von Carl-Wolfgang Holzapfel

München/Berlin, 6.08.2015/cw – Stasi-Chef Erich Mielke hatte ihn im Visier: Dem Liquidierungsauftrag von Generalleutnant Dr. Wolfgang Schwanitz, am 11.03.1986 unterzeichnet, konnte er über Österreich, Italien, die USA bis nach Tahiti entfliehen. Jetzt hatte ihn der Tod im Visier und ihm konnte der kleine, mutige und stets humorige Mann nicht mehr entfliehen. Vor wenigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass Willy Schreiber einem langjährigen und schleichenden Krebsleiden erlag. Der am 1. Weihnachtsfeiertag 1937 in Halle/Saale geborene Schreiber starb bei München am 28.07.2015 im 78. Lebensjahr.

Die Nachricht vom Tod des Freundes erreichte uns bereits vor drei Tagen, einzig der vorübergehende Absturz des PC in der Redaktion verhinderte einen sofortigen Nachruf. Seit Jahren trafen wir uns regelmäßig in Berlin. Willy Schreiber reiste mindestens einmal im Jahr in die Hauptstadt, um Kontakte zu pflegen aber auch, um den Spuren seines Lebens, hier in den Akten der Stasi, nachzuspüren. Sein in der Tat bemerkenswertes Leben ließ den Wahl-Bayern nicht mehr los, prägte seine späten Jahre. 2009 erschien in zweiter Auflage (1. Auflage 2000 vergriffen) seine biografische Aufzeichnung „Im Visier, Chronik einer Flucht“ (Vorwort von Norbert Blüm, Broschur, ISBN 978-3-940431-14-1. Jena 2009. 335 S., 55 Abbildungen, davon 10 farbig. 12,90 EUR (D), 13,20 EUR (A), 12,90 SFR (CH). Vor wenigen Jahren legte er in Ergänzung die Dokumentation aus seiner Stasi-Akte vor: „Akte OV „Eisladen I und II“ vor (Vindobona Verlag, Wien, 2012, ISBN-3-85040-017-4).

Ab 1943 absolvierte Schreiber eine achtjährige Schulausbildung, der sich eine Ausbildung zum Buchdrucker (1951 – 1954) anschloss. Sei Berufswunsch, Kfz-Schlosser zu werden, war ihm zuvor verwehrt worden, weil er sich – aus einem konservativen Elternhaus stammend – weigerte, der DDR-Jugendorganisation JUNGE PIONIERE beizutreten. Er blieb jedoch nicht bei seinem erlernten Beruf, sondern verdingte sich seiner „zweiten Leidenschaft“, wie er sagte, als Schaustellergehilfe. Bereits 1962/62 machte er sich als Schausteller selbständig und kam für DDR-Verhältnisse alsbald zu einem bemerkenswerten Wohlstand. Schreiber heiratete erstmals 1963, 1969 wurde seine Tochter geboren. Doch das Glück dauerte nicht lange, denn bereits 1970 starb seine Frau. Wohl in der Sorge um seine vierjährige Tochter heiratete der Schausteller bereits 1971 ein zweites Mal. Im selben Jahr wurde sein Sohn geboren.

Nach den Erfolgen als Schausteller baute der agile Unternehmer einen Eisladen in  Karlshorst auf, der schnell florierte. Was er nicht wusste, war der Betrug durch seine zweite Frau, die ein Liebesverhältnis mit einem Stasi-Mann (IM „Rolf“) unterhielt und alsbald selbst als IM „Astrid“ gegen ihren eigenen Mann agierte (1979). Offensichtlich, so Schreiber später, hatte es seine Frau auf sein erreichtes Vermögen abgesehen, dass wohl inzwischen viele Neider auf den Plan gerufen hatte. Die Ehe wurde nach zehn Jahren (1981) geschieden. Seit mindestens 1979 hatte die DDR-Staatssicherheit den offenbar zu autark gewordenen Schausteller ins Visier genommen. Dabei wurde seine Frau auch von dem mit der Scheidung betrauten Anwalt Schreibers, dem späteren „Einheits-Politiker“, unterstützt, der als IM „Czerny“, die Fluchtabsichten seines Mandanten an die Stasi meldete, wie aus einer Notiz des MfS hervorging. Unter diesem zunehmenden Druck gelang Schreiber dennoch die Flucht über den Checkpoint Charlie in den Westen, buchstäblich „in letzter Minute,“ wie er konstatierte. Unterstützt wurde er dabei ausgerechnet von einem Sekretär der KPI, der an der italienischen Botschaft in Ost-Berlin arbeitete, was wohl den Hass der Stasi zusätzlich anfachte.

War für viele Flüchtlinge die Ankunft im Westen der Start in ein neues Leben, begann für Willy Schreiber erst der wirkliche Alptraum. Im März 1986 unterzeichnete MfS-Generalleutnant Schwanitz sogar den Befehl zur „Liquidierung“ des Abtrünnigen. Nach der Einheit stellte allerdings ein Gericht fest, unter diesem Begriff sei lediglich der Befehl „zum Abschluss des Vorgangs“ zu verstehen gewesen. Von den „Tschekistischen Kampfmaßnahmen“ des MfS hatten die Richter zumindest zum Zeitpunkt der Entscheidung wohl keine Kenntnis. In dieser für das MfS verbindlichen Anweisung wurde unter dem Begriff des Liquidierens exakt ausgeführt, was darunter zu verstehen war: Erstechen, Erwürgen, Erschlagen etc.

Schreiber überlebte mehrere augenscheinliche Anschläge auf sein Leben. Seine Flucht vor den Verfolgern der Stasi führte ihn schließlich bis nach Tahiti. Bis an das Ende seiner Tage gab der „Dauer-Flüchtling“ (Schreiber) seine Hoffnung auf den Sieg der Gerechtigkeit nicht auf. Nun mußte er aufgeben, setzte ihm der natürliche Tod den Punkt hinter diesen Glauben. Schreiber, bis zuletzt ein attraktiver Mann „in den besten Jahren“ (Schreiber) heiratete trotz seines steten Optimismus nicht mehr, die Enttäuschungen saßen dann doch zu tief. Er hinterlässt bestürzte und traurige Freunde, die sich seiner immer erinnern werden. Er hinterlässt aber auch seine einstigen Verfolger, unter denen zum Beispiel sein einstiger Anwalt bis heute die Reputation eines Elder Statesman genießt und in zahlreiche Gremien an führender Stelle tätig ist. Aber er hinterlässt  mit seinem Schriftwerk „Im Visier“ ein weiteres nachdrückliches Dokument über ein weiteres dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Danke, Willy.

Die Beisetzung* soll dem Wunsch des Verstorbenen entsprechend in Halle neben dem Grab seiner ersten Frau stattfinden, ein Termin steht noch nicht fest.(1.020)

* Zeitpunkt und Ort der Beisetzung können derzeit (Stand: 13.08.) nicht übermittelt werden; es fehlen offenbar die notwendigen Verfügungen. Schreiber verstarb in Markt Schwaben (Bayern).

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