Joachim Fritsch, Zeuge des Volksaufstandes von 1953, ist tot

Ein Nachruf von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Berlin, 07.April 2021/cw – „Eigentlich wollte ich Dir das alles persönlich übergeben, aber ich möchte, dass Du es noch vor Weihnachten erhältst.“ Mit diesen Begleitworten übersandte Joachim Fritsch drei Tage vor dem letzten Weihnachtsfest persönliche Unterlagen zu seine Erlebnissen am und um den  17. Juni 1953 an mich.

Man könnte meinen, Joachim hätte seinen  Abgang aus dieser Welt erahnt. Dem war aber nicht so. Noch drei Woche  vor seinem Tod hatten wir wieder einmal eines der lebhaften Telefonate geführt, uns über Gott und die Welt – natürlich auch über die aktuelle politische Lage – ausgetauscht. Nichts deutete auf einen baldigen Abschied hin, seine Stimme war wie immer fest und klar im unnachahmlichen Berliner Jargon. Sobald CORONA vorbei – er sagte „überstanden“ – sei, würden wir uns wieder zum vertrauten Kaffeeplausch treffen. Die letzten Male trafen wir uns statt mit seiner 2014 verstorbenen Frau Uschi mit seiner jetzigen äußerst liebenswerten Lebensgefährtin Christa. Ein weiterer Treff sollte nicht mehr sein, und so bleibt das letzte persönliche Treffen in einem guten aserbaidschanischen Lokal in Lichtenberg im Dezember letzten Jahres in lebhafter Erinnerung.

Joachim Fritsch, am 22.November 1936 in Berlin geboren, erlebte wie viele seiner Generation bereits im Kindesalter die Schrecklichkeiten des Krieges. Letztlich blieb auch eine normale schulische Bildung unter diesen Umständen auf der Strecke. So strebte der junge Joachim nach dem Besuch der Grundschule (1943 – 1950) zunächst eine Bäckerlehre an, die er vorzeitig aus gesundheitliche Gründe 1952 abbrechen mußte. Von 1952 – 1958 war er in verschiedenen Firmen als „Arbeiter“ beschäftigt.

Am 17. Juni 1953, als Volksaufstand in die Geschichtsbücher eingegangen, wurde der 17jährige von  der Straße weg verhaftet, obwohl er, wie er später berichtete, kein aktiv Beteiligter sondern eher als „Zuschauer“ die aufregenden Ereignisse am Straßenrand verfolgt hatte. Aber er konnte sich nicht ausweisen. Es folgten 14 Tage Haft, die der junge Mensch sein Leben lang nicht mehr vergessen konnte.

Bundespräsident Joachim Gauck, (verdeckt Klaus Wowereit), Bundeskanzlerin Angela Merkel, Joachim Fritsch u. der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle (v.l.n.r.) auf dem Staatsakt zum 60. Jahrestag

„In der Untersuchungshaft in der Keibelstraße wurde ich geschlagen, mit Füßen  getreten und mit Tötungsdrohungen  konfrontiert,“ berichtete er im November 2000 im Schloß Bellevue dem Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD).

Diese Erfahrungen, weniger das Geschehen am 17. Juni selbst, so sagte Joachim später, haben ihn geprägt, in eine dauerhafte kritische Einstellung zur DDR gebracht. „Der SED-Sozialismus war seither für mich gestorben.“ Die Bundesrepublik „mit ihrer demokratisch und freiheitlich verfassten Grundordnung“ war hinfort für ihn die Alternative.

1956 heiratete er seine Uschi, mit der er zeitlebens glücklich war. Letztlich hinderte ihn  diese Verbindung auch daran, in den Westen zu fliehen. Uschi hatte eine gut dotierte Stellung und hinderte oftmals ihren Mann durch ihre ruhige Umgangsart, unbedacht zu agieren.

Dennoch vertrat Joachim Fritsch zunehmend offen eine kritische Haltung und geriet damit in das Blickfeld der Stasi (MfS), die ihn  seit Oktober 1963 observierte. 1965 wurde der nunmehr 29jährige wegen „staatsfeindlicher Hetze und staatsgefährdender Verleumdung der DDR“ erneut in Untersuchungshaft genommen. Im September folgte die Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis, aus dem er nach neun Monaten mit zweijähriger Bewährungsfrist entlassen wurde. Weil er in seinem alten Betrieb nicht mehr arbeiten durfte, verlor er die vor der Inhaftierung bereits zugesagte Qualifizierung zum „Meister für Energie“.

Joachim Fritsch im Austausch mit der Bundeskanzlerin nach dem Staatsakt (2013) – Fotos: LyrAg-Press

Aus den 430 Seiten seiner nach dem Mauerfall zugänglichen Stasi-Akte ging hervor, daß er bis zum Ende der DDR von der Stasi beobachtet wurde. So wurde ihm klar, warum seine Bemühungen um einen Facharbeiterabschluss erfolglos geblieben waren.

Eine Rehabilitierung im Sinne einer Entschädigung für eine aus politischen Gründen verhinderte Ausbildung blieb ihm  verwehrt, da er mit elf Monaten Haft die damals gezogene Mindestgrenze von zwölf Monaten knapp verfehlte.

Nach dem Mauerfall engagierte sich Joachim mit Überzeugung bei der örtlichen CDU, sah er in dieser Partei doch die Kraft, der die schnelle Wiedervereinigung nach dem Mauerfall zu verdanken war. Gleichzeitig engagierte er sich mit erstaunlichem Nachdruck für die Belange der einst politisch Verfolgten. Zahlreiche Briefwechsel in seinem Nachlass, u.a. mit dem damaligen „Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion“ Olaf Scholz (2007) aber auch mit Vertretern der örtlichen CDU über die mangelnde Umsetzung der Bedürfnisse politisch Verfolgter belegen seinen neu gewachsenen Mut, sich mit den „Oberen“ demokratisch auseinanderzusetzen.

So mutig er auch Konsequenzen aus vorgehaltenen „Fehlentwicklungen“ zog – er trat 2007 aus Protest gegen die Verweigerungshaltung der CDU gegenüber den Rehabilitierungsanforderungen verfolgter DDR-Bürger mit seiner Frau aus der Partei aus – so sehr war er dann doch geprägt von seinen seit der Kindheit erfahrenen Haltung ggüb. den Personen der „Staatsführung“. Nur so lässt sich sein Verhalten auf dem Staatsakt der Bundesregierung zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 auf dem Friedhof in der Seestraße einordnen.

Joachim Fritsch, inzwischen Geschäftsführer unserer Vereinigung 17. Juni, sollte neben der Staatsspitze, u.a. dem Bundespräsidenten, den Präsidenten des Bundesrates, Bundestages,  der Bundeskanzlerin und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes auch einen Kranz der Vereinigung niederlegen. Im Vorfeld bemerkte die Kanzlerin das Vereinsabzeichen am Revers und forderte Joachim Fritsch im herrschenden Tonfall auf, dieses zu entfernen. Joachim gehorchte, wenn  auch „verdattert,“ wie er im Anschluß an den Staatsakt berichtete. Auf den Hinweis, er hätte sich klar weigern müssen, reagierte er unsicher: „Aber wenn doch die Bundeskanzlerin das verlangt?“

Am 29. März verstarb der Vierundachtzigjährige in der Sana-Klinik in Lichtenberg, in die er wenige Tage zuvor nach einem positiven Test auf CORONA eingeliefert worden war. Sein letzter Kampf soll schwer gewesen sein. In einer letzten Aufwallung verweigerte er sich angebotenen Hilfsmaßnahmen. Er wollte wohl, so kannten wir ihn, selbstbestimmt sterben. Seiner Lebensgefährtin Christa, selbst nach positiver Testung in die Klinik eingeliefert, blieb eine Begleitung Joachims auf seinem letzten Weg wegen der Isolierungsmaßnahmen verwehrt. Wenigstens sie ist genesen und darf diese Woche auf ihre Entlassung hoffen.

Wir trauern um einen mutigen und aufrechten Arbeiter aus Ost-Berlin mit der unnachahmlichen Berliner Schnauze, der sich mit seinen Mitteln und Möglichkeiten für Freiheit und Gerechtigkeit bis zuletzt eingesetzt hat. Wir werden seiner dankbar und ehrend gedenken. Ruhe in Frieden, lieber Joachim.

Die Beisetzung neben seiner Frau Uschi findet am 7. Mai 2021 um 11:00 Uhr auf dem Friedhof in Lichtenberg statt.

* Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.629).