Berlin, 13.09.2013/cw – Seit Jahren ziehen dunkle Wolken über den einst weltberühmten ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin. Hier, wo sich einst US-Amerikanische und Sowjetische Panzer gegenüberstanden, wo fast ein Jahr später der achtzehnjährige Flüchtling Peter Fechter vor aller Welt ohne jeden Versuch einer Hilfe elend im Mauerschatten verblutete, hier hatte Rainer Hildebrandt seine zweite und dauerhafte Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ mit zunächst bescheidenen Mitteln platziert.

Im Laufe der Jahre wurde die Ausstellung als Museum und „Haus am Checkpoint Charlie“ zum unbedingten Muss der Touristen aus aller Welt. Aus dem bescheidenen Eckladen wurde ein von der Kochstrasse bis zur Zimmerstraße über die gesamte Häuserfront verlaufendes Museum, das sich über mehrere Etagen erstreckt. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen, die dem einstige Gründer der KgU (Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit) die zuvor versagte Reputation sicherte.

Sprudelnde Euro-Quellen

Um die Jahrtausendwende entschied sich das Ehepaar Hildebrandt, das bis dato sichere Terrain der öffentlichen Förderung zu verlassen und das Museum selbständig zu machen. Zu diesem Zeitpunkt sprudelten die Quellen aus Eintritt und Verkauf von Mauer-Utensilien und einschlägiger Literatur immer Bilanzfreudiger, von jährlichen Einnahmen in mehrfacher Millionenhöhe war die Rede. Rainer Hildebrandt konnte diesen Erfolg nicht mehr auskosten. Schwer erkrankt überlebte er die Verselbständigung nur noch wenige Jahre.
Seiner rührigen und lernfähigen Frau aus der Ukraine gelang es, drei Tage vor seinem Tod in der Schweiz eine Stiftung auf den Namen ihres Mannes zu gründen. Seither fließen die Einnahmen in die Schweiz. Ob Rainer Hildebrandt die Stiftungsurkunde drei Tage vor seinem Tod noch selbst in den Schweizer Alpen unterzeichnen konnte, darüber gibt es seither unterschiedliche Sichtweisen.

Seine Witwe jedenfalls, die erst 1990 nach Berlin gekommen sein will, obwohl es Filmdokumente der BStU geben soll, die Alexandra Hildebrandt bereits vor dem Fall der Mauer 1989 im westlichen Teil von Berlin zeigen, zeigte sich äußerst agil und für eine einstige Raketentechnikerin aus dem Ostblock äußerst geschäftstüchtig. So wurden permanent neue Gebäudeteile erworben und die Ausstellung ebenso zügig erweitert. Als sie 2007 das Eckhaus zur Zimmerstraße für 15 Millionen Euro kaufen wollte, in dem sie bereits mehrere Etagen für die Ausstellung akquiriert hatte, kam die Museumschefin offenbar ins Trudeln. Jedenfalls bezahlte sie die vereinbarte Kaufsumme nicht. Nach einem Bericht der Berliner Zeitung vom vergangenen Donnerstag wurden der taffen Witwe sogar zwischenzeitlich die Konten gesperrt.

Rettet Vergleich das Erbe?

Doch das alles erscheint nun als „Schnee von Gestern“. Nach dem erwähnten Bericht soll sich die Chefin vom Checkpoint, wie Hildebrandt teils neidisch, teils respektvoll genannt wird, mit dem Eigentümer, der bundeseigenen Bank FMS Wertmanagement geeinigt haben, nachdem die FMS, die für den Bund als Bad-Bank fungiert, 2011 vom Kaufvertrag zurückgetreten war. Nachdem sich die quirlige Geschäftsfrau, die nebenher noch im letzten Jahr geborene Zwillinge zu versorgen hat, mit der FMS auf einen Vergleich und einen 25jährigen Mietvertrag geeinigt hatte, konnte die Bank das Gebäude endlich weiterverkaufen.

Ob mit diesem Kompromiss das Erbe Rainer Hildebrandts, dessen Asche seiner sterblichen Überreste auch über zehn Jahre nach seinem Tod einer Beisetzung harren, gerettet werden kann, wird die Zukunft zeigen. Das wird nicht zuletzt auch davon abhängen, ob seine Witwe die gegebene Möglichkeit nutzt, nun die vielfach von Fachleuten angemahnte Überarbeitung der Ausstellung anzugehen. Die Ausstellungschefin schweigt sich weiterhin über ihre Vorstellungen und Planungen aus. Dabei würde eine aktive Umgestaltung und Erneuerung des Museums auf übliche Standards vermutlich die bisher dominierende Funktion des Hauses am Checkpoint Charlie zementieren. Denn die Realisierung der von der öffentlichen Hand nach wie vor geplanten Ausstellung über den „Kalten Krieg“ am selben Ort dürfte noch einige Hürden zu überwinden haben. Eine Zeitbrücke, die Hildebrandt geschickt nutzen könnte.

Unvergessene Installation von Mauerkreuzen

Für Überraschungen war die Berliner Ukrainerin, die sich ob ihrer Eigenwilligkeiten mehr Skeptiker als Freunde geschaffen hat, immer gut. Unvergessen ihre Installation von Mauerkreuzen am ehemaligen Nabelpunkt der west-östlichen Auseinandersetzungen, die zwar beseitigt wurden aber immerhin für eine vorher ungeahnte Aktivität des Berliner Senats zur Schaffung einer würdigen Gedenkstätte an die Zeit der Berliner Mauer führte. Im Ergebnis ist die Stiftung gleichen Namens mit der beeindruckenden Gedenkmeile in der Bernauer Straße nicht mehr wegzudenken. Diesen Erfolg kann ihr wenigstens keiner mehr nehmen.(855)

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