Berlin/Hamburg, 25.08.2014/cw – Im Herbst 2011 berichtete der NDR über die Verstrickung des schwedischen Möbelhauskonzerns in die Ausbeutung politischer Gefangener in der DDR.
Die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni hatte wenig später den Konzern um Auskunft gebeten und den Skandal publiziert. Nach einer Sendung im Schweden-TV im Frühjahr 2012 wachte auch der Dachverband UOKG auf und stieg in die Kritik am „freundlichen Familien-Kaufhaus“ ein. Zunächst mit lukrativem Ergebnis: IKEA finanzierte unter dem entstandenen Druck eine Studie der UOKG, deren Ergebnisse in diesem Sommer vom UOKG-Beauftragten für die Haftzwangsarbeit, Dr. Christian Sachse, vorgestellt wurden.
Seitdem war es etwas still um das Thema geworden, die PR-Aktion des Möbelhauses schien sich für die Billig-Anbieter aus dem Norden auszuzahlen.

Produktion in letzter Diktatur Europas

Jetzt allerdings droht ein neuer Skandal. Die ARD startete heute zur besten Sendezeit die neue Staffel „Markenscheck“ und zu Beginn einen kritischen Beitrag über das schwedische Unternehmen: Der IKEA-Check.
Die Sendung ließ sich zunächst harmlos an oder, wie SPIEGEL-online im Vorfeld mäkelte: „Die Reporter tragen leider vor allem Krimskrams über das schwedische Möbelhaus zusammen.“ Aber der Skandal kam zum Schluß. Als hab es nie eine Debatte um die Billig-Produktion in Diktaturen, die kalte Ausnutzung von Menschen unter diesen Umständen gegeben, produziert IKEA nunmehr in Weißrussland, „der letzten Diktatur in Europa,“ wie die Reporter kritisch anmerken. SPIEGEL-online: „Jetzt wird’s ernst.“

Vor drei Jahren versuchte sich das Möbelhaus gegenüber der Vereinigung 17. Juni und später gegenüber der Öffentlichkeit noch herauszureden: Man habe von der Vergangenheit überhaupt nichts gewusst und man wolle diesen Vorwürfen offen nachgehen.
Mit viel Pomp wurde mit UOKG-Chef Wagner und BStU-Chef Roland Jahn eine aufwändige Pressekonferenz inszeniert, indem sich der Möbelkonzern mittels seines Deutschland-Chefs zerknirscht gab und „strikte Aufklärung“ versprach. Drei Jahre später der neue und für die Möbel-Schweden unter Umständen schwerer wiegende Skandal: Weil es sich nicht – schlimm genug – um zurückliegende Geschichte, sondern um brennende Aktualität handelt.

Rückfälliger Kapital-Süchtiger?

Ehemalige Häftlinge aus der DDR sind empört, und die Vereinigung 17. Juni will ihren Mitgliedern in einem Brandbrief empfehlen, einen großen Bogen um die blau-gelben Filialen zu machen. „Boykott ist die einzige Antwort, die diese hemmungslosen Profit-Geier verstehen,“ sagt die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, die einst für andere Westfirmen im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck schuften mußte.

Und der Dachverband UOKG? Der hat nach Meinung von Beobachtern jetzt auch ein wenn auch eher moralisches Problem: Einerseits freut man sich, einen Beauftragten in Brot und Arbeit gebracht zu haben und bis nach Schweden den Ruf des Aufkärers erlangt zu haben, Dank IKEA. Und nun stellt sich der Finanzier der auch für die UOKG glücklichen PR-Kampagne aktuell als rückfälliger Kapital-Süchtiger dar. Was nun?

Der Dachverband kann ohne Gefahr für das eigene Image die neuen Daten aus Schweden respektive Weißrussland nicht einfach ignorieren. Aber den zugesagten Geldfluss stoppen, die Hand beißen, die so schnell zur Fütterung bereit war? Die UOKG wird Farbe bekennen müssen. Ihr Vorsitzender hat an anderer Stelle ja schon Klartext gesprochen. Ob er nun die Möbel-Produzenten aus dem schönen Schweden auch als „Knechte Satans“ einstuft, bleibt abzuwarten.(844)

Siehe auch:
http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/markencheck/markencheck/sendungen-neu/ikea-check-102.html

http://www.spiegel.de/kultur/tv/ikea-ard-markencheck-ueber-das-moebelhaus-a-987898.html
und
http://www.fr-online.de/tv-kritik/-der-ikea-check–duenne-bretter,1473344,28213414.html

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. und Redaktion Hoheneck, Berlin,
Tel.: 030/30207785