Berlin/Dresden, 8.12.2015/cw – Am Mittwoch, 16. Dezember 2015, um 18:00 Uhr (Gedenkstätte Münchner Platz, Georg-Bähr-Straße 7, 01069 Dresden) wird ein bisher wenig ausgeleuchtetes Kapitel der DDR-Geschichte beleuchtet. Dabei stehen diesmal jene im Vordergrund, die eher zu den Opfern der zweiten Diktatur gehören und sich dennoch – unter diversen Bedingungen – dem System als Handlanger zur Verfügung stellten. Jeder 20. Häftling in DDR-Haftanstalten war im Jahr 1989 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit verpflichtet.

Nach einer Information des Veranstalters ist „die Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei unter den repressiven Bedingungen der Haft anders zu bewerten, als in Freiheit. Spitzel, die aus eigenem Antrieb spionierten, wurden von den Betroffenen als „Zinker“ bezeichnet und von der Staatssicherheit als IM geführt. Wer dagegen mit einem Spitzelauftrag versehen von einer Zelle in die nächste verlegt wurde, hieß im Häftlingsjargon „Zellenrutscher“ und wurde vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als „Zelleninformator“ (ZI) bezeichnet. Sie kamen hauptsächlich in den Untersuchungshaftanstalten zum Einsatz.“

Danach trugen die Hauptverantwortung für die Überwachung der Gefangenen „die Aufseher der Volkspolizei. Hinzu kamen eine Reihe Hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS, die in den Haftanstalten arbeiteten. So boten sie sich als Ansprechpartner an und forderten die Gefangenen bei der Kontaktaufnahme auf, zunächst Aufseher zu denunzieren. Für die Gefangenen war es schwer, sich dem Druck der Stasi zu entziehen.“

Als Referent wird Tobias Wunschik von der BstU Einblick über das „Misstrauen hinter Gittern“ geben. Wunschik (*1967) studierte Politikwissenschaft und Soziologie in München und Berlin, promovierte 1995 an der LMU. Seit 1993 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stasiunterlagen-Behörde und veröffentlichte bereits zahlreiche Forschungsergebnisse. Im letzten Jahr erschien sein viel beachtetes Buch: Knastware für den Klassenfeind. Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970-1989), (Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2014, ISBN 9783525350805, Gebunden, 363 Seiten, 29,99 EUR).

Der Historiker und BStU-Forscher Helmut Müller-Enbergs hatte bereits in den neunziger Jahren zu diesem Thema referiert und war bei seinen Forschungen auf zahlreiche Klarnamen von Zellen-IMs gestoßen. Aus wohl nachvollziehbaren Gründen wurde dieses Thema in den einschlägigen Verfolgtenorganisationen aber nicht vertieft, obwohl auch dieser Teil der DDR-und Stasi-Geschichte mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Der Eintritt ist frei, Voranmeldung nicht erforderlich (1.062).

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