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Berlin/Halle/Mainz, 24.01.2015/cw – Erneut müssen wir den Heimgang eines Patrioten beklagen, der in Halle am 17. Juni 1953 Geschichte geschrieben hat. Erst heute erfuhren wir durch eine Mitteilung des Vereins „Zeitgeschichte(n) e.V. in Halle, dass Hans-Georg Isermeyer bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag (* 15.1.1928 in Nordhausen + 26.12.2014 in Mainz)  verstorben ist. Der mutige Student von 1953 wurde 86 Jahre alt. Der studierte Agrarier war Autor zahlreicher Fachbücher. Der Verstorbene wurde bereits am 7. Januar in Mainz-Finthen beigesetzt. Wir werden den Kameraden in ehrenvoller Erinnerung behalten.

Nachstehend geben wir den Nachruf des Vereins „Zeitgeschichte(n) e.V.“ wieder:

„Er rief am 17. Juni 1953 in Halle zur Teilnahme an der Großkundgebung auf

Hans-Georg Isermeyer gehörte zu den Studenten der landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die am 17. Juni 1953 von der Lautsprecheranlage des Verkehrspostens am Reileck aus die Bürger aufforderten, durch Teilnahme an einer Kundgebung auf dem Hallmarkt ihre Solidarität mit den Aufständischen in der Stadt zum Ausdruck zu bringen. An der abendlichen Kundgebung nahmen dann circa 60 000 Hallenserinnen und Hallenser teil. Der Tag wurde zu einem Volksaufstand!

„Verbrecher und Faschisten“

Bereits am nächsten Tag wurden (nach der Denunziation durch einen Kommilitonen) drei dieser Studenten von der Staatssicherheit verhaftet. Am 31. August 1953 standen sie vor Gericht, wo sie von den Anklägern als „Verbrecher und Faschisten“ bezeichnet wurden. Mit einem Flugblatt der Zentralen Parteileitung der SED der MLU wurde die öffentliche Verunglimpfung der Studenten fortgeführt.
Hans-Georg Isermeyer wurde zu 2 ½ Jahren Gefängnis und 5 Jahren Sühnemaßnahmen (Verluste der bürgerlichen Rechte) verurteilt. Dem zum Trotz setzten sich vor, während und nach dem Prozess Professoren der medizinischen und landwirtschaftlichen Fakultät in mutiger Weise für die Studenten ein. Beispielhaft sei auf das Protokoll der Senatssitzung der MLU vom 9.9.1953 hingewiesen. Der Dekan der landwirtschaftlichen Fakultät, Prof. Hoffmann, begann seinen Vortrag mit den Worten: „Ich bin von meiner Fakultät beauftragt, das Augenmerk des Senats auf die außerordentlich harten Urteile, die über drei Studenten im Zusammenhang mit dem 17. Juni gefällt worden sind, zu richten.“

Verantwortung für die Kinder des Kameraden

Nach voller Strafverbüßung unter schlimmen Bedingungen gelang Hans-Georg Isermeyer 1956, gemeinsam mit seiner Mutter, die Flucht über Westberlin in die Bundesrepublik. In Stuttgart-Hohenheim konnte er, wie auch die mit ihm verurteilten Studenten Harry Schuster und Herbert Priew, sein Landwirtschaftsstudium beenden. Bis zu seiner Pensionierung war er Leiter des Referats Landtechnik im Landwirtschaftsministerium von Rheinland-Pfalz.
Als Harry Schuster, der mit ihm verurteilte Kamerad, kurz nach dem Tod seiner Ehefrau verstarb, übernahm Hans-Georg Isermeyer die Verantwortung für die vier verwaisten Kinder des Freundes und wieder zeigte sich sein großes Verantwortungsgefühl, das sein ganzes Leben geprägt hat.“ (932)

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Manila/Mainz, 18.01.2015/cw – Papst Franziskus hat in Manila klare Position zu Verhaltendweisen gegenüber anderen Religionen bezogen. Diese Haltung unterstrich der Heilige Vater nicht nur durch einen spontanen Besuch bei buddhistischen Mönchen. Mit deutlichen Worten kritisierte er unzulässige Angriffe auf andere Religionen, als er laut Medienberichten in einem Gespräch mit Journalisten im Flugzeug u.a. sagte: „Wenn einer eine Religion beleidigt, dann ist das so, als ob man meine Mutter beleidigt, und dafür riskiert man schon mal einen Kinnhaken. Das ist doch normal.“ (Quelle: ZDF-heute-Journal, 18.01.2015, 21:45 Uhr).

Es ist diese klare und unmissverständliche Sprache, die Einen als bisher überzeugten Protestanten darüber nachdenken lässt, zum Katholizismus überzutreten. Was kann einem Besseres passieren, als im gesegneten Alter auf ein Vorbild zu stoßen, das so unverkrampft durch Wort und Tat neue Türen zu einem Glauben öffnet, an dem man in vielen Jahrzehnten oftmals zu verzweifeln drohte? Es war ja nicht das nach wie vor tragende Bild des Glaubens an Jesus Christus und die letztendliche Erlösung durch dessen Kreuzestod. Es waren die vielen Talarträger in den Amtskirchen, die mit ihrem täglichen Leben anderes dokumentierten, als sie tagtäglich oder besonders Feiertags den gläubigen Schäfchen verkündeten.

Franziskus´ Botschaft: Begegnung statt Ausgrenzung - hier mit seinem Vorgänger im Amt Benedikt XVI. Foto: LyrAg

Franziskus´ Botschaft: Begegnung statt Ausgrenzung –
hier mit seinem Vorgänger im Amt Benedikt XVI. Foto: LyrAg

Und nun tritt da ein Papst in unser Leben, der nicht nur theoretisch einen Namen auswählt sondern tatsächlich tagtäglich bemüht ist, diesem Namen Inhalt zu verleihen, seinem Vorbild und Namensgeber Franziskus glaubhaft und vor aller Welt sichtbar gerecht zu werden.

„Das hat juristische Folgen“

Wie anders der Alltag. Als am vergangenen Samstag eine ehemalige Hoheneckerin am Rande einer BStU-Veranstaltung in der einstigen Zentrale des Bösen, dem Ministerium der Staatssicherheit in Berlin, dem Prediger Rainer Wagner ein Schild mit dessen Beleidigungen anderer Religionen entgegen hielt („Die Bibel zeigt, wer nicht zu Christus gehört – Namenschrist, Jude, Heide oder Atheist, ist ein Knecht Satans und niemals heilig.“), drohte dieser mit ebenso deutlichen Worten: „Das hat juristische Folgen.“

Wagner ist nicht Irgendwer. Der hauptberufliche Prediger aus dem schönen Neustadt an der Weinstraße ist nebenberuflich Vorsitzender des Dachverbandes der SED-Verfolgten UOKG, Vorsitzender des ältesten Opferverbandes VOS, bekleidet zahlreiche ebenso ehrenamtliche Ämter in den Stiftungen Gedenkstätte Hohenschönhausen und Berliner Mauer und anderen Gremien. Dennoch findet der Evangelikale die Zeit, in seinem Hauptberuf in wiederkehrenden Philippiken heftig gegen andere Religionen zu wettern und deren Gläubige – nach den Worte des Papstes – zu beleidigen. So schrieb er in einem Wort zum Sonntag im Missionsbrief von Neustadt:

Moschee für den Götzen Allah

“Aber auch sonst ist unser Land von Aberglauben und Heidentum verseucht: Dazu kommt das öffentlich erkennbare Erstarken des Heidentums auch in unserer Region. In Lamprecht finden wir mittlerweile ein hinduistisches Heiligtum, in dem die indischen Dämonen – Götzen – verehrt werden. In Rhodt und anderen Orten kommen die Buddhisten zusammen. Eine Religion, deren Hauptmerkmal Geisterkult ist.“ Und weiter: „In Neustadt entsteht direkt am Ortseingang eine Moschee für den Götzen Allah und seinen falschen Propheten Mohammed.“ (Quelle: Wort zum Sonntag, Stadtmissionsbrief Neustadt, Nov.2011).

Engagierter Protest wider das Schweigen in der einstigen Stasi-Zentrale - Foto: LyrAg

Engagierter Protest wider das Schweigen in der einstigen Stasi-Zentrale durch eine „Knechtin Satans“ (Wagner) – Foto: LyrAg

Wagner hat sich trotz diverser Bitten und nachdrücklicher Aufforderungen bisher nicht von diesen Äußerungen distanziert oder den Versuch unternommen, diese wenigstens in Form von Klarstellungen zu relativieren. Stattdessen versteckt er sich hinter einem Persilschein der Staatsanwaltschaft Frankenthal, die ihm nach einer Anzeige durch ein jüdisches Mitglied der VOS attestierte, diese Äußerungen lägen im „Rahmen der garantierten Religionsfreiheit“. Im letzten Jahr setzte der Repräsentant der Opferverbände diesen Äußerungen eine weitere Krone auf, als er einstige politische DDR-Häftlinge auf einer UOKG-Veranstaltung in der ehemaligen Stasi-Zentrale während einer Pause ebenfalls als „Knechte Satans“ beschleuderte.

Private Auseinandersetzung

Bislang sehen die mit Wagner kooperierenden Politiker und Amtsträger in den umstrittenen um nicht zu sagen skandalösen Äußerungen des Predigers und Multifunktionärs keinen Grund, auf Distanz zu gehen. Im Gegenteil. Auf besagter Veranstaltung der BStU wurde der ehemaligen Hoheneckerin (1973-1976) einfach das Mikrofon abgedreht, als sie den Versuch unternahm, den auf dem Podium sitzenden Rainer Wagner mit dessen Äußerungen zu konfrontieren (“Warum sitzen Sie hier?“). Der Moderator, ein bekannter Journalist, meinte, dies sei eine „private Auseinandersetzung, die privat geführt werden sollte.“

Franziskus weilt derweil in Manila auf den Philippinen und seine klaren und Brücken-bauenden Worte zu anderen Religionen werden wohl kaum den Rufer in der Wüste „gegen Geisterkulte, Juden und Moslems wie den Ungeist in der (Evangelischen) Amtskirche“ aus Neustadt erreichen. Vielleicht befasst sich ja demnächst eine neue Philippika mit dem „Knecht Satans im Vatikan.“ (931)

heute-Journal 18.01.15-21.45_2V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 17.01.2015/cw – Der Begründer und Leiter des legendären Omnibus-Chores, Hugo Jahns, hat uns am 9. Januar 2015 für immer verlassen. Jahns war Schwager unseres jahrzehntelangen Vorsitzenden Manfred Plöckinger und treues und überzeugtes Mitglied unseres Vereins.

Der Verstorbene wurde am 3.11.1931 geboren und mußte wie Viele seiner Generation Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus durchleiden. Wo andere sich unbeschwert der Jugendzeit widmen durften, erlebte diese Generation den fürchterlichen Zweiten Weltkrieg, in dem ihre Heimatstadt in Trümmer gelegt und die wie immer erhoffte Zukunft zunächst in eine Trostlosigkeit gebombt wurde. Vielleicht wandte sich der Heranwachsende nicht zuletzt deswegen der Musik zu.

Hugo Jahns 1931 - 2015

Hugo Jahns 1931 – 2015

1975 gründete Jahns im „Haus der Jungen Talente“ im damaligen Ost-Berlin den Omnibus-Chor. Schon bald wirkte der Chor unter seiner Leitung in vielen Vertonungen, Verfilmungen,  TV- und Rundfunk-Auftritten, so in dem Spielfilm „Zille und ick“ (DDR 1982/1983) mit. Noch heute sind einige Ausschnitte aus dieser Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und ihren Auftritten z.B. auf diversen Weihnachtsmärkten oder – nach der Wende – im Palais am Funkturm auf youtube zu sehen:

https://www.youtube.com/playlist?list=PL0E592DB3D91C2E2C

Allerdings geriet der Omnibus-Chor in ernste Existenz-Sorgen, nachdem er nach dem Zusammenbruch der DDR zunächst vom Kulturzentrum Podewil „adoptiert“ worden war. Die Berliner Zeitung schrieb am 6.12.1995, es „bahnt sich das erste Dilemma an. Stiefeltern haben gewöhnlich keine besonders gute Beziehung zu ihren Kindern.“ Dem Omnibus-Chor wurde ebenso gekündigt, wie dem im Podewil beheimateten Kinder-Ensemble Sadako. In der Wende-Zeit hatte der Senat den Ensembles die Arbeitsmöglichkeiten im Podewil zugesichert.
Hugo Jahns und seine Frau waren von dieser Entwicklung schwer enttäuscht. Trotz großer persönlicher Anstrengungen bedeutete dies letztlich das AUS für den als Lebenswerk empfundenen Chor.

Die traurige Nachricht ...

Die traurige Nachricht …

Zuvor, 1963, hatte der rastlose Dirigent und Musikfan den Paul-Robeson-Chor gegründet, der noch 2013 mit Jahns sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern konnte. Der Namensgeber Paul Robeson war Opern- und Gospelsänger und galt in der DDR als ein Streiter für Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung, insbesondere für seine schwarzen Landsleute in den USA. Viele der einstigen Protagonisten trafen sich nach den Turbulenzen um die historischen Veränderungen in unserem Land erst 2006 wieder und gründeten schließlich, erneut unter der künstlerischen Leitung von Jahns „Die Gospel-Oldies Berlin“. Hugo Jahns sang sogar die Tenorstimme und schrieb die Arrangements für die Gruppe, die unter ihm unzählige vordere Plätze in zahlreichen Wettbewerben errang.
Dieses Engagement wäre ohne die stete und engagierte Unterstützung seiner Frau Bärbel Plöckinger nicht möglich gewesen, die sich um die kaufmännische und organisatorische Leitung der jeweiligen Chöre kümmerte.

Hugo Jahns hat uns vor wenigen Tagen verlassen. Er hinterließ seine Frau, den gemeinsamen Sohn Ulli und viele Freunde in Nah und Fern. Uns, der Vereinigung 17. Juni, wird er als liebenswerter und stets bescheiden auftretender Kamerad in Erinnerung bleiben. Wir trauern mit seiner Familie um einen unvergessenen Menschen, dem die Musik sein zuletzt nicht leichtes Leben dennoch leichter machte.

Die Beisetzung wird im  Familienkreis stattfinden, eine Gedenkveranstaltung soll folgen, teilte die Familie mit. (930)

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Leipzig, 16.01.2015/cw – Heute Abend thematisierte das ZDF in seiner Krimi-Serie SOKO-Leipzig den Missbrauch von Medikamenten bei Versuchen der westlichen Pharmaindustrie an Bürgern der DDR (21:55 – 22:40 Uhr). Diese wurden nicht über die Versuche informiert. In diesem Zusammenhang soll es seinerzeit zu Todesfällen oder langfristigen oder andauernden gesundheitlichen Beeinträchtigungen gekommen sein. Die DDR hatte für die von ihr autorisierten Versuchsreihen beträchtliche Devisen verdient.

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg - Foto: LyrAg

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg – Foto: LyrAg

Der britische Drehbuchautor Steve Bailie war im ersten Halbjahr 2014 eigens nach Berlin gekommen, um Informationen zu diesem Thema zu sammeln. So ließ er sich u.a. von Tatjana Sterneberg beraten. Sterneberg war in den siebziger Jahren in der U-Haft der Stasi in Berlin-Pankow und später im Frauenzuchthaus Hoheneck/Erzgebirge mit Psychopharmaka traktiert worden, u.a. mit Lepinal, dessen Wirkstoff bereits durch die Nazis in den KZ eingesetzt worden war. Sterneberg hatte die seinerzeitige Verstrickung des damaligen Anstaltsarztes MUDr. Peter Janata, (Stasi-IM „Pit“) in diesen missbräuchlichen Einsatz aufgedeckt und an die Öffentlichkeit gebracht. Durch diese Berichte waren Bailie und die Filmemacher auf die ehem. Hoheneckerin aufmerksam geworden. Sterneberg hatte stets betont, sich einzig für die Aufklärung dieses Skandals einsetzen zu wollen, Rache sei ihr fremd. Über mögliche Ahndungen dieser Verbrechen müssten andere entscheiden.

Im Redaktionstext heißt es dazu: „Der Verdacht fällt schnell auf die Aktivistin Rose Neumann, die leidenschaftlich und hartnäckig dafür kämpft, den Skandal öffentlich zu machen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie behauptet, nur ein Sprachrohr sein zu wollen. Den Täter müssen die Ermittler unter den vielen Opfern suchen.“

Der Film ist noch für ca. 7 Tage im Internet zu sehen:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2315388/Doktor-Tod?setTime=7.343#/beitrag/video/2315388/Doktor-Tod oder als DVD käuflich zu erwerben. (929)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Erfurt/Berlin, 16.01.2015/cw – Der Vorschlag des Thüringer Landtagspräsidenten Christian Carius (CDU), den 17. Juni als Gedenktag für die Opfer der SED-Diktatur zu proklamieren, hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Dabei wird allerdings übersehen, dass sich Carius nicht explizit für den Erinnerungstag an den Volksaufstand von 1953 ausgesprochen hat, sondern sich ebenso den 13. August (Tag des Mauerbaus 1961) vorstellen könnte.

Inzwischen hat Prof. Erardo C. Rautenberg, SPD, in einem Gastbeitrag für die Thüringer Allgemeine vom 16. Januar für eine Neubelebung des 17. Juni plädiert und sich ausdrücklich auf den Vorschlag des Thüringer CDU-Politikers bezogen http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Gastbeitrag-Prof-Dr-Erardo-C-Rautenberg-plaediert-fuer-Wiederbelebung-des-17-1135793792.

Rautenberg ist nicht Irgendwer. Der 1953 in Comodoro Rivadavia, Argentinien geborene Jurist dient seit 1996 als Generalstaatsanwalt in Brandenburg, seit 2007 ist er der dienstälteste Generalstaatsanwalt in Deutschland. In einem Essay über Schwarz-Rot-Gold hat er u.a. den Versuch unternommen, dem Nationalismus der Rechtsextremen einen Patriotismus der Demokraten entgegenzusetzen. Das SPD-Mitglied besitzt die deutsche und argentinische Staatsangehörigkeit (seine deutschstämmigen Eltern kehrten 1954 aus Argentinien nach Deutschland zurück), ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift Neue Justiz, ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift Goltdammer´s Archiv für Strafrecht und seit September 2013 Honorarprofessor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Rautenberg geht wesentlich ausführlicher auf die von Christian Carius angeregte Idee ein, als der Urheber. Er untermauert seine Unterstützung für den 17. Juni als Gedenktag für die Opfer der SED-Diktatur, weil diese „wie die Opfer der NS-Diktatur auch Anspruch auf einen eigenen nationalen Gedenktag haben.“
Zwar habe der 17. Juni „die Stellung als nationaler Feiertag an den 3. Oktober abgeben müssen, doch wird auch nach der Wiedervereinigung an diesem Tag vielfach der Ereignisse des 17. Juni 1953 in der DDR gedacht und von dem gescheiterten Volksaufstand eine Brücke zur erfolgreichen friedlichen Revolution von 1989 geschlagen.“

Ideologische Nähe der Kommunisten zu Nationalsozialisten

Rautenberg erinnert daran, das seit 2009 in seinem Gebäude regelmäßig eine Gedenkfeier an die Ereignisse von 1953 stattfinde. An der „Pflege dieser Erinnerungskultur“ beteiligten sich „auch große Teile der Linkspartei“ aktiv, während „eine Minderheit alter Betonköpfe noch vom ´faschistischen Putschversuch´ schwafelt.“ Der Autor führt dann Beispiele an, dass auch Kommunisten, wie der einstige Justizminister Max Fechner, unter dem System gelitten hätten und zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden wären.

Die immer wieder ins Spiel gebrachten Versuche, geschichtliche Vorgänge zu vereinnahmen, um damit die Hoheit über die Blickwinkel auf diese Geschehnisse zurück zu gewinnen, ignoriert Rautenberg dabei völlig. Mit der Anführung des hohen Blutzolls von Kommunisten im Kampf gegen das NS-Regime wird zum Beispiel seit je versucht, die Unmenschlichkeit und ideologische Nähe des Kommunismus zum Nationalsozialismus zu übertünchen. So sehr auch wir von der Vereinigung 17 Juni durchaus die Bemühungen von geradlinigen Politikern der SED-Nachfolgepartei respektieren, sich von den ewiggestrigen Ideologen abzugrenzen, kann dieses achtenswerte Engagement nicht dazu führen, historische Konturen im Sinne einer erwünschten, gerade deswegen fragwürdigen Geschichtsbetrachtung zu verwischen.

Der 17. Juni 1953 war und ist kein Gedenktag an die Verfolgten der zweiten deutschen Diktatur. Er war der erste Aufstand überhaupt im Nachkriegseuropa der dominierenden kommunistischen Herrschaft gegen deren Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender. Die Toten dieses Aufstandes, derer wir alljährlich in Berlin auf dem Friedhof Seestraße und der Generalstaatsanwalt in der Stadt Brandenburg gedenken, waren a u c h Opfer und nachfolgend Verfolgte der Diktatur, aber nicht d i e Opfer oder d i e Verfolgten. Sie konnten es nicht sein, weil es diese Opfer und Verfolgungen vorher und nachher bis 1989 gab.

Gedenktag nach Aktenlage

Wir sollten uns davor hüten, einen Kanon von Gedenktagen zu inszenieren, auch wenn wir die ehrenwerte Wiederbelebung historisch bedeutsamer und ins Abseits geratene Gedenktage, wie den 17. Juni 1953 einbeziehen wollen. Der 3. Oktober war in dieser Reihe ein deutlicher Fehlgriff, weil er sich lediglich auf einen vertraglich geregelten Termin ohne jeden notwendigen Impuls oder eine bereits vorhandene Identifizierung durch die Bevölkerung bezieht. Wir haben diesen Tag daher richtigerweise als „Gedenktag nach Aktenlage“ bezeichnet und stehen dazu. Wir sind stolz darauf, das diese Erkenntnis bereits vor wenigen Jahren auch Eingang in eine Bundestagsrede des Abgeordneten Werner Schulz (GRÜNE) gefunden hat, wenn auch bisher ohne die erwünschten Nachdenklichkeiten und Konsequenzen.

Uns wurde ja immer unsere Unbeugsamkeit z.B. in Sachen Glauben an die Wiedervereinigung als Kompromisslosigkeit vorgeworfen. Noch 1989 haben wir die Fähigkeit zum Kompromiss mehr als deutlich bewiesen, als wir den Vorschlag unterbreitet haben, den 9. November zum Nationalen Gedenktag der Deutschen zu machen. Wir stützten uns dabei auf die in der Weltgeschichte beispiellose Historie dieses Datums, die so einmalig Freude und Trauer, Aufbruch und tiefe Demütigung in sich vereinigt. Wir waren und wir sind bereit, dafür sogar „unseren“ Gedenktag, den 17. Juni, einzubringen, weil wir den außerordentlichen Charakter des 9. November neidlos anerkennen.

Am 9. November 1848 wurde der Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche , Robert Blum, in Wien erschossen. Am 9. November 1918 wurde das Kaiserreich beerdigt, die deutsche Republik ausgerufen. Am 9. November 1923 wurde in München der Hitler-Putsch erfolgreich durch die demokratische Republik niedergekämpft. Am 9. November 1938 wurde die Tragödie der Juden-Vernichtung für alle sichtbar durch die sogen. Reichskristallnacht eingeleitet. Am Vorabend des 9. November 1939 scheiterte das Attentat auf Hitler durch Georg Elser. Am 9. November 1989 fiel nach 28 viel zu langen Jahren die Berliner Mauer.

Rautenberg schreibt eingangs seiner Laudatio für den 17. Juni: „Mit nationalen Gedenktagen tut man sich in Deutschland bekanntlich schwer.“ Und spricht sich daher im Ergebnis seiner Argumente selbst gegen einen „nationalen Gedenktag“ aus. Nicht nur er sollte das noch einmal überdenken. Der 9. November böte gerade im Jahr 25 der Wiedervereinigung beider einstigen Teilstaaten die unwiederbringliche Chance, die vielen politischen Strömungen in unserem Land an diesem Tag zu vereinen, jeder dieser Strömungen einen Wiedererkennungswert in der deutschen Geschichte zu ermöglichen.

Kramladen der Gedenktage ordnen

Und es böte sich die Gelegenheit, unseren Kramladen der Gedenktage zu ordnen und auf einen wichtigen und unvergleichlichen Tag zu konzentrieren: den 9. November. Hier können sich Revolutionäre und Burschenschaften, Juden und Christen, Republikaner und Monarchisten, in Freude und Trauer vereinen und gemeinsam der wechselvollen Geschichte ihres Landes gedenken. Ein solcher Nationaler Gedenktag schließt weder die Erinnerung an den Volksaufstand von 1953, den Bau der Mauer von 1961 noch an die Kapitulation (oder Befreiung) von 1945 aus, um nur einige wichtige Daten zu benennen. Der 9. November umfasst sinntragend alle diese historischen Geschehnisse.
Allerdings: Des 3. Oktobers bedarf es in dieser Aufreihung nicht (mehr). Er ist in diesem Kanon schlicht überflüssig. (928)

*Der Autor gehört seit 1963 der Vereinigung 17. Juni als Mitglied und in diversen Vorstandsfunktionen an. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Vereins.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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