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Berlin, 02.09.2019/cw – Die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni 1953 hat dem Journalisten und Schriftsteller Karl Wilhelm Fricke anlässlich seines 90. Geburtstages am 3. September die Goldene Ehrennadel des Vereins verliehen. Der nach dem Aufstand von 1953 gegründete Verein würdigt damit Frickes aktive Mitwirkung am Widerstand gegen die Zweite Deutsche Diktatur und damit seine Verdienste um die Deutsche Einheit.

Der Publizist Karl Wilhelm Fricke (*3.09.1929 Hoym) hat mehrere Standardwerke über den Widerstand und staatliche Repressionen in der DDR herausgegeben. Beim Deutschlandfunk war Fricke Redakteur für Ost-West-Angelegenheiten und prägte maßgeblich die politische Sendung „Hintergrund„.

Das Leben des hochbetagten Jubilars wurde maßgeblich durch den Umgang der Sowjetischen Besatzungsmacht mit seinem Vater Karl Oskar Fricke geprägt. Im Alter von sechzehn Jahren mußte er die Verhaftung des Vaters durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD erleben. 1950 wurde dieser im Rahmen der Waldheimer Prozesse zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, wo er 1952 im Zuchthaus Waldheim an den Folgen einer Ruhr- und Grippeepidemie verstarb.

Verweigerung der SED-Gefolgschaft

Geprägt von diesen Erfahrungen weigerte sich der Sohn, in die von der SED gesteuerte Freie Deutsche Jugend einzutreten. Nach dem Abitur hatte er durch sein Verhalten keine Chance auf ein Studium. Kurze Zeit arbeitete Karl Wilhelm Fricke an der Schule, an der schon sein Vater unterrichtet hatte, als Aushilfslehrer für Russisch. Erstmals wurde Fricke durch die Denunziation einer Kollegin am 22. Februar 1949 verhaftet. Der Vorwurf: Er habe sich SED-kritisch geäußert. Ihm gelang es jedoch, aus dem Polizeigewahrsam zu entkommen und über die innerdeutsche Grenze in den Westen zu fliehen.

Nach seiner Flucht studierte er zunächst bis 1953 in Wilhelmshaven an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft Politikwissenschaft, ehe er in West-Berlin  an der Freien Universität  das Studium fortsetzte und journalistisch zu arbeiten begann. Seine Beiträge für Presse und Rundfunk, in denen er unter anderem Informationen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen verarbeitete, widmeten sich vorwiegend der Verfolgung Oppositioneller in der DDR durch deren Justizorgane.

Entführung durch das MfS

Das MfS wurde auf ihn aufmerksam und beobachtete Frickes Publikationen sehr genau. Weil die Staatssicherheit diese als hochgradig schädlich für die DDR einstufte entschied sie schließlich, Fricke in einer geheimen Operation nach Ost-Berlin  zu entführen. In bekannter Perfidie setzte das MfS den vermeintlichen Journalisten „Kurt Maurer“ auf Fricke an, indem dieser geplant auf den vorgeblichen von der GESTAPO in ein KZ verbrachten ehemaligen Häftling stieß, der nach der vorbereiteten Legende nach dem Krieg vom NKWD im Speziallager Sachsenhausen inhaftiert worden war. Natürlich interessierte sich Fricke für diese komplexe Biografie und hielt deswegen lose Kontakt mit dem vermeintlichen DDR-Kenner und -Kritiker.

Auch hier musste Fricke für sein Freiheits-Engagement büßen: Bautzen II – Foto: LyrAg

Am 1. April 1955 wurde Fricke von Maurer und dessen Frau in deren Wohnung im Bezirk Schöneberg gelockt. Was der interessierte Gast nicht wußte: In Wirklichkeit hatte das MfS die Wohnung angemietet. Gastfreundlich bot die Ehefrau Fricke ein Glas mit „Scharlachberg-Meisterbrand“ an, in dem sie zuvor Schlaftabletten aufgelöst hatte. Schon bald fühlte sich Fricke unwohl und wollte ein Taxi rufen, verlor aber schnell das Bewusstsein. Danach wurde Fricke nach Ost-Berlin entführt. Er gehörte damit zu mehreren hundert Personen, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gewaltsam in die DDR entführte.

Kurt Maurer hatte Fricke zwar nicht über seine eigene Biografie belogen, jedoch seinen Namen verändert: Er hieß in Wirklichkeit Kurt Rittwagen. Das MfS führte Rittwagen/Maurer als Mitarbeiter IM  „Fritz“. Fricke selbst, damals gerade 25 Jahre alt, wurde beim MfS unter dem Code-Namen „Student“ geführt. Drei Tage vor der Entführung hatte ein „Hptm. Buchholz“ die dafür entscheidende Einschätzung in einer Aktennotiz des MfS festgehalten:

Betr: Fricke. Die feindliche Tätigkeit von Fricke besteht darin, dass er durch Personen aus der DDR Unterlagen und Material über führende Funktionäre der Partei, Wirtschaft und Verwaltung erhält. […] Des Weiteren schreibt Fricke Artikel für die westdeutsche Presse. Durch die Festnahme Frickes soll erreicht werden, die Methoden unserer Feinde erkennen zu lernen, mit denen es ihnen teilweise gelungen ist, in den Besitz des oben geschilderten Materials zu kommen.“

Nach DDR-Haft unermüdliche Weiterarbeit an der Aufklärung

Der Entführung folgten 15 Monate lang Verhöre im zentralen Untersuchungsgefängnis des MfS in Berlin-Hohenschönhausen. Karl Wilhelm Fricke war die meiste Zeit in einer Einzelzelle des U-Boots ohne natürliches Licht im Keller des Gebäudes untergebracht. Schließlich verurteilte das Oberste Gericht der DDR Fricke in einem Geheimprozess im Juli 1956 wegen “Kriegs- und Boykotthetze“ zunächst zu 15, dann zu vier Jahren Zuchthaus. Der Entführte mußte seine Haft im Zuchthaus Brandenburg-Görden und in der Sonderhaftanstalt Bautzen II in Einzelhaft verbüßen.

1959 wurde Fricke entlassen und nahm in Hamburg  seine Arbeit als freier Journalist und Publizist wieder auf. 1970 wurde er in Köln (bis 1994) leitender Redakteur beim Deutschlandfunk. Das MfS der DDR beobachtete Fricke allerdings weiterhin. So heißt es in einem internen MfS-Papier noch 1985:

Papst für Widerstand und Opposition

 Fricke fungiert beim ‚Deutschlandfunk‘ als Leiter der ‚Ost-West-Redaktion‘. In seinen Beiträgen und Kommentaren verleumdet und entstellt er die politischen Verhältnisse in der DDR (Partei- und Staatsführung, Justiz und Strafvollzug). Seine Bücher über das MfS verfolgen das Ziel, das sozialistische Sicherheitsorgan der DDR international zu diskreditieren.

Der DDR-Forscher Johannes Kuppe, Schüler von Peter Christian Ludz und später Kollege Frickes beim Deutschlandfunk, nannte Fricke den „Papst für Widerstand und Opposition und Unterdrückung. Fricke hat das Thema Repression in der DDR tatsächlich allein abgedeckt. Was zu sagen war, hat Fricke publiziert.“ Die Bücher des Jubilars gelten heute als Standardwerke in den Bereichen Widerstand und Opposition in der DDR, Strafjustiz und Staatssicherheit.

Fricke war nach dem Ende seiner berufliche Laufbahn u.a. langjähriger Vorsitzender des Beirats der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sowie des Fachbeirates Gesellschaftliche Aufarbeitung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als Sachverständiger wirkte Fricke in den 90er Jahren in zwei Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages, die die Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland und die Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit behandelten.

Von Burkhart Veigel gestiftet: Karl-Wilhelm-Fricke-Preis

1996 verlieh ihm die Freie Universität Berlin  die Ehrendoktorwürde für seine Beiträge zur Geschichte des Widerstandes in der DDR; 2001 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Der Förderverein der Gedenkstätte Berlin‑Hohenschönhausen ehrte den rastlosen Publizisten 2010 mit dem Hohenschönhausen-Preis.  Nachdem der Arzt und langjährige Fluchthelfer Burkhart Veigel einen mit 20.000 Euro dotierten Preis für Verdienste um den Widerstand gegen die DDR gestiftet hatte, wurde dieser nach Fricke benannt. Er erhielt diese hohe Auszeichnung, die alljährlich von der Bundesstiftung Aufarbeitung verliehen wird, als erster Preisträger im Juni 2017.

Von dieser Stelle gehen alle guten Wünsche für Gesundheit und Wohlergehen an den Jubilar, verbunden mit dem Dank an einen wirklich Aufrechten, der für seine Überzeugungen das Leid tausender Verfolgter teilte und beispielhaft gegen das Vergessen anschrieb.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.473).

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