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Eilmeldung – VEREINIGUNG 17. JUNI 1953

Berlin, 17.05.2021/cw – Edith Fiedler, Architektin und Zeitzeugin des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 ist heute gegen 18:00 Uhr nach langer schwerer Krankheit im Krankenhaus verstorben. Mit ihr verliert der historische Verein nach dem Tod ihres langjährigen Geschäftführers Joachim Fritsch innerhalb von sechs Wochen ein weiteres wichtiges und langjähriges Mitglied, teilte der Vorstand am heutigen Abend mit.

Edith Fiedler, *01.09.1935 + 17.05.2021

Edith Fiedler hätte am 1. September ihr 86. Lebensjahr vollendet. Die gelernte Architektin hatte ihre berufliche Laufbahn mit 17 Jahren als Lehrling in der Stalin-Allee begonnen. Auf einem Foto aus dieser Zeit im Cafe „Sibylle“ in der heutigen Karl-Marx-Alle sieht man das junge Mädchen auf einem Baugerüst stehen, offensichtlich begeistert eine Fahne mit einer Friedenstaube schwenkend. Dann  kam der 17. Juni 1953. Edith wurde mit anderen Lehrlingen zwei Tage lang in einer Baubude eingesperrt, „interniert“, wie sie später sagte. So konnte sie den Volksaufstand nur „mit den Ohren“ erleben und der Angst, die sie und die anderen Eingesperrten um ihr Leben erfasste.

Obwohl späterhin bis zur Architektin in die weitere Bauplanung an der Stalin-Allee involviert – auf diese Tätigkeit war sie auch später immer stolz -, hatte der 17. Juni seine Spuren bei der jungen Frau hinterlassen. Sie begann seither, die gewohnte Polit-Propaganda des Arbeiter- und Bauernstaates kritisch zu hinterfragen. Sie hatte, wie sie es später in ihrer stets direkten Sprache ausdrückte, in diesen Juni-Tagen „ihre Unschuld verloren.“

Schließlich wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf die geistfreie Frau aufmerksam und legte bereits 1961 eine „Zersetzungsakte“ zu Edith Fiedler (31) an, wie sie später – nach der Wiedervereinigung – durch die möglich gewordene Akteneinsicht erfuhr. 1975 wurde sie schließlich verhaftet und 1976 zu mehreren Jahren Haft im berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge verurteilt.

Erst Ende 1977 wurde sie freigekauft und, wie sie es ausdrückte, „aus der Haft in den Westen abgeschoben.“  Mit ihrem damals 10-jährigem Sohn Daniel wurde Edith erst im Mai 1978 „wiedervereint.“ Wie sie später aus den MfS-Akten erfuhr, wurde die junge nun ehemalige Hoheneckerin bei der Übergabe Daniels in der Halle des Bahnhofs Zoo auch an neue „informelle Mitarbeiter“ (IM’s) der Stasi übergeben. „Die Zersetzung >vierter Teil< begann, wie sie später berichtete. Aber damals wußte sie von diesen Dinge noch nichts.

Seit vielen Jahren Ehrengast auf der Gedenkfeier zum 17. Juni: Edith Fiedler im Gespräch mit dem Rgeierenden Bürgermeister Michael Müller
(vorn re.). Davor Günther Dilling, Aufstandsteilnehmer, und seine Frau – Foto: Lyrag-Press

Edith versuchte, in der für sie neuen Umgebung einen beruflichen Neuanfang. Daneben war es für sie selbstverständlich, sich für ehemalige Strafgefangene einzusetzen. Allerdings machte sie dabei auch bittere Erfahrungen. Ziemlich schnell erfuhr sie eine nicht zu verstehende mangelnde Unterstützung in  diversen sogen. Opferverbänden in ihrer engagierten Arbeit, so zum Beispiel für ihre ehemalige Haftkameradin Gisela M. Erst später – nach dem Fall der Mauer – erfuhr sie von den zahlreiche Spitzeln und IMs, die in  die Verbände eingeschleust worden waren, um deren Arbeit auszuspionieren und zu zersetzen. Auf Anraten „kompetenter Stellen“ zog sich Edith Fiedler Mitte der 80iger Jahre von allen Verbänden und ihrer bisherigen Sozialarbeit zurück. Später bezeichnete sie dies als „ihre Rettung.“ Denn zu dieser Zeit – was sie erst rund zehn Jahre später erfuhr – war schon wieder ein „Operativen Vorgang“  gegen sie in Gang gesetzt worden. Aus den Akten ging hervor, dass Edith der „Spionage im schweren Fall“ überführt werden sollte.

So war es eigentlich nicht verwunderlich, dass sie erst fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung den Weg in die Vereinigung 17. Juni fand. Nach einem Zwischenspiel im Frauenkreis der ehem. Hoheneckerinnen fühlte sie sich zuletzt in der Vereinigung ausgesprochen wohl. Die dort gepflegte Kameradschaft und die Pflege des Andenkens an den Volksaufstand beeindruckte Edith tief. Seither besuchte sie trotz aufkommender gesundheitlicher Beeinträchtigungen regelmäßig die Gedenkveranstaltungen auf dem Friedhof Seestraße und anderen Gedenkorten, wie in der ehemaligen Stalin-Allee oder in Strausberg.

Im letzten Jahr begleitete Edith trotz eigener schwerer Beeinträchtigungen ihren schwer erkrankten Sohn Daniel, der sogar für längere Zeit im Koma lag. Sie durfte seine Genesung und Heimkehr in das kleine bewohnte Haus in  Treptow noch erleben, ehe sie kurz darauf – im Juli 2020 – selbst schwer erkrankte.

Trotz der oft schwer zu verstehenden Einschränkungen durch CORONA gelang es dem hartnäckig um sein Rechte kämpfenden Vorstand des Vereins, Edith im Dezember sogar auf einer CORONA-Station eines Krankenhauses zu besuchen. Spätere Versuche, die in ein Altenheim verlegte Kameradin zu besuchen, scheiterten im  März diesen Jahres an der Hartnäckigkeit des dort eingesetzten Pförtner-Personals. So konnte Edith keinen „begleitenden Besuch“ mehr durch ihre Kameraden erfahren. Ein weiteres Opfer einer auch hier kalt wirkenden administrativen Bestimmungslage, die selbst eine Begleitung im Sterben liegender Menschen ausschließt, stellte der Vereinsvorstand in seine  Nachruf fest.

Edith Fiedler wird ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof Seestraße an der Seite ihrer einstigen Kameraden vom Volksaufstand des 17. Juni 1953 finden.

Die Beisetzung der Urne findet im Anschluss an den Staatsakt am 17. Juni 2021, ab 12:00 Uhr statt.

V.i.S.d.P.: Vorstand VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V., Berlin (1.642).

Berlin, 07.05.2021/cw – Seine letzte Gefährtin Christa, sein Neffe Thomas, weitere Familienmitglieder und Freunde sowie der Vorstand der Vereinigung 17. Juni 1953 geleiteten die sterblichen Überreste des Zeitzeugen Joachim Fritsch zu seiner letzten Ruhe an der Seite seiner 2014 verstorbenen Frau Uschi auf dem Evangelischen Friedhof Alt-Friedrichsfelde. Wir zitieren aus der bewegenden Trauerrede des Vereins-Vorsitzenden. Der Verstorbene war viele Jahre Geschäftsführer des Vereins.

Abschied von Joachim Fritsch

>Sie  hat ihre letzte große  Reise  angetreten. Nach  über  58  Jahren gemeinsamer Ehe,  dem  Tragen und  Ertragen   schwerer  Zeiten,  die oft durch  den  Verlauf  der  deutschen   Geschichte  bestimmt waren,  trifft mich dieser Abschied  besonders schmerzlich.<

Einfacher, schnörkelloser, hätte man diesen Schmerz um den Verlust eines Menschen, seiner geliebten Uschi, die ihm wahrhaftig ein Leben lang zur Seite gestanden hatte, nicht ausdrücken können, wie er es in der Traueranzeige formuliert hatte. So war Joachim, von dem wir heute Abschied nehmen, im Ursprung und Leben seines Seins: Einfach, gradlinig, schnörkellos.

Joachim konnte sich durch feierliche, große Worte zwar beeindrucken, manchmal sogar begeistern lassen. Aber schnell fand er zu den Grundfragen zurück: War das nicht übertrieben? Waren die Worte nicht ein wenig zu viel, um ehrlich zu sein?

Alles andere als ein Philosoph hatte Joachim sich ein  untrügliches Gefühl für Offenheit und Ehrlichkeit bewahrt, konnte Phrasen, Unehrlichkeit, ja Lügen nicht vertragen. Einmal erkannt oder durchschaut, konnte er sehr lebhaft, ja zornig werden. Dieser wägende, dieser auch suchende Prozess nach Grundlinien, die auch sein  Leben beinhalten und bestimmen sollten, machten seinen Charakter aus.

Joachim war stolz, Zeitzeuge eines großartigen geschichtlichen Vorgangs, wie den Aufstand vom 17. Juni 1953, geworden zu sein. Aber er war auch stets bescheiden genug, die führende Rolle anderer Persönlichkeiten neidlos anzuerkennen. Er wollte nie mehr sein, als er tatsächlich war:

Ein Arbeiter, der durch unglückliche Umstände in die Verhaftungsmaschinerie der kommunistische Diktatur geriet, in den relativ kurzen Tagen – die ihm  seinerzeit endlos erschienen – sogar gefoltert und mit dem Tod bedroht worden war. Obwohl „nur ein kleines Rädchen in einem großen Spiel“, wie er es selbst einmal ausdrückte, wandelte sich dieser „historische Zufall“ in eine Bewusstseinswerdung gegenüber einem System, das sich mehr in täglichen Lügen  erging, als der Wahrheit in das traurige politische Antlitz zu sehen. Eigentlich wurde Joachim erst durch diese prägenden Erlebnisse zum eigentlichen Widerstandskämpfer. In den sechziger Jahren erfolgte dann  tatsächlich seine erneute Verhaftung und eine Verurteilung, die ihm noch nach dem Volksaufstand erspart geblieben war. In dieser Zeit, so hat er es mir einmal glaubhaft dargestellt, wurde er erst zum wirklichen „17.Juni-Mann“, zum Oppositionellen, der als Arbeiter diesem erklärten Arbeiter- und Bauernstaat die Gefolgschaft verweigerte.

Der Barde Detlef Jablonski, einst selbst politischer Häftling, spielte zum Abschied

Noch im  Januar überraschte er uns durch eine großzügige Spende in Höhe von 500 Euro für die von der Vereinigung beabsichtigte Erneuerung der sogen. Mauerkreuze am Reichstag. Wir wollen mit dieser Aktion den Opfern ein Gesicht geben, den bisherigen bloßen Namen ein  Portrait-Foto und eine kurze Biografie hinzufügen. Alle Spender ab 500 Euro wollen wir überdies eine  Patenschaft über ein  Kreuz ausweisen. Für Joachim haben wir das Kreuz „17. Juni 1953“ ausgewählt. So wird an dieser Stelle auch sein Name sichtbar bleiben.

Joachim wäre nach seiner Haftentlassung liebend gerne in den Westen übergesiedelt. Allein die erreichte gute Stellung seiner Frau, ihre flehentliche Bitte, das alles nicht für eine ungewisse Zukunft aufzugeben, ließ ihn von diesen Ausreisewünschen Abstand nehmen. Uschi aufgeben für eine  ungewisse Zukunft? Was für eine Frage, höre ich ihn  sagen.

Die endliche Begegnung mit Christa, seiner letzten Gefährtin, erlaubte ihm schließlich die Versöhnung mit sich selbst, mit seiner inneren Unruhe, mit dem Schmerz um Uschis “Abreise ohne ihn“. Sie gab ihm  in den letzten drei Jahren seines Lebens einen neuen Halt. Nach so vielen Jahren schmerzgewohnter Umtriebe fand er wieder zu Begriffen wie „Glück“ und „Zufriedenheit“.

Dann kam die unselige CORONA-Pandemie. Die Absicht, uns wieder regelmäßig zum Gedanken-Austausch zu treffen, vercoronerte in immer unübersichtlicher werdenden Auflagen. Einmal noch, Anfang Dezember letzten Jahres trafen wir uns – wie wir jetzt wissen ein letztes Mal – in einem neu eröffneten Lokal von Aserbaidschanern, hier ganz in der Nähe. Es war ein unvergesslicher Nachmittag mit Joachim und Christa.

Angesichts der erneuten CORONA-Restriktionen sandte er mir seine persönlichen Aufzeichnungen drei Tage vor Weihnachten zu: Eigentlich wollte er diese persönlich übergeben, wie er begleitend schrieb. Ahnte er seinen baldigen Abschied von dieser Welt? Im Nachhinein berühren seine letzten Zeilen sehr.

Neben seiner 2014 verstorbenen Uschi wurde Joachim Fritsch beigesetzt

Auf der anderen Seite verliefen noch folgenden Telefonate bis kurz vor seinem für uns plötzlichen Tod in gewohnter Lebhaftigkeit. Seine Stimme war wie immer fest und klar im unnachahmlichen Berliner Jargon. Sobald CORONA vorbei sei, Joachim sagte „überstanden“, würden wir uns wieder zum vertrauten Kaffeeplausch treffen. Es sollte nicht mehr sein.

Als sei Neffe Thomas uns Anfang April anrief, um uns den Tod seines Onkels zu übermitteln, konnten wir das zunächst nicht glauben. Zu lebendig, zu frisch klang noch das letzte telefonische Gespräch mit ihm Anfang März in unseren Ohren.

War Joachim ebenfalls ein Opfer von CORONA? Jedenfalls starb er überraschend schnell, nur wenige Tage nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Er soll „positiv“ getestet worden sein, auch seine Christa. Anders als er überstand sie CORONA ohne wesentliche Schäden, während Joachim sich auf die Reise zu seiner Uschi machte. Er soll

Auch hier konsequent seinen Überzeugungen folgend soll er alle lebensverlängernden Maßnahmen abgelehnt haben. Hier darf ich – auf Joachim bezogen – die an Krebs erkrankte Journalistin Laila Mirzo zitieren: „Das Schlimmste ist der Kontrollverlust.“ Sie habe „heute mehr denn je Angst davor, auf die Gunst anderer angewiesen zu sein.“ Wer wollte also hier richten oder gar den Stab über Joachim  brechen?

Schlimm, jawohl anklagend empfinde ich das staatlich verordnete „Allein-Lassen“ in diesem Sterbeprozess. Obwohl seine Lebensgefährtin Christa im  selben Krankenhaus unter der Diagnose CORONA lag, durfte sie den Sterbenden nicht besuchen, mußte Joachim seinen letzten Weg alleine, ohne Begleitung ihm lieber Menschen  gehen.

Wir hören jeden Tag anklagende Berichte über den hundertfachen Tod von Menschen. Aber wir vernehmen keine  oder zumindest kaum  einen Laut über diese verordnete bittere Einsamkeit von Sterbenden. Das ist unverzeihlich, das rächt sich eines Tages – wie auch immer – bitter. Joachim hätte nur sarkastisch zu mir gesagt: „Wundert Dich das? Die können doch gar nicht anders. Wenn die“ – er meinte die Politiker – „Gefühle hätten, würde einiges in diesem Land anders verlaufen.“

Ein Journalist schrieb zu diesem Themenkreis kürzlich: „Wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod.“ Wir müssten wieder lernen, dass es viele Möglichkeiten gibt, „sterbenskranken Menschen beizustehen, sie zu trösten, ihnen zu helfen.“

Auch diese Worte könnten von Joachim, den wir heute auf seinem letzten Gang begleiten, gesprochen worden sein: „Wenn Gott mich jetzt ruft, werde ich nicht betteln.“

Joachim, lieber Freund: Ruhe sanft.“

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. / Redaktion Hoheneck – Berlin (1.640).

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