von Peter Beck-Moretti

Niedernhausen, 12./14.04.2015 – DDR, das hieß Deutsche Demokratische Republik, und es gibt zunehmend Leute, die meinen, „Klar war das eine Demokratie, kann man doch aus dem Namen erkennen…“
Und da hat der PoWi- und Geschichtslehrer dann die Aufgabe, herauszuarbeiten, dass das, was `drauf steht´, leider nicht immer drin ist…
Was lag also näher, als das von der Hessischen Staatskanzlei zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung aufgelegte Programm zu nutzen und eine Zeitzeugin an unsere (Theißtal-)Schule in Niedernhausen zu holen.

Tatjana Sterneberg, einstige Bürgerin der DDR, hat am eigenen Leib erlebt, was es damals hieß, sich nicht an die Regeln zu halten, die SED und Staatsführung für ihre Bürger beschlossen hatten: Kontakte zu den Bürgern im Westen sollten, wenn immer möglich, verhindert werden. Doch vielfach war die gelebte Wirklichkeit eine andere.
So hatte sich ein Italiener aus West-Berlin, unglaublicherweise, in eine Berlinerin aus Ost-Berlin verliebt! Seine Liebe wurde erwidert und, natürlich, die beiden wollten heiraten und zusammenleben.

Das ‚kleine‘ Problem: DDR-Bürgern war eine Ausreise in „den Westen“ gesetzlich verboten. Und der offizielle Ausreise-Antrag, den Tatjana stellte, wurde abgelehnt, wie der von so vielen anderen. Was sie nicht wusste: Von diesem Moment an wurde sie unbemerkt vom Geheimdienst der DDR, der Stasi beobachtet. 11 IMs (IM = Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi) wurden auf das verliebte Paar angesetzt, ein operativer Vorgang (OPV) unter dem Code „Hänsel und Gretel“ angelegt. In ihrer Not nahmen die beiden Verliebten Kontakt zu professionellen Fluchthelfern auf. Kurz vor der geplanten Flucht in einem Diplomatenfahrzeug über den Ausländerübergang Checkpoint Charlie wurde Sterneberg von der Stasi verhaftet. Ihr Verlobter wurde nahezu zeitgleich bei der Einreise festgenommen. Das Urteil, ein halbes Jahr später, war hart: 4 ½ Jahre für sie, 6 Jahre für ihn! Dieses wurde zwar später noch in 3 Jahre, 8 Monate bzw. 5 Jahre geändert. Doch wofür? Sie wollte doch lediglich den Mann, den sie liebte heiraten und mit ihm in West-Berlin leben!

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 - Foto. LyrAg

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 – Foto. LyrAg

Als Frau Sterneberg dann von den Haftbedingungen besonders für politische Häftlinge, ein Jahr in Untersuchungshaft, zwei Jahre im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck, berichtete – waren viele Schüler ungläubig und entsetzt. Schließlich ist das Alles kaum 40 Jahre her und passierte mitten in Deutschland:

Harte Arbeit für einen Hungerlohn (die erstellten Produkte landeten dann z.T. im Westen im Angebot von Ikea, Neckermann, Quelle u.a. ), miserable Verpflegung, psychische Folter, strenger Arrest für gezeigten Widerstand und heimliche Verabreichung von Psycho-Pharmaka. Letztere führten zu schweren gesundheitlichen Problemen, das Paar wurde vorzeitig arbeitsunfähig…
Dass es nach über 3 Jahren doch noch zu einem vorläufigen Happyend kam – sie wurde von der Regierung der Bundesrepublik für 40 000 Mark freigekauft, ihr Verlobter war schon ein halbes Jahr vorher entlassen worden – kann diese Ereignisse nicht mehr ungeschehen machen.

Eine Buchauswahl über politische Haft  in der DDR ergänzte den Vortrag - Foto: LyrAg

Eine Buchauswahl über politische Haft in der DDR ergänzte den Vortrag – Foto: LyrAg

Auf Nachfrage erfuhren die Schüler und Schülerinnen außerdem, dass Antonio, ihr Mann, bereits im Jahre 2006 an den Spätfolgen seiner Stasi-Haft verstorben ist. Nie hatte er über seine Haft in Rummelsburg sprechen können! Erst nach seinem Tod erfuhr Tatjana aus den Stasi-Akten, dass Mithäftlinge Antonio u.a. zusammengeschlagen hatten, weil die Stasi das Gerücht gestreut hatte, er sei ein Stasi-Spitzel!

Natürlich wurde das Ganze im PoWi bzw. Geschichtsunterricht vor- (und nach)bereitet, auch wenn die DDR teilweise noch gar nicht offiziell auf dem Lehrplan stand.
Für alle von mir befragten Schüler – im ersten Durchgang einige 7. Klassen (G, H und R) und in einem zweiten Durchgang Teile der Klassen 9 + 10 – war es jedenfalls ein eindrückliches und darum unvergessliches Erlebnis, von einer Zeitzeugin Geschichte aus erster Hand zu erfahren. Was sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Schüler jeweils über eine Stunde konzentriert zuhörten!

Vielen Dank nochmals an Frau Sterneberg! Es wird nach dieser positiven Erfahrung sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Zeitzeugen an unsere Schule holen! (969)

Siehe auch: http://www.theisstalschule.de/category/allgemein/

V.i.S.d.P.: Peter Beck-Moretti – Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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