Mauthausen/Wien, 1.07.2016/cw – Um die Gedenkstätte des einstigen nationalsozialistischen KZ Mauthausen ist eine heftige Auseinandersetzung entbrannt. Weil „in den drei Außenlagern in Gusen vornehmlich polnische Staatsbürger inhaftiert und getötet worden“ seien, solle der Name der Gedenkstätte in „Memorial Mauthausen-Gusen“ umbenannt werden, forderte jüngst Polens Botschafter in Wien nachdrücklich. Über die österreichische Presse meldete sich der Diplomat „namens der polnischen Opferverbände“ zu Wort.

Artur Lorkowski beklagte in seiner Stellungnahme die „mangelnde Mitsprache internationalen Opferverbände“ in Mauthausen. Durch den jetzt geforderten Doppelnamen werde deutlich, „dass Mauthausen auch Außenlager gehabt habe.“

Gegen diese „nationale Vereinnahmung“ wehrt sich das Internationalen Opferkomitee von Mauthausen (Comité International de Mauthausen, CIM). Komitee-Sprecher Guy Dockendorf sagte gegenüber dem STANDARD: „Wir sprechen uns grundsätzlich gegen nationale Vereinnahmung aus – von welcher Seite auch immer“. Das Komitee fühle sich derzeit von Polen „ein wenig düpiert.“

Der Innenausschuss des Nationalrats in Österreich berät in der kommenden Woche über eine mögliche Auslagerung der Gedenkstätte aus der bisherigen Zuständigkeit des Innenministeriums in eine eigene noch zu schaffende Bundesanstalt.

Im einstigen KZ Sachsenhausen wird der Opfer des NS-Terrors und des stalinistischen Terrors gedacht - Foto: LyrAg

Im einstigen KZ Sachsenhausen bei Oranienburg (Deutschland) wird der Opfer des NS-Terrors und des stalinistischen Terrors gedacht – Foto: LyrAg

Der Sichtweise Polens widerspricht Komitee-Sprecher Dockendorf. Man könne „mit einer rein historischen Sichtweise“ so argumentieren“, aber im CIM stimme man überein, „dass jedes Opfer, egal welcher Nation, eines zu viel war“. Es würde daher keinen Sinn machen, einzelne Nationen oder aber einzelne Lager, in denen besonders viele Menschen gefoltert und getötet wurden, besonders hervorzustreichen (STANDARD). Der Sprecher äußerte Zweifel, ob zum Beispiel dem Lager am Loiblpass künftig weniger Aufmerksamkeit zukommen solle, weil dort weniger Menschen umkamen als etwa in Gusen oder Mauthausen.

Viele der Überlebenden aus den Lagern bezeichnen sich bis zum heutigen Tag als „Mauthausener“. Dabei hat in der Vergangenheit die Inhaftierung in den rund 50 Außenlagern keine eigene Rolle gespielt. Immerhin waren Angehörige von 70 Nationen vom Nazi-Terror in Mauthausen betroffen, davon ca. zehn Prozent deutschsprachig.

Die kritisierte mangelnde Mitsprache von Opferverbänden in einer neuen Bundesanstalt Memorial Mauhausen sieht das CIM nicht. Man habe sich in mehrfachen Gesprächen mit Vertretern der Regierung auf die Entsendung eines Vertreters des CIM in das zu bildende Kuratorium geeinigt.

Polen fordert hingegen die Vertretung von Opfernationen im Kuratorium. Dabei stehe wohl „in der rechtsnationalen Regierung Polens die Bestrebung, die Rolle des Landes während des Nazi-Terrors in ein helleres Licht zu stellen,“ im Zentrum der Argumentation, meint Dockendorf. Das CIM stelle sich aber zweifelsfrei dagegen, dass ein Land „das Gedenken aus nationalen Erwägungen für sich beansprucht.“

Für Polens PiS-Chef Jarosław Kaczyński stellt sich die Sachlage anders dar. Im Zusammenhang mit der Eröffnung eines „Museums der Polen, die Juden retteten“ betonte der Bruder des einstigen, bei einem Flugzeugabsturz getöteten Staatspräsidenten, Polen müsse sich gegen „finstere Lügen verteidigen, die in verschiedenen Ländern häufig zu hören“ seien. Nach Meinung von Beobachtern nutze die polnische Regierung derartige Gelegenheiten, um ihr eigenes, wenig differenziertes Geschichtsbild über die Rolle der Polen im Nationalsozialismus zu transportieren. Dies stehe wohl auch im Zentrum der polnischen Forderung in Sachen Umbenennung der Gedenkstätte des einstigen KZ Mauthausen (1.128).

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