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Berlin, 31.10.2015/cw – Unser Appell, Halloween als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls mit den Familien der bislang zwei ermordeten Jungen Mohamed und Elias abzusagen, wird wohl kein Echo finden. Der Kommerz, the show must go on … Ein Beispiel:

Echt cool TSP 30.10.2015_

Aber auch vor dem LaGeSo in Moabit wurde dies deutlich. Zahlreiche Trauernde fanden diese Idee gut. Auch anwesende TV-Reporter (u.a. aus Kirgisien) stimmten empathisch zu. Und

Ohne Worte...

Ohne Worte…

während ein Reporter eines deutschen Senders diese Idee direkt in einer Vorab-Aufzeichnung ansprach, erklärte wenig später ein anderer, er könne diesen Appell nicht thematisieren, weil der Sender bereits am Nachmittag über eine fröhliche Halloween-Party berichtet hatte …

Natürlich wurde dieser Gedanke, Halloween aus Solidarität abzusagen, in den Sendebeiträge dieses Senders auch nicht erwähnt.

Kritisch bleibt bei aller Trauer anzumerken:

Zerstörte Geborgenheit ... - Alle Fotos: LyrAg

Zerstörte Geborgenheit …
– Alle Fotos: LyrAg

  1. Warum wurde ein Kondolenzbuch „auf Veranlassung des Senats“ in einen  Raum am  hinteren Ende des LaGeSo-Geländes verlegt?
  2. Warum wurde der Gedenkort am Abend des 29.10. auf die Straße verlegt, wo er für Jedermann/ Frau/ Kind gut sichtbar war, um ihn  dann am 30.10. wieder hinter eine Sichttafel (an den ursprünglichen spontanen Entstehungsort) zurück zu verlegen? Will man so die Anteilnahme „in Grenzen“ halten?

fragt an dieser Stelle nicht nur die Redaktion Hoheneck… (1.052)

Eintrag im Kondolenzbuch ...

Eintrag im Kondolenzbuch …

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, berlin, tel.: 030-30207785 oder o176-48061953

Symbolik? Eine Kerze brannte ein Loch in das Foto von Mohamed... - Foto: LyrAg

Symbolik? Eine Kerze brannte ein Loch in das Foto von Mohamed… – Foto: LyrAg

Berlin, 30.10.2015/cw – Berlin steht unter Schock. Nach vier Wochen wurde es gestern zur grausamen Gewissheit: Der vierjährige Mohamed wurde ermordet. Heute gestand der Täter nach Medien-Berichten im Internet einen weiteren Mord. Auch Elias, den die Polizei wochenlang unter Aufbietung aller Reserven suchte, wurde von dem bislang als unbescholten geltenden Mann aus dem Kreis Teltow-Fläming ermordet.

Gestern in den Abendstunden vor dem LaGeSo: Verzweiflung und Trauer suchten ihren Ausdruck - Foto: LyrAg

Gestern in den Abendstunden vor dem LaGeSo: Verzweiflung und Trauer suchten ihren Ausdruck – Foto: LyrAg

Es verbietet sich allein schon aus Gründen der Pietät, vorschnell einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Ansturm von Flüchtlingen (besser: stattfindenden Völkerwanderung) und dem Mord an den (bislang) zwei Kindern herzustellen. Wenn sich aber bestätigen sollte, was gestern im Kreis der Trauernden vor dem LaGeSo in Moabit kursierte, wäre die Frage nach einer Mitverantwortung nicht nur hypothetisch: nach diesen Berichten soll der Mutter verwehrt worden sein, ihre Kinder mit in den Raum zu nehmen, in dem sie Geld abholen wollte. Zwangsläufig ließ sie die Kinder vor der Tür. Und so soll das unheilvolle Geschehen seinen Lauf genommen haben…

Gerüchte: Als wir gestern Abend das LaGeSo betraten, bemerkten wir vor dem Hauseingang zur Verwaltung die bei einem Tod schon bekannten Kerzen und Blumen, noch klein und bescheiden. Fassungslos blieben wir davor stehen, vermuteten Schlimmes. Dann klärte uns ein Mann der Security auf: Mohamed sei tot, ermordet. Der Täter habe gestanden. Und: Der Mörder soll den kleinen Jungen zerstückelt in dem Kofferraum seines Pkw abgelegt haben.
Bedarf dieser schreckliche Mord noch der Verbreitung grausamer Gerüchte?

Nach der schlimmen Nachricht: Erste Reaktionen vor dem Amtsgebäude des LaGeSo - Foto: LyrAg

Nach der schlimmen Nachricht: Erste Reaktionen vor dem Amtsgebäude des LaGeSo – Foto: LyrAg

Halloween absagen

Eines aber sollte auch angesichts des nunmehr zweiten eingestandenen Mordes selbstverständlich sein: Halloween, die finster-fröhliche Schockfeier am morgigen Samstag, sollte zumindest für Berlin abgesagt werden. Das ist eine Frage des Anstandes und des Mitgefühls.

Traurige Kinder? Gerade Kinder würden einen solchen Schritt verstehen, wenn ihnen das von mitfühlenden und trauernden Eltern oder Erwachsenen vermittelt wird. Kinder haben bekanntermaßen noch eine größere Sensibilität, als wir Älteren, die schon durch manchen Sturm des Lebens getrieben wurden und sich daher als abgehärtet sehen. Ab und an wird diese – oft selbst verordnete – Härtung durchbrochen, wie jetzt, angesichts dieser furchtbaren Morde, mitten unter uns. (1.051)

Tatjana St., selbst Mutter, stellte gestern Abend erschüttert neben Blumen den Text von Bettina Wegner am Trauerort auf - Foto: LyrAg

Tatjana St., selbst Mutter, stellte gestern Abend erschüttert neben Blumen den Text von Bettina Wegner am Trauerort auf – Foto: LyrAg

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder o176-48061953

von Dr. Wolfgang Mayer*

Sie sehen nicht aus wie Zombies; aber als beerdigt galten sie eigentlich schon, die DDR-„Bürgerrechtler“ aus vergangener Zeit. Immerhin 47 der gefühlt acht Millionen von ihnen – darunter unzählige merkelsche FDJ-Agitatoren wie gauck-schorlemmersche Protestanten – unterschrieben jetzt einen (selbstverständlich Offenen) Brief an die Bundeskanzlerin höchstpersönlich.

Vom Stile her liest der sich etwas anders als der Aufruf „Für unser Land“ von Ende 1989, als uns die DDR als „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“ erhalten bleiben sollte. Heute freilich erscheinen sie entschieden mutiger und wollen mehr, viel mehr, die „Bürgerrechtler“; etwas wesentlich Größeres nämlich. Mit ihren Intentionen unterscheiden sie sich kaum noch von den damaligen Reformkommunisten: Sie wollen nicht bloß keine Mauer(n) mit Stacheldraht, nein, sie wollen ein richtig gutes, sozialistisches Europa errichten, in dem möglichst alle Platz haben. Also auch die Menschen, die sich zurzeit auf der Flucht aus dem Süden befinden und sich einer Völkerwanderung gleich in Richtung Mitteleuropa, insbesondere zu uns nach Deutschland bewegen. „Das ist das Land, in dem wir leben wollen, von dem wir geträumt haben!“ huldigen sie der Bundeskanzlerin, und gemeint ist Multikulti. Das muß gut gehen, denken sie, denn mit einer harten Währung schafft man natürlich mehr als dies damals die dürre DDR-Mark bringen konnte – ungeachtet dessen, daß es kaum noch jemanden gibt, der über die beängstigende Zwei-Billionen-Euro-Staatsverschuldung der Bundesrepublik Deutschland spricht.

Wie bereits vor dem schmachvollen Zusammenbruch des SED-Regimes, als die viel zu lange in ihren Nischen ausharrenden „Bürgerrechtler“ – aufgerüttelt durch die wirklichen Dissidenten der Flucht- und Ausreisebewegung – den ablaufenden politischen Veränderungen beschämend visionslos nacheilten, handelt es sich einmal mehr um einen Realitätsverlust, den man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen kann. Wie groß dieser Realitätsverlust ist: Dreist behaupten sie, die „Zäune … selbst vor mehr als 25 Jahren niedergerissen“ zu haben.

Ein bedeutender Unterschied im Verhalten dieser Briefschreiber – von damals ist nur noch Ulrike POPPE dabei; einige werden sich wohl noch hinzugesellen – besteht allerdings: Während sie 1989 einer überschaubaren Minderheit hinterher hechelten, möchten sie heute dem denkenden Großteil des Volkes voraus eilen. Vorauseilenden Gehorsam nennt man das; womöglich direkt von der Machtzentrale, dem Bundeskanzleramt angeregt. Daß sie dabei nicht nur den alarmierenden Brandbrief von 215 nordrhein-westfälischen Bürgermeistern an MERKEL ignorieren, sondern dem genannten, „besorgten“ Teil des Volkes den Rücken kehren, kümmert sie wenig. Dank der gleichgeschalteten Mainstream-Medien („Lügenpresse“) brauchen sie allzu harsche Kritik, falsch zu handeln, nicht befürchten. Denn nur bei einer objektiven Berichterstattung durch die Medien würde sie rasch hinweggefegt sein, die selbstgerechte Bundeskanzlerin mit ihren sorglosen Beratern und den völlig neben dem Volke laufenden Kabinettsmitgliedern.

Zurück zum Offenen Brief der „Bürgerrechtler“: Roland JAHN, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, brauchte oder wollte (noch) nicht unterschreiben, denn seine MERKEL-Loyalität („mein großes Vorbild“) ist längst bekannt. Aber wundern darf man sich schon, weshalb damalige Widerständler wie beispielsweise Christoph WONNEBERGER oder der Politologe Ilko-Sascha KOWALCZUK, Ehemann von Susan ARNDT, ihre Unterschrift unter dieses beschämende Papier setzten. (1.050)

© 2015 Flucht und Ausreise http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=4064554&pg=1

___________________________________________________________________________* Der Autor ist pensionierter Berufsschullehrer und betreibt seit Jahren das Internet-Portal Flucht und Ausreise. Im Herbst 1988, also ein Jahr vor dem Zusammenbruch des SED-Regimes, besetzte er mit weiteren 17 Thüringern die dänische Botschaft in Ostberlin.

V.i.S.d.P.: Dr. Wolfgang Mayer, Speyer – c/o Redaktion Hoheneck, Berlin, tel.: 030-30207785

Namentlich gezeichnete Artikel geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder.

Berlin/Leipzig, 24.10.2015/cw – Einst wurden die Teilnehmer an dem von Hans Werner Richter zwischen 1947 und 1967 initiierten deutschsprachigen Schriftstellertreffen als „Gruppe 47“ bezeichnet. Jetzt kann sich möglicherweise eine neue Gruppierung, wenn sie sich denn als solche versteht, mit dem vakant gewordenen Namen schmücken.

Nach einem Bericht der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG von heute haben jedenfalls 47 einstige DDR-Bürgerrechtler, unter diesen allein 12 Leipziger, in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin deren Kurs in der Asylpolitik nachdrücklich unterstützt: „Wir unterstützen Ihre Politik der offenen Grenzen.“ 70 Jahre nach dem Holocaust öffne Deutschland seine Grenzen und rette Menschen aus Not und Tod. „Das ist das Land, in dem wir leben wollen, von dem wir geträumt haben“, schreiben die Bürgerrechtler, unter diesen so bekannte Namen wie Werner Schulz (Berlin/Bündnis 90/GRÜNE), Ulrike Poppe (Potsdam, amtierende Landesbeauftragte zur Aufarbeitung von DDR-Unrecht), Heiko Lietz (Güstrow, zeitweiliger theologischer Weggefährte von Joachim Gauck), Lothar Rochau (Halle), Erhart Neubert (Limlingerode), Katrin Hattenhauer (ehemals Leipzig) und Christoph Wonneberger (Leipzig).

Katrin Hattenhauer, Malerin und für den Brief „verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes“, die sich Ende der achtziger Jahre der Bürgerrechtsbewegung in Leipzig angeschlossen hatte, sagte in einem Gespräch mit der DEUTSCHEN WELLE: „Die Bürgerbewegung hat vor mehr als 25 Jahren eindrücklich gezeigt, wie man mit Mut und Ausdauer ein ganzes Land verändern kann. Mit dieser Erfahrung wollen wir unsere Stimme erheben für den Schutz asylsuchender Flüchtlinge und gegen Vorurteile und Gewalt. Wir sollten diese Herausforderung nun mit gleichem Mut, mit Hilfsbereitschaft, Kreativität und Ausdauer annehmen.“

Der Brief an Angela Merkel im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,
wir unterstützen Ihre Politik der offenen Grenzen. Wir unterstützen Ihre Flüchtlingspolitik und Ihren Einsatz um der Menschen willen. Mit größtem Respekt sehen wir Ihre feste Haltung zur Aufnahme asylsuchender Flüchtlinge bei uns in Deutschland.

Ein Volk, wie das unsere, das in die Geschichte der Welt eingeschrieben ist als Land von Vertreibung und Ermordung eines Teils seiner Bevölkerung und von Teilen der Bevölkerung seiner Nachbarländer öffnet 70 Jahre nach dem Holocaust seine Grenzen und rettet Menschen aus Not und Tod. Bürgerinnen und Bürger helfen Flüchtlingen. Das ist das Land, in dem wir leben wollen, von dem wir geträumt haben.

Erst 25 Jahre liegt es zurück, dass wir selbst hinter Zäunen, Stacheldraht und Mauern eingesperrt waren. Wir gehörten damals zur Oppositions- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR und Osteuropa. Wir haben damals viel diskutiert über die Frage „Ausreisen oder Bleiben“. Die Flucht zu versuchen, das war damals eine verzweifelte Option für viele hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrter Menschen. Die großen Demonstrationen in Leipzig haben im September 1989 begonnen mit der Forderung nach einem offenen Land mit freien Menschen. Wir können und wollen heute Menschen, die ihre Freiheit suchen, die ihr Leben und das ihrer Familien retten wollen, nicht an unseren Grenzen ertrinken lassen. Wir wollen keine Zäune errichten, die wir für uns selbst vor mehr als 25 Jahren niedergerissen haben.

Wir merken jetzt, dass wir Menschen auf der Welt nicht mehr ganz so einfach wie bisher nach Nationen, in Deutsche/EU-Bürgerinnen und in Fremde unterteilen können. Denn die Welt ist in den letzten 25 Jahren zusammengewachsen, die Menschen sind sich über nationale Grenzen hinweg näher gekommen.

Es ist unlauter, die Globalisierung von Waren, Kapital und Dienstleistungen zum Vorteil der Exportstarken zu nutzen und gleichzeitig Menschen zu reglementieren. Die Welt ist keine Einbahnstraße mit unterschiedlichen Rechten für unterschiedliche Menschen.

Es ist kein Verdienst in Deutschland geboren worden zu sein. Es ist ein zufälliges Privileg, das wir nicht unter uns aufteilen, sondern mit anderen teilen sollten. Wir werden in Zukunft mehr, viel mehr aufwenden müssen, um die Fluchtursachen von Menschen – Krieg, Unterdrückung, Hunger, Zerstörung der Lebensvoraussetzungen durch Dürre oder Flut – gemeinsam zu bekämpfen und unseren eigenen Anteil daran auf den Prüfstand stellen.

Allen Menschen, die sich sorgen, weil mit den Flüchtlingen andere Lebensstile und Religionen in unser Land kommen, wollen wir sagen, dass es wichtig ist, miteinander zu sprechen statt Angst zu schüren. Es kommt auch auf uns an, ob Vielfalt ein Zugewinn wird, der unser starkes Land schöner machen wird und der uns tagtäglich helfen wird, besser zu verstehen, dass Nächstenliebe in unserer globalisierten Welt nicht mehr an nationale Grenzen gebunden ist.

Wir damalige Bürgerrechtler haben unterschiedliche politische Meinungen. Wir appellieren aber gemeinsam an unsere Mitbürger und Mitbürgerinnen, an Politik, an die Wirtschaft und an die Medien, dass die noch offenen Fragen der Organisation und Integration der bei uns Schutz suchenden Flüchtlinge nicht, wie das jetzt leider geschieht, zu einem Grund für Abgrenzung werden.

Wir verkennen nicht, dass manche Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge an Grenzen stoßen. Wir verkennen nicht, dass auch in Deutschland Menschen mehr Zuwendung und Hilfe brauchen und sie Ängste äußern. Wir wenden uns allerdings entschieden gegen jede Form von verbaler oder physischer Gewalt und gegen Hasstiraden.

Wir setzen auf die unzähligen Zeichen von Hilfsbereitschaft und Solidarität. Wir appellieren an Politik, Wirtschaft, Medien, die Zivilgesellschaft – an alle Menschen guten Willens – die derzeitigen Herausforderungen als gesamtgesellschaftliches Anliegen anzunehmen.

Europa soll keine Insel werden. Das ist unsere gemeinsame Herausforderung und Verantwortung: „Für ein offenes Land mit freien Menschen.“

V.i.S.d.P.: Katrin Hattenhauer (Berlin, ehemals Leipzig)
und 46 Erstunterzeichner:
Prof. Dr. Susan Arndt, Bayreuth, Agnes Berkemeier, Leipzig, Stephan Bickardt, Leipzig, Dr. Martin Böttcher, Zwickau, Till Böttcher, Berlin, Frank Eigenfeld, Halle, Tim Eisenlohr, Amrum, Renate Ellmenreich, Joachimsthal, Anke Hansmann, Braunschweig, Michael Heinisch, Berlin, Martin Hartkopp, Berlin, Axel Holicki, Leipzig, Almut Isen, Berlin, Gisela Kallenbach, Leipzig, Ines-Maria Köllner, Leipzig, Oliver Kloss, Leipzig, Dr. Ilko Kowalczuk, Berlin, Rainer Kühn, Berlin, Uwe Lehmann, Berlin, Katharina Lenski, Jena, Christoph Leucht, Berlin, Heiko Lietz, Güstrow, Antje Meurers, Dresden, Barbara Morgenroth, Themar, Arnd Morgenroth, Themar, Rainer Müller, Leipzig, Wolfgang Musigmann, Erfurt, Hildigund Neubert, Limlingerode, Dr. Erhart Neubert, Limlingerode, Bernd Oehler, Meißen, Gisela Pohler, Leipzig, Georg Pohler, Leipzig, Ulrike Poppe, Potsdam, Grit Poppe, Potsdam, Lothar Rochau, Halle, Peter Rösch, Berlin, Wolfgang Rüddenklau, Berlin, Corinna Schmid, Erfurt, Werner Schulz, Berlin, Dr. Rita Sélitrenny, Leipzig, Barbara Sengewald, Erfurt, Matthias Sengewald, Erfurt, Matthias Voigt, Berlin, Kathrin Walter-Mahler, Berlin, Reinhard Weißhuhn, Berlin, Christoph Wonneberger, Leipzig.“ (1.049)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Angelika Kanitz*

Nur „Theater“ um einen Mini-Galgen? Ein Meter hoch. Immer wieder werden und wurden Galgen und Fallbeile als Symbole für ein Scheitern und aburteilen der Regierung durch das Volk eingesetzt. Sogar 1989 (!) in Leipzig. Die „Aufregung“ lässt sich wohl einzig aus der spezifischen deutschen Geschichte erklären. Schlimmer finde ich die Beschimpfung Andersdenkender als Nazis. Hier ein Märchen ohne Galgen, aber mit gleicher Symbolik. Heutzutage durchaus für eine Anzeige wegen „Volkverhetzung“ prädestiniert:

Es war einmal ein dummes, weil höriges Volk

Es war einmal ein dummes, weil wieder einmal den Politikern höriges Volk. Das hatte sich nach ungeheuerlichen Verbrechen, einigen Missgeschicken, Fehltritten und Dummheiten aufgerappelt, war fleißig, strebsam und erfolgreich gewesen und hatte es so zu einigem Wohlstand gebracht.

Aber es hatte offenbar nichts gelernt, das Wort Verhaltensintelligenz hatte es nicht in seinen Wortschatz aufgenommen. Und so wurde es erneut übermütig, bequem und eitel und hielt den Wohlstand für eine Selbstverständlichkeit und einen ewig sprudelnden Quell.

Der Wohlstand weckte den Neid der Anderen, der Nachbarn und absehbar auch der Faulpelze und Habenichtse in der Welt und sie schielten begehrlich auf den Wohlstand und das gute Leben des Volkes. Da sie nicht viel über das Volk wussten, erlagen sie dem schönen Schein und wähnten dort das Paradies in dem einen die gebratenen Tauben ins offene Maul fallen.

Da begab es sich, dass eine alte Hexe des Weges kam. Und weil sie keine Kinder und wenig Konzepte hatte, schlich sie sich in das Vertrauen des Volkes, rautete beruhigend ihre Hände, versprach dem dummen Volk, in die Küche zu gehen und zu kochen. Das Volk war begeistert.

Die Hexe stellte sich fortan an den Herd, rührte eine Suppe nach der Anderen an und vergeudete mit den teuren Zutaten das Volksvermögen. So ging das eine ganze Weile, da tischte die Hexe dem Volk in einem besonders großen Topf eine neue Suppe auf und lud auch alle Anderen, die Nachbarn und auch die Faulpelze und Habenichtse der Welt großzügig zum Essen ein.

Diese Suppe nannte sie WILLKOMMENSSUPPE. Und alle, alle begannen zu löffeln und zu schlürfen und sich ordentlich aufzukellen. Diese Suppe war mit einem Schuss Baldrian zur Beruhigung und einem Schwuppdich Alkohol versetzt. Der Baldrian sollte beruhigend wirken und der Alkohol das Volk besoffen machen und in Euphorie versetzen.

Das Salz aber in der Suppe war die Willkommenskultur, ein Geheimrezept, dessen Ingredienzien kompliziert waren, das der HEFE glich und welches man nur sparsam verwenden durfte. Die Hexe aber dosierte so hoch von dem Salz, dass der Topf überquoll und sich die Willkommenssuppe über den ganzen Tisch ergoss. Da freuten sich die Eingeladenen, die Anderen, die Nachbarn und natürlich besonders die Fressköppe, die Faulpelze und die Habenichtse.

Sie gaben Rauchzeichen in den Himmel, schickten Brieftauben in die Welt, warfen Postflaschen ins Meer, und viele Faulpelze und Habenichtse telefonierten mit Smartphons. Darunter besonders auffällig die Barfüßigen, die Abgerissenen, die sonst „nichts“ hatten. Und berichteten von der Suppe und der großzügigen Hexe.

Da machten sich alle auf, die Lahmen und die Kranken, die Hungernden und die Frierenden, und auch die Faulen und die Bequemen, die Diebe und die Räuber. Alle, alle kamen und wollten sich an der Suppe laben. Und die Suppe quoll und quoll. Und sie kamen und strömten.

Nun begannen einige in dem Volk zu rufen: „Töpfchen steh“. Das war nach einer wieder anstrengenden und beunruhigenden Woche, an einem Montag. Aber der Lärm war so laut, das Gelage so heftig, kaum jemand hörte die Rufe. Auch der Topf nicht. Die Hexe lehnte sich zurück und amüsierte sich köstlich.

Da gab es einen gewaltigen Rums. Der Topf hatte der Hitze und dem Druck nicht standgehalten. Und so flog die Willkommenssuppe allen um die Ohren und verbrühte sie: Das Volk und die Anderen, die Nachbarn und die Lahmen, die Kranken, die Hungernden und die Frierenden, aber auch die Faulpelze, die Habenichtse  und  die Bequemen, die Diebe und die Räuber.

Und als nach dem Knall das Volk zu sich kam, die Wirkung des Baldrians und des Alkohols verflogen waren, es die verlaberte Bescherung sah, da, ja da dämmerte dem Volk, dass es nun wieder einmal von vorne beginnen sollte. Das der Staat und das Land renoviert werden musste.

Die Hexe aber hatte sich feixend bei Zeiten aus dem Staube gemacht und war ob ihrer verhexenden Kochkünste mit einem hohen Amt belohnt worden. Da aber nicht alle an der Willkommenssuppe gestorben waren, wälzen sie sich nun mit verdorbenem Magen und Schmerzen auf dem Boden (1.048)

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* Die Autorin war DDR-Bürgerrechtlerin und wurde wegen eines Flugblattes verhaftet und verurteilt. Sie mußte ihre Strafe im berüchtigten DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck absitzen, ehe sie freigekauft wurde. Siehe auch: DER SPIEGEL http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67768093.html

V.i.S.d.P.: Angelika Kanitz, Leipzig – c/o Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.:030-30207785

Hinweis: Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder.
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