Berlin, 1.09.2015/cw – Claus U.* war glücklich. Vier Wochen Urlaub in seinem geliebten Bayern. Die wohl „letzte große Reise in seinem Leben“ war Teil einer Entschädigung aus dem sogen. Heimkinderfonds. Zwei Tage nach seiner Ankunft im Urlaubsort wurde er tot im Schlafzimmer aufgefunden. Herzversagen. Claus war seit 1999 Mitglied der Vereinigung 17. Juni.

Stets engagiert: Claus (re.) 2012 vor dem Finanzministerium am heutigen

Stets engagiert: Claus (re.) 2012 vor dem Finanzministerium am heutigen „Platz des Volksaufstandes von 1953“ – Foto: LyrAg

Claus war das zweite Kind seiner Eltern und wurde 1942 inmitten der beginnenden Luftangriffe auf Berlin geboren. Nachdem sein Bruder Ulli bereits nach einer Stunde Leben verstorben war, wollten die Eltern erst einmal abwarten, ob Claus länger leben würde. Ein halbes Jahr später heirateten die Eltern im Roten Rathaus. Claus hatte überlebt.
1944, sein Bruder war gerade geboren, erlitt Claus eine Hirnhautentzündung, deren Folgen ihn – neben einer Erbkrankheit – zeitlebens belasten würden. Wann Claus zum ersten mal in ein Heim abgeschoben wurde, lässt sich nicht mehr eruieren. Fest steht, daß er zusammen mit seinem Bruder erstmals 1946 (vierjährig) in einem Heim in Berlin untergebracht war. 1947/48 folgte ein ebenfalls nachgewiesener gemeinsamer Aufenthalt in einer Heimeinrichtung des Berliner Johannesstift. Als er 2013 mit seinem Bruder auf Spurensuche ging, befand sich in dem einstigen Heim ein Hotel.

Die Eltern hatten sich bereits 1944 getrennt, die Ehe wurde 1949 nach der Geburt einer Schwester geschieden. Etwa ab diesem Zeitpunkt trennten sich auch die Heim-Wege der Geschwister. Claus – durch die Hirnhautentzündung und die ererbte Myoclonie (eine seltene Blutplättchen-Deformation, die ähnliche Symptome wie die Parkinson-Krankheit hervorrief) behindert, wurde von seiner Mutter in der Folge hauptsächlich in Einrichtungen für Nervenkranke untergebracht. Später, in den sechziger Jahren, gelang es ihr, Claus in Baden Württemberg unterzubringen. Dieses Bundesland stand damals in dem Ruf, besonders leicht sogen. Entmündigungsverfahren gegen Behinderte durchzuführen.

Statt Claus – wie heute üblich – in entsprechende Förderungsmaßnahmen zu integrieren, nutzten besonders kirchliche Einrichtungen die gegebene billige Arbeitskraft. Für ein Taschengeld, das diesen Namen nicht verdiente, mußte Claus seit frühester Jugend in der Landwirtschaft und in gewerblichen Einrichtungen arbeiten. Natürlich wurden in dieser Zeit keine sozialen Abgaben entrichtet. Rentenkasse? Damals offenbar ein Fremdwort für diese christlichen Institutionen.

2008 auf einem Schiff; Claus hatte gelernt, kleine Freuden zu genießen - Foto: LyrAg

2008 auf einem Schiff; Claus hatte gelernt, kleine Freuden zu genießen – Foto: LyrAg

Als Claus 1970 auf Antrag seiner Mutter endgültig in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden sollte, gelang es dem zwei Jahre jüngeren Bruder zusammen mit dem Vater, den 28jährigen im wahrsten Sinne des Wortes aus dieser Zwangsmühle zu befreien und ihn nach Berlin zu holen. Erst hier konnte er das schwere Kapitel – zwanzig Jahre Heimunterbringung – abschließen, lebte seither nahezu selbständig in einer eigenen kleinen Wohnung, immerhin ganze 45 Jahre lang. Eine nachträgliche Ohrfeige für Jene, die immer wieder neue Argumente bemüht hatten, um die „erforderliche“ Unterbringung in einer Heim-Einrichtung zu begründen.

Vor drei Jahren konnte ihn sein Bruder in ein Seniorenheim vermitteln, in dem Claus überaus glücklich war, weil ihm die permanente Sorge um seine Befindlichkeit im Alter genommen wurde. Schnell wurde er in der Einrichtung zum beliebten Kommunikator, besuchte Heimbewohner im Krankenhaus, half in der Essensversorgung und anderswo aus. Im Frühjahr wurde er in die Heimbewohnervertretung gewählt.

Behinderte warten seit Jahren auf den „Runden Tisch“

Nachdem Claus für seine in den diversen Heimeinrichtungen erbrachten Arbeitsleistungen einen zustehenden Rentenausgleich beantragt hatte, machte ihn der Heimkinderfonds darauf aufmerksam, dass er eigentlich keine Entschädigung (max. 10.000 €) hätte erhalten dürfen, weil er behindert sei.
Für die behinderten ehemalige Heimkinder aber sollte ein gesonderter „Runder Tisch“ abgehalten werden. Man legte Claus nahe, seinen Antrag zurückzuziehen, um sich nicht einer Rückforderung bereits erbrachter Sachleistungen auszusetzen, zu denen auch jene eingangs erwähnte Urlaubsreise gehörte. Auf die Nachfrage, wann denn dieser seit nunmehr einigen Jahren avisierte Runde Tisch für die behinderten ehemaligen Heimkinder stattfinden werde, wurde ausweichend geantwortet, dieser werde wohl „irgendwann“ einberufen werden.

Natürlich zog Claus U., förmlich die Pistole auf der Brust, den Antrag auf Rentenersatzleistungen zurück, er wollte seine „letzte Reise“ nicht gefährden. Am 25.August verstarb er am Urlaubsort.

Die Frage bleibt: Einmal Heimkind, immer Heimkind? (1.027)

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