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Weil der Stadt/Berlin, 30.07.2019/cw – Heut erreichte uns die traurige Nachricht von ihrem Ableben: Rosel Werl, *1951 † 25.07.2019. Auch sie hat den Kampf mit dem tückischen Krebs verloren.

Bis zuletzt stand die Aufrechte an der Seite ihrer Kameradinnen aus dem berüchtigten DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck, in dem auch sie nach vergeblichen Ausreiseanträgen einen Teil ihres Lebens verbringen mußte. Noch Februar d.J. wohnte sie trotz ihrer Krankheit der maßgeblich von ihr betriebenen Einweihungsfeier für eine Gedenktafel auf dem Friedhof in Chemnitz bei. Die Namenstafel erinnert an die 136 Menschen, die zwischen 1950 und 1954 in den DDR-Haftanstalten Waldheim und Hoheneck verstarben und anschließend anonym beigesetzt wurden. Nach dem Ende der DDR waren auf dem Boden der Kapelle Urnen mit sterbliche Überresten von Frauen aus Hoheneck gefunden worden, denen das DDR-Regime eine letzte Ruhe verweigert hatte.

Führung in Hoheneck: Rosel Werl (1..v.re) 2013 – Foto: LyrAg

Der Liebe wegen wollte sie die DDR verlassen

Die in Altersbach/Thüringen geborene Rosel Werl machte nach dem Besuch der zehntklassigen gen Polytechnischen Oberschule (1957 – 1967) eine Ausbildung zur Industriekauffrau und war danach als Materialsachbearbeiterin tätig. Während eines Urlaubs in Ungarn lernte die Thüringerin 1978 einen Mann aus Westdeutschland kennen und verliebte sich in ihn. Mehrere Ausreiseanträge, die sie ab 1981 stellte, um den geliebten Mann heiraten zu können, wurden abgelehnt. Auch Hilferufe in Form von Schreiben an die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen in Bonn, den bekannten Ost-West-Vermittler und Rechtsanwalt Wolfgang Vogel sowie den damaligen Innenminister der DDR blieben ohne Ergebnis.

Wegen des Vorwurfs „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ wurde die jetzt Verstorbene schließlich im Juni 1982 verhaftet und zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Nach dem Urteil wurde sie nach Hoheneck transportiert. Im August 1983 konnte sie bereits von der Bundesrepublik freigekauft werden. Rosel Werl wählte als neue Heimat Baden-Württemberg, wo sie 1984 endlich heiraten konnte. 1985 brachte sie ihren Sohn zur Welt und war danach bis zu ihrem Ruhestand (2016) in vielen Bereiche als Sekretärin tätig.

Im Buch „Der dunkle Ort“ wurde auch die Haft von Rosel Werl (Auf dem Cover unten, von re. an zweiter Stelle) beschrieben.

Nachdem Werl bereits 1987 dem seinerzeit größte und ältesten Opferverband, der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) beigetreten war, zögerte sie nicht, 1996 dem gegründeten Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen beizutreten. Hier war sie bis zum unerwarteten Zerwürfnis der Frauen im Vorstand tätig und bis zuletzt bemüht, die geschrumpfte Anzahl einstiger engagierter Mitglieder zusammenzuhalten.

Mit Rosel Werl verliert die Opfer-Szene der DDR/SED-Diktatur einen weiteren wichtigen Menschen in dem noch nicht beendeten Kampf um Anerkennung und Rehabilitierung erlittener Leiden. Mit ihr hat uns eine Unentwegte verlassen, die nie an ihrer persönlichen Verantwortung für Jene gezweifelt hat, die auf die Vertretung ihrer Interessen gegenüber den Institutionen mangels eigener Möglichkeiten angewiesen waren.

Wir haben Rosel Werl um 2008 als eine engagierte, wenn auch stets bescheiden auftretende Frau kennen und schätzen gelernt. Wir werden sie nicht vergessen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 176-48061953 (1.444)

Berlin, 30.07.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (2 – Teil 1 siehe 29.07.2019).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Die JUNGE UNION Berlin hatte zu einem Protestmarsch gegen die Berliner Mauer aufgerufen. Es war die erste Demonstration gegen die Mauer, an der ich teilnahm. Ich war in Hamburg Mitglied der JU geworden und freute mich, dass die JUNGE UNION in Berlin Flagge zeigen wollte.

Wir sammelten uns in den Abendstunden des – nach meiner Erinnerung – 22.November 1961 am Ernst-Reuter-Platz. Es waren erstaunlich viele junge Menschen erschienen. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung. Erstaunlicherweise aber nicht zum Brandenburger Tor sondern in Richtung Theodor-Heuss-Platz. Schon bald fing ich an, gegen diese Zielrichtung laut zu mosern: „Wir demonstrieren gegen die Mauer – warum marschieren wir dann nicht an die Mauer?“

Protest: „Halten Sie den Mund!“

Einem Ordner wurde das wohl zu viel. Er herrschte mich ziemlich rüde an, ich solle meinen Mund halten. Frage zurück: „Sind wir schon in Ost-Berlin? Ich dachte, hier könnten wir unsere Meinung kund tun?“ Nachdem Zustimmung laut wurde, bat mich der Ordner, wenigstes etwas leiser zu sein.

Am Theodor-Heuss-Platz, dem früheren Reichskanzlerplatz angekommen, begann an der „Flamme der Einheit“ die Kundgebung. Dort war nach dem 17. Juni 1953 ein Block mit der Inschrift „Einigkeit, Recht, Freiheit“ aufgestellt worden. Aus einer Schale loderte eine Flamme, die so lange brennen sollte, bis die Einheit in Frieden und Freiheit wiederhergestellt sein würde.

Nach dem Vorsitzenden der Jungen Union sprach der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin und frühere Minister für Gesamtdeutsche Fragen, der hoch angesehen Ernst Lemmer, mit aufrüttelnden Worten zu den ca. 2.000 Anwesenden. Doch nach dem Absingen der Nationalhymne und dem offiziellen Ende der Demonstration blieben die Demonstranten stehen, als warteten sie auf etwas.

Wir gerieten in unserem Kreis in eine kurze Diskussion, wobei ich wieder monierte, dass diese Kundgebung in der Bernauer Straße oder vor dem Brandenburger Tot hätte stattfinden sollen. Ein junges Mädchen, später stellte sich heraus, dass diese eine frühere Schulkameradin von mir in der Droste-Hülshoff-Schule in Zehlendorf war, erklärte uns, wir müssten etwas tun, sonst würde niemand reagieren. „Was denn?“ fragte ich. „Na, wir könnten rufen: An die Mauer!“ erwiderte sie. An den Familiennamen kann ich mich heute noch erinnern, Schwennicke, leider nicht mehr an ihren Vornamen. Franziska?

„An die Mauer! Die Mauer!“

Also riefen wir im zunächst kleinen Chor: „An die Mauer – an die Mauer!“ Gleich einer Welle pflanzte sich der Ruf fort. Zweitausend Menschen riefen: „An die Mauer!“, aber keiner bewegte sich. „Wenn wir nicht losgehen, tut sich nichts,“ sagte Franziska. So machten wir uns auf den Weg zurück in Richtung Ernst-Reuter-Platz. Und tatsächlich folgten die meisten Teilnehmer. Es war mit 17 Jahren meine erste Lehrstunde in Sachen Gruppendynamik.

Wir waren erst wenige hundert Meter gelaufen, als die ersten blauen Lichter von Polizeifahrzeugen auftauchten. Lautsprecher tönten: „Diese Kundegebung ist nicht erlaubt. Bitte, gehen Sie nach Hause. Lösen Sie diese Demonstration sofort auf!“ Natürlich taten wir das nicht. Nur vereinzelt bemerkten wir Jugendliche, die die Fahrbahn verließen.

Wer über die Mauer wollte, riskierte sein Leben oder wurde zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Auf dem Foto das berüchtigte DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck – Foto: LyrAg

Am Ernst-Reuter-Platz angekommen, wurden wir von einem Aufgebot der Polizei empfangen. Die Straße des 17. Juni war offensichtlich mit Polizeifahrzeugen abgesperrt. Spontan ließen wir uns auf der Fahrbahn rund um den Platz nieder: Sitzstreik! Wir skandierten: „Die Mauer muß weg“ und „Auf zur Mauer.“  Wieder erfolgten Lautsprecherdurchsagen, die „ungenehmigte Demonstration“ aufzulösen, was zunehmend auf höhnisches Gelächter stieß.

Nach etwa einer Stunde erfolgte die nicht nur mich tief erschütternde Antwort: „Knüppel frei!“ Erstmals schlugen Westberliner Polizeibeamte auf jugendliche Demonstranten ein, die mit einem Sitzstreik gegen die Berliner Mauer protestieren wollten. Wir sprangen auf, um der Knüppel-Orgie zu entgehen. Wenige riefen sich zu: „Bahnhof Zoo!“

Brutaler Knüppel-Einsatz

Als ich am Bahnhof Zoo ankam, bemerkte ich ein Pärchen in heftiger Diskussion. Hinter dem jungen Mann näherte sich ein Polizist. Kurz hinter diesem angekommen, holte der Polizist aus und schlug mit einem Gummi-Knüppel auf den Debattierenden ein, der sofort zu Boden ging. Erschrocken suchte ich das Weite, nachdem ich mich mit einigen Wenigen verständigt hatte, uns an der Kochstraße nahe dem Checkpoint Charlie, also an der Mauer, treffen zu wollen.

Gerade hatte ich die U-Bahn an der Kochstraße verlassen, hatten wir kaum Zeit, uns zum Zwecke einer Demonstration zu verabreden. Mit aufheulendem Motor nahten mehrere HANOMAG-Mannschaftswagen der Polizei. Diese bremsten ab, die Klappen fieln herunter und eine „wilde Meute“ Uniformierter sprang von den Ladeflächen und knüppelte auf vermeintliche oder tatsächliche Demonstranten ein.

Nachdem ich dieser Szenerie gegen Mauerdemonstranten entflohen war, setzte ich mich Tage später hin, um Anzeige gegen die beteiligten Beamten zu erstatten. Vor allem beschrieb ich auch die erlebte Szene am Bahnhof Zoo, die ich für völlig ungerechtfertigt hielt. Diese Anzeige gab ich auch der Presse zur Kenntnis, die teilweise darüber berichtete. Die um einige Monate verzögerte Amtsübergabe im Amt des Polizeipräsidenten führte ich auf die der Anzeige folgenden angekündigten Untersuchungen der Vorfälle zurück, denn der damalige Einsatzleiter Erich Duensing (* 1905 † 9.05.1982) sollte Nachfolger von Johannes Stumm (*1897 † 1978) werden.

Auch rückblickend blieb dieser brutale Einsatz gegen Protestler gegen die Mauer für mich schockierend. Erstmals registrierte ich real den Unterschied zwischen großen Worte der Politik und den tatsächlichen Gegebenheiten.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.443)

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