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Von Horst Schüler*

Am 19. Oktober 2016 ist Bernhard Schulz in Vaihingen, nahe Stuttgart verstorben. Der 1926 im schlesischen Lauban geborene Schulz gehörte zu den wenigen noch lebenden Deutschen des Lagers 10, 29. Schacht, der Gulag-Strafregion Workuta.

Am 4.9.1947 war er mit seiner späteren Frau Edith „Ditha“ in Potsdam verhaftet und beide nach über 2 Jahren Haft in Dresden zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt worden. Beide kamen nach Workuta. Als am 1. August 1953 im Lager 10 der Aufstand der Häftlinge blutig niedergeschlagen wurde – 64 Tote – zählte Bernhard Schulz zu den vielen hundert schwer Verwundeten.

Im Oktober 1955 wurde er in die BRD entlassen. Für seine lange Haftzeit wurde Bernhard Schulz im Jahr 1996 von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Wir trauern wieder um einen guten Kameraden.

* Der Autor (92) ist Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta und Ehrenvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG)

V.i.S.d.P.: Lagergemeinschaft Workuta – http://www.workuta.de/aktuelles/index.html

Moskau:                                                                                       Namen der Stalin-Opfer wurden öffentlich verlesen

Von Jekaterina Sineltschtschikowa

Moskau, 1.11.2016 – Am 29. Oktober trafen sich viele Moskauer am Solowezki-Stein, dem Hauptdenkmal für die Stalin-Opfer, und verlasen die Namen der Ermordeten. Viele ehrten so ihre verstorbenen Verwandten, andere wollten ein politisches Zeichen setzen. Alle aber vereint die Hoffnung, dass so die gesellschaftliche Rehabilitierung Stalins gestoppt werden kann.

Vorname, Nachname, Alter, Beruf und Datum der Erschießung: Im Zentrum Moskaus lasen Menschen zwölf Stunden lang die Namen der Opfer der Stalin-Diktatur vor. Die Veranstaltung „Return of the Names“ findet nun seit zehn Jahren jährlich am 29. Oktober statt. Freiwillige lesen dabei die Namen all jener vor, die in der Zeit der Stalinschen Säuberungen zwischen dem Ende der 1920er-Jahre und dem Beginn der 1950er-Jahre heimlich erschossen wurden. So möchten russische Bürger das Andenken an Tausende von sowjetischen Ingenieuren, Ärzten, Lehrern und Arbeitern bewahren, die aus ihren Wohnungen verschleppt wurden und für immer verschwanden.

„Der totalitäre Staat hat nicht nur Menschen umgebracht. Er versuchte, ihre Namen aus der Geschichte zu streichen und jegliche Erinnerung an sie zu löschen. Die Rückkehr der Namen, die Rückkehr des Andenkens an die Belogenen und die Ermordeten – das ist unsere Meinung zur Diktatur und unser Schritt zur Freiheit“, so die Organisatoren der Bewegung von der internationalen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in einem Statement.

Mehr als 40 000 Namen stehen auf der Liste, bisher konnten jedoch nur etwa die Hälfte verlesen werden. Jedes Jahr im Vorfeld des offiziellen Gedenktages versammeln sich Menschen am Solowezki-Stein, dem Hauptdenkmal für die Stalin-Opfer. Es befindet sich auf dem Lubjanka-Platz, vor dem Hauptsymbol der Repressionen, dem Gebäude für Staatsicherheit, in dem sich heute das FSB-Hauptquartier befindet. Sie stehen zwei bis vier Stunden an, um am Mikrofon Namen vorlesen zu können.

„Die weltweit sinnvollste Schlange“

In diesem Jahr konnten mehr Teilnehmer verzeichnet werden als im vergangenen Jahr. Die Menschen stehen eine lange Zeit in Stille und lesen dann die von den Organisatoren verteilten Namen. Danach gehen sie, um im nächsten Jahr wiederzukehren.

Ende Oktober liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Teilnehmer stört das nicht: Sie ziehen sich einfach wärmer an. Die Warteschlange bezeichnen sie als die „weltweit sinnvollste“.

„In der Schlange sagte eine schwangere Frau, dass sie entweder erstarren oder gleich hier gebären würde. Am gruseligsten klingen Namen und Daten der Erschießung, wenn sie von Kindern vorgelesen werden“, schreibt Marina Dedales, eine der Teilnehmerinnen.

Ein anderer Teilnehmer, Michail Danilow, erinnert sich, wie er als Kind mit seinen Eltern ein Ferienzentrum bei Schtscherbinka, einem Außenbezirk Moskaus, besuchte. „Wir sind in einem kleinen See schwimmen gegangen. Damals wussten wir nicht, dass sich in nur wenigen Hundert Metern auf dem Butowo-Poligon zugeschüttete Gräben mit Tausenden von erschossenen Menschen befanden.“

Gulags bekommen wieder Aufmerksamkeit

Der Gulag als System der Lagerhaftanstalt habe keinen Weg in die neue postsowjetische Identität gefunden, schreibt der Journalist Oleg Kaschin. „Russland der 1990er- und 2000er-Jahre experimentierte mit „Einwilligung und Versöhnung“. Es entstand eine neue nationale Identität, die auf dem Großen Vaterländischen Krieg von 1941 bis 1945 basiert. Mit dem Gulag wollte man einschüchtern, jedoch nur im kommunistischen Kontext – die „Roten“ durften nicht wieder an die Macht kommen. Es galt als uninteressant, darüber nachzudenken und es gar zu beweinen.“

Das Thema Gulag ist heute aber wieder aktuell. Die Zahl der politischen Gefangenen in Russland habe sich 2016 laut Angaben von „Memorial“ verdoppelt. Auch wenn die absolute Zahl mit „nur“ 100 Menschen mit Stalins Herrschaft nicht vergleichbar sei.

Laut Teilnehmerin Jekaterina Mamontowa ziehe es immer mehr Menschen zum Solowezki-Stein, da der politische Druck erhöht werde, der Tyrann Stalin Denkmäler erhalte und seine Verbrechen mit der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt würden. „Man muss nicht weit gehen. Ich habe erst im letzten Jahr verstanden, wie wichtig es ist, heute hinzugehen. Das ist nicht nur eine Aktion des Ausdrucks der Trauer, sondern ein Bürgerprotest gegen die Rehabilitierung Stalins“, sagt die junge Frau.

„Diejenigen, die hier herkommen, glauben, dass es ohne öffentliche Reue für die Verbrechen des sowjetischen Regimes für Russland keine Zukunft geben kann. Für manche ist eine Zeile in der „Memorial“-Liste das einzige, was von ihren Urgroßvätern übrig ist“, sagt Igor Kononko, der an einer ähnlichen Aktion in London teilnimmt. „Im Jahr 2014 kam ich das erste Mal zu „Return of the Names“. Auf dem Weg habe ich die Listen gelesen und fand meinen Urgroßvater Nikolai. Ich weiß nicht, wie ich die Zeilen in einen Menschen umwandeln soll.“

V.i.S.d.P.: RUSSIA BEYOUND THE HEADLINES –

http://de.rbth.com/gesellschaft/2016/11/01/moskau-namen-der-stalin-opfer-werden-offentlichverlesen_644189

 

Berlin, 3.11.2016/cw – Er ist der erste russische Oppositionelle, der wegen mehrerer Einzelproteste nach dem verschärften Demonstrationsrecht zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt wurde: Ildar Dadin (34). Mitte September wurde Dadin nach Segescha im Nordwesten Russlands nahe der finnischen Grenze in das Straflager Nr.7 verbracht. In diese Strafkolonie war bereits der berühmte Kremlkritiker Michail Chodorkowski verbannt.

In einem Brief an seine Frau, den diese jetzt der Öffentlichkeit zugänglich machte, schildert der Bürgerrechtler die unhaltbaren Zustände: Einen Tag nach seiner Ankunft im Lager hätten ihn zehn bis zwölf Personen in Anwesenheit des Gefängnisdirektors insgesamt vier mal am Tag zusammengeschlagen und anschließend seinen Kopf in die Toilettenschüssel der Zelle gedrückt.

Nachdem Dadin aus Protest gegen die Einzelhaft in den Hungerstreik getreten war, wurde er mit Vergewaltigung durch eine anderen Lagerinsassen bedroht, wenn er seinen Streik nicht beende. „Am meisten fürchte ich, dass ich die Folter nicht mehr ertragen kann und aufgebe“, schildert er seiner Frau die prekäre Situation, die ihrerseits um das Leben ihres Mannes fürchtet.

Proteste in aller Welt                              

Am morgigen Samstag, 5. November, wollen Menschen in aller Welt für Ildar Dadin auf die Straße gehen und für seine Freilassung demonstrieren. In Berlin organisiert der Menschenrechtler und ehemalige politische Häftling in der DDR, Ronald Wendling, eine Mahnwache. Sie soll von 13:00 – 14:00 Uhr gegenüber der Russischen Botschaft (Unter den Linden, Nähe Brandenburger Tor) durchgeführt werden, wo der Aktivist seit 2014 gegen die Inhaftierung von Menschen durch Russland aus politischen Gründen protestiert.

Am vergangenen Dienstagabend hatten ca. 50 Demonstranten vor der Moskauer Zentrale des föderalen Dienstes für den Strafvollzug eine Untersuchung der Vorwürfe gefordert.

Inzwischen ist auch Präsident Wladimir Putin laut Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow über die Vorwürfe informiert worden. Im Staatsfernsehen wurden sogar Ermittlungen angekündigt. Kritiker merkten allerdings an, dass diese Praxis Standard bei solchen Vorgänge seien, u die Öffentlichkeit ruhig zu stellen.

Dadins Ehefrau Anastasia Zotova bezeichnet die aktuelle Situation als dramatisch: Ihr Mann wird möglicherweise in das Lagerlazarett gebracht, um ihn von Rechtsanwälten und Menschenrechtlern abzuschirmen, bis alle Spuren von Folter verschwunden sind. Dies sei auch ein guter Vorwand, ihn möglicherweise mit Psychopharmaka vollzustopfen, damit er nicht redet. Dadin werde hospitalisiert, „unabhängige“ Beobachter konstatierten bei ihm einen epileptischen Anfall, der nur Folge eine Folge von Schlägen auf den Kopf sein könne, da ihr Mann zuvor nicht an Epilepsie litt. Die Strafkolonie ist mittlerweile von Sicherheitskräften abgeschirmt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.165)

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