Hannover/Berlin, 18.07.2014/cw – Heinz Unruh, *1923, ein Urgestein der Erlebnisgeneration, die den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, in diesem Fall im Zuchthaus Bautzen, miterlebt haben, ist tot. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der in Lemförde/Niedersachsen lebende Unruh bereits am 24. Juni. Er wurde bereits am 30.Juni im Beisein engster Freunde und der Familie beigesetzt.

Mit dem im Alter von 91 Jahren Verstorbenen verliert die Szene der durch den Kommunismus Verfolgten einen ihrer herausragenden Streiter für die Aufklärung erlittenen Unrechtes. Besonders die in Turbulenzen geratene Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), deren Bezirksgruppe Hannover Unruh angehörte, verliert mit ihm einen profilierten Kopf.

Unruh geriet 1947 in die Fänge des KGB in Potsdam, wurde zu 25 Jahren verurteilt und noch im gleichen Jahr in das berüchtigte Zuchthaus Bautzen verbracht. 1953 erlebte der an Tbc Erkrankte dort in einem Saal mit 200 Mitgefangenen die Auswirkungen des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Unruh beschrieb die für ihn irreale Szenerie später so:

„Am 16. Juni abends beim Einschließen nach der Zellenkontrolle war der Ton unserer Bewacher unwahrscheinlich leise, fast höflich. Am nächsten Tag, am 17. Juni, sperrten die Volkspolizisten unsere Zellen auf, und es klang kaum glaubhaft. Sie wünschten uns, den ehemals verbrecherischen Offizieren, einen guten Morgen. Die Zellen blieben offen. Es geschah sogar das Unglaubliche, daß die rüdesten Wachtmeister uns nach unserem Befinden fragten. Einige erklärten uns, daß sie schon immer mit uns gelitten hätten. Wir sollten doch später betonen, daß es uns in ihrer Obhut immer gut gegangen wäre. Vom Haus 1, dem riesigen Zellentrakt mit seinen Sälen, erklang Gesang. Die dortigen Kameraden hatten mitbekommen, daß in Bautzen Unruhen ausgebrochen waren. Die Arbeiter hatten sich gegen das rote Regime aufgelehnt – ein Aufstand der Arbeiter im sogenannten „Arbeiter und Bauernstaat“. Wir hofften auf die Freiheit und das der „demokratische Westen“ dem roten Spuk ein Ende bereiten würde. Für einige Stunden waren wir fast frei, wir konnten uns von Zelle zu Zelle bewegen und warteten auf das große Ergebnis. Die Parolen liefen sich heiß, sie kamen teils vom Wachpersonal und wurden dann durch unsere Kameraden weitergetragen. Die Bautzener Arbeiter, so hörten wir, marschierten bereits auf die Haftanstalt, das „Gelbe Elend“ zu.“

Bitter vermerkte der ehemalige Bautzen-Häftling, daß die Chancen, die der Aufstand bot, vom Westen verpasst wurden und schilderte die der Euphorie folgende Trostlosigkeit:

„Wir hörten Schüsse, sowjetische Soldaten bezogen Posten auf den Wachtürmen. Schlagartig änderte sich auch wieder die Haltung der roten Schergen – unsere Zellen wurden abgeschlossen, auf den Innenhöfen gingen bewaffnete Posten. Am Abend gab es wieder den üblichen Einschluss, die Gesichter der Wächter verhießen nichts Gutes, wir verspürten wieder ihren Hass, besonders schlimm waren gerade diejenigen, die vorher um gutes Wetter baten.“

Und resignierend: „Einige Wochen später kamen die ersten Opfer des Aufstandes. Sie wurden furchtbar drangsaliert und mussten ihr schlechtes Essen kniend empfangen. Man hatte auf ihrer Häftlingskleidung vorn und hinten ein großes rotes X aufgemalt. Obwohl sie mit uns anderen Häftlingen nicht zusammenkommen durften, erfuhren wir durch unsere Essensträger doch einiges über ihre Drangsalierungen und zum Teil über die Vorgänge beim Arbeiteraufstand.“

Die teilweise grauenvollen Erlebnisse ließen Unruh zeitlebens nicht mehr los. Er wurde bis ins hohe Alter zum unermüdlichen Mahner und wichtigen Zeitzeugen gegen jedwede Tyrannei. Seine Erlebnisberichte, veröffentlicht vor allem im VOS-Organ „Freiheitsglocke“ waren und bleiben in legendärer Erinnerung. Seine tiefe Freundschaft zu Kameraden hielten lebenslang. Viele überlebte er, wie den Streikführer von Strausberg bei Berlin, Heinz Grünhagen, mit dem er bis zu dessen Tod enge Verbindung hielt. Auch der Vereinigung 17. Juni war er eng verbunden und unterhielt regelmäßige Kontakte, auch wenn der Mittelpunkt seiner engagierten Vereinsarbeit die VOS war und blieb.

Heinz Unruh hinterlässt seine Frau Christine, mit der er 56 Jahre verheiratet war und die seine Leidenschaft für Freiheit und Recht mitgetragen und mitertragen hat. Ihr und seiner Familie gilt unser Mitgefühl. Wir teilen ihre Trauer und sind dankbar für sein miterlebtes und mit uns geteiltes aufrichtiges Leben.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Jun i 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

 

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