Bremerhaven/Berlin, 5.10.2014/cw – Er wurde am 5.Oktober 1944 in Halle/Saale in eine „durch und durch kommunistische Familie“ hineingeboren, wie er später selbst formulierte. Bernd Stichler, der seine vor Jahren gewählte Fluchtburg im Norden Deutschlands bei Bremerhaven verlässt, um den Gratulanten aus dem Weg zu gehen, wird heute 70 Jahre alt.

Der 17. Juni wurde prägende Erinnerung

Seine Mutter war eine „überzeugte Genossin in der Meldestelle des Volkspolizei-Kreisamtes“ in Halle. Der heute Siebzigjährige erinnert sich an den 17. Juni 1953, knappe 9 Jahre alt: „Wir, meine Mutter und ich, wohnten bei den Großeltern. Ich spielte mit Freunden auf dem kleinen Spielplatz vor der Ullrichskirche, als meine Großmutter erschien und rief: Sie kommen, sie kommen. Sie zerrte mich zum Wohnhaus, und als wir den Hauseingang erreicht hatten, kamen sie. Wer „sie“ waren, wusste ich damals noch nicht. Sie waren über die ganze Straßenbreite verteilt und marschierten so an uns vorbei.“

Bernd Stichler im ehem. KZ Sachsenhausen

Bernd Stichler im ehem. KZ Sachsenhausen

Neugierig blickte der Junge aus dem Fenster der Wohnung und gewahrte, wie aus dem nur zwei Häuser weiter bestehenden Parteibüro über dem Blumengeschäft Stemmler das Inventar unter dem Jubel der Menge auf die Straße geworfen wurde. Danach zog die Menge ab und der kleine Bernd wollte wieder spielen gehen, was ihm die besorgte Oma aber verbot. Später erschien eine Frau, die von der Großmutter Zivilkleider für die Mutter forderte, weil diese nicht in Uniform auf die Straße gehen könne, sonst würde diese totgeschlagen werden. Bernd Stichler: „Oma raffte einige Kleidungsstücke zusammen und wir eilten ins Polizeipräsidium.“ Auf dem Weg dorthin sammelte der neugierige Knabe diverse Parteiabzeichen auf, mußte aber zu seiner großen Enttäuschung auf Geheiß seiner Oma die Hosentaschen wieder leeren. „Die Großmutter hatte offenbar große Angst,“ erinnert sich Stichler, der das alles um ihn herum nicht verstand.

Auf dem Hallmarkt angekommen, wo eine große Menschenmenge vor dem Polizeipräsidium stand, gelangten beide durch einen ruhigen Seiteneingang in das Präsidium. Stichler erinnert sich an Gewehre, die nervös im Gebäude auch mal auf sie gerichtet wurden. Diese ersten Erinnerungen, deren Bedeutung sich erst später dem Heranwachsenden erschloss, beeinflusste entscheidend die spätere politische Einstellung.  Später geriet er selbst in die Mühlen der Diktatur  und wurde aus politischen Gründen verurteilt.  Die wenigstens zeitweilig zu Tage tretende Ohnmacht der Staatsorgane am 17. Juni 1953 blieben ihm, dem späteren glühenden Antikommunisten, zeitlebens im Gedächtnis.

„Öffentlich verordnete Sprachregeln“

Diese prägenden Ereignisse ließen Stichler wohl auch kompromisslos werden. Seine Sprache nahm wenig Rücksicht auf „öffentlich verordnete Sprachregeln,“ wie er das nennt. Der Maulkorb in der DDR blieb in seiner Erinnerung als permanente Bevormundung und Untersagung freier Meinungsäußerung im Bewusstsein. Angekommen in der Spitze des seinerzeit größten Verfolgtenverbandes, der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), gab er seine Vorstandsfunktion 2006 auf, nachdem ihm Äußerungen vorgehalten worden waren, die er drei Jahre zuvor wohl etwas alkoholisiert im geschlossenen Kreis von sich gegeben hatte. Eine verdeckte Informantin des Verfassungsschutzes hatte diese Äußerungen mitschneiden lassen und bei passender Gelegenheit drei Jahre später aus der Versenkung geholt. Stichler war als permanenter Kritiker an der „unvollständigen Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur“ in bestimmten politischen Kreisen in Ungnade gefallen. Da kamen die – freilich unpassenden und nicht akzeptablen – Äußerungen gerade richtig, um ihn in Bedrängnis zu bringen.

„Die Prozeduren der Ausschaltung unerwünschter Personen sind eigentlich unabhängig vom jeweiligen System,“ resümiert der Jubilar rückblickend. Enttäuscht von dieser „bitteren Erfahrung“ zog sich Stichler wenig später ganz aus der politischen Arbeit zurück und verließ kurz darauf die Hauptstadt, um nicht „täglich an diesen politischen Vergiftungsbrunnen“ erinnert zu werden. Einst umstritten lebt er heute mit seiner Frau ein ruhiges Rentnerdasein und meldet sich nur noch sporadisch hier und dort in einem Internet-Forum zu Wort.
Dabei hilft ihm seine in der DDR begonnene Leidenschaft zur Musik über die Aufgeregtheiten in seinem Leben. Er komponiert und interpretiert in seinen Musikstücken ein Stück „gewolltes anderes Leben“ und verspürt – in die Jahre gekommen –  dabei sogar „ein wenig Glück.“

Dem aneckenden Idealisten von dieser Stelle aus beste Wünsche für die Gesundheit aus der Hauptstadt an die Küste, wo oftmals steife Winde ihn an sein einstiges von manchen Stürmen umtostes Leben erinnern dürften. (870)

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