Von Tatjana Sterneberg und Carl-Wolfgang Holzapfel

Der einstige Jugendwerkhof Werftpfuhl 2013

Der einstige Jugendwerkhof Werftpfuhl 2013 –      Foto: LyrAg

Es muss wohl ein schöner Tag gewesen sein, damals, am 3.April 1951. An diesem Tag hatten die Gruppen 3 und 4 im Jugendwerkhof Werftpfuhl in Brandenburg Besuch von vier Erziehern aus dem Hauptkinderheim in der Greifswalderstraße in Berlin. Nach Erledigung der Schularbeiten beschlossen die zuständige Gruppenerzieher, mit dem Besuch und den zwölf- bis fünfzehnjährigen Kindern im nahe gelegenen Wald ein Spiel durchzuführen. Sie bildeten zu diesem Zweck zwei Spielparteien.

Wenig später stießen fünf Jungen auf ein Soldatengrab, ca. 400 – 500 Meter von dem Heim entfernt. Der Zweite Weltkrieg war gerade sechs Jahre zuvor beendet worden, das Auffinden spontaner Gräber in dem einst umkämpften Gebiet um Berlin nicht ungewöhnlich. Unter dem Eindruck, das Grab sei verwahrlost, deckten die Jungen das Grab mit Tannengrün ab und schmückten es mit gelbem Sand und Steinen.

Rudi B., 14 Jahre alt, kannte seinen Vater nicht, seine Mutter saß im Frauengefängnis in der Barnimstraße ein. Karl-Heinz T., ein Monat später 15 Jahre alt, war nach Werftpfuhl gekommen, weil sein Vater eine langjährige Gefängnisstrafe in der Lehrter Straße (West-Berlin) verbüßen mußte, seine Mutter war mit unbekanntem Aufenthalt verschwunden. Der Vater von Hans Dieter O., ebenfalls wie Rudi B. Jahrgang 1936, war verstorben, er konnte offenbar nicht bei seiner Mutter Margarete bleiben. Die Mutter des zwölfjährigen Jürgen Z. war bei der Geburt seines Bruders Klaus 1945 verstorben, der Vater unbekannt. Der gleichaltrige Wolfgang W. war Halbwaise, sein Vater war bereits am 8.08.1942 gefallen.

Blick auf den nahe liegenden Wald - Foto: LyrAg

Blick auf den nahe liegenden Wald – Foto: LyrAg

Grauenhafter Anblick

In der Nähe des hergerichteten Grabes entdeckte Rudi B. Munition, darunter vermutlich Granaten. Neugierig geworden eilten die übrigen vier Jungen herbei. Abenteuer pur. Hans-Dieter O. schlug gegen eine Granate, die sofort explodierte. Ohne zu zögern schleppte sich Jürgen Z. trotz einer schweren Verletzung am Knie zurück ins Heim, um Hilfe zu holen. Unter dem Eindruck des Geschehens konnte der geschockte Junge keine näheren Angaben über das Geschehen machen. Die übrigen Kinder waren zwischenzeitlich mit den Erziehern wieder im Heim eingetroffen.

Nach den vorliegenden erschütternden Berichten muß es eine gefühlt quälend lange Zeit gedauert haben, bis am Ort des Geschehens Hilfe eintraf, obwohl nach den Protokollen die ersten Volkspolizisten zwanzig Minuten später vor Ort waren. Der sofort alarmierte zuständige Arzt war zunächst nicht erreichbar, traf dann aber etwa eine halbe Stunde nach dem Geschehen am Unfallort ein.

Den Helfern bot sich ein grauenhafter Anblick. Rudi B. war die Schädeldecke heruntergerissen worden, er muß sofort tot gewesen sein. Hans-Dieter O. hatte schwere Verletzungen an der Luftröhre und weitere Splitterverletzungen am ganzen Körper erlitten. Schwere Hirn-Verletzungen am Kopf, der Verlust eines Auges: Karl-Heinz T. verlor darüber hinaus seinen linken Unterschenkel einschließlich des Knies. Wolfgang W. hatte schwere Splitterverletzungen am ganzen Körper. Für O. und T. bestand akute Lebensgefahr.

Die Verletzten wurden in den Abendstunden, der Unfall hatte sich gegen 18:15 Uhr ereignet, in zwei Transporten in das Kreiskrankenhaus Bad Freienwalde gebracht. Gegen 21:00 Uhr nahm Chefarzt Dr. L. die erste Operation vor. Hans-Dieter O. verstarb nach drei Operationen 24 Stunden später, am 4.April, im Krankenhaus.
Rudi B. wurde im Heim Werftpfuhl aufgebahrt, die Trauerfeier für ihn und den einen Tag später verstorbenen Hans-Dieter O. fand am 8. April im Heim statt. B. wurde anschließend auf dem Friedhof der Gemeinde Hirschfelde bei Werneuchen beigesetzt. Die Geschwister von B., die Schwester aus dem Mädchenheim Hoffmannstraße und der neunjährige Bruder Klaus, ebenfalls im Heim Werftpfuhl, nahmen an der Trauerfeier teil. Die Mutter war von der Gefängnisleitung nicht beurlaubt worden.

Blick auf die Rückseite: Werftpfuhl 2013 - Foto: LyrAg

Blick auf die Rückseite:
Werftpfuhl 2013 – Foto: LyrAg

Über das weitere Schicksal des ebenfalls lebensgefährlich verletzten Karl-Heinz T. ist nichts bekannt. Der letzte zugängliche Vermerk weist einen Besuch am Krankenbett in Bad Freienwalde vom 5.04.1951 aus. Da die Mutter und Geschwister nicht bekannt waren, wurde der im Gefängnis einsitzende Vater regelmäßig über den Zustand seines Sohnes informiert.

Über Wolfgang W. wurde am 10.04. vermerkt, daß er einer von den beiden nicht so schwer Verletzten war (Fleischwunden, Splitterwunden). Die Mutter wurde am 4. April aufgesucht, aber nicht angetroffen. Einen Tag später meldete sich der Stiefvater telefonisch und versprach, den Verletzten mit der Kindesmutter baldmöglichst zu besuchen. Lapidar heißt es in dem Aktenvermerk abschließend: „Wolfgang ist ein schwer kontaktgestörter Junge, für den wir die Schockwirkung des Unfalls für sehr nachhaltend und nachteilig halten.“

Auch über den fünften Beteiligten an dem Drama im Wald bei Werftpfuhl findet sich kein weiterer Beleg über den weiteren Weg. Jürgen Z. hatte als erster Hilfe herbeigerufen.

Die Toten von Werftpfuhl sind vergessen

Über sechzig Jahre nach dem Geschehen bleibt die Frage nach der Verantwortung für den Tod von zwei anvertrauten Jugendlichen und die teils schweren Verletzungen von drei weiteren Kindern offen. Offenbar wurde keiner der mittelbar oder unmittelbar Verantwortlichen jemals vor Gericht gestellt oder wenigstens disziplinarisch gemaßregelt.

Durch einen Gang Verbindung zur Heim-Schule  - Foto: LyrAg

Durch einen Gang Verbindung zur Heim-Schule – Foto: LyrAg

In ersten Berichten nach dem Unglück wird immer wieder die Unschuld der an dem Waldspiel beteiligten Erzieher betont und darauf hingewiesen, dass den zuständigen Behörden bereits seit 1948 (!) die Lagerung von Munitionsbeständen im Wald bekannt war. So hatten Kinder und Jugendliche immer wieder Munitionsfunde im Glauben in das Heim verbracht, sie müssten die gefährliche Munition der Heimleitung abliefern. Diese hatte jeweils die Volkspolizei informiert und die Funde abholen lassen. In einem Schreiben an den Rat des Kreises Oberbarnim vom 7.08.1948 (!) hatte der damalige Heimleiter Holiczek über Munitionsfunde „auf dem Straßengelände Hirschfelde“ berichtet und dringendst darum gebeten, „das Waldgelände nochmals zwischen Werftpfuhl und Hirschfelde gründlich abzusuchen, damit schwerer Schaden an Leib und Leben der anvertrauten Kinder vermieden wird.“
Noch einen Tag vor dem Unfall hatten zwei Lehrer eindringlich mit Jugendlichen über die Gefahr gesprochen, die von der gefundenen Munition ausging, nachdem von Jugendlichen erneut Munitionsfunde in das Heim gebracht worden waren.

Der mit der Untersuchung des Unglücks vom April 1951 befasste Chef der Deutschen Volkspolizei, Karl Maron (*27.04.1903 – † 2.02.1975), stellte in seinem Untersuchungsbericht an den Magistrat von Groß-Berlin vom 19.06.1951 die Unschuld der Volkspolizei an dem Geschehen fest. Auf den Widerspruch zu seinen Ausführungen, nach dem die Heimleitungen seit 1948 immer wieder auf Munitionsfunde im Umfeld des Heimes hingewiesen habe und die Volkspolizei aufgefordert habe, entsprechend tätig zu werden, ging der spätere Innenminister der DDR nur indirekt ein. Die Volkspolizei verfüge wegen „der vielfältigen Aufgaben nicht über die notwendigen Kräfte und Mittel, damit sämtliche noch verstreute Kriegsmunition restlos beseitigt und eine völlige Gefahrlosigkeit aller ehemaligen Kampfgebiete garantiert werden kann.“ (Alle Zitate: C Rep.120, Nr.348 Landesarchiv Berlin.)
Bereits ein halbes Jahr vor dem tragischen Unglück, am 24. Oktober 1950, waren im Bereich Werneuchen, Wesow, Schönefeld und Werftpfuhl nach erneuten Reklamationen aus dem Heim größere Suchaktionen nach Munition und Waffen durchgeführt worden. Trotzdem erfolgte am 19.03.51 abermals eine Meldung über aufgefundenes Sprengmaterial in Heimnähe.

Warum der Zugang zum Wald unter diesen Umständen nicht generell verboten wurde, entzieht sich dem Betrachter des nunmehr historischen Geschehens. Erst nach dem dramatischen Geschehen vom 3. April 1951 wurden gründlichere Explorationen veranlasst und zahlreiche Räumungen vorgenommen. Die Volkspolizei berichtet in diesem Zusammenhang von zwei Lkw-Ladungen, die abtransportiert und gesprengt worden seien.

Die DDR-Zeit existiert vor Ort nicht

Die zwei Toten von Werftpfuhl hingegen sind vergessen. Dem ausgelösten Trauma der weiteren Beteiligten, den schweren und bleibenden Verletzungen von Karl-Heinz T. ist wohl niemand mehr nachgegangen.

Lediglich die Mutter des tödlich verunglückten Hans-Dieter O. stellte einige Monate nach dem Unfall einen Antrag auf Entschädigung. Margarete W. forderte vom Magistrat 10.000 DM. Während die Finanzbehörden unterstellten, die Mutter wolle wohl aus dem Unfall Geld erzielen, empfahl die zuständige Heimabteilung, den Antrag der Mutter wohlwollend zu überprüfen. Dem wollte die für mögliche Entschädigungen zuständige Finanzabteilung nicht folgen, die unter Bezug auf den Maron-Bericht ein fehlerloses Verhalten der beteiligten Erzieher von Werftpfuhl attestierte und den Verunglückten faktisch ein Eigenverschulden unterstellte, weil diese sich eigenmächtig der Aufsicht entzogen hätten.

Ein weiteres dunkles Kapitel der Heimgeschichte, hier der des Kinderheimes und späteren Jugendwerkhofes (ab 12.1951) Werftpfuhl, harrt der Erinnerung. Bis heute gibt es in Werfpfuhl keinen Hinweis auf die Vergangenheit zwischen 1945 und 1989. In einer gezeigten Ausstellung im Haus wird über die Historie von der Kaiserzeit bis 1945 berichtet. Die seitherige Nutzung als Jugendbildungsstätte erfolgte nach der Wiedervereinigung.
Die DDR-Zeit wurde und wird ausgeblendet. Ein sichtbares Denkmal für die toten Jugendlichen von Werftpfuhl, deren Tod sechs Jahre nach Kriegsende nicht zwangsläufig sein mußte, fehlt bis heute. (875)

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Die Autoren sind selbst ehemalige Heimkinder; Sterneberg war als Kleinkind in Werftpfuhl, Holzapfel in diversen Einrichtungen in der alten Bundesrepublik. Seit einigen Jahren forschen die Lebenspartner nach Spuren des Geschehens um Kinder und Jugendliche in Deutschland West und Deutschland Ost. Die hier aufgezeigte Geschichte um die Toten von Werfpfuhl fanden sie bei ihren Recherchen im Landesarchiv Berlin.

© 2014 Redaktion Hoheneck, Berlin (15.10.2014)

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