Berlin, 26.05.2016/cw – Ronald Wendling, seit zwei Jahren Dauerdemonstrant für die Freilassung der Ukrainerin Nadiya Savchenko vor der Russischen Botschaft in Berlin, war „bewegt und überglücklich“, als er am gestrigen Mittwoch während der Vorbereitungen zur nächsten Demo am heutigen Donnerstag von der Freilassung der Pilotin erfuhr. Savchenko war am 17. Juni 2014 unter dem Vorwurf verhaftet worden, an der Tötung (Der Vorwurf lautete auf Mord.) von zwei russischen Journalisten durch logistische Vorarbeit beteiligt gewesen zu sein. Die Pilotin hatte auf Seiten der ukrainischen Armee gegen die sogen. Separatisten gekämpft, die unter massiver Unterstützung Russlands die Unabhängigkeit der Ost-Ukraine von der Zentralregierung in Kiew unter Einsatz militärischer Mittel anstrebten. Savchenko war in diesem Frühjahr in einem umstrittenen Prozess von einem russische Gericht zu insgesamt 22 Jahren Haft verurteilt worden. Wir sprachen mit dem Dauerdemonstranten über seine Reaktion auf die überraschende Freilassung Savchenkos.

Seit 2014 regelmäßiger Protest vor der Russischen Botschaft in Berlin: Ronald Wendling (re.) - Foto: LyrAg

Seit 2014 regelmäßiger Protest vor der Russischen Botschaft in Berlin: Ronald Wendling (re.) – Foto: LyrAg

Werden Sie nun auf die nächste Mahnwache am heutigen Donnerstag verzichten?

Ronald Wendling (RW): Das böte sich ja an. Aber es gibt noch weitere Gefangene, für deren Haft eindeutig politische Gründe ausschlaggebend sind. Aber die lang ersehnte Freilassung ist zumindest ein Grund, innezuhalten, den Kreislauf des Protestes zumindest zu unterbrechen und die Möglichkeit zu nutzen, einfach einmal Danke zu sagen, in Richtung Kreml, in Richtung Wladimir Putins.

Danke für eine Selbstverständlichkeit, wenn man das Urteil als Unrecht bezeichnet?

Begnadigung ist keine Selbsverständlichkeit

RW: Nun, selbstverständlich ist die formalrechtliche Begnadigung durch Putin keineswegs. Der russische Präsident befindet sich ja in einer komfortablen politischen Situation. Er hat mit seinem eher nationalistischen Kurs breiten Rückhalt in der Bevölkerung, die Besetzung der Krim stößt im Westen eher nur auf verbale denn auf politisch relevante Distanz, um Solidarität mit der Ukraine zu bekunden. Er hätte also durchaus die Möglichkeit gehabt, sich noch länger einer vorzeitigen Freilassung von Nadiya zu widersetzen.

Warum hat er gerade jetzt eingelenkt?

Zu den Mahnwachen wurde symbolisch ein Platz nach Nadya Savtschenko benannt Foto: LyrAg

Zu den Mahnwachen wurde symbolisch ein Platz nach Nadiya Savchenko benannt Foto: Archiv

RW: Zweifellos war der moralische Druck nicht nur durch die spektakulären Durst- und Hungerstreiks seiner prominenten Gefangenen gewaltig. Es gab ja daneben vielfache Bemühungen auf politischer Ebene, auch wenn diese Mühen eher hinter verschlossenen Türen erfolgten, wie das in solchen Fällen ja durchaus üblich ist. Daneben gab es aber auch zunehmend öffentliche Proteste in der ganzen Welt, u.a. auch in Berlin vor den jeweiligen russischen Botschaften. Das war für Russland durchaus ärgerlich, weil es das angestrebte Image als humanitär ausgerichtete Weltmacht ständig störte.

Aber Russland wird ja nun nicht durch diesen, wenn auch begrüßenswerten Akt zu einer humanitären Institution?

Wir sollten manchmal innehalten

RW: Natürlich nicht. Dennoch werde ich am Donnerstag vor der Russischen Botschaft in Berlin mein DANKE in den Vordergrund stellen und sehr deutlich sichtbar machen. Wir sollten manchmal auch in unseren berechtigten Protesten innehalten, um dem Empfänger unseres Protestes zu signalisieren, dass wir durchaus trotz permanenten Protestes differenzieren, also ein Einlenken und humanitäres Entgegenkommen mit einem deutlichen Dank beantworten können. Vielleicht hilft das ja auch, ein Umdenken zumindest anzuschieben. Wir als Menschenrechtler fördern ja nicht Hass, wir setzen uns für humanitäre Ziele, für Menschen in Not ein.

Wird Ihr Danke denn registriert?

RW: Das weiß ich nicht, das kann ich nur hoffen. Ob mein fast zweijähriger Protest oder die anderen Proteste in der Welt gegen die Inhaftierung von Savchenko registriert worden sind, kann ich ja auch nur vermuten. Die jetzige Freilassung spricht jedenfalls dafür, dass dieser Protest nicht vergeblich war.

Ronald Wendling wird am heutigen Donnerstag wieder von 13.00 – 16:00 Uhr gegenüber der Russischen Botschaft in Berlin (Unter den Linden, nahe dem Brandenburger Tor) Position beziehen (1.121).

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785