensgebung des Areals vor dem Bundesfinanzministerium nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 gewehrt. Immerhin konnte der Platz mit dem Bodendenkmal, auf dem am 16. Juni 1953 der Generalstreik ausgerufen worden war, acht Jahre nach dem Vorschlag der Vereinigung 17. Juni 2013 als „Platz des Volksaufstands von 1953“ benannt werden.

Es stellt sich die Frage, ob dieser Bezirk mit seiner Anzahl historischer Orte mehr dem Gestern der gescheiterten DDR zugewandt ist, als der Notwendigkeit, dem Gedenken an die Opfer der Mauer und des Widerstandes gegen die zweite deutsche Diktatur ein sichtbares Zeichen zu setzen.

* Vorstehender Text wurde der Seite „Redaktion Hohenecker Bote“ vom 20.06.2021 entnommen.

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