Berlin, 13.05.2014/cw – Die Meldefrist für Heimkinder zur Inanspruchnahme von Leistungen aus dem vom Bundestag geschaffenen Heimkinder-Fonds läuft aus. Für Kinder, die in der ehemaligen DDR zwischen 1949 und 1990 in Heimeinrichtungen untergebracht waren, endet die Meldefrist bereits Ende September 2014. Hintergrund ist die Aufstockung des Ost-Fonds von 40 Mio. um 160 Mio auf 200 Mio Euro. Der Aufstockungsbetrag ist noch nicht frei gegeben, da nach Auslaufen der Meldefrist zunächst der tatsächliche Bedarf festgestellt werden soll. Daher werden von den Beratungsstellen (Berlin: Fregestr.38 A, 12161 Berlin, Tel.: 030/85405497 oder Fehrbelliner Str. 92, 10119 Berlin, Tel.: 030/4437178) gegenwärtig zwar weiterhin Anmeldungen entgegengenommen, die Bearbeitung von Anträge auf mögliche Leistungen ist allerdings bis zur Mittel-Freigabe ausgesetzt.

Grosser Andrang zur Ausstellungseröffnung - Foto: LyrAg

Grosser Andrang zur Ausstellungseröffnung
– Foto: LyrAg

Anders beim Heimfonds-West: Hier waren die bereit gestellten Mittel noch nicht ausgeschöpft, daher werden die Anträge nach Eingang bearbeitet, wobei sogen. Härtefälle (hohes Alter, Krankheit etc.) vorgezogen werden.

Rentenersatzleistungen

Neben der Beantragung von Sachleistungen bis zu 10.000 Euro (Achtung: Es besteht kein Rechtsanspruch!) können auch sogen. Rentenersatzleistungen beantragt werden. Beispiel:
Heinz W. (Name geändert) mußte in einer kirchlichen Einrichtung im Alter von 14 Jahren bis zu 16 Stunden am Tag in der Landwirtschaft arbeiten. Er erhielt für diese Arbeit ein monatliches Taschengeld von 5 DM. Trotz der erbrachten Arbeitsleistung wurden keine Rentenversicherungsbeiträge abgeführt (Vorlage Rentenverlauf!). Für jeden Monat, in demkeine Leistungen an die Rentenversicherung abgeführt wurden, erhält Heinz W. eine einmalige Ersatzleistung aus dem Fonds in Höhe von 350 Euro. Begrenzt sind diese Leistungen auf Arbeitsleistungen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr. Maßstab ist eine Arbeitsleistung von durchschnittlich 14 Stunden oder höchstens 40 Stunden in der Woche.

Verdrängt und vergessen... - Foto: LyrAg

Verdrängt und vergessen… – Foto: LyrAg

Heinz W. hätte also keinen Anspruch auf einen Ausgleich für die Arbeitsleistungen, die über diesen Rahmen hinaus erbracht wurden. Auch wenn er vor dem 14. Lebensjahr zur versicherungspflichtigen Arbeiten herangezogen wurde, entfällt eine Entschädigung ebenso, wie für Arbeitsleistungen zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr. Zur Erinnerung: In der DDR wurde man bereits mit 18 Jahren volljährig, in der alten Bundesrepublik bis in die 70er Jahre erst mit Vollendung des 21. Lebensjahres.

Der Garten in meinem Herzen

Anlässlich der Eröffnung einer weiteren Anlauf- und Beratungsstelle in der Fehrbelliner Str.92 in Berlin-Mitte wurde am 28. April unter großer Anteilnahme eine sehenswerte Ausstellung mit Arbeiten ehem. Heimkinder eröffnet. Aus der Diskussion über mögliche Hilfen für Heimkinder mit traumatischen Erfahrungen entstand eine Malgruppe, die in den letzten sechs Monaten schöpferisch tätig war. Die Kreativpädagogin Annette von Richthofen begleitete sachkundig die Arbeit von acht Frauen, die sich an dem Projekt beteiligten und nun ihre Arbeiten im Stadtteilzentrum am Teutoburger Platz, Fehrbelliner Str.92, vorstellten.
Leider war der „Blick in verlorene Kinderseelen,“ wie es in einer Besprechung des Erzbistums Berlin zur Ausstellung treffend formuliert wurde, nur bis zum 10. Mai möglich, was nicht nur für den Beobachter angesichts des eingebrachten Herzblutes und der sehenswerten Einblicke in den „garten der Herzen“ ehemaliger Heimkinder unverständlich erscheint.

Oft verdrängt, nie vergessen: Die vormalige Geschichte des Hauses -                  Foto: LyrAg

Oft verdrängt, nie vergessen: Die vormalige Geschichte des Hauses – Foto: LyrAg

So drängten sich zur Eröffnung neben den Kunstschaffenden und der Leitung bzw. den Verantwortlichen der Beratungsstellen die Staatssekretärin Siegrid Klabba (SPD) und zahlreiche Vertreter auch aus den Opfer- und Verfolgtenverbänden der zweiten Diktatur. Unter diesen auch die bisherige Vorstandsbeauftragte der Beratungsstelle für Heimkinder in der UOKG, Kerstin Kuzia, und Stefan Lauter, ehem. Insasse des Jugendwerkhofes Torgau.

Jüdisches Kinderheim

Im Kontext zu der aktuellen Bearbeitung offenbaren Unrechtes nach dem Zweiten Weltkrieg steht eine Dauerausstellung im gleichen Haus, die mit eindrucksvollen Fotos und Dokumenten die Vergangenheit des jetzigen Stadtteilzentrums nachzeichnet. Von 1910 bis 1942 war in dem Haus der „Jüdisches Kinderheim e.V.“ beheimatet, der einen Kindergarten, Kinderhort, ein Kinderheim und eine Lesestube betrieb. Die Nationalsozialisten lösten dieses Heim auf und verschleppten viele der Insassen in die NS-Konzentrationslager. So wurde auch Ida Judith Bamberger (*1891), Heimleiterin bis 1942, ins KZ Auschwitz deportiert und vermutlich dort ermordet; sie gilt seither als verschollen.

Was wohl aus ihnen geworden wäre? Foto: LyrAg

Was wohl aus ihnen geworden wäre?
Foto: LyrAg

Es ist ein Verdienst der Verantwortlichen, neben den zweifellosen Verbrechen an den Kinderseelen auch nach 1945 die unerträglichen Verbrechen aus der vorhergehenden Zeit zu dokumentieren. Zweifellos wäre es wünschenswert, wie bereits ausgeführt, wenn auch die Nachkriegszeit nicht nur in vorübergehenden, sondern in ebensolchen Dauer-Ausstellungen einen gebührenden Platz erhalten würden. Die Ausstellung über das Jüdische Kinderheim ist während der üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-4806-1953

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