Österliche Gedanken von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, Gründonnerstag/Ostern 2020/cw – Es gab zwar vor vielen Jahren schon ein Bundestagspapier, in dem das Geschehen von Heute dargestellt wurde, ohne dass Jemand auf die Idee gekommen wäre, aus dem dargestellten Szenario Konsequenzen zu ziehen. Wir haben in dieser Hinsicht auch schon manche furchterregenden Szenarien erlebt, Schweinepest, Influenza oder AIDS, um nur einige zu nennen. Und wir leben immer noch.

„Es gibt keine schlechten Menschen.“ Plakat, irgendwo in Berlin – Foto: LyrAg/Holzapfel

Für mich stellt sich die österliche Frage, wie gehen wir mit dem Leben an sich, wie mit dem endlichen Sterben um? Hat nicht alles seine Zeit? Die zentrale Figur des christlichen Glaubens, Jesus, wurde heute vor über 2.000 Jahren in Gethsemane verhaftet, mit Hilfe des berüchtigten Judas-Kusses, der den römischen Söldnern den zielgerichteten Zugriff ermöglichte. Am Karfreitag starb Jesus am Kreuz, nach der Glaubens-Legende bitterlich beweint von seiner Mutter Maria wie seinen Jüngern.

Und Ostern stand der Gottessohn wieder auf von den Toten: Aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes. Diese Mär oder dieser darauf fußende Glaube an ein Weiterleben durch diese Wiederauferstehung, der sich interessanterweise abgewandelt auch in den anderen Weltreligionen wiederfindet, hat es der Menschheit ermöglicht, mit der eigentlich furchtbaren Aussicht auf einen endlichen Tod, der jedes Leben beendet, umzugehen. Begleitet und verfestigt wurde dieser Glaube durch das alljährliche „Sterben“ in der Natur und der stets folgenden Wiederkehr „blühenden Lebens.“ Soll diese Basis, dieser hoffnungsvolle Grundsatz jetzt ins Wanken gebracht oder gar zerstört werden?

Staat und Gesellschaft, in welcher Form auch immer, kamen gut mit diesem Grundsatz „Auf das Leben folgt das Sterben“ zurecht. Der Staat akzeptierte die besänftigende Hoffnung seines Volkes auf ein „Danach“, auf ein Weiterleben. Nur so war es dem Staat u.a. möglich, tödliche Krisen zu überstehen, die häufig genug unendliches Leid (z.B. durch Pest oder Cholera) aber auch millionenfachen Tod (z.B. durch wahnwitzige Kriege) über den Staat und oft genug über die halbe Welt brachten. Und jetzt?

Jetzt scheint der Staat ein neues Spiel zu beginnen oder auszuprobieren. Das normative Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Leben und Tod, soll offenbar nicht mehr gelten. Die Bürger werden massiv in ein verordnetes Szenario getrieben, in dem diesen Bürgern suggeriert werden soll, dass das natürliche Gleichgewicht zwischen Leben und Tod dank menschlicher Maßnahmen und Möglichkeiten nicht mehr gelten soll. Unter der Rubrik „Das Leben retten!“ werden noch Lebende durch Zwangsverordnungen kaum bemerkt in diktatorisch anmutende Umstände getrieben, wird diesen eine Verantwortung für jeden augenblicklichen Todesfall aufgebürdet, die diese gar nicht tragen können, weil dies einfach der Lebenswirklichkeit seit der Existenz von Leben auf unserem Planeten widerspricht. Wieder einmal werden hehre Grundsätzlichkeiten nicht durchschaubaren Experimenten der Politik, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, geopfert.

Was, wenn alle recht haben? Plakat irgendwo in Berlin – Foto: LyrAg/Holzapfel

Wir wissen alle zur Zeit nicht, wie dieses Corona-Experiment ausgeht, auch wenn die am Horizont bereits sichtbaren Konsequenzen mehr Unheil als Zuversicht vermitteln. Aber eines sollten wir wissen und verinnerlichen: Der Tod bleibt der Begleiter unseres Lebens. Wir werden diesen allenfalls immer nur sekundär, also im Einzelfall, kurz aufhalten können. Verhindern können wir ihn nicht. Und wenn wir nicht zu denen gehören, die in unterschiedlichen Religionen ohnehin an ein Weiterleben durch eine „Wiederauferstehung“ (in einer besseren Welt) glauben, so können wir dennoch gewiss sein, dass jeder Mensch mit einer Lebensuhr ausgestattet wurde. Diese Uhr läuft trotz Corona oder (in der Vergangenheit) trotz Krieg und Seuche. Oder sie bleibt stehen, trotz und nicht wegen Corona, Krieg oder Seuchen. Es sind dies die vorgegebenen Koordinaten, die unser Leben bestimmen. Nichts anderes wollte uns Jesus vermitteln, der von dieser „vorgegebenen Uhr“ wusste, seinen Tod am Kreuz bewusst vorausgesehen hat. Die Wiederauferstehung sollte, so vermute ich, den trauernden Hinterbliebenen vermitteln: Das Leben geht auch nach diesem exemplarischen Tod weiter, das Leben überdauert, besiegt den Tod.

Ob die Ausübung des Glaubens durch das wohl in dieser Form einmalige Verbot von Gottesdiensten auch deswegen untersagt wurde, um derlei Gedanken nicht neu zu beflügeln und damit an der Basis der bestallten Todes-Hysteriker ernsthaft zu kratzen, gehört wohl in das Reich der Spekulation. Aber dass ein gesunder, dem Leben zugewandter Glaube die jetzigen Maßnahmen ernsthaft infrage stellt, weil der Tod eben nicht das Ende des Lebens schlechthin bedeutet, dürfte wohl nicht länger anhaltend infrage stehen.

Wir dürfen uns über die uns seit Jahrtausenden erfassende Todes-Trauer am Karfreitag auf Ostern konzentrieren, auf das Fest der Auferstehung, auf das Fest des Lebens schlechthin. Wir dürfen leben, ob wir gleich stürben. Das lässt uns auch diese Ostern im verordneten Schatten von Corona überleben. Dass wir uns diesem Leben wieder und weiterhin hoffnungsvoll widmen können, wünsche ich Freund und „Feind“ (ich spreche lieber von „Andersdenkenden“) gleichermaßen.

In diesem Sinn: Frohe Ostern!

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