Berlin, 28.03.2015/cw – In diesen Tagen erhalten ausgewählte Mitglieder (Delegierte) des nach eigenen Angaben „größten und ältesten“ Opferverbandes erneut Post aus der Bundesgeschäftsstelle. In einem seit Dezember mittlerweile vierten Abstimmungsakt sollen diesmal drei Beisitzer in den Vorstand der VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) nachgewählt werden. Notwendig waren diese Wahlen durch zahlreiche Rücktritte „aus persönlichen oder gesundheitlichen“ Gründen.
Nachdem aufgrund von Anfechtungen die Wahl zum geschäftsführenden Bundesvorstand teilweise wiederholt werden musste, gibt es kapp ein Jahr nach der ordentlichen Wahl in Friedrichroda wieder eine Vereinsspitze: Reiner Wagner (Vorsitzender), May-Britt Krüger (Stellvertreterin) und Rainer Buchwald (Stellvertreter und Bundesschatzmeister). Von den vier in der Satzung vorgesehenen müssen im jetzigen Wahlgang (bis 16.04.2015) drei Beisitzer nachgewählt werden. Bärbel Große hat dieses Amt bereits inne.

Als Kandidaten wurden vom Bundesvorstand allein aus NRW drei, aus Berlin ein VOS-Mitglied benannt: Rotraut von Dechend (von 2008 – 2012 bereits Beisitzerin), Christoph Becke (Vors. der Bezirksgruppe Bonn), Ralf Kotowski (Zeitzeuge im NRW-Programm der VOS) und aus Berlin Hugo Diederich (bis April 2014 u.a. Bundesvorsitzender, seither bis zu seinem Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“ Stellvertretender Vorsitzender).

Kritik an „SED-Formalien“

Kritiker im Verein sehen nicht nur in der Durchführung der zu Beginn holpernden Wahlen sondern auch im Prozedere Ansatzpunkte, die an Praktiken der SED und der DDR erinnerten. So wären die Mitglieder erst nach den ersten Wahlgängen über das Verbandsorgan Freiheitsglocke über die personalen Veränderungen informiert und an der Kandidatenfindung gar nicht beteiligt worden. Die ausschließliche Benennung von jeweiligen Kandidaten durch den Bundesvorstand erinnerten eher an die Befehlstruktur eines Politbüros als an eine demokratische Einbeziehung der Mitglieder an der Willensbildung im Verband. Es mute seltsam an, wenn ausgerechnet Funktionäre von Opfern und Verfolgten einer Diktatur selbst Schwierigkeiten hätten, demokratische Grundsätze zu praktizieren.

Die VOS-Satzung sieht ein Delegiertensystem vor, nachdem ausschließlich zuvor gewählte Delegierte auf einer Generalversammlung oder im jetzt angewandten schriftlichen Verfahren den Bundesvorstand wählen. Dabei wird die Anzahl der Delegierten nicht nach der Mitgliederzahl einer Bezirks- oder Landesgruppe gewählt. Es wird also jeweils nur ein Delegierter gewählt, der dann pro 15 Mitglieder jeweils eine Stimme erhält, bei 60 Mitgliedern z.B. vier Stimmen. Nach Ansicht einiger Mitglieder sei diese Verfahren zu einer Zeit, als der Verband noch zehntausende Mitglieder verzeichnen konnte, durchaus nachvollziehbar gewesen. Bei einem derzeitigen Mitgliederstand von rund 1.300 sei diese Praxis jedoch renovierungsbedürftig.

Drei Delegierte wählen Landesvorstand

So werde das Delegiertenprinzip auch auf Landesebene angewandt. Das führe dann zu rechtsstaatlich kuriosen Ergebnissen. Zum Beispiel sei in einem Landesverband von drei Delegierten ein dreiköpfiger Landesvorstand gewählt worden, der zudem aus den Reihen der Delegierten besetzt wurde. Den ausgewiesenen 160 Mitglieder war kein Mitspracherecht eingeräumt worden.

Beisitzer-Kandidat Christoph Becke aus NRW hatte bereits vor der Generalversammlung im letzten Jahr dringende Reformen angemahnt: „Unser Bild in der Öffentlichkeit muß wieder Ehre und Würde bekommen. Ein Aufräumen incl. einem Konzept nach vorn … ist wohl ein besserer, aber ein unbequemer Weg.“ Und zum Vereinsorgan: „Die letzten FG waren jedenfalls grauenhaft bzgl. Halbwahrheiten, Unvollständigkeiten und Nebelkerzen.“
Kandidatin Rotraut von Dechend hingegen liebt eher die leisen Töne und möchte sich „dafür einsetzen, dass das Bild der VOS in der Öffentlichkeit endlich wieder positiv wahrgenommen wird.“ Sie setzte in der Vergangenheit im Falle massiver Kritik folgerichtig den Vorstandsmaßstab: Wir können doch so tun, als wüssten wir von nichts.
Ein anderes Kaliber ist Ralf Kotowski, der sich in jüngster Zeit der massiven Kritik gegen Hugo Diederich angeschlossen hat und dies, einmal von der Richtigkeit überzeugt, in ausführlicher Breite auf seiner eigene Homepage und in ungezählten Mails an Vereinskameraden postuliert und begründet. Sein Nachteil: Kameraden wissen bei ihm nie, wer als nächster auf seiner sehr persönlichen „Abschussliste“ steht.

Warten auf den Freikauf?

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Zuletzt bleibt Kandidat Hugo Diederich, der zweifellos bekannteste und schillerndste VOS-Funktionär. Sein wahrscheinlich einziger Vorteil im jetzigen Kandidatenkarussell: Er kommt nicht aus NRW, repräsentiert also als einziger Kandidat das übrige Verbandsgebiet. Sein unübersehbarer Nachteil: Kein Kandidat steht seit geraumer Zeit so im Feuer der Kritik wie der ehemalige Bundesvorsitzende, Stellvertreter, Bundesschatzmeister und – noch immer- Bundesgeschäftsführer. Diederich, nach wie vor auch Verbandsvertreter im ZDF-Fernsehrat, wird hauptsächlich für den gegenwärtigen Zustand im Verband verantwortlich gemacht und permanent aufgefordert, daraus endlich die Konsequenzen zu ziehen. Um Christoph Becke zu zitieren: „Ich denke daher, dass es … für die VOS … besser wäre, wenn (Hugo Diederich) auf einen erneuten BV-Vorsitz verzichtet. Ob verschuldet oder nicht, (er) muss nun mal die Verantwortung übernehmen – und kann nicht weiter machen wie bisher.“

Dass diese oft harte Kritik an einem Menschen, der „auch wegen (seines) selbstherrlichen Verhaltens gepaart mit Unehrlichkeit bzgl. einer möglichen Insolvenz“ konzeptionslos sei (Becke) wohl Spuren hinterlässt, kann man an den vom derzeitigen Bundesgeschäftsführer versandten Wahlunterlagen ersehen. Nach der zugestellten Biografie wurde Hugo Diederich vom (Zitat) „4.08.2006 – 10.06.2007 wegen versuchten ungesetzlich Grenzübertritt in der DDR inhaftiert“ und (erwartet?) „am 10.06.2017 (den) Freikauf in die Bundesrepublik.“

Wie immer sich der neue Vorstand nach dem 16. April zusammenfügt, die Gestaltung der Zukunft für den einst starken und vorzeigbar aufgestellten Verband wird zur Herkules-Aufgabe. Falls es noch eine Zukunft unter diesen offenbaren schlimmen Hinterlassenschaften wie den sechsstelligen Rückforderungen aus vorenthaltenen Sozialbeiträgen geben wird. Schon im letzten Jahr haben sich einige VOS-Organe in rechtlich selbstständigen Vereinen organisiert und so der zentralen Bevormundung entzogen. Was zunächst schlau als „Weg aus der drohenden Insolvenz“ erdacht war, kann sich sehr schnell als bereits beschrittener Weg in die Bedeutungslosigkeit entpuppen. (961)

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