Von Dr. med. Ellis Huber *

Berlin, 30.03.2020 – Wann kommt der Sturm bei uns an, den die Politik erwartet und den die Menschen in Deutschland fürchten. „Wir reden jetzt bis zum 20. April nicht über irgendwelche Erleichterungen. Bis dahin bleiben alle Maßnahmen bestehen. Läden, Restaurants, Schulen und die Universitäten sind geschlossen. Unmittelbar nach Ostern werden wir sagen können, wie es generell nach dem 20. April weitergeht“, sagte Helge Braun, als Arzt und Chef des Bundeskanzleramts der oberste Corona-Manager Deutschlands.

Am 29. März hat die Zahl der nachweislich infizierten Personen um 4.387zugenommen, 842 weniger als am Tag davor. 58 Menschen starben an den Folgen einer COVID-19 Erkrankung, 17 weniger als am Samstag. Ist das eine Trendwende? Unklar bleibt weiterhin, wie verbreitet das Corona Virus in der Bevölkerung tatsächlich ist, da Personen ohne Symptome nicht getestet werden und bei vielen jüngeren Menschen keinerlei Beschwerden auftreten. Sie sind infiziert und fühlen sich gesund. Es stellt sich die Frage, warum nicht eine repräsentative Stichprobe aus der Bevölkerung durchgemessen wird. Das wäre sinnvoll und auch möglich. Nur damit lässt sich klären, wie gefährlich und tödlich das SARS-CoV-2 Virus tatsächlich ist. Renommierte Infektiologen, Epidemiologen und Virologen sind sich uneins. Es gibt Indizien, dass insgesamt die Corona Pandemie nicht schlimmer wird als die Influenza-Pandemie 2017/18.

In Italien, Spanien und in Frankreich spitzt sich die Lage weiter zu. In einzelnen Regionen wie der Lombardei, um Madrid und im Elsass herrschen schlimme Zustände. Eine optimale medizinische Versorgung der Patienten kann nicht mehr sichergestellt werden. Die Universitätsklinik Straßburg nimmt stündlich einen Patienten auf, der beatmet werden muss. Patienten über 80 Jahre werden im Elsass nicht mehr beatmet und bekommen nur noch palliative Hilfe beim Sterben. In Spanien sind am 29.3.2020 fast 1.000Menschen gestorben, mehr als in Italien. Frankreich erwartet ebenso wie Großbritannien eine massive Zunahme der Todesfälle.

Die jetzige Grippesaison hat in den letzten Monaten zu 28.320 Einweisungen ins Krankenhaus geführt und bisher sind in Deutschland 323 Menschen nachweislich im Zusammenhang mit Influenza verstorben. Geschätzt sind seit Oktober 2019 bis heute in Deutschland bereits 4.000 Menschen frühzeitig gestorben, weil noch die Grippe dazu kam. In der Grippesaison 2017/18 waren es 25.000 Todesfälle. Jeden Tag sterben in Deutschland auch etwa 80 Menschen an einer bakteriellen oder viralen Lungenentzündung. Täglich infizieren sich 1.600 Patienten im Krankenhaus. Die Zahl der durch Krankenhauskeime verursachten Todesfälle liegt bei jährlich 10.000 bis 20.000 und bei 30 bis 60 pro Tag. Vor diesem Hintergrund sind 456 Todesfälle insgesamt und 58 Todesfälle am Tag durch das Corona Virus noch im Rahmen des bekannten Sterbegeschehens einzuordnen. Aber: wir können noch nicht genau wissen, wie es weiter geht. Die erfassten Infektionen und die Todesfälle durch das neuartige Corona Virussteigen noch kontinuierlich. Nicht bekannt ist, wie viele Menschen infiziert sind und keinerlei Symptome haben.

Erfolge bei der Eindämmung des Coronavirus verzeichnen Südkorea, Taiwan, Hongkong und Japan. Die Zahl der Infizierten steigt dort wesentlich langsamer – meist ohne drakonische Lockdowns und Ausgangssperren. Wir können von diesen Ländern lernen. Schnelle Testverfahren, Antikörper-Tests zur Erkennung bereits immunisierter Personen und vor Allem die Beteiligung der betroffenen Menschen an der Gefahrenabwehr sind Wege, die helfen können. Um Ängste, psychosozialen Stress und gefühlte Todesgefahr durch die Corona Pandemie nicht zu forcieren, stelle ich das Geschehen in die Zusammenhänge mit anderen Todesfällen. Das kann helfen, die COVID-19 Krankheit und das Corona Virus als eine leistbare Herausforderung zu sehen und ihre Bedeutung realistisch einzuschätzen. „Wird diese Krise zum kurzfristigen individuellen Profit genutzt werden, wobei wie üblich Sündenböcke gesucht werden, oder wird sie ein Weckruf sein, der uns in die Realität zurückholt? Das ist kein Idealismus, sondern purer Realismus“, sagt die frühere EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in einem gerade veröffentlichten Essay. Es geht mir also um eine realistische Einschätzung der Corona Pandemie.

1. Die Situation in DeutschlandDas alltägliche Sterben

Jeden Tag sterben in Deutschland etwa 2.600 Menschen, davon 930 Personen durch Herz-Kreislauferkrankungen, 650 durch Krebs und 190 an Krankheiten des Atmungssystems. Von Dezember bis März, also in den kalten Jahreszeiten sind es durchschnittlich etwas mehr Todesfälle, im Sommer weniger.

Ausgelöst durch Bakterien und Viren erkranken täglich 1.500 bis 1.900 Menschen an einer Lungenentzündung. Die Diagnose lautet: Pneumonie. Etwa 800 betroffene Patienten kommen damit in ein Krankenhaus und für 80 Personen endet die Krankheit tödlich: An Lungenentzündung sterben also in Deutschland jährlich 30.000 Bürgerinnen und Bürger. Auch die Tuberkulose ist nicht verschwunden. Jährlich erkranken daran 5.000 bis 6.000 Menschen und 2018 starben dadurch 129 Patienten vornehmlich im hohen Alter. Mit HIV sind etwa 90.000 Personen infiziert, jährlich kommen 2.500 dazu und in 2018 starben daran etwa 450 Menschen. Mit diesen Zahlen oder besser Patientenschicksalen geht die Medizin täglich routiniert und, soweit sie es kann, auch heilsam um.

Das Coronavirus

Gegenwärtig haben wir in Deutschland (Coronavirus Monitor und RKI Daten vom 28.3.2020) 58.655 Infektionsfälle durch das neue SARS-CoV-2 Virus, also gesicherte Corona Infektionen. Der tägliche Zuwachs der letzten Woche seit dem 22.3.2020 lag bei 4.183,3.935, 4.332, 5.888, 5.828,5.229 Fällen und am 29.3.2020 bei 4.387 Fällen. Die festgestellten SARS-CoV-2 Infektionen nehmen kontinuierlich zu, aber die täglichen Zuwächse scheinen seit vier Tagen zurück zu gehen. Das ist kein exponentielles Wachstum mehr. Dahinter kann aber dennoch eine fast exponentielle Wachstumskurve der Infektionen laufen, die nur zum Teil gemessen werden, wenn Krankheitssymptome auftauchen. Infektionen bei gesunden Personen werden nicht entdeckt. 456 Personen sind seit dem 10.3.2020 verstorben. Die Zahl der täglichen Toten nimmt ebenfalls zu, vom 19. bis zum 22.3. waren es 10 bis 20 Fälle pro Tag, am 23. und 24.3. knapp 30, am 25.3. bereits 47, am 26.3. kamen 56, am 27.3. bereits 61, am 28.3.dann 75 und am 29.3.2020 kamen 58 neue Todesfälle dazu. Am Wochenende sind die Meldungen etwas verzögert, so dass bereits am 30.3. die Zahl wieder höher sein kann. Bereits wieder gesund geworden sind 9.291 Personen.

Leider gibt es keine Statistik über die laufenden Krankenhausbehandlungen. Berlin meldet am 29.3.2020, dass 2.462 Personen infiziert und am Coronavirus erkrankt sind. Im Krankenhaus isoliert und behandelt werden etwa 312 Personen und 70 Menschen werden intensivmedizinisch behandelt. Alle anderen Personen sind häuslich isoliert. Elf Patienten sind verstorben. Von den Berliner Verhältnissen hochgerechnet wären schätzungsweise 7.300 Patienten deutschlandweit im Krankenhaus und etwa 1.600 Patienten auf der Intensivstation.

Wir wissen nicht genau, wie sich die Infektion aber in der Bevölkerung ausbreitet, da eben viele Menschen ohne Symptome mit dem Virus fertig werden. Sie erkranken nicht an COVID-19. Die Zahlender infizierten und verstorbenen Corona Patienten sind im Vergleich zum sonstigen Infektionsgeschehen mit 80 täglichen Todesfällen allein durch Lungenentzündungen, 223 durch Influenza und Grippe und insgesamt 2.500 Menschen, die an den bisher bekannten Krankheiten sterben, noch nicht wirklich viel. Täglich infizieren sich auch 1.600 Patienten im Krankenhaus und 30 bis 60 Todesfälle pro Tag gehen auf Krankenhauskeime zurück. Gegenwärtig sind also die täglichen Todesfälle durch Krankenhauskeime etwa so hoch wie die durch Covid-19 Kranke. Bei den Todesfällen wird gegenwärtig nicht unterschieden, ob die Patienten nur mit oder ursächlich durch das Corona Virus gestorben sind. Bisher gibt es also keine Corona Todesfälle, die den Rahmen des üblichen Sterbegeschehens in Deutschland sprengen.

Aber: wir müssen weiter mit einem starken Wachstum der Coronavirus Erkrankungen rechnen. In den kommenden Monaten werden sich gut 50 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Corona-Virus infizieren. Wenn sich die Ausbreitung nur auf 10 Monate verteilt, wären dies 5 Millionen infizierte Menschen von denen 10% bis 20%, also eine halbe bis eine Million Krankheitssymptome entwickeln und medizinische Hilfe brauchen. Schwer krank werden 100.000 bis 200.000 Menschen mit intensivmedizinischem Behandlungsbedarf. Bei einer Mortalität von 1,0 Prozent der erkrankten Personen sterben monatlich 5.000 Menschen. Eine solche Epidemie würde die vorhandenen Kapazitäten des Gesundheitssystems voll beanspruchen, alle vorhandenen Betten brauchen und damit ein echtes Versorgungsproblem verursachen. Diese Annahmen sind eher optimistisch als pessimistisch. Je langsamer sich die Infektionen also ausbreiten, desto einfacher ist die notwendige Versorgungsaufgabe zu bewältigen.

Das Gesundheitswesen in Deutschland betreibt insgesamt 500.000 Krankenhausbetten und ca. 28.000 Intensivbehandlungsplätze. Knapp 20 Millionen Behandlungsfälle fallen jährlich an. Auf zwei Jahre verteilt oder auch bei einer hohen Zahl symptomfreier Menschen, deren Infektion gar nicht gemessen wird, ist das Corona Virus eine überschaubare Herausforderung. Wenn sich die jetzigen Zahlen verzehnfachen sind 52.000 Krankenhausplätze und 10.000 Intensivbetten notwendig. Das wäre noch zu schaffen. Diese Größenordnung an Patienten wurde auch bei der Grippeepidemie 2017/18 versorgt. Es geht jetzt aber weiter darum, die Verbreitung der Infektionen zu verlangsamen und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen aktiv schützen.

Die ständigen Infektionskrankheiten

Die jährlichen Grippewellen und auch die bakteriellen Infektionskrankheiten verursachen für unsere Krankenhäuser seit Jahren schon Belastungen und Herausforderungen in einer vergleichbaren Dimension.

Die Grippesaison 2019/20 hat nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bis März 2020 insgesamt 177.009 Influenzafälle labordiagnostisch bestätigt. Die Zahl der Menschen, die wegen Influenza eine Haus- oder Kinderarztpraxis aufgesucht haben, schätzen die Grippe-Experten auf 4,2Millionen. Über 28.320Patienten wurden hospitalisiert und 323 Menschen sind an Influenza verstorben. Einen Höchstwert mit 20.629 neuen Grippefällen und schätzungsweise 60 Todesfällen verzeichnete die Woche vom 1.2. bis zum 7.2.2020. Unter Einbezug der Dunkelziffer müssen wir für die laufende Saison 2019/20 mit etwa 4.000 Todesfällen in der Kombination von Influenzaviren und schweren chronischen Erkrankungen rechnen. Die Grippeviren verkürzen oft einen ohnehin bereits laufenden Sterbeprozess. Die Grippesaison 2017/18 war mit 25.100 Todesfällen durch Influenza die schlimmste Grippewelle seit 30 Jahren. Rund neun Millionen Arztbesuche waren damals zu verzeichnen. 5,3 Millionen Menschen wurden arbeitsunfähig krankgeschrieben oder als pflegebedürftigbeurteilt. Geschätzt wird, dass sich damals 25 Millionen innerhalb von 15 Wochen angesteckt haben. Die Anzahl der Infizierten hat sich also alle 4 Tage verdoppelt. Besonders betroffen war die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen. Die Anzahl der Krankenhausbehandlungen umfasste 60.000 Menschen ab dem 35. Lebensjahr. Das RKI meldete aber nur 334.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Kranke und 1.674 nachweislich daran verstorbene Patienten. Unter Einbezug der Dunkelziffern wurde berechnet, dass es durch die Influenza zu den 25.100 vorzeitigen Todesfällen in Kombination mit anderen schweren Erkrankungen gekommen war. Das sind dann in der gesamten Grippesaison täglich 140 Todesfälle, die sich im Februar und März häufen. In Berlin wurden starben 1.130 Patienten und im Februar bis zu 40 Patienten an einem Tag an dieser Influenza-Pandemie. Die meisten Todesfälle konzentrierten sich auf eine Zeit von acht Wochen von Mitte Januar bis Mitte März und es sind damals an einzelnen Tagen bis zu 500 Patienten verstorben.

Schlussfolgerung

Wenn die Verbreitung der Corona Viren wirksam verzögert wird und eine wachsende Immunisierung großer Bevölkerungskreise längerfristig über zwei Jahre erfolgt, ist das Geschehen vom Gesundheitswesen zu bewältigen. Es wird schwierig, aber nicht unbeherrschbar bedrohlich. Der Höhepunkt der Herausforderung tritt vermutlich von Juni bis August 2020 ein und dann kommt ähnlich wie bei der Grippe ein kontinuierliches, aber nicht außergewöhnliches Krankheitsgeschehen. Darauf können wir uns in der Krankenversorgung vorbereiten und einstellen. Es hängt alles von dem Zeitpunkt ab, bei dem die gegenwärtig täglich steigenden Zahlen sich stabilisieren und wieder zurückgehen.

Bis zu 80 Todesfälle täglich durch Lungenentzündungen im Zusammenhang mit dem Corona Virus fallen noch nicht aus dem Rahmen des Sterbens, das täglich in Deutschland geschieht. Die bekannten Infektionskrankheiten sind bereits in diesem Umfang tödlich und bezogen auf die 2.500 täglichen Todesfälle in Deutschland würden 150 zusätzliche Todesfälle durch das Corona Virus noch in einer normalen Größenordnung liegen. Die Grippeepidemie 2017/8 ging über sechs Monate mit 140 Todesfällen pro Tag einher und an einzelnen Tagen sind mehr als 500Patientenverstorben. Damals ist darüber öffentlich nicht berichtet worden und es gab keine Schlagzeilen zum täglichen Sterben durch Influenza Viren.

Die Angst und Panik im Umgang mit der aktuellen Situation werden durch solche Vergleiche nicht gemindert. Die tägliche Katastrophenberichterstattung zu den einzelnen Todesfällen im Zusammenhang mit dem Corona Virus wirkt aber realitätsfremd und vermittelt ein Gefährdungsgefühl, das die Verhältnisse verdunkelt, die Menschen verängstigt und ihnen keine Transparenz der Situation vermittelt. „Die Nennung von Fällen ohne Bezugsgrößen ist irreführend“, sagt das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. in seiner Stellungnahme: Die Nennung der Toten durch das Coronavirus ohne Bezug zu anderen Todesursachen führe zur Überschätzung des Risikos. „Die Angaben zu den Todesfällen durch Covid-19 sollten daher entweder die täglich oder wöchentlich verstorbenen Personen mit Angabe der Gesamttodesfälle in Deutschland berichten. Auch ein Bezug zu Todesfällen durch andere akute respiratorische Infektionen wäre angemessen.

“Da durch COVID-19 überwiegend ältere und kranke Menschen versterben, wäre gerade ein Vergleich mit den anderen akuten Lungenkrankheiten und Lungenentzündungen sinnvoll. An der Grippe versterben gegenwärtig jeden Tag 22 Menschen und in früheren Jahren waren es täglich bis zu 500 Toten. Das Robert Koch-Institut schätzt nach einer Studie aus 2019, dass es jährlich bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen gibt. Die Zahl der durch Krankenhauskeime verursachten Todesfälle liegt danach bei 10.000 bis 20.000 pro Jahr und 30 bis 60 pro Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hält eine Million im Krankenhaus gesetzte Infektionen und mindestens 30.000 Todesfälle pro Jahr für realistisch.

Die Mitteilung der Corona-Toten bezogen auf die sonstigen Todesfälle durch Infektionskrankheiten und andere Ursachen wäre eine gute Risikokommunikation. Ohne einen Vergleich zum täglichen Sterben in der Bevölkerung wird eine falsche Realitätssicht induziert und den Menschen das Gefühl vermittelt, dass das Corona Virus die einzige Gefahr für das Leben wäre. Das macht Angst und Stress. Psychosozialer Stress ist ein Faktor, der das individuelle Immunsystem und damit die individuelle wie soziale Abwehrlage auch gegenüber dem Corona Virus beeinträchtigt. Die Panik, Angst und Einsamkeit entwickelt sich dann zu einem eigenen Krankheitsfaktor insbesondere bei älteren und sozial vernachlässigten Menschen.

2. Die Verhältnisse in Italien, Südkorea und in der ganzen Welt

Die Katastrophe in Italien

Das Geschehen in Italien beängstigt uns alle. Italien meldet mit Stand vom 29.3.2020 insgesamt 97.689Coronavirus-Fälle, 10.038 mehr waren es am 24.3, 210 am 25.3., 6.413 am 26.3., 5.909 am 27.3., 11.883 am 28.3.und am 29.3.2020 sind 7.000 Fälle dazugekommen. Bereits wieder gesund sind 13.036 Patienten. Insgesamt 10.779 Patienten sind verstorben. Die zugenommenen Zahlen der täglichen Todesfälle ab dem 21.3.2020 betrugen 793, 651, 601, 743, 683,744, 887, 889 und am 29.3.2020 dann 756 Fälle. Das ist hoch dramatisch, da diese Corona-Toten die täglichen Sterbefälle in Italien um 20 bis 40 Prozent erhöhen. Die Zahlen bleiben hoch und liegen bei 800 Todesfällen pro Tag.

Das Versorgungssystem in Italien ist der aktuellen Herausforderung, nach den vorhandenen Berichten über die Verhältnisse in den Krankenhäusern, nicht gewachsen. Hinzu kommt, dass regionale Zuspitzungen der Krankheitszahlen auch regionale Überlastungen ebenso wie Dekompensationen des jeweiligen Systems zur Folge haben. Auch junge Ärzte und Krankenschwestern sterben durch das Corona Virus und die dadurch verursachten Lungenentzündungen. Der Allgemeinmediziner Roberto Stella aus Busto Arsizio bei Mailand und Vorsitzender der Ärztevereinigung der Region Varese starb vor wenigen Tagen mit 67 Jahren in einem Krankenhaus von Como, weil keine Beatmungsgeräte verfügbar waren. Eine italienische Nachrichtenagentur (Ansa) meldet am19.3.2020, dass bisher über 20 Ärzte und 18 Geistliche verstorben sind.

Die Region um Bergamo in der Lombardei berichtet insgesamt von über 1.000 Todesfällen durch das Corona-Virus. In der Provinz Bergamo sterben sonst am Tag nur etwa 30 und in einem Monat nur etwa 900 Menschen. Normalerweise sterben in der Stadt Bergamo etwa 4 bis 6 Menschen pro Tag. 40 bis 60 Tote an einem Tag sind da unfassbar schlimm. Unter normalen Verhältnissen verzeichnet die Lombardei 325 Sterbefälle pro Tag. Am 23.3.2020 waren es zusätzlich 320 Corona Sterbefälle, eine Verdoppelung. Fast 70% der Corona Todesfälle aus Italien sind Menschen aus der Lombardei. Die kleine Stadt Nembro nahe Bergamo mit ihren 11 500 Einwohnern erlebt unter normalen Zeiten 2 bis 3 Todesfälle pro Woche. Jetzt sterben 20 bis 30 Menschen pro Woche, also 10 bis 20-mal mehr. Von den 600 Hausärzten in der Region sind 140 an COVID-19 erkrankt. Die Situation in Italien ist katastrophal und die Ärztinnen, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger sind in einer nicht mehr ertragbaren Lage.

Wir können trotzdem die italienischen Verhältnisse ebenso wie in Deutschland mit dem normalen Sterbegeschehen vergleichen, um die Sterbefälle durch das SARS-CoV-2 Virus in ihrer Bedeutung besser einzuschätzen. Jeden Tag sterben in Italien etwa 1.800 Menschen und davon 700 Personen durch Herz-Kreislauferkrankungen, 490 durch Krebs und 140 an Krankheiten des Atmungssystems. Bakterielle oder virale Lungenentzündungen verursachen täglich etwa 60 und über das ganze Jahrverteilt insgesamt 22.500Todesfälle. Die Corona Fälle steigern zurzeit die schweren Lungenentzündungen um das 5 bis 10fache der sonst üblichen Häufigkeiten. Die regionale Ballung des Geschehens verursacht in der Lombardei nicht 10 Todesfälle durch eine Lungenentzündung, sondern insgesamt etwa 300 am Tag. Aber insgesamt sind die Todesfälle bezogen auf die Gesamtsterblichkeit immer noch gering. In Italien sterben pro Jahr etwa 630.000 Personen. Die jetzigen Todesfälle durch COVID-19 liegen in der Größenordnung von 1,5Prozent.

Die aktuellen Daten aus Italienzeigen nicht, wie hoch die Infektionsraten mit SARS-CoV-2 tatsächlich sind und ob die täglichen Sterbefälle im ganzen Landjetzt bei 2.500 liegen, das Coronavirus also im Vergleich zu den sonstigen tödlichen Krankheiten tatsächlich viele zusätzliche Fälle produziert. Wissenschaftler sprechen von Übersterblichkeit, wenn in einem Jahr überdurchschnittliche Todeszahlen durch eine neue Krankheit zu verzeichnen sind. Nach den Zuständen in einigen Krankenhäusern in Norditalien ist davon auszugehen, dass es regional eine hohe Übersterblichkeit und dort sogar eine Verdoppelung und Verdreifachung der täglichen Todesfälle gibt. Zurzeit ist noch nicht abzusehen, wann ein Rückgang der bisher täglichen Infektions- und Sterbezahlen eintreten wird. Der Europäische Sterblichkeitsbericht des Euro-MOMO-Projektes, das von 24 europäischen Ländern getragen wird, verzeichnete am 22.3.2020 einen Anstieg der Sterbefälle in Italien, der aber unter den Anstiegen früherer Grippewellen liegt. In den anderen Ländern ist noch keine erhöhte Sterblichkeit zu erkennen.

Das italienische Institut für Gesundheit (ISS) hat mit einer Studie die Daten von 2.500 Covid-19-Todesopfern analysiert. Mehr als 99 Prozent der Menschen, die an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben sind, haben danach unter Vorerkrankungen gelitten. Nach den Krankenakten von einem Teil der Gruppe hatten nur 0,8 Prozent der Untersuchten vor der Infektion keine Vorerkrankungen. 48,5 Prozent der Todesopfer litten unter mindestens drei Vorerkrankungen. Bei 25,6 Prozent wurden zwei und bei 25,1 Prozent eine Vorerkrankung festgestellt. Mehr als drei Viertel der Untersuchten hatten hohen Blutdruck, mehr als ein Drittel Diabetes. Bei jedem dritten Verstorbenen lag eine Herzkrankheit vor. Das Durchschnittsalter der gestorbenen Menschen betrug 79,5 Jahren. Bis zum 17. März waren 17 Personen unter 50 Jahren an der Krankheit gestorben und bei den Todesopfern unter 40 Jahren handelte es sich ausschließlich um Männer mit schwerwiegenden Vorerkrankungen –etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenleiden oder Diabetes. Bei den Toten war nicht abschließend geklärt, ob sie mit oder an Covid-19 gestorben sind.

Der Erfolg in Südkorea

Italien hat 60 Millionen Einwohner, Südkorea 50 Millionen. Ähnlich und früher betroffen als Italien verzeichnet Südkorea am 27.3.2020 insgesamt aber nur 9.583 Coronavirus-Fälle, 5.033 bereits wieder gesunde Patienten und 152 Todesfälle. Ebenso wie China, Taiwan, Hongkong und Singapur hat auch Südkorea die Coronavirus-Infektionen weitestgehend unter Kontrolle gebracht. Mit drakonischen Maßnahmen schaffte dies China. Die anderen Staaten setzten stattdessen auf die Information der Bevölkerung, viele und vor allem leicht zugängliche Virentests und auf schnelle Entscheidungen bei vorhandenen Infektionen. Das soziale Leben musste dabei nicht komplett gestoppt und eine totale Isolation für Regionen und Gruppen ebenfalls nicht angeordnet werden. Auch Ausgangssperren unterblieben.

Die Menschen hielten sich in Südkorea aus eigenem Antrieb an die Regeln der Rücksichtnahme, der Vorsicht und der allgemeinen Hygiene. Jetzt sind die Neuinfektionen in der Größenordnung von 100 Fällen täglich. Die flächendeckenden Testkapazitäten sind eine Folge der Erfahrungen mit dem SARS-assoziierte Coronavirus und der dadurch ausgelösten Pandemie 2002/2003 in Asien und der Epidemie durch das MERS-Coronavirus, das sich 2015 und 2016 in Südkorea besonders verbreitet hatte. Dadurch waren Staat und Bevölkerung sensibilisiert und vorbereitet. Mehr als 500 Testkliniken darunter 40 Drive-in-Stationen haben hinreichend schnelle und allgemein verfügbare Tests ermöglicht. Die konsequente Früherkennung infizierter Personen hat auch geholfen, die Krankheit schnell zu behandeln und Todesfälle zu minimieren. Staatliches Handeln und die selbstverständliche Anstrengung der betroffenen Menschen, also bürgerschaftliche Selbstorganisation hilft real, die Epidemie zu bewältigen.

Die globale Lage

Weltweit sind gegenwärtig 711.934 Menschen mit dem SARS-CoV-2 Virus infiziert (Stand vom 29.3.2020). Die Zahl umfasst die bestätigten Messungen. Fachleute gehen aber davon aus, dass in den einzelnen Ländern etwa 10-mal mehr Menschen symptomfrei oder nur mit leichten Beschwerden infiziert wurden. Wieder gesund geworden und die Covid-19 Krankheit überwunden haben 145.422 Personen. Am Coronavirus gestorben sind bisher weltweit 33.774 Menschen. Täglich kommen etwa 3.000 Todesfälle dazu. Die Corona Pandemie umfasst in Europa am 29.3.2020 insgesamt 390.873 bestätigte Infektionen. Der tägliche Zuwachs liegt bei etwa 35.000 Personen. Vermutlich sind aber weit mehr als zwei Millionen Menschen infiziert. Als wieder gesund werden 49.099 Personen gemeldet. Insgesamt 24.254 Menschen sind gestorben. Am 27.3. waren es 2.574, am 28.3. 2.747 und am 29.3.2020 waren es 2.673 mehr Todesfälle. Täglich sterben etwa 2.500 Menschen in Europa im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Italien meldet am 26.3.2020 insgesamt 10.779 Todesfälle, Spanien 6.802, Frankreich 2.606, Großbritannien 1.228, Niederlande 771, Deutschland 456, Belgien 431, Schweiz 300, Schweden 110 und Österreich 86 Todesfälle. Die USA verzeichnen 2.414, der Iran 2.640 und Japan 54 Todesfälle.

Die bedeutsamen Infektionskrankheiten: Tuberkulose und HIV

Es ist sinnvoll und lässt das Corona Geschehen einordnen, wenn wir die jetzigen Daten auf andere Krankheiten beziehen. Weltweit gehört immer noch die Tuberkulose neben HIV/AIDS und Malaria zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich fast 9 Millionen Menschen an einer Tuberkulose und etwa 1,4 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen dieser Krankheit, oftmals aufgrund einer unzureichenden Behandlung. Die Tuberkulose ist weltweit die tödlichste Infektionskrankheit bei Jugendlichen und Erwachsenen und die führende Todesursache bei HIV-Infizierten.

Auf Europa entfallen schätzungsweise nur 5 % aller weltweit auftretenden Tuberkulose-Neuerkrankungen. Das sind dann etwa 450.000 Infektionen und 70.000 Todesfälle pro Jahr. Für Europa ist auch die Tuberkulose die bedeutsamste Infektionskrankheit. Ende 2018 lebten weltweit 37,9 Millionen Menschen mit HIV und neu in diesem Jahr infizierten sich 1,7 Millionen Menschen. 770.000 Menschen sind im Zusammenhang mit ihrer HIV-Infektion gestorben. In Deutschland starben 2018 an HIV 440 bis 460 Patienten. Das jährliche Sterben durch Tuberkulose oder das Aids-Virus übersteigt bei Weitem die gesundheitliche Bedeutung des Corona Virus zum jetzigen Zeitpunkt in Europa und noch mehr weltweit.

Pandemien und Epidemien

Die Spanische Grippe durch das Influenzavirus A/H1N1 von 1918 bis 1920 führte weltweit zu 20 bis 50 Millionen Todesfällen. Von 1957 bis 1958 hat die Asiatische Grippe mit dem Influenzavirus A/H2N2 eine bis vier Millionen Tote verursacht. In Deutschland starben dadurch 29.000 Menschen. Von 1968 bis 1970 ging die Hongkong Grippe mit dem Influenzavirus A/H3N2 ebenfalls mit ein bis vier Millionen Todesfällen einher. In Deutschland starben daran 30.000 Menschen. Die Russische Grippe mit dem Influenzavirus A/H1N1 tötete 1977 und 1978 weltweit 700.000 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche. Die SARS-CoV Pandemie mit einem Coronavirus von 2002 und 2003 verzeichnete aber nur 774 Todesfälle. Diese erste Pandemie des 21. Jahrhunderts war ein Medienereignis und beängstigte die Menschen weltweit und vor allem auch in Europa. Außerhalb Asiens starben aber nur 45infizierte Menschen. Deutlich wurde, wie sich in einer vernetzten und globalisierten Welt Infektionskrankheiten verbreiten und gefährliche Auswirkungen haben können.

Die Vogel-Grippe mit dem Influenzavirus A/H5N1 führte von 2004 bis 2016 weltweit zu 450 Todesfällen und die Schweine-Grippe von 2009 bis 2010 ging mit 100.000 bis 400.000Toten einher. In Deutschland starben dadurch 258 Menschen. Die MERS-CoV-Virusgrippe 2012 bis 2013 hatte über 850 Todesfälle verursacht und die Ebola-Viruskrankheit tötete von 2014 bis 2016 in Westafrika 11.316 und 2018 im Kongo und in Uganda 1.600 Menschen.

Grippewellen

Die Influenza geht in Deutschland jährlich mit mehreren tausend Todesfällen einher, vor allem an den Folgen einer Lungenentzündung durch bakterielle Superinfektion. Die Übersterblichkeit durch Influenza betrug in Deutschland für 1995/96 etwa 30.000, für 2012/2013 etwa 29.000 und für 2017/18 etwa 25.000 zusätzliche Todesfälle. Die Influenza wird durch Grippeviren ausgelöst. Erkältungen oder „grippale Infekte“ dagegen werden von zahlreichen Erregern verursacht. In Deutschland kommt es in den Wintermonaten nach dem Jahreswechsel zu Grippewellen mit unterschiedlicher Ausbreitung und Schwere, an denen verschiedene Virusarten und auch Corona Viren beteiligt sind. Influenzaviren verändern sich ständig und bilden häufig neue Varianten. Durch diese Änderungen kann man sich im Laufe seines Lebens öfter mit Grippe anstecken und erkranken. Deshalb muss auch der Influenza-Impfstoff nahezu jedes Jahr neu angepasst werden. Er wirkt nie gegen alle, sondern nur gegen einen Teil der virulenten Grippeerreger.

Schlussfolgerung

Viren kommen, sie verändern sich, Viren gehören zum Leben. Nicht alle Viren in unserer Umgebung befallen den Menschen. Und nicht alle Viren, die den Menschen befallen, machen krank. Ein gesundes Immunsystem reagiert schnell und bekämpft die Eindringlinge oft mit Erfolg. Für einen Tierarzt sind Corona-Viren etwas Alltägliches. Viren, die in der Natur und Tierwelt vorkommen, können die Grenze zu einem menschlichen Organismus überschreiten. Das passiert regelmäßig. So kommen dann neue Varianten bereits bekannter Viren unter die Menschen. Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist jetzt da und wird wie die Grippeviren bleiben. Seine Aggressivität ist gegenwärtig etwas höher als die der Influenza Viren und deshalb verbreitet es sich so schnell. Mit der Zeit und mit einer fortschreitenden Immunisierung vieler Menschen wird die Gefährlichkeit abnehmen und dann ist es ein Krankheitserreger wie viele andere Viren auch, die kommen und gehen.

Das Masernvirus ist so gekommen, Ebola, Aids oder die Influenzaviren. Die SARS- und MERS-Erreger sorgten 2003 und 2012 für öffentliche Aufmerksamkeit, andere Corona Viren sind nur Fachleuten bekannt und zirkulieren seit Jahren als Erkältungsviren in der Bevölkerung. Jedes Jahr verursachen die Grippe- und Influenzaviren weltweit zwischen 290.000 und 645.000 Todesfälle schätzt ein internationalen Forschernetzwerks unter Federführung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. Das österreichische Ärztezeitung (ÖÄZ2020/4) berichtet am 25.2.2020, dass die jährliche Mortalität infolge von Influenza in Europa auf etwa 45.000 Todesfälle geschätzt wird. Das seien elf Prozent der weltweiten Influenza-Mortalität. Vor allem Kinder unter fünf Jahren und Erwachsene über 65 Jahren sind betroffen. Im Zeitraum von 1999 bis 2015 wurden 34,1 Prozent der hospitalisierten Fälle intensivmedizinisch behandelt. Die Mortalität der Krankenhauspatienten lag bei 12,1 Prozent, wobei ältere Patienten mit 18 Prozent die höchste Sterblichkeit aufwiesen.

3. Ausblick

Auch SARS-CoV-2 wird nach dem jetzigen Ausbruch relativ bald in der Bevölkerung eine Basisimmunität anregen und dann immer wieder zu Erkrankungsfällen führen. Das ist jetzt schon daran zu erkennen, dass Kinder und junge Erwachsene nach einer Corona Infektion kaum schwer erkranken. Wir werden künftig ein weiteres Erkältungsvirus haben und damit so gelassen umgehen wie mit den bisherigen Erkältungsviren vom Nicht-Influenza-Typ. Wir wissen aber noch nicht, wie lange der erste Ausbruch des SARS-CoV-2 Virus unterwegs ist, bis er vierzig bis siebzig Prozent der Bevölkerungen infiziert und immunisiert hat. An diesem Virus werden aber genauso alte, beeinträchtigte und hinfällige Menschen sterben wie an Lungenentzündungen und allgemeinem Organversagen auch bisher schon. Mit 80 bis 100 Todesfällen täglich ist das in Deutschland und mit 60 bis 70 Todesfällen täglich ist das auch in Italien Bestandteil des normalen und natürlichen Sterbegeschehens. In Italien wird diese Vergleichszahl deutlich überschritten und erklärt die drastischen Maßnahmen. In Deutschland kann das noch vermieden werden. Nach den Erfahrungen in Südkorea kann das durch öffentliche Aufklärung, schnell zugängliche und breit angelegte Messungen und vor allem durch bürgerschaftliche Selbstorganisation wirksam zur Eindämmung der Infektionsausbreitung beitragen.

Es ist noch unklar, ob das Coronavirus Sars-CoV-2 anders und gefährlicher ist als andere Coronaviren, die grippeähnliche Symptome machen. Ganz sicher ist es weniger tödlich als die Coronaviren Sars-CoVin den Jahren 2002/3 und Mers-CoV in 2012/3. Die Wissenschaftler geben unterschiedliche Einschätzungen. Seriöse Epidemiologen weisen darauf hin, dass Corona-Viren als typische Erreger von Erkältungskrankheiten jedes Jahr für Millionen von Infektionen verantwortlich sind und diese banalen Erkältungskrankheiten in bis zu 8% der betroffenen älteren und multimorbiden Menschen tödlich enden. Der einzige Unterschied zu SARS-CoV-2 könnte sein, dass die Infektionen mit anderen Corona- und Influenza-Viren bisher nicht umfassendgemessen wurden.

Die epidemiologische Situation in Südkorea macht Hoffnung, Italien ebenso wie Spanien sind zum Verzweifeln. Entscheidend wird letztlich sein, ob das Sterben am Coronavirus Sars-CoV-2 die täglichen Todesfälleinsgesamt erhöht und wirklich mehr Sterben als normal zur Folge hat. Das Deutsche Netzwerk EbM kommt zu folgendem Fazit: „Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz – weder zu COVID-19 selbst noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maßnahmen. Aber es ist nicht auszuschließen, dass die COVID-19 Pandemie eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt, und NPIs (nicht-pharmakologische Interventionen) –trotz weitgehend fehlender Evidenz – das einzige sind, was getan werden kann, wenn man nicht einfach nur zusehen und hoffen will.“

Soziale Gesundheit

Ein gravierendes Problem allerdings bleibt: Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis-Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Das Bakterium ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt zu erkennen. Wir können Glück haben und aus der Corona-Krise mit einem neuen Bewusstsein und einer neuen Beziehungskultur herauskommen. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächt das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärkt und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessert. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen.

Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein soziales Bindegewebe, das gesundet und gesundheitsförderlich ausgestaltet ist. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld sind der Maßstab. Den dafür notwendigen Werte-Horizont und die dafür vorhandene Orientierung beschreibt Albert Einstein vortrefflich: „So sehe ich für den Menschen die einzige Chance darin, dass er zwei Einsichten endlich beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“

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* Der Autor Dr. med. Ellis Huber (* 1949 / Waldshut) ist ein deutscher Arzt und Gesundheitspolitiker. Huber war 1978 einer der Gründer und ab Januar 1979 der Geschäftsführer des gemeinnützigen „Medizinischen Informations- und Kommunikationszentrums – Gesundheitsladen Berlin e.V.“. 1979 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-von-Pettenkofer-Institut beim Bundesgesundheitsamt und entwickelte Konzepte für ein Bundeskrebsregister. Er war 1980 der Organisator des ersten Deutschen Gesundheitstages, einer Gegenveranstaltung zum 83. Deutschen Ärztetag 1980 in West-Berlin mit 12.000 Teilnehmern. In der Folge entstanden über 40 Gesundheitsläden in der Bundesrepublik Deutschland. 1981 war Huber Mitorganisator des zweiten Deutschen Gesundheitstages in Hamburg. Die zentralen Themen waren gesundheitsbezogene Selbsthilfe, Nachbarschaftshilfe und bürgerschaftliches Engagement. Von 1981 bis 1986 war Huber Gesundheitsstadtrat im Bezirksamt von Berlin-Wilmersdorf und Kreuzberg. Von 1986 bis 1991 war er zuerst Leiter der Abteilung gesundheitliche und soziale Dienste beim Landesverband Berlin e. V. des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Seit 1994 ist er dort Vorstandsmitglied und seit 2014 stellvertretender Vorstandsvorsitzender. 1987 wurde er zum Präsidenten der Ärztekammer Berlin gewählt und hatte dieses Amt nach Wiederwahlen 1991 und 1995 bis Anfang 1999 inne. Seit 2004 ist er Mitglied im Vorstand des Berufsverbandes Deutscher Präventologen und seit 2007 dessen Vorsitzender.
Vorstehender Beitrag wurde erstmals am 18.3.2020 veröffentlicht und am 30.03.2020 vom Autor aktualisiert und mit dessen Zustimmung  Beitrag übernommen.                                                                                                                                                                                                      Quelle: https://www.praeventologe.de/images/stories/Aktuelles/2020/Corona_und_Gesundheitswesen_30n.pdf

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