Berlin, 19.10.2018/cw – Als er vor sieben Jahren für viele überraschend Chef der Stasi-Aufklärungsbehörde wurde, erklärte Roland Jahn: „Ich bin einer von Euch!“ Er wollte wohl damit signalisieren, dass er sich den einstigen Widerständlern gegen die obrigkeitsstaatliche SED-Diktatur und den Opfern der DDR-Stasi-Justiz nach wie vor verbunden fühle. Dies wurde vielfach als „Programm“ des Neuen verstanden.

Seither haben sich einige Paradigmen wohl auch bei Roland Jahn verändert. Man könnte es auch als Anpassung bezeichnen, eine Eigenschaft, die einst auch von Jahn heftig kritisiert wurde. Aber da kämpfte er noch in der DDR mit Gleichgesinnten um jeden Zentimeter Freiraum.

Roland Jahn auf dem Ehrenfriedhof für die Opfer des 17. Juni 1953
– Foto: LyrAg

Jetzt erklärte der sich auch als Bürgerrechtler verstehende Roland Jahn seinen Austritt aus dem Förderverein Hohenschönhausen. Dieser habe mit der Wahl des neuen Vorstandes am vergangenen Montag „den antiautoritären Konsens“ verlassen, sei „AfD-lastig“ und im Übrigen von dem zurückgetretenen Jörg Kürschner dominiert, der als Journalist – welch ein Vorwurf – auch in der rechten Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT schreibe. Zur Erinnerung: Das Bundesverfassungsgericht lehnte nach einem bald zahnjährigen Rechtsstreit die Beobachtung der JF durch das Bundesamt für Verfassungsschutz ab; seither wurde die Wochenzeitung u.a. auch im Deutschen Bundestag ausgelegt.

Über die Motive Jahns wie seiner beispielgebenden Vor-Austreter kann hier nur ähnlich spekuliert werden wie über die einstweilen noch unklaren Motive der Absetzung des Gedenkstättenleiters Hubertus Knabe, mit dem sich nicht nur Roland Jahn bis dahin gerne in der Öffentlichkeit gezeigt hatte.

Dieser Rücktritt wird unter den einst Verfolgten der Zweiten Deutschen Diktatur breite Enttäuschung auslösen. Jahn ist nicht Irgendwer, er wurde bislang als einer der ihren verstanden. Statt sein Ansehen und seine erlangte Position zu nutzen, um seine Stimme in den ausgebrochenen Diskurs einzubringen, für die Belange der einst verfolgten seine Stimme zu erheben, hängt sich der Stasi-Aufklärungs-Chef an den Zug der Angepassten, die sich aus – sicherlich unterschiedlichen – Motiven auf die Seite der Etablierten geschlagen haben, weil sie offenbar mehr zu verteidigen haben, als „nur“ ihre Glaubwürdigkeit. Schade.

„Einer von Euch?“ Wohl ein im Nachklang bitterer Satz für die Geschichtsbücher.

Nachtrag (20.10.2018): Der Historiker Klaus Schröder vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin im DLF-Interview zum Austritt von Roland Jahn aus dem Förderverein: https://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?audioMode=2&audioID=4&state%5BlaunchMode%5D=4&state%5BlaunchModeState%5D%5Bsuche%5D%5BsearchTerm%5D=Klaus+Schroeder -19.10.2018, 17:51 Uhr, KULTUR heute.

https://www.deutschlandfunk.de/podcast-kultur-heute-beitraege.692.de.podcast

https://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2018/10/19/deutungshoheit_um_gedenkstaette_hohenschoenhausen_klaus_dlf_20181019_1751_022d2372.mp3

Und Roland Jahn zu seinem Austritt aus dem Förderverein, Sendung vom 19.10.2018:

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6 Kommentare

Geschichte wiederholt sich. Aufgearbeitet werden muss das ganze Leid, denn die Verbrechen in der DDR waren komplex wie die im Dritten Reich auch. In beiden Systemen waren Frauen und Männer oben, die oft gar nicht mal in der NSDAP oder SED waren, bei der Gestapo, der Stasi, aber willfährig mitmachten, eben auch, weil der Staat ihnen Freiraum schaffte:
Zwangssterilisierung, Zwangsabtreibung, Zwangsadoption, Zwangsmedikamentierung. Dass die Verbrechen der Ärzte, Pfleger, die gegen den hypokratischen Eid, den „Nürnberger Kodex“ handelten und handeln, nicht gesehen werden, die Herrenmenschenhaltung dahinter, das ist schon bestürzend. Und wie nach dem Dritten Reich auch blieben wohl viele Funktionäre oben. Was Zwang angeht: Der kann auch eine starke Nötigung sein.
Ich kann nicht beurteilen, ob Herr Jahn sich wirklich einsetzt, denn wenn man Teil des Systems ist, in dem noch die aus dem System sind, dann wird nicht so aufgeklärt und gekämpft, wie es sein müsste.
Eine Lobby hatten viele im Dritten Reich auch nicht, was dann Norbert Lammert vor zwei Jahren empörend fand: Euthanasieverbrechen.
Wie es sein kann, dass formaljuristisch die Zwangsadoptionen für Recht erklärt wurden, das ist doch ungeheuerlich.
Nächstes Jahr wird gefeiert. Wolf Biermann singt dann nur die Linken wieder an, von denen ja einige gar keine Täter sind und die von der CDU sind die Christlichen. „Brut“ sang er. Norbert Lammert freute sich.
Das ist mir alles sehr unangenehm in Erinnerung, wobei er bei vielen ja wohl nicht Unrecht hat.
Wenn Gregor Gysi die „Goldene Henne“ bekommt, ist das wie mit dem Bambi, den auch viele bekommen, die wohl in jedem Systems Preis abstauben. Sehr verdächtig.

Zeitverzögert vollzieht hier Roland Jahn leider nur die bestehende Spaltung in der Gesellschaft nach. Wie die Wahl des HSH-Buchhändlers jetzt den Antitotalitären Konsens verletzt, weil Hilsberg nicht kandidieren wollte, kann man in Praschls Erklärung nur zwischen den Zeilen lesen. Als Lukas Beckmann noch Kopierer für die DDR-Oppposition schmuggelte, waren wir die Guten. Diktaturanalye ertrinkt jetzt im Zeitgeistnebel. Gegen Rechts wird kaum noch sachlich argumentiert. Es geht nicht mehr darum, ob jemand etwas Falsches sagt, sondern ob der Falsche etwas sagt. Farewell!

Wer nicht akzeptieren will, wie Demokratie real funktioniert, gehört auch nicht zu uns!!! Wir sollten seinen Schritt „ohne Bedauern“ zur Kenntnis nehmen. Jahn zeigt sich hier als typischer Vertreter der Aufarbeitungsindustrie .

Der Rücktritt von Roland Jahn löst bei mir nicht Enttäuschung sondern Abscheu aus! Roland Jahn glaubt anscheinend in der Aufarbeitungsindustrie so gut angekommen zu sein, dass er es sich herausnehmen kann, anders als er Denkende ideologisch ausgrenzen zu dürfen. Keiner mehr von uns!

Es ist der bisher einzigste Rücktritt aus dem Förderverein Hohenschönhausen, der wirklich traurig und wehmütig macht bei denjenigen, die bis heute glaubten, dass der Kampf gegen das SED-Regime nicht vergeblich war. Die aktuelle Politikentwicklung hierzulande und der physische Zustand der Opferorganisationen der zweiten deutschen Diktatur lässt uns jedoch mehr denn je daran zweifeln…

Roland Jahn hat sich verhalten, wie er sich verhalten hat. Er hat kürzlich von der Uni Jena einen EHREN – DOKTOR (h.c.) der VERHALTENSWISSENSCHAFTEN erhalten.


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