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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin/Bremen/Neustadt, 6.02.2015/cw – Man stelle sich vor, der Bundespräsident würde von einer Kanzel aus gegen Juden, Buddhisten, Moslems, Hindus und andere verächtliche oder diffamierende Äußerungen von sich geben. Würde man das dem ehemaligen Pfarrer durchgehen lassen? Wohl nicht. Sein Rücktritt wäre wohl unvermeidlich.

Denn in seinem zweifellos politischen Amt wäre der Präsident gehalten, seine Äußerungen zu wägen und den Kontext in seiner Vertretung vieler unterschiedlicher Menschen zu wahren.

Olaf Latzel in Bremen ist Prediger. Und wen er da in seiner Kirche von oben herab abkanzelt, dürfte im Kern nur seine Gemeinde interessieren, die sich diesen religiösen Tiraden freiwillig aussetzt. Allenfalls wäre dies ein Fall für innerkirchliche Debatten. Würde Latzel seine Überzeugungen lauthals auf dem Domplatz oder anderswo in Bremen verkündigen, wäre das nicht mehr nur seine Angelegenheit.

Rainer Wagner, Latzels Pendant aus Neustadt an der Weinstraße, verkündigt seine Weisheiten nicht nur in den Kirchen seiner evangelikalen Gemeinde vor Ort. Er verbreitet sich über einen „Stadtmissionsbrief“, der allmonatlich gedruckt die Öffentlichkeit auch über das Internet traktiert. In seinen Worten zum Monat gibt er fast wortgleich jene Verurteilungen Andersdenkender wieder, wie sein Bremer Prediger-Kollege. Das ist nicht nur ärgerlich.

Denn Rainer Wagner ist nicht nur Prediger wie Latzel, sondern Repräsentant des Dachverbandes der Verfolgten des Kommunismus (UOKG), Vorsitzender eines Verfolgtenverbandes (VOS), Funktionsträger in renommierten Stiftungen in Berlin (Hohenschönhausen und Berliner Mauer), die sich mit der Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur befassen, und in CDU-Organisationen. In diesen Multi-Funktionen steht Wagner eben nicht in einer abgeschlossenen Kirche, in der er seinen religiösen Eingebungen leben kann. Dass er diese Trennung selbst nicht sieht, belegen seine Äußerungen auf einer UOKG-Veranstaltung, als der Verfolgten-Repräsentant zwei ehemaligen politischen Gefangenen der DDR-Diktatur vorwarf, auch diese seien „Knechte Satans.“

Wagner steht, wie als angeführtes Beispiel sein zeitweiliger Gastgeber im Schloss Bellevue, in der Öffentlichkeit. Er kann seine öffentlich verbreiteten Verlautbarungen nicht nach Sonntag und Alltag trennen, er muß diese für oder gegen sich gelten lassen. Anders gesagt: Er sollte, er muß sich entscheiden zwischen seinen weltlichen Funktionen und seiner offenbar verspürten Verkündungsfunktion in seiner Kirche. Beides lässt sich nicht vereinbaren oder, was Wagner und Latzel wohl besser gefallen würde: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen!“ (941)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 020-30207785

Bremen, 6.02.2015/cw – In Bremen haben am vergangenen Mittwoch 70 Pfarrer eine Resolution gegen ihren evangelikalen Kollegen Olaf Latzel (47) unterzeichnet. Auf den Treppen des St.-Petri-Doms protestierten bis zu 100 Kirchenbeschäftigte gegen eine Predigt von Latzel. Dieser hatte nach Medienberichten in einer halbstündigen Predigt in St. Martini am 18. Januar unter Berufung auf die Bibel andere Glaubensrichtungen als Götzendienst abgewertet, das islamische Zuckerfest als „Blödsinn“, Buddha als „dicken, fetten Herrn“ und die Lehre in der katholischen Kirche als „ganz großen Mist“ bezeichnet. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Reliquien der katholischen Kirche beschimpfte er als „Dreck“. Zu Götzen und anderen Göttern sage der Pfarrer: Gott „umhauen, verbrennen, hacken, Schnitte ziehen“. Zwar entschuldigte sich der Pastor nach Protesten für „die beiden Ausdrücke“ (Blödsinn und Reliquiendreck), wies Kritik aber mit den Worten zurück, er sei ausschließlich gegen eine Vermischung der Religionen. Die Kritik allerdings war deutlich:

St.-Petri-Dom-Gemeinde: „Es ist uns unerträglich, wenn wie zuletzt in der St. Martini-Gemeinde Jahrtausende alte biblische Texte mutwillig aus ihrem historischen Zusammenhang herausgerissen werden. Wer Bibeltexte als Schlagwaffe missbraucht, sollte sich nicht „bibeltreu“ nennen. Uns geht es dagegen um einen sorgsamen Umgang mit der biblischen Überlieferung im Dienst an Menschen heute.“

Pfarrkonferenz Bremen-Mitte: „Wir distanzieren uns entschieden von Fundamentalismus jedweder Art – und von allen Versuchen, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus oder rassistisches Gedankengut mit vorgeblich biblischem Glauben zu bemänteln.“

Der Bremer Religionswissenschaftler Christoph Auffarth verglich Latzels Predigt mit dem religiös-fundamentalistischen Denken radikaler Muslime.

Frank Crüsemann, Bielefelder Theologieprofessor: Wer sich einen harten Text auswähle und behaupte, das sei unmittelbar Gottes Wort für uns heute, „kann mit der Bibel alles machen. Wer Menschen im Namen des Koran enthauptet, geht – methodisch gesehen – nicht viel anders vor.“ Gott als eine einzige Größe sei eine Kernbotschaft des Alten Testamentes, die aber auch bedeute, dass Gott nicht ausschließlich den Rechtgläubigen gehöre.

Gemeinde St. Martini: Gemeinde und Pastor stünden für eine weltoffene und freie Gesellschaft, in der alle Menschen gleich welcher Hautfarbe, Ethnie oder Religion in Frieden miteinander leben könnten. „Wir wenden uns als Gemeinde und Pastor gegen jede Form der Verfolgung, der Verunglimpfung oder Einschränkung des Glaubens gleich welcher Religion“, heißt es. Gemeinde und Pastor lehnten jede Form der Vermischung der Religion ab, „bei der uns als Christen ein anderer Gott präsentiert wird, als der in der Bibel bezeugte dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist“.

Regelmäßige Einladungen durch den Bundespräsidenten

Der aktuelle Vorgang in Bremen wirft allerdings Fragen auf. Während im hohen Norden ein Pfarrer wegen seiner inakzeptablen und eigenwilligen Bibelauslegung durchaus begründet buchstäblich an den Pranger gestellt wird, schweigen andernorts Kircheninstanzen zu vergleichbaren Äußerungen eines anderen evangelikalen Predigers, der schon mal Juden als Knechte Satans, den Islam als erfundene Religion und Mohammed als falschen Propheten verunglimpft hatte. Auch Ausfälle gegen den Buddhismus (Götzendienst), Hinduismus (Geisterkult) Homophile und der Verrat am Glauben durch die EKD gehören zu dessen verbreiteten Vokabular. Das hindert zum Beispiel aber den einstigen Pfarrer und jetzigen Bundespräsidenten nicht, diesen Prediger regelmäßig in seinen Amtssitz einzuladen.

Erstaunlich auch das Schweigen jener Medien, die jetzt – dankenswert – dem Protest von Bremen ihre Aufmerksamkeit widmen. Unter diesen zum Beispiel DER TAGESSPIEGEL in Berlin. Auch dessen Redaktion ist seit langer Zeit über die schlimmen und vergleichbaren Ausfälle des Predigers und Berliner Multifunktionärs (CDU) informiert ohne bisher auch nur andeutungsweise auf den Parallelfall des vielfach in Berlin politisch tätigen Predigers aus Neustadt an der Weinstraße einzugehen.

Die Bremer Kirchenleitung bedauert, kein „Lehrzuchtverfahren“ gegen den Pastor einleiten zu können, weil „in den einzelnen Gemeinden der BEK Glaubensfreiheit“ herrsche. Sie veröffentlichte aber nach einem Treffen mit Latzel eine eigene Entschuldigung, die sich „an alle Andersgläubigen, die durch Latzel diskriminiert und in ihren religiösen Gefühlen und Wertvorstellungen oder liturgischen Traditionen beleidigt wurden“. richtete.

Staatsanwaltschaft prüft Volksverhetzung

Die Staatsanwaltschaft hingegen prüft nach einer Meldung des epd, ob die Predigt Latzels den Anfangsverdacht einer Straftat wie Volksverhetzung oder Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft erfüllt. Im Fall des angeführten Predigers aus Neustadt hatte allerdings die für diesen Fall zuständige Staatsanwaltschaft in Frankenthal das Verfahren nach einer Anzeige mit der Begründung der „Religionsfreiheit“ eingestellt. Man darf auf das Ergebnis der Bremer Strafverfolgungsbehörde gespannt sein. (940)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hohneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Siehe auch weiterführende LINKs:

http://www.taz.de/!153794/

http://www.nwzonline.de/politik/niedersachsen/bremer-pastoren-gehen-auf-distanz-zum-kollegen_a_23,0,1196938847.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/evangelikaler-in-bremen-pastoren-protestieren-gegen-fundamentalistischen-amtsbruder/11327228.html

http://www.stpetridom.de/index.php?id=183&tx_cal_controller%5Bview%5D=event&tx_cal_controller%5Btype%5D=tx_cal_phpicalendar&tx_cal_controller%5Buid%5D=1260&tx_cal_controller%5Blastview%5D=view-list|page_id-8&tx_cal_controller%5Byear%5D=2015&tx_cal_controller%5Bmonth%5D=02&tx_cal_controller%5Bday%5D=04&cHash=3478abef3814586b8d335a13e650fdbc

http://www.pi-news.net/2015/02/bunte-hetze-gegen-mutigen-pastor/

http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Pastoren-stellen-sich-gegen-Predigt-von-Olaf-Latzel-_arid,1049247.html

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