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Ein später Nachruf von Carl-Wolfgang Holzapfel

Ostheim/Bautzen/Berlin, 23.02.2020/cw – Zugegeben, es gibt nicht mehr viele Nachrichten, die einen im 76. Lebensjahr wirklich erschüttern (von den aktuellen Verbrechen unverzeihlichen Terrors wie 2016 in Berlin oder jetzt in Hanau abgesehen). Der Tod von Harald Möller (4.12.2019) bewegt mich tief, zumal ich erst jetzt, eher durch Zufall, im Netz auf diese Nachricht stieß. Grund: Von Mitte November bis zum Jahresende war ich durch Krankenhausaufenthalte „aus dem Verkehr gezogen“, wie man das so beiläufig nennt. Das mag den späten Nachruf entschuldigen.

Harald Möller gehört neben dem unvergessenen Horst Schüler zu den bewegenden Persönlichkeiten, die mir in den Jahren meiner aktiven Verbandsarbeit in der Aufarbeitung von Folgen der Zweiten Deutschen Diktatur begegnet sind. Die Standhaftigkeit seiner unverbrüchlichen Überzeugungen paarte sich mit einer Bescheidenheit im Auftritt. Er hatte es nicht nötig, als mehr erscheinen zu wollen, als der er war. Sein Schicksal, seine Erscheinung selbst bürgte für eindrucksvolle und unvergessene Glaubwürdigkeit.

In Memoriam Harald Möller – Foto: LyrAg

Urteil: Zweimal 25 Jahre Haft

Der langjährige verdiente Vorsitzende des seinerzeit legendären Bautzen-Komitees (2003 –2013) wurde 1928 in Untermaßfeld (Thüringen) geboren. Nach dem Besuch eines Gymnasiums geriet Harald Möller als Wehrmachtssoldat 1945 in Kriegsgefangenschaft der US-Armee. Sein nach der Entlassung 1947 aufgenommenes Lehrer-Studium wurde 1948 durch die Verhaftung unterbrochen. Der seinerzeitige  Vorläufer der späteren Staatssicherheit, Abt. K5 der Kriminalpolizei, lieferte den jungen Mann an die Sowjets aus, von denen er zunächst in die NKWD-Untersuchungshaftanstalt in Weimar eingeliefert wurde. Wenig später wurde Möller im gleichen Jahr wegen „Spionage und antisowjetische Propaganda“ zu zwei mal 25 Jahren Haft wegen antisowjetischer Propaganda und Spionage verurteilt.

Im „Gelben Elend“ litt Harald Möller mit tausenden weiterer Haftkameraden unter den unmenschlichen Haftbedingungen. Er erkrankte an offener Tbc und überlebte nur, weil ihm andere Gefangene mit medizinischen Kenntnissen notdürftig helfen konnten. Im März 1950 erlebte er den Bautzener Häftlingsaufstand mit, der von der DDR-Volkspolizei brutal niedergeschlagen wurde. Harald Möller war insgesamt acht Jahre in Bautzen inhaftiert, bis er 1956, nach den erfolgreichen Verhandlungen Konrad Adenauers 1955 in Moskau, in die Bundesrepublik entlassen wurde.

Nach seiner Entlassung lebte der von der Haft gezeichnete zunächst in Bremen und Neuss am Rhein und später durch den folgenden Besuch der Höheren Handelsschule in Düsseldorf. Dort wurde Möller 1961 Regierungsinspektor und war von 1968 bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1990  Prüfungsbeamter am Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen. Den Ruhestand verlebte er mit seiner Familie in Ostheim, wo er jetzt auch verstarb.

Zeitenwende in der Geschichte des Bautzen-Komitees

Möller, der Nachwelt bekannt für sein Engagement im  Bautzen-Komitee, war aber auch im nichtpolitischen Vereinsleben stark engagiert. Unvergessen in Ostheim ist seine siebzehnjährige Tätigkeit als Vorsitzender des „Musikvereins Stadtkapelle“. Nach seinem Rücktritt im September 2006 wurde er einstimmig zum Ehrenvorsitzenden des Musikvereins gewählt.

Den Abschied des Bundesverdienstkreuzträgers nach zehn Jahren Vorstandschaft im Bautzen-Komitee 2013 sahen viele Weggefährten und langjährige Mitglieder als Zeitenwende in der Geschichte des Vereins. Mit Harald Möller ginge „der letzte Grandseigneur der alten Kameraden, die mit Namen wie Benno von Heynitz, Hans Corbat, Horst Schirmer und Günther Mühle dem Verein Ansehen und  Akzeptanz verliehen hätten.“ Zwar blieb Harald Möller als einer der Stellvertreter noch eine zeitlang als Ehrenvorsitzender Mitglied des Vorstandes, die Geschicke wurden aber fortan durch den einstigen stv. Bundesvorsitzenden der VOS, Alexander Latotzky, bestimmt, der in der Nachfolge als einziger Kandidat für den Vorsitz zur Verfügung stand. Harald Möller sah die ursprüngliche Unterstützung seines Nachfolgers später als einen „schweren persönlichen Fehler“ an, der „leider nicht mehr korrigierbar“ gewesen sei.

Mit Harald Möller verliert die Gemeinschaft ehemaliger politisch Verfolgter des Kommunismus eine über weite Strecken herausragende Persönlichkeit der Aufarbeitung. Wir werden seinen Ratschlag, seine Treue zur gemeinsamen Aufgabe in lebendiger Erinnerung behalten. Harald Möller bleibt für uns, die wir ihn kannten und als Freund und Mitkämpfer schätzten, unvergessen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.514).

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