Berlin, 23.08.2014/cw – Wenn sie sich zurückerinnert, kämpft sie jedes Mal mit den Tränen:
„Was wir erlebt und durchlebt haben, verliert sich nicht mehr, das bleibt,“ sagt sie und schluckt. In aller Bescheidenheit bezieht sie das nicht allein auf sich. Mit „Wir“ meint die heute neunundsechzigjährige schlanke Frau alle Kameradinnen und Kameraden, die für das „Urrecht auf Freiheit“ Verfolgung und Haft inkauf nehmen mussten.

Birgit K. (Mitte) 2014 bei einem Treffen mit Leidensgenossinnen - Foto LyrAg

Birgit K. (Mitte) 2014 bei
einem Treffen mit Leidensgenossinnen
– Foto LyrAg

Birgit Krüger erinnert sich 37 Jahre später an ihren ersten Besuch in der „Ständigen Vertretung der BRD“ in Ost-Berlin, der einstigen >Hauptstadt der DDR<: “Insgesamt waren wir drei mal dort. An das erste mal erinnere ich mich gut. Im Dezember 1976 war das.“ Rückblickend wundert sich Birgit K., dass sie jedes Mal ungehindert in das Gebäude an der Hannoverschen Straße kam. Andere berichten ja von den Schikanen, den Versuchen, diese an einem Betreten der bei den Machthabern verhassten Vertretung zu hindern. „Wir wurden erst nach dem Verlassen erfasst. Man verlangte unsere Ausweise, und wir mussten unsere Personalien trotzdem noch einmal in ein Mikrofon sprechen, das einem der Wachhabenden um den Hals hing.“

Meine erste Begegnung mit einem Cola-Automaten

Das Ehepaar wollte ausreisen, endlich die zur Qual gewordenen DDR verlassen dürfen. Einen Monat zuvor, im November, hatten sie ihren ersten Ausreiseantrag gestellt. „Nachdem uns sehr schnell klar war, wir würden das ohne Hilfe von außen nicht schaffen, entschlossen wir uns, die Ständige Vertretung aufzusuchen. Für Viele, auch für uns, war die Vertretung der letzte Anker in unserer Hoffnung auf Freiheit,“ erinnert sich Birgit K. und wischt eine Träne aus ihrem Auge.
„Wir wurden sehr herzlich empfangen, so, als wären wir schon lange bekannt und gern gesehene Gäste sein. Es war meine erste Begegnung mit einem Cola-Automaten und einem wunderbaren und unvergesslichen Jacobs-Kaffee,“ schwärmt sie. Man habe der Familie geduldig zugehört und versprochen, ihre Anliegen zu verfolgen. „Der Unterschied bestand darin, daß mit dieser „Verfolgung“ die Weiterreichung an die damit befassten Hilfestellen im Westen gemeint waren, während die Staatssicherheit unter Verfolgung die Kriminalisierung berechtigter Anliegen verstand.“

Noch zwei Mal waren die Krügers in der Hannoverschen Straße, erneuerten unermüdlich ihren Antrag auf Ausreise nach jeder Ablehnung. Dann schlug die Staatsmacht in Gestalt der Stasi zu. Am 21.10.1977 wurde der Operative Vorgang (OV) „Schlosser“ durch die Bezirksverwaltung Berlin des MfS angelegt. Grund: Weil „die wegen eines rechtswidrigen Ersuchens auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und Übersiedlung nach der BRD seit November 1976 bereits mehrfach operativ relevant in Erscheinung getretenen waren und deswegen in der KK erfassten Personen am 7.10.1977 ein weiteres rechtswidriges Ersuchen an den Minister des Innern, Gen. Dickel, richteten, in dem sie für den Fall einer weiteren Ablehnung ihres Ersuchens androhten, sich an die Öffentlichkeit zu wenden.“

Verhaftung am 24.10.1977

Am 23.10.1977 wurde die Festnahme für den folgenden Tag angeordnet: In der Vorlage für den beantragten Haftbefehl hieß es u.a.: Das Ehepaar Krüger sei „seit November 1976 mindestens einmal im Monat durch das Versenden von rechtswidrigen Ersuchen … an den Rat des Stadtbezirkes Berlin Prenzlauer Berg, Abt. Innere Angelegenheiten und als Eingaben deklarierten darauf Bezug nehmenden Hetzschreiben an den Magistrat von Berlin, das Ministerium des Innern und den Staatsrat der DDR in Erscheinung getreten. In den rechtswidrigen Ersuchen wie auch in den vorgenannten Schriften diskriminieren sie die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung, indem sie behaupten, in der DDR sei eine ständige Verletzung der Menschenrechte zu verzeichnen und es herrsche Gesinnungsterror gegen Andersdenkende vor.“

Ausschnitt aus Abschlussbericht des MfS - Quelle: BStU

Ausschnitt aus Abschlussbericht des MfS
– Quelle: BStU

Akribisch verzeichnete die Stasi auch die Briefe an die „Gesellschaft für Menschenrechte“ in Frankfurt/Main vom Januar 1977, von deren „staatsfeindlicher gegen die DDR gerichteter Tätigkeit“ die Beschuldigten „durch Sendungen des BRD-Fernsehens Kenntnis erlangt“ hätten, ebenso wie einen Brief an den Generalsekretär der Uno und das Ministerium für Innerdeutsche Angelegenheiten der BRD.

„Danke! – Und jetzt lächelt sie

Im März 1978 wurde das Ehepaar schließlich verurteilt. Birgit K. erhielt 2 Jahre und 3 Monate, ihr Ehemann 2 Jahre und 6 Monate. Birgit wurde umgehend in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck verbracht und gehört nicht zuletzt aus diesem Grund dem Verein „Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen“ an.
Die Krügers hatten Glück: Bereits am 5.07.1978 „wurde das Ehepaar Krüger aus der Strafhaft in die BRD entlassen,“ wie es im Abschlussbericht über den OV „Schlosser“ heißt. Zuvor war am 29. Juni „eine ständige Einreisesperre eingeleitet“ worden.

„Ohne die Besuche in der Ständigen Vertretung und deren versprochenes und eingehaltenes Wirken wären wir nicht so schnell in die Freiheit entlassen worden,“ sagt Birgit Krüger bestimmt, „Danke!“. Und jetzt lächelt sie.

Podiumsdiskussion: „Das Versprechen der Freiheit“

In der ehemaligen Ständigen Vertretung findet am 29. August ab 18:30 Uhr im ersten OG des Gartenhauses aus Anlass des 25. Jahrestages der Maueröffnung eine Podiumsdiskussion statt (U6 bis „Oranienburger Tor“, von dort ca. 350 m Fußweg). Teilnahme (leider) nur gegen Voranmeldung beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, 11055 Berlin.(841)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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