Ein Nachruf von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 1.11.2015/cw – Günter Schabowski, einstiger führender Genosse in der SED-Nomenklatur, ist tot. Er verstarb nach langer, schwerer Krankheit am frühen Sonntagmorgen in einem Berliner Pflegeheim. Schabowski wurde 86 Jahre alt.

Begegnung am Checkpoint Charlie im April 2005

Begegnung am Checkpoint Charlie im April 2005

Der Verstorbene wurde weltweit als der Mann bekannt, „der die Mauer öffnete.“ Die wahren Hintergründe einer lange als „Versprecher“ bezeichneten Äußerung Schabowskis auf einer Pressekonferenz am legendären 9. November 1989 sind bis heute umstritten. Unabhängig davon gilt die historische Antwort auf die Frage, ab wann denn die vom ZK beschlossene neue Reiseverordnung gelte: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich!“ als der lang ersehnte Schlüssel zur Öffnung der Mauer. In dieser Heftigkeit unerwartet stürmten tausende Deutsche auf DDR-Seite an die selektiven Übergänge des Mauer-Staates und verlangten die unverzügliche und sofortige Umsetzung der Schabowski-Erklärung. Nachdem der zuständige Stasi-Offizier am Grenzübergang Bornholmer Brücke entnervt die Sperren öffnen ließ, gab es kein Halten mehr. In der ganzen, bis dahin geteilten Stadt und schließlich an den Grenzübergängen zur bis dahin verfemten Bundesrepublik wurden die Schlagbäume geöffnet, strömte nach 28 Jahren „zusammen, was zusammen gehört“ (Willy Brandt).

Schabowski, der zeitweilig zusammen mit dem verstorbenen Vorsitzenden der Vereinigung 17. Juni, Manfred Plöckinger, in den vierziger Jahren eine NAPOLA (Nationalpolitische Lehranstalt) der NS-Diktatur besucht hatte, gehörte zu den ganz wenigen einstigen SED-Kadern, die nach 1989 öffentlich ihre Mitschuld und Mitverantwortung an Mauer und Stacheldraht, mithin an der zweiten deutschen Diktatur bekannt haben. Neben seiner Rolle am 9.November 1989 – ob freiwillig oder nicht – wird dies im Gedächtnis besonders jener bleiben, die mit vielen Jahren Haft in den Kerkern dieser Diktatur für ihren mutigen Widerstand unsägliches Leid ertragen mussten. Dagegen verblasst in der Tat seine Kader-Rolle in der nach der NSdAP furchtbarsten Partei, die Deutschland zu ertragen hatte.

Wir verneigen uns.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.053)

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