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Berlin, 26.04.2015/cw – Käthe B. wurde am 25.Juli 1943 inmitten der Wirren des fürchterlichen Zweiten Weltkrieges in Berlin-Neukölln geboren. Die 1919 in Kallis/Pommern geborene Mutter und Kontoristin Margarete Luckow war von 1940 – 1943 bei der Luftwaffe auf dem Fliegerhorst Märkisch-Friedland als Fernschreiberin eingesetzt und 1943 nach Adlershof versetzt worden. Vermutlich hatte sie um diese Zeit Kittys Vater, der in Berlin wohnte, kennengelernt, der allerdings auf der Geburtsurkunde nicht vermerkt war. Der Krieg wirbelte viele Biografien durcheinander, ließ nichts mehr so sein, wie es einst war.

Käthe B. 2014  im Gespräch mit ihrer Betreuerin - Foto: Lyrag

Käthe B. 2014 im Gespräch mit ihrer Betreuerin – Foto: Lyrag

Über den Vater wissen wir wenig. Vermutlich war auch er Soldat. Jedenfalls wohnte er bis zu seinem Wegzug in den Westen (Bad Soden) in den fünfziger Jahren in Berlin-Spandau, war dort als selbstständiger Kaufmann tätig. Die Wege der Eltern trennten sich bald. Der Krieg mit seinen Belastungen löste alte Bindungen nicht nur durch den vielfachen Tod in den Familien, er trennte auch das, was vermeintlich auf ewig verbunden war. So wuchs das kleine Mädchen bei der Mutter auf, die sich redlich mühte, das eingetretene Chaos mit ihrer Tochter zu überleben.

Schnell geriet die Mutter in das aufziehende Geflecht des Kalten Krieges zwischen den einst Verbündeten. Sie verdingte sich wohl Anfang der fünfziger Jahre vermutlich für einen amerikanischen Geheimdienst, war wohl auch für die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aktiv. Das mußte fast zwangsläufig den seinerzeit gegründeten und im Aufbau befindlichen Staatssicherheitsdienst (SSD) der DDR, das spätere MfS auf die junge Frau aufmerksam machen. Nachdem sie während des Volksauftandes vom 17. Juni 1953 den Sturz der Regierung gefordert hatte, wurde sie verhaftet und – so erzählte Käthe und so sagen die spärlich vorhandene Unterlagen aus – gegen eine Verpflichtung (Losungswort „Marianne“) aus der Stasi-Haft entlassen. Die Verpflichtung brachte wohl keine Ergebnisse, jedenfalls wurde die entsprechende Akte stillgelegt. Oder:

Der Vorsitzende v.d. Vereinigung 17. Juni hielt die Traueransprache - Foto: LyrAg

Der Vorsitzende v.d. Vereinigung 17. Juni hielt die Traueransprache – Foto: LyrAg

War Markus Wolff im Spiel?

1956 wurde Käthes Mutter erneut schwanger und starb 1957 unter bisher ungeklärten Umständen bei der Geburt des Kindes im Klinikum Buch, ebenso das Baby.. Erst nach der Wende wollte Käthe auf Fotos jenen Mann wiedererkannt haben, der in dieser Zeit ihrer Mutter nahe stand und wohl auch für die Schwangerschaft Verantwortung trug: Markus Wolff, der jahrzehntelange geheimnisumwitterte Chef der Auslandsspionage des MfS. Eine mögliche Erklärung für den geheimnisvollen und plötzlichen Tod der Mutter?

Dies ist als Hintergrund wichtig zu wissen, um das Leben von Käthe B. erfassen zu können, dieses Leben Revue passieren zu lassen.
Als ihre Mutter starb, war Käthe B. erst 13 Jahre alt. Der Vater wohnte weitab im Westen. Ein kurzer Aufenthalt in Bad Soden Mitte der fünfziger Jahre war auf Betreiben der Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten wollte, beendet worden. Wie wäre das Leben von Käthe verlaufen, wenn sie damals bei ihrem Vater hätte bleiben können? Wir wissen es nicht. Familie im altgewohnten Sinn gab es nicht.
Bis zum 17. Lebensjahr wuchs das junge Mädchen bei befreundete Nachbarn auf, wurde dann in ein Heim verbracht, wo sie immerhin 1960 die Schulausbildung mit der Mittleren Reife abschließen konnte. Wer sich mit den Verhältnissen in den seinerzeitige Kinder- und Jugendheimen (ob Ost oder West) befasst hat oder diese Verhältnisse am eigenen Leib durchleben mußte, weiß vermutlich um die Bitternis dieser Erfahrungen für ein junges Leben.

Freunde, ehem. Heimkinder und Mitbewohner aus dem Seniorenheim gaben das letzte Geleit - Foto: LyrAg

Freunde, ehem. Heimkinder und Mitbewohner aus dem Seniorenheim gaben das letzte Geleit – Foto: LyrAg

Kitty, wie Käthe von ihren Freunden genannt wurde, durchlief viele berufliche Stationen. So war sie Hilfspflegerin, Laborhilfskraft, Serviererin, Einsatzverkäuferin und Programmierassistentin. Ihre jeweiligen Arbeitgeber oder Beschäftigungsorte spiegelten diese Vielfalt wieder: Von der Humboldtuniversität Berlin über den Konsum-Gaststättenbetrieb und die Großhandelsgesellschaft Nahrung und Genuss bis hin zum VEB Funk- und Fernmeldeanlagenbau. Käthe versuchte auch, einen selbständigen Strickbetrieb aufzubauen, der Schritt in diese Selbständigkeit scheiterte jedoch.

Auf der Suche nach entgangener Liebe

Daneben blieb wohl die Sehnsucht nach einem Leben, daß auch ihr in der Kindheit vorenthalten worden war. Wohl auf dieser Suche nach entgangener Liebe heiratete sie zwei Jahre nach Errichtung der Mauer am 7. Dezember 1963 den ein Jahr älteren Alfred K., 1964 gebar sie der jungen Familie den Sohn Henry. Doch die Ehe erfüllte die gegenseitigen Hoffnungen nicht, sie wurde wenige Jahre später geschieden. Alfred K. starb 2013.

Erneut im Weihnachtsmonat Dezember, wenige Tage vor dem heiligen Abend 1972, heiratete Käthe ein zweites Mal, diesmal den ein Jahr jüngeren Wolfgang B Im Juli 1977 gebar sie den Sohn Alexander. Zuvor hatte ihr Mann eingewilligt, dass Henry K. den gemeinsamen Familiennamen trage durfte.

Nachdem Wolfgang B. erfuhr, daß Alexander nicht sein leiblicher Sohn war, reichte er die Scheidung ein. An Käthe wiederholte sich das Schicksal ihrer Mutter. Alleinerziehend mußte sie sich mit ihren zwei Söhnen durchschlagen. Eine Lebenslinie übrigens, die sich bei vielen ehemaligen Heimkindern aufzeigen ließ. War es verwunderlich, war es außergewöhnlich, dass Käthe Brauer schließlich und buchstäblich „auf der Strecke“ blieb? Der Kampf um die Dinge des Alltags ließ sie, die vom Leben letztlich allein gelassen war, wohl endgültig resignieren.

Ungeklärt: Das Geheimnis um den Tod der Mutter

Dank Heimkinderfonds eine würdige letzte Ruhe - Foto: LyrAg

Dank Heimkinderfonds eine würdige letzte Ruhe
– Foto: LyrAg

Die Söhne hatten sich von ihrer Mutter abgesetzt. Zwei kleine Hunde blieben ihr einziger Trost in einer Welt, die sie zunehmend nicht mehr verstand und vielfach nicht mehr verstehen konnte. Vor dem Eintritt in eine dunkle Ära, die von der verzweifelten Flucht in den Alkohol geprägt war, hatte sie einen erneuten Anlauf genommen, für sich das Schicksal ihrer Mutter und deren mögliche Hinterlassenschaften aufzuklären. Buchstäblich von Pontius bis Pilatus zog Käthe, von Rechtsanwälten zu Journalisten, von der BStU über den Sozialverband bis hin zur Gedenkbibliothek an die Opfer des Kommunismus im Nicolaiviertel, deren stetige Besucherin sie über viele Jahre wurde.
Ihre Mutter hatte immer wieder davon gesprochen, das in West-Berlin auf ihren Namen Wertpapiere angelegt worden waren, auch ein Konto, auf das Zahlungen des Vaters für die Tochter eingehen würden. Weder konnte Kitty die Umstände des Todes ihrer Mutter oder der fragwürdigen Beziehungen zu Markus Wolf aufklären noch entsprechende Bankunterlagen auffinden. Wer um die Historie der Geld- und Vermögensanlagen von Opfern der NS-Diktatur und deren bis heute ungeklärten Verbleib Kenntnis hat, weiß auch, auf welchem aussichtslosen Feld sich Kitty bewegte.
Keine Dienststelle des Bundes, kein Politiker sah und sieht sich in der Verantwortung, in diesen Fällen jede erdenkliche Hilfe zu leisten. So scheitern bis heute Opfer dieser Machenschaften allein schon an den mangelnden finanziellen Ausstattungen, um solche kostspieligen Nachforschungen überhaupt erst möglich zu machen.

Käthe muß sich irgendwann selbst aufgegeben haben. Nachdem auch ihre beiden vierfüßigen und befellten Wegbegleiter tot waren, wurde der Rotwein zum Ersatz für unerfüllte Hoffnungen und Sehnsüchte. 2011 wurde sie im hilflosen Zustand von einem Kumpan aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht. Danach wurde Käthe schließlich von Amts wegen – und das war ihr letztes Glück – in ein Seniorenzentrum am Wannsee eingewiesen.

Obwohl Käthe B. bemerkbar leise Anflüge der Freude zeigte, hatte sie eine tiefe Traurigkeit, ja Mutlosigkeit erfasst und ließ sie kaum noch los. Das Leben, so schien es, hatte für sie den Sinn verloren. Am 24. Februar wurde Käthe B. tot in ihrem Bett aufgefunden. Sie hatte sich still von dieser Welt verabschiedet, ohne vorher „Adieu“ zu sagen. Leise, still, als wäre es nicht wert, Aufhebens von ihrer Abreise zu machen.

Am letzten Freitag wurde sie von Freunden und ehemaligen Heimkindern zur letzten Ruhe geleitet. Der Heimkinderfonds hatte einen stillen und würdigen Abschied ermöglicht. Wenigstens im Tod blieb Käthe B. die Anonymität erspart. (977)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Bautzen, 24.04.2015/cw – Hans-Joachim Hentschel (57), einst Offizier der DDR-Staatssicherheit und neuerdings Kandidat für die bevorstehende OB-Wahl in der historischen Sorben-Stadt Bautzen hat jetzt auf die heftige Kritik an seiner Kandidatur reagiert. Er „akzeptiere die öffentliche Meinung,“ erklärte der Unternehmensberater jetzt und zog seine parteiunabhängige Kandidatur zurück. Angeblich habe er das Beamtengesetz nicht gekannt, nachdem ein gewählter Oberbürgermeister in ein Beamtenverhältnis auf Zeit übernommen wird. Daher werde eine Kandidatur auf eine Tätigkeit als ehemaliger Stasi-Kader geprüft, die im Falle einer Bestätigung eine Übernahme ausschließe. Er „handele mit dem Rückzug im Interesse der Bürger“, erklärte Hentschel jetzt gegenüber der Sächsischen Zeitung, die seine Stasi-vergangenheit Anfang April publik gemacht hatte.
Besonders bei Verfolgten– und Opfer-Verbänden der zweiten Diktatur hatte die Kandidatur für Empörung gesorgt. Bautzen war zu Zeiten der DDR für seine Haftanstalten berüchtigt. In Bautzen I und Bautzen II wurden missliebige Bürger zu Tausenden aus politischen Gründen für häufig viele Jahre eingesperrt. Sie waren dort besonders in den fünfziger bis in die achtziger Jahre hinein unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert und mussten auch Zwangsarbeit verrichten. Für die Zuführung in die DDR-Haftanstalten aus politischen Gründen war die Staatssicherheit hauptsächlich verantwortlich.

Überprüfungen in Thüringen angelaufen

Unterdessen hat der Landtag in Thüringen mit den Überprüfungen der Abgeordneten in der neuen Legislaturperiode auf eine ehemalige Stasi-Tätigkeit begonnen. Der Landtag war 2014 gewählt worden. Nach der Wahl war erstmals nach dem Fall der Mauer mit Bodo Ramelow ein Mitglied der SED-Nachfolgepartei zum Ministerpräsidenten gewählt worden.
Im Thüringer Abgeordneten-Überprüfungsgesetz ist diese Überprüfung vorgeschrieben. Danach können Stasi-belastete Abgeordnete vom Landtag als „parlamentsunwürdig“ eingestuft werden. Allerdings hat diese Einstufung keine rechtlichen Konsequenzen mehr, da das Verfassungsgericht einen Ausschluss der PDS-Abgeordneten Almuth Beck aus dem Landtag in den neunziger Jahren später für unzulässig erklärt hatte. Seither wollen die Fraktionen der SPD, LINKE und GRÜNE, die seit 2014 in einer Koalition verbündet sind, diesen Begriff aus dem Gesetz streichen. Die CDU-Opposition plädiert für eine Beibehaltung und möchte die Bestimmung bis in die nächste Legislaturperiode verlängern. (976)

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Berlin, 23.04.2015/cw – UOKG-Chef Rainer Wagner hat mit sofortiger Wirkung den Rücktritt von allen Ämtern erklärt. In einem am 22.04. an den Vorstand übermittelten und heute durch eine Presseerklärung bekannt gewordenem Schreiben erklärt der seit 2006 amtierende Chef des Dachverbandes UOKG:

Aus gesundheitlichen Gründen erkläre ich hiermit meinen sofortigen Rücktritt vom Amt des Bundesvorsitzenden der UOKG. Da meine politische Autorität vom Amt des UOKG-Bundesvorsitzenden her kommt, lege ich gleichzeitig auch alle weiteren politischen Funktionen in Verbänden und Gremien nieder.

Wagner begründete diesen Schritt mit seinen gesundheitlichen Einschränkungen, die ihm eine Fortführung seiner Tätigkeit nicht mehr möglich mache:

Aufgrund meiner politischen Haft in der DDR leide ich unter mancherlei gesundheitlichen Einschränkungen, die mich in meiner Tätigkeit für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft beeinträchtigen. Ich musste feststellen, dass weder eine Teilrente (seit Herbst 2014) noch eine wahrgenommene Rehabilitationskur eine Verbesserung gebracht haben.“

Der Rücktritt vom 22.04.2015

Der Rücktritt vom 22.04.2015

Politische Weggefährten und Beobachter zeigten sich allenfalls vom Zeitpunkt überrascht, denn Wagner sah sich seit geraumer Zeit wegen seiner allerdings theologisch begründeten Äußerungen, in denen er Juden „als Knechte Satans“, Allah als „Lügner und Erfindung“ bezeichnete und wegen Diffamierungen von Buddhisten und anderer Religionen scharfer Kritik ausgesetzt.
Dem bisherigen UOKG-Vorsitzenden war insbesondere eine nicht vertretbare Vermischung zwischen seinen theologischen und politischen Positionen vorgeworfen worden. Seine Äußerungen zum Thema Juden und Muslimen ständen im Widerspruch zum Postulat des Dachverbandes, der „sich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik verpflichtet“ fühle. Daher hätten „Politischer Extremismus, Rassismus und Antisemitismus jeglicher Ausprägung in der UOKG keinen Platz.“

Wagner hatte aus selbst für Wohlgesonnene unerklärlichen Gründen jeglichen Brückenbau abgelehnt und war jüngst sogar gerichtlich gegen eine nach seinen Angaben nicht von ihm verfasste Erklärung vorgegangen, die seine radikalen Äußerungen relativierten und laut der er zukünftig mehr Sensibilität in seiner Verantwortung als Vertreter von politisch Verfolgten walten lassen wolle.

Nicht nur der Dachverband steht nun vor großen Problemen. Auch der älteste und bislang größte Verfolgtenverband, die seit 1950 existente Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) verliert mit dem Rücktritt seinen erst seit April 2014 amtierenden Vorsitzenden. Entgegen seinen Ankündigungen hatte sich

Die  VOS bedauert den Rücktritt, hat aber Verständnis... Hugo Diederich, Ansprechpartner

Die VOS bedauert den Rücktritt, hat aber Verständnis…
Hugo Diederich, Ansprechpartner

Wagner auch hier nicht gegen alte Strukturen durchsetzen wollen oder können.

Kommentar:

Man soll Toten oder von Ämtern Zurückgetretenen nicht Steine nachwerfen. Ein Rücktritt ist schließlich immer auch ein Stück Übernahme von Verantwortung. Dennoch reißt jeder Rücktritt Lücken. Zwei Verbände suchen einen neuen Vorsitzenden, zwei Verbände waren – wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen – auch durch den Zurückgetretenen in eine Schieflage geraten. Alle, die es nicht wagten, den Mund aufzumachen, ihren Vorsitzenden nicht kritisieren wollten und die angehäuften Probleme lieber aussitzen wollten, stehen jetzt im Regen. Sie haben jetzt eine Chance, diese Versäumnisse aufzuholen und sich aktiv an der Findung guter Nachfolger zu beteiligen. Weiter so! reicht nicht mehr. Wenn die einstigen politischen Widerstachler die einstigen Grundsätze wieder ernst nehmen wollen, dann müssen sie sich zu Wort melden und ihren Anspruch auf Mitgestaltung deutlich anmelden.
Tun sie das nicht, werden die Kämpfer von einst als Fußnoten in den Geschichtsbüchern verschwinden, werden andere über ihre Köpfe hinweg noch immer ausstehende Entscheidungen zu Rehabilitation, Rentenfragen und Wiedergutmachung treffen. Rainer Wagner hat sich fraglos einige Meriten erworben. Sein größter Verdienst war sein Rücktritt zur rechten Zeit. Wir, die in den Verbänden Verantwortung tragen, sollten die Gunst der Stunde für einen Neuanfang nutzen. Ein runder Tisch mit den Verantwortlichen aus allen Vereinen und Verbänden ist überfällig. Vergangenheit bewältigen ist gut, Zukunft gestalten aber ebenso notwendig. (975)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

von  Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 20.04.2015/cw – Gestern Abend, zur besten Sendezeit (21:45 Uhr, ARD): Günther Jauch hatte wieder einmal kontroverse Gäste in den Berliner Gasometer eingeladen. Die engagierten sich auch diesmal verbal gewohnt heftig, wobei Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung, und Roger Köppel, Journalist aus der Schweiz, hörenswert aneinander gerieten. Es ging – wieder einmal – um „Das Flüchtlingsdrama – Was ist unsere Pflicht?“, so der Sendetitel.

So notwendig diese Diskussionen sind (allemal besser als die zahlreichen Schwarz-Weiss-Doktrinen, wie weiland „Das Boot ist voll!“): Endliches Handeln wäre wichtiger. Seit nunmehr 25 Jahren, um einen Ausgangspunkt festzumachen, debattieren wir um das selbe Thema, ohne dass sich fundamental etwas geändert hat. Ich selbst habe vor 25 Jahren in Bayern am Straßenrand gestanden und den damaligen Demonstranten für ein „humanes Asylrecht“ auf einem Schild den Spruch entgegen gehalten: „Hört auf mit dieser Heuchelei, in Euren Häusern sind noch Zimmer frei!“

Schon damals hatte ich gefragt, was denn in diesem Land geschähe, wenn die (damalige) Bundestagspräsidentin ein Signal setzen und in ihrer Dienstvilla einer Familie Asyl gewähren würde? Was für ein Ruck durch das Land gehen würde, wenn der Bundespräsident im Schloß Bellevue eine Zimmerflucht für Kriegsflüchtlinge frei machen würde? Nichts Vergleichbares ist seither geschehen. Aber wir debattieren weiter landauf landab ein Problem, als stünde dies erst seit gestern vor der Tür.

Es fehlen Konzeptionen

Was diesem Land fehlt, sind Konzeptionen. Nehmen wir ein Beispiel. Da gibt es vor den Toren Berlins in Richtung Hamburg (und nicht nur dort!) eine riesige Anlage verfallener Kasernenbauten der einstigen Sowjetischen Besatzungsmacht. Die Wiederherstellung kostet vermutlich Millionen Euro. Warum verbindet man nicht eine kostenaufwändige Renovierung mit der Einbindung von Flüchtlingen? Mit einem entsprechenden Programm, wohlmöglich auch mit EU-Mitteln unterstützt, könnten hier Flüchtlinge angesiedelt und begleitend unter Anleitung handwerklich beschäftigt und ausgebildet werden. Die so geschaffenen Unterkünfte würden, selbst geschaffen bzw. wiederhergestellt, vermutlich sorgsam selbstverwaltet und nicht – etwa durch Vandalismus – wieder ramponiert werden. Weil man mit dem Selbstgeschaffenen anders umgeht als mit einer zugewiesenen Unterbringungs-Immobilie. Darüber hinaus könnten wir mit diesem Programm mögliche Voraussetzungen schaffen, dass die so ausgebildeten Menschen mit den notwendigen Kenntnissen ausgestattet werden, um einst ihre durch Krieg zerstörte Heimat (mit finanzieller Unterstützung durch die reichen Euro-Staaten) wiederaufzubauen. Das ließe sich sogar vertraglich festschreiben, das wären Investitionen in die Zukunft! Die so in ein Konzept eingebundenen Menschen würden auch nicht zu Sozialhilfeempfängern degradiert werden, sondern erhielten vom ersten Tag an entsprechende Entgeltzahlungen für die erbrachten Arbeitsleistungen, incl. Kranken- und Sozialversicherung.

Ich behaupte ja nicht, dass das alles einfach umzusetzen wäre. Dazu brauchte es den Willen, statt endloser Debatten endlich über Konzeptionen nachzudenken und diese dann umzusetzen. Die symbolische Aufnahme von Familien in die Dienstvillen unserer Politiker wäre ein denkbarer Anfang. Allerdings ohne dass diese damit gleich wieder Zusatzzahlungen in die eigenen Taschen verbinden.

Dieses Land braucht einen sprichwörtlichen Ruck, den Mut zu umsetzbaren Konzeptionen. Leerstehende Immobilien gibt es mehr als genug, in Berlin (z.B. Dahlem, Thielallee), vor Berlin und sicherlich in manchen Bundesländern unserer Republik. Von zunehmend entleerten, weil verlassenen Dörfern ganz zu schweigen.

Lasst uns endlich handeln – geredet haben wir genug. (974)

V.i.S.d.P.: C.W.Holzapfel -Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Bautzen, 18.04.2015/cw – Vielfach werden sie mitleidig belächelt und oft hört man die Aufmunterung: „Hört doch endlich auf mit Eurer Meckerei, die Zeit ist weiter gegangen.“ Ziel dieser eher gedankenlosen und „freundschaftlich“ gemeinten Zuwendung sind Frauen und Männer, die oft Jahre von einer allmächtigen Staatssicherheit im Auftrag der SED beschattet, verfolgt und häufig zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Tausende von ihnen saßen auch im „Gelben Elend“, als Strafvollzugsanstalt Bautzen I bekannt oder in Bautzen II. Anfang der fünfziger Jahre waren sogar Gefangene der Sowjetischen Militäradministration aus dem zeitweilig fortgeführten Nazi-KZ Sachsenhausen nach Bautzen und in den Verantwortungsbereich der zuvor gegründeten DDR verlegt worden.

Nun soll am 7. Juni, zehn Tage vor dem 57. Jahrestag des Volksaufstandes gegen das SED-Regime, ein neuer Oberbürgermeister gewählt werden. Der seit 25 Jahren amtierende Christian Schramm geht in den Ruhestand. Alles demokratietauglich, also normal?

Blick auf den "Freigang" in Bautzen II - Foto: LyrAg

Blick auf den „Freigang“ in Bautzen II – Foto: LyrAg

Eigentlich. Träte da nicht ein Kandidat an, der einst bis 1989 Offizier jenes Organs war, das als Schild und Schwert der (SED-)Partei in Gestalt des allmächtige Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hauptsächlich damit beschäftigt war, die eigene Bevölkerung zu kujonieren und unbotmäßige Bürger hinter Schloß und Riegel zu bringen.

Im Februar erklärte Hentschel seine Kandidatur als unabhängiger Kandidat. Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste, deckte jüngst die Sächsische Zeitung auf: „OB-Kandidat war Stasi-Offizier“, 11.04.2015). Nach der dadurch ausgelösten „Empörung über Stasi-Enthüllung“, SZ 14.04.) räumte Hentschel seine Tätigkeit ein, erklärte allerdings, er habe Niemandem Schaden zugefügt und sei nur ein kleines Licht gewesen. Im Übrigen hänge seine Verpflichtung mit einem bedauerlichen Unfall zusammen, ihm sei beruflich keine andere Möglichkeit geblieben, als die Verpflichtung für das MfS.
Hans-Joachim Hentschel (57), heute Unternehmensberater, war zunächst 1976 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM, Deckname „Hans Mozart“) angeworben worden. Nach dem SZ-Bericht folgte „von 1977 bis März 1980 ein dreijähriger Wehrdienst beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“, wo Hentschel in der Berliner Stasizentrale Wache schob.“ Danach wurde Hentschel Hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter, wie er selbst der SZ bestätigte. Nachdem er 1982 der SED beigetreten war, erhielt Hentschel 1983 seine Festanstellung im MfS. Neben seinem Job als Beobachtungskraftfahrer absolvierte er – laut Kaderakte „mit sehr guten Ergebnissen“ – ein zweijähriges Fernstudium an der Stasischule Gransee in Potsdam-Golm. Die Beförderung blieb nicht aus: 1985 Unterleutnant, 1987 Leutnant und 1989 Oberleutnant.

LINKE: Hentschel hat das Recht, anzutreten

1966 zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt: der Autor 2010 in  Bautzen II - Foto: LyrAg

1966 zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt: der Autor 2010 in Bautzen II – Foto: LyrAg

Heute will der OB-Kandidat seine Tätigkeit als „Ausnahmefall“ sehen. Er reiht sich damit in die breite Phalanx der einst Verantwortlichen ein, die ihre verbrecherischen Tätigkeiten gegen die eigene Bevölkerung verharmlosen. Die Empörung hält sich erstaunlicherweise in überschaubaren Grenzen. So formuliert SPD-Fraktionschef im Bautzener Stadtrat, Roland Fleischer zwar „Die Bewerbung ist inakzeptabel“ und fordert: „Am besten ist, wenn er gar nicht erst antritt“, ein Bezug zur dunklen Vergangenheit seiner Sorben-Stadt mit ihrem weltbekannten Zuchthäusern vermeidet aber auch er tunlich. Und Linkenfraktionschefin Angela Palm erklärte zunächst: „Fraglich ist, ob er sich damit einen Gefallen tut. Ich würde an seiner Stelle nicht antreten“, mahnt allerdings an, genau zu unterscheiden, ob jemand strafrechtlich in Erscheinung getreten sei oder nicht. Damit befindet sich die LINKE-Politikerin brav auf Parteikurs und schlussfolgert denn auch, dass Hentschel „das Recht habe anzutreten“.
Der gemeinsame Kandidat von BBBz, SPD und Linken für das OB-Amt, Alexander Ahrens, vertraut dagegen auf das Votum des Bürgers, das deutlich ausfallen werde. Die Unmöglichkeit einer Kandidatur durch einen einstigen Stasi-Offizier in einer geschichtlich belasteten Stadt wie Bautzen sieht aber auch Ahrens nicht.

CDU: Nur Bauchschmerzen?

Und die CDU? Mathias Knaak, Chef der CDU-Fraktion im Stadtrat und deren OB-Kandidat, windet sich: Er kann die „Bauchschmerzen verstehen, die mancher Bautzener dabei hat“, wolle den Fall aber nicht weiter kommentieren“. Der CDU-Politiker verweist auf die entsprechende Gesetzeslage.
Bislang einzig klar äußert sich GRÜNEN-Stadtrat Claus Gruhl: „Das ist an Instinktlosigkeit nicht zu überbieten, wenn ein ehemaliger hauptamtlicher Stasimitarbeiter ausgerechnet in der Stadt OB werden will, die durch ihr Stasigefängnis in der DDR einen zweifelhaften Ruf hatte“, wird er in der SZ zitiert.

Bislang ist kein bundesweiter medialer Aufschrei zu vernehmen. Die Einbindung einstiger Stasi-Mitarbeiter in bundesdeutsche Strukturen scheint zum Alltag geworden zu sein, eine Müdigkeit, dieses Thema zu verfolgen, ist unverkennbar. Nicht vorstellbar allerdings der Aufschrei in diesem Land, wenn in Oranienburg (KZ Sachsenhausen) oder Weimar (KZ Buchenwald) ein einstiger Träger der NS-Herrschaft ein derartiges Amt anstreben würde. Aus Altersgründen wäre dies ohnehin nur eine theoretische Größe, kann also darum ohne Ansehensverlust vernachlässigt werden.
Die einst von der SED-Stasi-Diktatur Betroffenen allerdings sind landauf, landab empört. Ob deren Funktionäre in den nächsten Tagen und Wochen Wege finden werden, dieser Empörung wirksamen Ausdruck zu verleihen und die Politik wachzurütteln, darf angesichts angehäufter Probleme in den einschlägigen Verbänden bezweifelt werden. Resignation wäre aber der schlechteste Ratgeber. Sie ist oft der Einstieg in den Ausstieg aus demokratischer Beteiligung an der Gestaltung unseres Staates. Das kann gefährlich sein. Die Geschichte sollte Warnung genug sein. (973)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48051953 (Autor)

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