Ein Nachruf von Stefan Krikowski

Am Karfreitag verstarb der in Berlin geborene ehemalige Workutaner Eberhard Polthier im Alter von 86 Jahren in Nienburg.

Am 26. Mai 1947, einen Tag vor seinem 18. Geburtstag, wurde er von der NKWD aus West-Berlin entführt und verhaftet. Nun begann seine Leidens-Odyssee. Durch ein Moskauer Fernurteil wurde er zu zehn Jahren Arbeitsbesserungslager verurteilt. Er musste über acht Jahre in unzähligen verschiedenen sowjetischen Arbeitslagern im Polargebiet um Workuta und in der Petschora-Region schuften. Nach seiner Entlassung im Oktober 1955 ging er nach Westdeutschland und studierte in Göttingen Rechtswissenschaften, wo er auch später als Bibliothekar an der Universität arbeitete.

Erst spät – es muss gegen Ende der 1990er-Jahre gewesen sein – besuchte er regelmäßig die Treffen der Lagergemeinschaft ehemaliger Workutaner. Bei unseren zahlreichen Begegnungen lauschten wir staunend den Berichten über seine Erlebnisse und Erfahrungen in den Lagern, die er mit unterschwelligem Humor vortrug. Der ruhige und zurückhaltende Zeitzeuge erzählte immer wieder die Geschichte seiner goldenen Taschenuhr – wohl ein Sinnbild über das Wunder der wiedergewonnenen Lebenszeit in Freiheit:

Ein Zettel und eine Uhr aus gelbem Metall

“Nach der Entführung aus West-Berlin am 26. Mai 1947 und die darauf erfolgte Übergabe an und Verhaftung durch die sowjetischen Sicherheitsbehörden in Kyritz wurden alle mitgeführten Gegenstände beschlagnahmt. Dabei handelte es sich um eine Geldbörse, ein Taschenmesser, einen Gürtel, einen Personalausweis, Fotos, ein Schulzeugnis und eine goldene Taschenuhr mit Schlüssel, die ich meinem Vater nach dem Einmarsch der russischen Truppen entwendet hatte.

Ein Wachmann gab mir einen alten Militärmantel, und nach drei Tagen in einem dunklen Kellerloch hieß es: Transport in eine NKWD-Dienststelle in der Luckenberger Straße in der Stadt Brandenburg. Die nächsten fünf Monate waren ausgefüllt mit nächtlichen Verhören. Die Vorwürfe waren: Werwolf, Spionage, Sabotage u.a. Dass meine Weigerung, für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten, strafrechtlich relevant sein könnte, war mir nicht bewusst gewesen. Die Hoffnung, als kleiner unbedeutender Schuljunge wieder entlassen zu werden, war jedoch trügerisch und zerschlug sich, als mir die Haare kahl geschoren wurden. Nach sieben Monaten in dem feuchten Keller mit einer vier Meter langen Holzpritsche, zeitweise mit Mitgefangenen, und einer Milchkanne, wie sie bei Landwirten üblich ist, als Toilette, wurde mir am 15. Dezember 1947 gesagt, dass ich in Moskau zu einer Strafe von zehn Jahren verurteilt worden sei. Ein Papier mit dem Urteilsspruch ist nie ausgehändigt worden.

Anfang Februar 1948 wurden wir, etwa 30 Deutsche, in einen Güterwagen, einem großen Zug mit ehemals russischen Kriegsgefangenen, zugeladen. Der Zug wurde oben mit Maschinengewehren und an den Haltestellen von unten bewacht. Die Sicherung fand statt, nicht nur um Fluchtversuche zu vereiteln, sondern auch aus Angst vor polnischen Überfällen.

In der Grenzstadt Brest-Litowsk bei einer Großkontrolle mit Identitätsprüfung, Fingerabdruck und Frage nach dem Eigentumsrecht an der Taschenuhr wurde mir eine Quittung gegeben, die besagte, dass ich nach Verbüßung der Strafe die Uhr ‘aus gelbem Metall’ zurückbekommen würde. Da aber keiner von uns außer leeren Taschen die Möglichkeit zur Aufbewahrung für einen langen Zeitraum von zehn Jahren besaß, war auch die Existenz dieses einfachen Zettels nur von kurzer Dauer. Sei es, dass jemand für erbettelten Tabak Papier für eine Zigarette erbat oder aus anderen Gründen.

Acht Jahre später, nach Aufenthalten in kaum zählbaren Lagern im äußersten Norden Russlands, kein Brief, kein Radio, keine Zeitung, jenseits des Polarkreises um Workuta und Petschora, kam ich mit dem polnischen Juden Leo Levitan in das Durchgangslager Solikamsk und später nach Potma. Da wir wieder einmal freigelassen werden sollten, forderte Levitan seinen, ihm bei der Inhaftierung abgenommenen, umfangreichen Schmuck und erhielt ihn. Daraufhin erinnerte ich mich an meine Uhr und forderte ebenfalls die Rückgabe. Doch es gab Schwierigkeiten. Verlangt wurde der nicht mehr vorhandene Zettel. Nach einigem Hin und Her bekam ich die Uhr ‘aus gelbem Metall’. Äußerlich waren keine Schäden erkennbar und der für das Uhrwerk erforderliche Schlüssel war mit einem Bindfaden am Öhr der Uhr befestigt. Voller Ungeduld entknotete ich die Schnur und versuchte das Wunderwerk aus seinem jahrelangen Schlaf zu erwecken. Alle Aufregung war entbehrlich. Die Uhr begann zu ticken und so tickt sie auch heute noch, wenn sie aufgezogen ist.”

Quelle: http://www.workuta.de/aktuelles/index.html

V.i.S.d.P.: Autor und Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.094)

 

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