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Berlin, im Oktober 2019/cw – Auf die vorstehende Rede ist die Antwort durch einen Betroffenen vorgesehen. Wir danken dem Informanten ebenfalls für die überlassene Replik und stellen diese als Vorabdruck ebenfalls in den Diskurs.

„Sie erlauben mir, jene zuerst zu begrüßen, die auf dieser Veranstaltung – aus welchen Gründen auch immer – nicht anwesend sind:

Hochverehrte, in tiefer Trauer verbundene Angehörige von Opfern an der Berliner Mauer, der Zonengrenze deutschlandweit, des Eisernen Vorhangs in Europa,

hochverehrte ehemalige politische Gefangene aus den Zuchthäusern in Bautzen, Hoheneck, Brandenburg, Cottbus und anderswo und/oder deren überlebende Angehörigen;

hochverehrte einst engagierte Helfer, die oft unter Einsatz ihres Lebens oder ihrer Freiheit zahlreichen Menschen zur Flucht in die Freiheit verholfen haben;

hochverehrte Demonstranten für die Freiheit, die über Jahrzehnte gegen zahlreiche, oft sehr persönliche Widrigkeiten den Glauben an die Durchsetzungsfähigkeit der Freiheit und die

Wiedervereinigung unseres Landes hoch gehalten haben

und – last not least –

hoch geehrte Excellenzen, Präsidenten und übrige Teilnehmer an diesem Festakt,

Ihre Verdienste um die Aufarbeitung, die Erinnerung an mutige Menschen unserer Geschichte hat mein verehrter Vorredner bereits hinreichend gewürdigt. Ersparen Sie mir also eine Wiederholung von Kaskaden der Selbstbeweihräucherung und ermöglichen Sie mir, Sie mit einigen kritischen Anmerkungen zu konfrontieren:

Liebe Frau S., erlauben Sie mir, Sie beispielhaft anzusprechen, ohne Ihnen allein die Bürde der Verantwortung aufzuerlegen. Die Wiedervereinigung hat Ihnen in der Folge eine wichtige Lebensstellung verschafft. In einer eigens geschaffenen staatlichen Stiftung dürfen Sie – gut dotiert – die Erinnerung an jene Menschen pflegen und hochhalten, ohne deren vielfältigen Opfer Sie niemals in diese Position gelangt wären. Erst die jahrzehntelangen Verbrechen an diesen Menschen und die dadurch insistierte Aufarbeitung dieser Verbrechen, so diese denn überhaupt aufgearbeitet werden können, haben Ihnen und Ihren vielzähligen Mitarbeitern aber natürlich auch anderen Institutionen und deren ebenso zahlreichen Mitarbeitern, eine ansehnliche Lebensstellung gesichert.

Die Aufarbeitung wird entmenschlicht

Wie wichtig diese Sicherung zumindest Einigen unter Ihnen war und ist, hat sich jüngst – immerhin im 30. Jahr der Maueröffnung – am Beispiel einer anderen Aufarbeitungsbehörde gezeigt. Die Verlagerung von sogen. Täter-Akten in ein Vielfalt-Archiv untermauert das vielfach erkennbare politische Bestreben, endlich die Aufarbeitung zu entmenschlichen, diese also der historisch-faktischen Forschung – im bürokratische Sinn – zu überantworten. Da spielen zukünftig also rein menschliche Belange schon zu Lebzeiten einstiger Diktatur-Opfer keine herausragende Rolle mehr. Der dadurch überflüssig gewordene Behördenchef darf aber eine Verlängerung seiner gewohnten Privilegien erwarten: Die Schaffung eines Bundesbeauftragten für die Diktatur-Opfer soll ihm ein gewohntes Lebensumfeld erhalten.

Sie, geehrte Frau S., brauchen also auch um Ihre Zukunft nicht zu fürchten. Sollte sich die Arbeit Ihrer Stiftung aus politischen Gründen erledigen, könnten Sie mit Fug und Recht, also gegebener Erfolgsaussicht, die Schaffung einer „Bundesbeauftragten zur historischen Verwaltung stiftungsrechtlich erfolgter Aufarbeitung“ erwarten.

Lassen Sie mich diese Beispiele nicht fortsetzen, da die Gefahr besteht, dass mir derlei Aufzählungen die Sprache verschlägt. Ich möchte lediglich diese bemerkenswerte, wenn auch langgeübte formale Veranstaltung der unerträglich werdenden Selbstbeweihräucherung nutzen, Ihnen einige Bedenken vorzutragen. Dabei stellt sich die Frage der Legitimation nicht. Denn natürlich haben Sie die in der Begrüßung erwähnten Personengruppen nicht eingeladen. Wenn ich diese begrüßt habe, dann aus einem unsäglichen Zorn heraus.

Seit Jahr und Tag feiern Sie – dieses total zu recht – den Mauerfall und die folgende Wiedervereinigung. Aber haben Sie einmal – nur einmal – darüber nachgedacht, dass Sie diese Feiern exklusiv für sich veranstalten? Na klar, Sie laden auch das VOLK ein. Das darf sich auf Rummelplätzen vor dem Brandenburger Tor in Berlin oder wahlweise, diesmal in Kiel, vergnügen. Die exklusiven Festivitäten mit allem Drum und Dran aber veranstaltet man für sich und bleibt damit unter sich.

Haben Sie jemals einen Flüchtling in den Arm genommen?

Peter Fechter ( ermordet † 17.8.1962). Gedenken in der Bernauer Strasse – Stiftung Berliner Mauer – Foto: LyrAg

Was wäre denn auch die Erinnerung ohne Ihre in der Summe mit Millionen Euro geförderte Aufarbeitungs-Arbeit wert? Sie würden, statt in wunderschönen Dienstsitzen und Büros ohne Bürostress zu sitzen, vermutlich in irgendeiner Fabrikhalle, einem Discounter oder einem Verwaltungsbüro unter dem üblichen tagtäglichen Stress ihre Arbeit verrichten müssen und dabei einen mehr oder weniger schmalen Lohn, wahrscheinlich eher Gehalt erhalten. Und das Schlimmste dabei: Keine Öffentlichkeit würde sich für Ihre Arbeit interessieren, oft nicht einmal die eigene Familie.

Haben Sie jemals, wenigstens in einer solchen Stunde wie dieser, an Ihre eigentlichen Arbeitgeber gedacht? An die von mit eingangs erwähnten und begrüßten, weil nicht anwesenden Opfer der Teilung, der Wiedervereinigung, die politischen Häftlinge, die Mutter, die ohne ihren an der Mauer erschossenen Sohn leben muss? An die Schwester, die ihren ermordeten Bruder beweint?

Na klar. Sie verweisen auf jährliche Gedenkfeiern an den Mauerkreuzen, zum Beispiel in der Bernauer Straße. Aber haben Sie dort jemals einen Familienangehörigen eines dieser Opfer in den Arm genommen? Haben Sie, bitte seien Sie ehrlich, jemals einem dieser Menschen Ihre persönliche Hilfe und Unterstützung angeboten oder diese dann umgesetzt? Waren Ihnen die demonstrativen Feierlichkeiten nicht stets wichtiger als die so oft beschworene Mitmenschlichkeit?

Was sagen Sie zu den Tatsachen, dass einstige Flüchtlinge auch 30 Jahre nach dem Mauerfall um Teile ihrer zugesagten Rente, Verfolgte um ihre Rehabilitation kämpfen müssen? Dass den Opfern der Diktatur eine „Soziale Zuwendung“ (17 Jahre nach der Einheit) ausgereicht wird, während DDR-Ministern, die im Einzelfall längstens 5 Monate im letzten Regierungs-Dienst waren, eine „Ehrenpension“ in doppelter Anfangshöhe der erwähnten sozialen Zuwendung gesetzlich zugesprochen wurde? Diese Minister-Ehrenpensionen erhöhen sich seit 2007 regelmäßig mit der Erhöhung der Bezüge von Bundesministern und sind sogar vererblich. Die soziale Zuwendung ist in 13 Jahren einmal um 50 Euro angehoben worden.

Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen?

Hätten Sie, vielfach geehrte Anwesende, gerade in Ihrer Funktion nicht aufgabengerechter, mitmenschlicher tätig werden können? Haben die Diktatur-Opfer, denen Sie letztlich Ihre Lebensstellung verdanken, nicht allen Ihren persönlichen Einsatz verdient? Haben Sie nicht mit der immer wieder zu hörenden bürokratischen Rechtfertigung, an „gesetzliche Vorgaben gebunden zu sein“, die Ihnen „leider die Hände binden“ nicht Ihre eigentliche Klientel verraten? Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen , der unbedingte Einsatz für jene Menschen, denen Sie Ihren Job, Ihre Position, denen wir ein wiedervereinigtes Vaterland verdanken?

Anfang der neunziger Jahre habe ich einen Repräsentanten des Innenministeriums gefragt, warum zur Gedenkfeier am 17. Juni nie ein Teilnehmer sprechen durfte. Die Antwort fiel nach einigem Zögern offen und ehrlich aus: „Wir wissen doch nicht, was der sagen würde.“

Heute durfte ich – wohl eher aus Versehen – zu Ihnen sprechen. Und Sie wissen jetzt, was ein Betroffener sagen würde, weil ich es hier und heute gesagt habe. Hoffentlich – ich bin noch immer ein unverbesserlicher Optimist – nicht völlig umsonst. Gehen Sie in sich. Und vergessen Sie beim anschließenden Sekt-Umtrunk nicht jene Menschen, die auch Ihnen in ihrer oft aufgekommenen Verzweiflung vertraut haben. Solange diese Menschen leben, können Sie für diese im Rahmen Ihrer Möglichkeiten und gewachsenen Beziehungen etwas tun. Danach, also wenn diese Menschen tot sind, bleibt Ihnen nur noch der unter diesen Umständen heuchlerisch wirkende Abwurf von Kränzen am 13. August oder 9. November.

V.i.S.d.P.: Der Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.482).

 

 

Berlin, im Oktober 2019/cw – Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung findet in Berlin an herausragender Stelle auch ein Festakt in „Geschlossener Gesellschaft“ statt, zu der insbesondere Akteure der Erinnerung eingeladen sind. Unserer Redaktion gelang es, vorab die geplante Rede des hauptamtlichen Akteurs zu erhalten, die wir exklusiv als wichtiges Dokument der Erinnerungs-Geschichte im Folgenden abdrucken.

„Exzellenzen,

Herr Präsident,

Frau Bundeskanzlerin,

Meine Damen und Herren Abgeordneten,

Hochverehrte Gäste,

– und nicht zu vergessen –

Werte Vertreter der Erinnerungsarbeit an Jene, deren wir heute besonders gedenken wollen,

wir f e i e r n heute einen Tag, den wir aus unser aller Leben nicht mehr streichen wollen, selbst wenn wir dies könnten: Vor 30 Jahren, d r e i ß i g , verehrte Anwesende, vor dreißig Jahren wurde jene Mauer geöffnet, die die einen als „antifaschistischen Schutzwall“ begriffen, die anderen als „Trennungsmauer der Schande“.

Für die Einen verwirklichte sich am legendären 9. November vor dreißig Jahren ein Traum, für die Anderen wurde ein Alptraum Wirklichkeit. Und   w i r , verehrte Anwesende, standen überwiegend zunächst als Zuschauer, nunmehr als wichtige Zeitzeugen inmitten des Geschehens und konnten nicht fassen, was da geschah.

Und nachdem wir die Fassung gefunden hatten, reihten wir uns ein in die Kolonne der Glücklichen, der Überglücklichen, feierten mit diesen immer als Brüder und Schwestern empfundenen Menschen über Nächte und Tage hinweg diesen „Glücksumstand der Geschichte“, wie es richtig ein großer Politiker dieser Zeit spontan und unvergesslich für uns alle so treffend formuliert hat.

Die Erinnerung nur zelebrieren? Joachim Gauck und Angela Merkel 2013 auf der Gedenkfeier zum 17. Juni 1953 – Foto: LyrAg

Stellvertretend für unser Volk

Wir alle, die wir hier stellvertretend für unser Volk zur Feier dieses unvergesslichen Tages versammelt sind, wir sind uns bewusst, welche unendlichen Erschwernisse vor uns lagen, die es zusätzlich zu beseitigen galt, um die durch den Mauerfall virulent gewordene Sehnsucht nach der Einheit unseres Landes, nach der so lang ersehnten Wiedervereinigung, nach einer berechtigten Beteiligung dieser erwähnten 9.November-Menschen in die Realität umzusetzen.

Was, verehrte Anwesende, war das für ein Kraftakt im wahrsten Sinne des Wortes. Wer daran, ob – erlauben Sie mir diese Metapher –ob „oben“ oder „unten“ daran mitgewirkt hat, hat sich unvergesslich in das Geschichtsbuch eingetragen. Diese unendliche Geschichte mühsamster Verhandlungen, durch Nächte, Tage, Wochen und Monate bleiben unvergesslich, haben sich als bleibender Verdienst in unsere Agenda eingetragen.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die oft mühsamen Austarierungen unterschiedlichster Interessen, die Einbindung in bereits vorhandene Strukturen, vielfältigen Ämter und Positionen. Ja, die Erlebnis-Zeugen der historischen November-Nacht und Akteure der Nach-Mauer-Zeit hatten einen unwiderruflichen Anspruch darauf. Waren wir nicht geradezu verpflichtet, diese so wichtige Mitwirkung an der Aufarbeitung der unausbleiblichen Folgen dieser unvergessenen Maueröffnung anzuerkennen, diese Zeitzeugen zu integrieren, in unseren bestehenden Apparat der Funktionen einzugliedern? Das war unser Dank an diese unterstützenden Zeugen des Mauerfalls, die zu Wegbereitern der Einheit wurden, die wir ein knappes Jahr später Dank dieser uneigennützigen Zeugenschaft endlich, endlich umsetzen konnten?

Natürlich haben wir in dieser Zeit auch die Menschen einbezogen, die in den vorausgegangenen Jahrzehnten so unendlich viele Mühen und Plagen auf sich genommen, oft ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder viele Jahre Gefängnis auf sich genommen hatten, um diese für unveränderlich gehaltene Spaltung unseres Landes zu überwinden. Wir haben dafür gesorgt, dass viele Institutionen, von Stiftungen bis zu Vereinen, geschaffen wurden, um die Erinnerung an diese mutigen Menschen aufrecht zu erhalten, diesen mit dieser permanenten Erinnerung ein ewiges Denkmal zu setzen.

Wertvolle Arbeit der Erinnerung

Was wäre diese Erinnerung wert, meine Damen und Herren, wenn wir nicht jede Möglichkeit und Chance nutzen würden, um dieser Menschen zu gedenken. Das tun wir mit unserer Veranstaltung auch hier und heute. Und Sie dürfen mit mir die Gewissheit teilen, dass diese Menschen auch unsere heutige Feier nicht nur als Dank für die wertvolle Arbeit der Erinnerung, die Sie, hochverehrte Anwesenden, in all den Jahren danach geleistet haben, verstehen sondern auch als Ausdruck der großartigen Wertschätzung der Verdienste dieser Menschen, ohne die wir heute und in Zukunft dieses Kapitel unserer Geschichte nicht feierlich und in gebührendem Rahmen begehen könnten.

Lassen Sie mich bitte auch ein Wort zu der am Rande vorgetragenen Kritik an dieser und/oder ähnlichen Veranstaltungen sagen. Kritik ist das Salz unserer Demokratie, nicht wahr? Und darum ordnen wir diese als überzeugte Demokraten auch entsprechend ein. Aber zum Recht auf Kritik gehört natürlich auch das Recht der maßvollen Entgegnung, auch das ein umgesetzter wertvoller Bestandteil unserer Nach-Mauer-Ära. Und hier frage ich denn diese Kritiker: Sollten wir denn Hunderttausende zu dieser Feier einladen? Schließlich gedenken wir hier dankbar dieser Hunderttausenden, ohne die wir hier nicht die Verwirklichung einstiger Träume feiern könnten. Lassen wir also die Kirche im Dorf, liebe Kritiker. Begnügen wir uns bescheiden mit dieser Feier im demokratischen Konsens, dass es nun einmal auch ein Merkmal dieser unserer Demokratie ist, es nicht allen recht machen zu können.

Erheben Sie mit mir das Glas auf unser Land, auf die, die es nach dem Mauerfall so gut gestaltet haben, auf Sie, die sich tagtäglich in Stiftungen und vielen Vereinen abmühen und abkämpfen, um der Arbeit der Vorkämpfer dieser Einheit eine stete Erinnerung zu bewahren.“

V.i.S.d.P.: Der Fest-Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.481).

 

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