Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Calw/Berlin, 5.04.2015/cw – Erst heute erreichte uns die Nachricht von seinem Tod: Benno Prieß, *am 29.Mai 1928 in Bützow, starb am 31. März 2015 in Calw. Der Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen (Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes 1989; BVK am Bande 1994 und BVK 1. Klasse 2005) wurde einem breiteren Publikum besonders durch sein erschütterndes Dokument „Erschossen im Morgengrauen“ bekannt. Mit diesem Buch setzte er seinen toten Kameraden ein immerwährendes Gedächtnis (272 S. : zahlr. Ill., Kt. ; 24 cm, 669 gr., ISBN 3-937267-05-0 kart.).

29.05.1928  -  31. 03. 2015

29.05.1928 – 31. 03. 2015

Der sich zuletzt als Historiker bezeichnende Prieß wurde mit 17 Jahren im April 1946 in Bützow von den Sowjets verhaftet, Vorwurf: Zugehörigkeit zum „Werwolf“ (einer am Ende des 2.Weltkrieges von der Nazi-Propaganda erfundenen Partisanengruppe aus Kindern und Jugendlichen, die real nie existierte). Durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD wurde er und seine Mitgefangenen monatelang gefoltert („wochenlange Verhöre mit Prügel, mehrtägiger Nahrungsentzug und stundenlangem Stehen in kaltem Wasser“, Prieß) und schließlich zu 10 Jahren Arbeitslager wegen „antisowjetischer Propaganda“ verurteilt. Diese mußte er in den inzwischen weithin bekannten grauenhaften Institutionen der kommunistischen Gewaltherrschaft verbüßen: Torgau, Bautzen, Sachsenhausen (einem von den Nationalsozialisten übernommenen Konzentrationslager) und Waldheim.

Im Februar 1947 erfolgte die Deportation nach Brest Litowsk/UdSSR. Wegen einer schweren Ruhr-Erkrankung gelangte Prieß im April 1947 zurück in die sowjetische Besatzungszone (SbZ) und wurde erneut ins Zuchthaus Bautzen, 1948 nach Sachsenhausen, 1950 nach Torgau und schließlich nach Waldheim verbracht.
Dort erlebte er hautnah die berüchtigten „Waldheimer Prozesse“. Prieß: „Durch ein SED-Sondergericht wurden dort von April bis Juni 1950 mehr als 3400 Menschen im Schnellverfahren abgeurteilt und 32 Todesstrafen verhängt, davon 24 vollstreckt.“

Eine seiner eindrücklichen Publikationen

Eine seiner eindrücklichen Publikationen

Von den zehn Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus Bützow überlebten die erlittene Tortur nur zwei Verurteilte.

Acht Jahre nach seiner Verurteilung wurde Prieß 1954 entlassen, nachdem man bereits 1951 eine Scheinentlassung vorgenommen hatte, „um die psychische Tortur auf den Höhepunkt zu treiben“. Prieß flüchtete nach dieser Odyssee noch im Jahr seiner Entlassung nach Westdeutschland und gründete in Calw eine Familie und eine Möbel-Firma.
Seine Erlebnisse, besonders das Schicksal seiner Kameraden, ließen ihn aber nie los. Nach dem Fall der Mauer beteiligte er sich mit großem Eifer an der Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen und der Nachkriegsgeschichte seiner Heimat. Benno Prieß verstand diese Arbeit und auch seine vielbeachteten Publikationen als Einlösung seines Versprechens gegenüber seinen Haftkameraden, deren Schicksal öffentlich zu machen, damit es niemals vergessen werde.
Die Bützower Verurteilten wurden 1995 durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Auch wenn Prieß für dieses späte „Signal der Reue“ Genugtuung empfand, seinen Kameraden konnte damit „das verlorene Leben nicht zurück gegeben werden.“

Nach dem Ende des Grauens vor dem neuen Grauen - Benno Prieß 1945

Nach dem Ende des Grauens vor dem neuen Grauen – Benno Prieß 1945

In den letzten Jahren bereits an den Rollstuhl gefesselt ließ es sich der aufrechte Kämpfer nie nehmen, an zahlreichen Veranstaltungen teilzunehmen oder Weggefährten auf ihrem letzten Weg zu begleiten, treulich von seinem Enkel begleitet. Bis vor wenigen Jahren war er auch ständiger Gast der UOKG-Veranstaltungen in Berlin. Er sah in dem Dachverband den nie verlöschenden Traum, für alle Opfer und Verfolgten mit „einer Stimme“ sprechen zu können. Unter den vielfachen Zerwürfnissen einstiger Kameraden litt er spürbar, was er in unzähligen Gesprächen immer wieder zum Ausdruck brachte.

Nicht nur in Calw, in ganz Deutschland war Benno Prieß für seine Verdienste um die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR bekannt. Die Feier seines 87. Geburtstages blieb ihm, der so gerne und intensiv gelebt hat, verwehrt. Wir werden Benno und seinen trotz allem nie versiegenden Humor nicht vergessen.
Der Trauergottesdienst findet am kommenden Dienstag, 7. April, ab 14 Uhr in der Heumadener Versöhnungskirche statt (Georg-Baumann-Str. 9, 75365 Calw). (964)

V.i.S.d.P.: Redaktion.Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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