Bremen/Bangkok, 8.02.2015/cw – Im Schatten der heftig geführten Auseinandersetzungen in Bremen um eine Predigt des evangelikalen Pastors Olaf Latzel haben jetzt seine Kritiker auf ein Dokument verwiesen, das am 28. Januar 2011 in Bangkok vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und der Weltweiten Evangelischen Allianz einmütig verabschiedet worden war. Sie sehen in den Äußerungen Latzels vom 18.Januar in der St.-Martini-Gemeinde einen klaren Verstoß gegen diese „gemeinsam beschlossenen Empfehlungen christlicher Konfessionen zum Verhalten gegenüber anderen Religionen und dem Umgang mit diesen.“

Nachfolgend führen wir auszugsweise die für die aktuelle Debatte wichtigsten Passagen an. Das gesamte Dokument kann unter
http://www.oikoumene.org/de/resources/documents/programmes/interreligious-dialogue-and-cooperation/christian-identity-in-pluralistic-societies/christian-witness-in-a-multi-religious-world?set_language=de
aufgerufen werden.

In der Präambel wird die Grundlage der christlichen Mission betont. Diese gehöre „zutiefst zum Wesen der Kirche.“ Es sei jedoch wichtig, dass dies in „uneingeschränktem Respekt vor und Liebe zu allen Menschen“ geschehe. Das vorliegende Dokument solle „keine theologische Erklärung zur Mission darstellen“, sondern verfolge vielmehr „die Absicht, sich mit praktischen Fragen auseinanderzusetzen, die sich für das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt ergeben.“
Zu den Grundlagen für das christliche Zeugnis wird u.a. ausgeführt, dass „christliches Zeugnis in einer pluralistischen Welt auch den Dialog mit Menschen, die anderen Religionen und Kulturen angehören“ umfasse (4.). Wenn Christen bei „der Ausübung ihrer Mission zu unangemessenen Methoden wie Täuschung und Zwangsmitteln greifen, verraten sie das Evangelium und können anderen Leid zufügen (6.). Christen wüssten, „dass der Geist weht, wo er will, auf eine Art du Weise, über die kein Mensch verfügen kann (7.)

Das Dokument von Bangkok - Beim Bibel-lesen übersehen?

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In dem gemeinsamen Grundlagen-Papier werden die Christen „dazu aufgerufen, an folgenden Prinzipien festzuhalten“, vor allem in interreligiösen Begegnungen. Die Christlichen Tugenden (3.) beinhalteten die Berufung, „ihr Verhalten von Integrität, Nächstenliebe, Mitgefühl und Demut bestimmen zu lassen und alle Arroganz, Herablassung und Herabsetzung anderer abzulegen.“ Zur Ablehnung von Gewalt (6.) heißt es, Christen „sind aufgerufen, in ihrem Zeugnis alle Formen von Gewalt und Machtmissbrauch abzulehnen, auch deren psychologische und soziale Formen. Sie lehnen auch Gewalt, ungerechte Diskriminierung oder Unterdrückung durch religiöse oder säkulare Autoritäten“ ab.

Die Religions- und Glaubensfreiheit (7.) „beinhaltet das Recht, seien Religion öffentlich zu bekennen, auszuüben, zu verbreiten und zu wechseln.“ Diese Freiheit entspringe unmittelbar „der Würde des Menschen.“ Deswegen hätten alle Menschen „gleiche Rechte und Pflichten.“
Die Erklärung betont die Verpflichtung zu gegenseitigem Respekt und Solidarität (8.). Christen seien zur Verpflichtung aufgerufen, „mit allen Menschen in gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten und mit ihnen gemeinsam Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl voranzutreiben. Interreligiöse Zusammenarbeit ist eine wesentliche Dimension einer solchen Verpflichtung.“

Der Respekt für alle Menschen (9) vermittle das Bewusstsein, „dass das Evangelium Kulturen sowohl hinterfragt als auch bereichert.“ Selbst wenn das Evangelium bestimmte Aspekte von Kulturen hinterfrage, seien Christen dazu berufen, „alle Menschen mit Respekt zu behandeln.“ Christen seien „außerdem dazu berufen, Elemente in ihrer eigenen Kultur zu erkennen, die durch das Evangelium hinterfragt werden, und sich davor in Acht zu nehmen, anderen ihre eigenen spezifischen kulturellen Ausdrucksformen aufzuzwingen.“

Unter 10. wird dazu ermahnt, kein falsches Zeugnis abzugeben. Christen müssten „aufrichtig und respektvoll reden; sie müssen zuhören, um den Glauben und die Glaubenspraxis anderer kennen zu lernen und zu verstehen, und sie werden dazu ermutigt, das anzuerkennen und wertzuschätzen, was darin gut und wahr ist. Alle Anmerkungen oder kritischen Anfragen sollten in einem Geist des gegenseitigen Respekts erfolgen. Dabei muss sichergestellt werden, dass kein falsches Zeugnis über andere Religionen abgelegt wird.“

Der Aufbau interreligiöser Beziehungen (12.) sollte „weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägt“ sein. Diese Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufzubauen, diene der Aufgabe, „gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern. Deswegen sind Christen dazu aufgerufen, mit anderen auf eine gemeinsame Vision und Praxis interreligiöser Beziehungen hinzuarbeiten.

In den abschließenden Empfehlungen der Teilnehmer aus den größten christlichen Glaubensgemeinschaften (Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Evangelikale und Pfingstler) wird dazu aufgerufen, (2.) „von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen aller Religionen aufbauen, insbesondere auf institutioneller Ebene zwischen Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften, und sich als Teil ihres christlichen Engagements in anhaltenden interreligiösen Dialog einbringen. In bestimmten Kontexten, in denen Jahre der Spannungen und des Konflikts zu tief empfundenem Misstrauen und Vertrauensbrüchen zwischen und innerhalb von Gesellschaften geführt haben, kann interreligiöser Dialog neue Möglichkeiten eröffnen, um Konflikte zu bewältigen, Gerechtigkeit wiederherzustellen, Erinnerungen zu heilen, Versöhnung zu bringen und Frieden zu schaffen.“
Die Erklärung von Bangkok solle Christen ermutigen (3.) „ihre eigene religiöse Identität und ihren Glauben zu stärken und dabei gleichzeitig ihr Wissen über andere Religionen und deren Verständnis zu vertiefen, und zwar aus der Sicht von Angehörigen dieser Religionen. Um angemessen von Christus Zeugnis abzulegen, müssen Christen es vermeiden, die Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis von Angehörigen anderer Religionen falsch darzustellen.“ Ebenso sollten Christen (4.) „mit anderen Religionsgemeinschaften zusammenarbeiten, indem sie sich gemeinsam für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einsetzen und sich, wo irgend möglich, gemeinsam mit Menschen solidarisieren, die sich in Konfliktsituationen befinden.“

Nach den hier angeführten Inhalten erscheinen die verbreiteten Äußerungen evangelikaler Christen, wie Olaf Latzel und Rainer Wagner besonders unverständlich, zumal die Evangelikalen an der vorstehenden Erklärung ausweislich mitgewirkt haben. (943)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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