Berlin, 9.11.2016/cw – Sie werden übersehen, gehen im Jubel der Maueröffnung vor 27 Jahren oder auch der Trauer um die Toten an der Mauer unter: Die Toten der Teilung Deutschlands zwischen 1948 und 1961. In diesem Zeitraum kamen allein in der faktisch bereits seit der Blockade geteilten Hauptstadt im Grenzgebiet mindestens 39 Menschen ums Leben.

Deren Schicksale werden jetzt in einem Buch der Autoren Gerhard Sälter, Johanna Dietrich und Fabian Kuhn („Die vergessenen Toten“, Okt.2016, Ch.Links-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-86153-933-9) vorgestellt. Zu den Menschen, die für „die Durchsetzung der neuen gesellschaftlichen Ordnung in Ostdeutschland (SbZ/DDR) und die Festigung der Macht der SED geopfert wurden“ lagen teilweise nur spärliche Informationen vor. Die Autoren beschreiben anschaulich den Forschungsstand zum Zeitpunkt der eigenen Recherchen. Danach wurden erst nach dem Mauerbau im August 1961 geradezu akribisch alle Todesopfer im Zusammenhang mit der Grenzziehung erfaßt. Davor war die Registrierung eher zufällig, also nicht systematisch, und darüber hinaus waren viele Daten auch bereits vernichtet, standen also für das Buchprojekt nicht mehr zur Verfügung.

die-vergessenen-toten_2Einzig die Arbeitsgemeinschaft 13.August bezog auch diese Todesfälle in die jährlich vorgelegte und aktualisierte Opferliste der Teilung ein, ohne allerdings, wie nicht nur die Autoren anmerken, diese Todesfälle im Einzelnen wissenschaftlich nachprüfbar zu unterlegen.

Auch die Autoren standen vor schier unlösbaren Aufgaben in der Aufspürung und Verfolgung von Lebenslinien (Biografien) und Umständen, die dann zu den hier aufgelisteten Todesfällen führten. Daher füllt die Geschichte von Arthur Pokrzywinski (1906), der am 14.Juli 1951 zwischen Schönefeld (Ost-Berlin) und Rudow (West-Berlin) erschossen wurde (S.121) gerade einmal eine dreiviertel Seite, während die Geschichte von Walter Heinicke (1903), erschossen am 30.April 1951 nahe dem Grenzübergang Dreilinden rund fünf Seiten belegt (S.116-120).

In straff gegliederten Vorkapiteln wird die Vorgehensweise der Autoren bzw. werden die Voraussetzungen zur Erarbeitung dieses zweifellos wichtigen Buches geschildert: In der Einleitung Forschungsstand, Kategorienbildung, Untersuchungszeitraum und Vorgehensweise. Im Ersten Kapitel wird die politische Situation beschrieben: Das Grenzregime der DDR an den Berliner Grenzen, die politische Teilung Berlins nach dem Krieg (1) bis hin zu den Weisungen zum Einsatz von Schusswaffen (6).

Zum Tag des Mauerfalls schmückte die Vereinigung 17.Juni die Mauerkreuze am Reichstag mit Rosen - Foto: LyrAg

Zum Tag des Mauerfalls schmückte die Vereinigung 17.Juni die Mauerkreuze am Reichstag mit Rosen – Foto: LyrAg

Erst ab dem Zweiten Kapitel (S.97) folgt die Schilderung der einzelnen Biografien, was bedauerlich erscheint, weil die vergessenen Toten sicherlich vom Leser am Anfang erwartet werden. Die Geschichtliche Einbettung dieser teilweise dramatischen, manchmal auch sehr banal wirkenden Todesfälle erwartet der Leser eher als Ergänzung im Anhang. Hier wäre eine inhaltliche Umkehrung der vorgelegten Strukturierung durchaus empfehlenswert gewesen.

Unabhängig von dieser kleinen kritischen Anmerkung ist den Autoren und ihrem Verlag eine eindrucksvolle, streckenweise bewegende und wichtige Ergänzung zur Teilungsgeschichte Berlins gelungen. Hervorgehoben werden müssen auch die akribisch angeführten Quellenangaben (Fußnoten), die die Seriosität der vorgelegten Ergebnisse belegen.

Das Buch wird am kommenden Dienstag, 15.November 2016, 19:00 Uhr in der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße 119 (Besucherzentrum) der Öffentlichkeit vorgestellt. Unter der Moderation des Direktors der Stiftung Berliner Mauer, Prof. Dr. Axel Klausmeier, werden Dr. Gerhard Sälter (Autor und Projektleiter), Dr. Jens Schöne (LStU Berlin) und Prof. Dr. Michael Lemke (Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam) über das Projekt debattieren.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin –Tel.: 030-30207785 (1.172)