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Berlin,20.08.2015/cw – Ob er der “Wegbereiter, Geburtshelfer“ oder gar „Vater“ der Deutschen Einheit war, darüber am Totenbett eines der zweifellos wichtigsten Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte zu streiten, schickt sich nicht. Zweifelhaft bleiben diese Attribute dennoch.

Bahr, Enkel einer Jüdin, was seine Lebenseinstellung angesichts des mörderischen Holocaust mit Sicherheit geprägt hat, war so wenig wie seinem Mentor Willy Brandt seine später tragende Rolle bis hin in die Weltpolitik in die Wiege gelegt worden. Festzuhalten bleibt, daß Bahr im Schatten der Mauer und wohl in Erinnerung an den vergeblichen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 eine substanzielle Veränderung der Nachkriegsordnung nicht mehr für realistisch hielt. Er schuf mit seiner berühmt gewordenen Rede in Tutzing 1963 den Grundsatz „Wandel durch Annäherung“ und löste damit ein innenpolitisches Beben aus. Heute wissen wir, daß die CDU vergeblich gegen diesen politisch genialen Mainstream ankämpfte und 1969 das für in Dauerpacht gehaltene Bundeskanzleramt an Willy Brandt verlor.

Auch ich gehörte 1963 zu den Empörten. Wie konnte man einem Unrechtssystem gegenüber eine Annäherung postulieren und gleichzeitig die Politik Chamberlains und Daladiers in München 1938 gegenüber Hitler glaubhaft verdammen? Das wollte ich als junger Mensch (19) nicht verstehen. Auf einer Veranstaltung in Berlin-Wedding im Sommer 1963 sprach ich Egon Bahr auf diesen Widerspruch, auf diese Enttäuschung an. Ohne zu zögern log Bahr mich an, erklärte mir, seine Tutzinger Ausführungen seien total missverstanden und falsch interpretiert worden. Er sitze bereits über einer Richtigstellung, die in den nächsten Tagen erscheinen werde. Er wolle mir diese wie die Tutzinger Rede gerne zusenden. Die Tutzinger Rede erhielt ich, die angekündigte Richtigstellung nie, diese wurde auch nie veröffentlicht.

Zum ersten mal erfuhr ich, wie ein Politiker argumentierte, um einen lästigen Frager los zu werden. Jürgen Engert, u.a. einstiger Chefredakteur des SFB, sagte anlässlich der Todesnachricht: „Er (Bahr) zeichnete sich (auch) dadurch aus, das er auf alle Fragen eine Antwort wusste.“

Zweifellos hat Bahrs (und Brandts) Politik Bewegung in die durch den Kalten Krieg erstarrte Politik gebracht, insoweit natürlich Verkrustungen aufgebrochen, die letztlich erst eine Veränderung möglich gemacht, den politischen Gegner im Ergebnis tatsächlich nachhaltig geschwächt haben. Dennoch gingen Bahr und seine politischen Freunde mindestens bis zum Fall der Mauer davon aus, dass die Realitäten in Europa unveränderbar sind, also zwei deutsche Staaten zu den unumstößlichen Hinterlassenschaften der Hitlerischen Verbrechen gehörten.

Seine späte Beurteilung, nachdem die Einheit durch seine Politik erst möglich wurde, war eine Verschiebung ursprünglich entgegengesetzter Politik, obwohl er vom Ergebnis her durchaus nicht im Unrecht war. Nur die Interpretation, mit dem Wandel durch Annäherung stets das Ziel der deutschen Einheit verfolgt zu haben, steht mit der Lüge der „Bürgerrechtler“ auf einer Ebene, die zunächst vehement für eine „veränderte DDR“, also für zwei deutsche Staaten gekämpft haben und sich erst nach dem erfolglosen Engagement für dieses „alternative zweite Deutschland“ als Kämpfer der Deutschen Einheit gerierten.

Willy Brandt hatte den Mut, sich zu korrigieren und einsichtig zu postulieren: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Das schmälerte keinesfalls die Ergebnisse seiner einst umstrittenen Politik, eher im Gegenteil. Ein derartiges klares Bekenntnis aus der Frühzeit des auf die Einheit ausgerichteten Deutschland fehlt von Egon Bahr. Wir sollten also seine Verdienste um eine neue Politik und die dadurch veranlassten politischen Veränderungen, die letztlich den Fall der Mauer befördert haben, historisch wahrheitsgemäß einordnen. Er war neben den Millionen Flüchtlingen, den hunderttausenden politischen Gefangenen und den Toten der deutschen Teilung sicherlich auch ein Wegbereiter. Ein Vater, ein Schöpfer der Einheit konnte er nicht sein, weil er aus Überzeugung konsequent gegen diese war.

Dass sich dieser Widerspruch letztlich im Jubel vom 9. November 1989 auflöste, war Egon Bahr, wenn auch gegen seine ureigenen Vorstellungen, auch zu verdanken. Das wird bleiben von diesem ungewöhnlichen Mann, Journalisten und Politiker. Danke, Egon, mach´s jut. (1.025).

Carl-Wolfgang Holzapfel

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 20.08.2015/cw – Am vergangenen Dienstag referierte in der Gedenkbibliothek für die Opfer des Kommunismus in Berlin der ehemalige Grenzsoldat der DDR-Grenztruppen und spätere Fluchthelfer Rudi Thurow über seine Geschichte und wichtige Hintergründe aus der Zeit des Kalten Krieges wie der Nach-Wende-Zeit. Christine Meyer berichtete im Forum FLUCHT UND AUSREISE über den interessanten Abend. Die Zwischenüberschriften wurden durch die Redaktion eingefügt; eine Auslassung  (aus rechtlichen Gründen) gekennzeichnet (…).

Fluchttunnel mit Hilfe der Amerikaner

Von Christine Meyer

Wir waren gestern in der Gedenkbibliothek, wo Rudi THUROW erzählte, wie er vom DDR-Grenzpolizisten zum Fluchthelfer wurde.

Auf seiner Flucht nahm er Dokumente über die innerdeutsche Grenze mit und übergab diese den Amerikanern. Die Ami’s leiteten die Unterlagen nicht an den Berliner Senat weiter, weil sie die deutschen Behörden für nicht vertrauenswürdig hielten. Der Grund hierfür ist, dass Westberlin mit DDR-hauptamtlichen IM’s durchzogen war. …

Mit Hilfe der Amerikaner baute Rudi THUROW Fluchttunnel. Generalmajor Karl KLEINJUNG plante die Ermordung Thurows. Zwei Attentate scheiterten, weil THUROW durch die Amerikaner gewarnt wurde, beim dritten hatte er Glück und entkam.

Belege über Mordanschläge wurden unter Gauck vernichtet

Nach der Wende beantragte er Akteneinsicht und erhielt die bereinigte Akte durch die Gauck-Behörde. Focus-Journalisten informierten THUROW, dass sie weiteres Material über ihn hätten, welche den Auftragsmord des Generalmajor KLEINJUNG belegten – nachdem der Titel der Veranstaltung „Fluchthelfer Thurow ist zu erschlagen“ gewählt wurde. Es ist eine große Ausnahme, dass Journalisten diese Belege in die Hände fielen. Laut THUROW ist Joachim GAUCK (als BStU /wm) eine Nachlässigkeit passiert.

Sämtliche Belege über Mordanschläge wurden, noch unter GAUCK, vernichtet. Geschadet hat es Herrn KLEINJUNG trotzdem nicht. Er lebte gut situiert bis zum natürlichen Ende. Ebenso wie die Verräter am Tunnelbau. Ein Grieche hatte den Tunnelbau verraten, wodurch Flüchtlinge erschossen und verhaftet wurden. Der Verräter ist bekannt und wird vom deutschen Staat gedeckt.

Die Helfer beim Tunnelbau waren international: Dänen, Belgier… etc. Rudi THUROW erhielt das Bundesverdienstkreuz; seine Kameraden von damals wurden zur Feier nicht eingeladen. Ausländische Staatsbürger haben ihr Leben für die Freiheit der DDR-Flüchtlinge riskiert – ohne die kleinste Aufmerksamkeit durch den deutschen Staat. Rudi THUROW überlegt, ob er das Verdienstkreuz zurückgeben sollte.

Maulwurf“ für den RIAS wurde hingerichtet

Ein leitender Historiker unter den Zuhörern erforscht die Anzahl der Mauertoten. Staatlich hoch bezahlte Historiker rechnen die Opferzahlen herunter, indem die eine oder andere Gruppe nicht dazu gezählt wird. Die wahren Aufklärer sind die Ehrenamtlichen. Wahre Zahlen gibt es bei Alexandra HILDEBRANDT, Museum Checkpoint Charlie; geschönte Zahlen gibt’s in der Bernauer Straße und im „Tränenpalast“.

Ein Beispiel: Maueropfer gibt es erst seit dem 13.8.1961. Die 200 Toten davor werden nicht gezählt usw. usf. Die Grenze wurde bereits vor dem Mauerbau überwacht, bspw. Zufahrtswege nach Berlin. Am Abend davor wurden im kleinen Kreis die Züge, welche kontrolliert werden sollten, als Befehl für den nächsten Tag festgelegt. Darunter war ein Maulwurf, der die geplanten Aktionen dem RIAS zukommen ließ. Und der RIAS warnte seine Zuhörer vor diesen Zügen. Der Maulwurf flog auf und wurde in Leipzig hingerichtet und seine Leiche an einer bekannten Stelle verscharrt. Nach der Wende verhinderte die DDR-Opposition ein würdiges Begräbnis aller Hingerichteten. Aufgrund von Baumaßnahmen mussten diese dann doch umgebettet werden und sie ruhen jetzt auf dem Südfriedhof Nähe abseitsgelegenen Komposthaufen ohne jeglichen Hinweis, wer sie einmal waren.

Meine Schilderung ist ein bisschen lang geworden. Da kann sich jeder selbst einen Reim darauf machen, wo wir im 26. Jahr nach dem Mauerfall stehen.

Quelle: Flucht und Ausreise –
http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3864164&pg=1

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